Weltende und Macht der Poesie

Heute vor 109 Jahren erschien ein Gedicht, das die später expressionistisch genannten Dichter elektrisierte:

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Erstausgabe in: Der Demokrat,  Jahrgang 3, Nr. 2 (11. Januar 1911)

Die Kommunisten, die sich als Avantgarde der Weltgeschichte verstanden, waren avantgardistischer Kunst nicht gerade zugetan. Als Arno Schmidt in den 50er Jahren die DDR bereiste, klagte er: die kennen nicht mal Expressionismus. Erst 1968 erschien die Anthologie „Menschheitsdämmerung“ als Reclamtaschenbuch zum Preis von zwei Ostmark in der DDR. Ich war noch Schüler, es wurde zum lyrischen Proviant. In den 50er Jahren war es noch nicht abzusehen, und dennoch. Wer wollte, konnte dem Gedicht in einem Buch des Staatsdichters und Kulturministers Johannes R. Becher begegnen. In einem Band seiner vierbändigen poetologischen Bemühungen schilderte er seine Begeisterung bei der Erstbegegnung auf die überschwänglichste Art:

Meine poetische Kraft reicht nicht aus, um die Wirkung jenes Gedichtes wiederherzustellen, von dem ich jetzt sprechen will. Auch die kühnste Phantasie meiner Leser würde ich überanstrengen bei dem Versuch, ihnen die Zauberhaftigkeit zu schildern, wie sie dieses Gedicht „Weltende“ von Jakob van Hoddis für uns in sich barg. Diese zwei Strophen, o diese acht Zeilen schienen uns in andere Menschen verwandelt zu haben, uns emporgehoben zu haben aus einer Welt stumpfer Bürgerlichkeit, die wir verachteten und von der wir nicht wußten, wie wir sie verlassen sollten. Diese acht Zeilen entführten uns. Immer neue Schönheiten entdeckten wir in diesen acht Zeilen, wir sangen sie, wir summten sie, wir murmelten sie, wir pfiffen sie vor uns hin, wir gingen mit diesen acht Zeilen auf den Lippen in die Kirchen, und wir saßen, sie vor uns hin flüsternd, mit ihnen beim Radrennen. Wir riefen sie uns gegenseitig über die Straße hinweg zu wie Losungen, wir saßen mit diesen acht Zeilen beieinander, frierend und hungernd, und sprachen sie gegenseitig vor uns hin, und Hunger und Kälte waren nicht mehr. Was war geschehen? Wir kannten das Wort damals nicht: Verwandlung. Erst viel später war von Wandlungen die Rede, dann vor allem, als wirkliche Wandlungen zur Seltenheit geworden waren. Aber wir waren durch diese acht Zeilen verwandelt, gewandelt, mehr noch, diese Welt der Abgestumpftheit und Widerwärtigkeit schien plötzlich von uns zu erobern, bezwingbar zu sein. Alles, wovor wir sonst Angst oder gar Schrecken empfanden, hatte jede Wirkung auf uns verloren. Wir fühlten uns wie neue Menschen, wie Menschen am ersten geschichtlichen Schöpfungstag, eine neue Welt sollte mit uns beginnen, und eine Unruhe schworen wir uns zu stiften, daß den Bürgern Hören und Sehen vergehen sollte und sie es geradezu als eine Gnade betrachten würden, von uns in den Orkus geschickt zu werden. Wir standen anders da, wir atmeten anders, wir gingen anders, wir hatten, so schien es uns, plötzlich einen doppelt so breiten Brustumfang, wir wasren auch körperlich gewachsen, spürten wir, um einiges über uns selbst hinaus, wir waren Riesen geworden, und das Gedicht, das wir als Losung alles dessen unserem Sturm vorantrugen, das eine ungeheuerliche Renaissance der Menschheit einleiten sollte, lautete:

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Nun, mir selber ist diese seine damalige, wir hätten gesagt, epochale Wirkung nicht mehr wiederherstellbar. Dutzende von Dichtern haben dieses Gedicht inzwischen nachgedichtet, es zuschanden gedichtet, und in mancher Anthologie, die sich dem expressionistischen Jahrzehnt widmet, habe ich dieses Wunder-Gebilde nicht einmal mehr wiedergefunden. Würde ich die Wirkung wiederherstellen, wenn ich seinen Verfasser Jakob van Hoddis beschriebe? Ludwig Meidner hat ihn gezeichnet, anmutig und schwungvoll, wie er sich aber in seiner natürlichen Existenz kaum vorstellte. Er war zwerghaft, von verwahrlostem Äußern, grau, unrasiert, pickelig — von den Händen schon nicht zu sprechen —, mit einem mehr als reinigungsbedürftigen Wollschal zu jeder Tageszeit behaftet, scheu, verspielt und schon ein wenig irre, und bald darauf endete er auch in einer Thüringer Irrenanstalt.* Aber dieses Gedicht, von welch einer mächtigen Wirkung auf mich auch heute noch, wohl darum auch, weil zwischen seinen Zeilen, hinter ihnen, sich außerordentliche Erlebnisse und Ereignisse hervordrängen — eine seltsame Jahrhundertstimmung ist es, die in dieser brüchigen, bruchstückhaften, ein wenig närrisch lallenden Stimme sich kundtut. Manche Gedichte, manche Dichter haben mich späterhin ähnlich beeindruckt. Ich kann nicht sagen, daß Dantes „Hölle“, daß die Sonette Petrarcas, daß Rimbaud, Baudelaire, Swinburne oder daß Flaubert, Stendhal mich nicht aufs tiefste ergriffen und mich gleichsam aus meiner bisherigen Bahn geschleudert hätten. Vielleicht ist es für viele heute schwer vorstellbar, was für ein Weltereignis die Lektüre mancher Bücher für uns bedeutet hat. Ja, Shakespeare-Sonette waren ein Weltereignis, und von nichts anderem sprachen wir als von ihren Strophen. Jeden Bekannten, aber auch ganz und gar fremde Menschen sprachen wir daraufhin an und versuchten, ihnen die Schönheit dieser Strophenwunder zu erklären. Man mochte uns für Irre halten, aber wir Irren ließen uns dadurch nicht irremachen. Wir ließen uns nicht irremachen in unserem Glauben an die Schönheit der Dichtung, an die Sendung der Poesie, in unserem Glauben an das poetische Prinzip. Ja, solch eine Zeit war das. Ist sie wiederherstellbar? Unwiederherstellbar, bis eine Zeit kommt, die ähnlich dieser wieder solch eine Literaturleidenschaft hervorruft — dann wird diese Zeit in ihrer Literaturleidenschaft vielleicht sich an jene vergangene erinnern und sie in ihrer Leidenschaftsverwandtheit erkennen, und so, meine ich, aber nur so, wäre dann vielleicht Vergangenes wiederherstellbar.

Ein neues Weltgefühl schien uns ergriffen zu haben, das Gefühl von der Gleichzeitigkeit des Geschehens. Einige gelehrte Literaturbehandler haben dafür auch alsbald eine Etikettierung erfunden, und zwar Simultanismus. Jakob van Hoddis aber dozierte uns, während wir Nächte hindurch die Stadt von einem Ende bis zum anderen durchstreiften (wir waren nämlich Peripatetiker), daß schon bei Homer dieses Gefühl der Gleichzeitigkeit vorgebildet sei. (…)

Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei.
Und an den Küsten — liest man — steigt die Flut.

So heißt es in Jakob van Hoddis‘ „Weltende“. Während die Dachdecker abstürzen, steigt zugleich die Flut, oder nichts ist für sich allein da auf der Welt, alles Vereinzelte ist nur scheinbar und steht in einem unendlichen Zusammenhang. „Die meisten Menschen haben einen Schnupfen“, und gleichzeitig fallen die Eisenbahnen von den Brücken. Das katastrophale Geschehen ist nicht denkbar ohne eine gleichzeitige Nichtigkeit. Das Große ist dem Kleinen beigemengt und umgekehrt, nichts vermag abgeschlossen für sich zu bestehen. Dieses Erlebnis der Gleichzeitigkeit waren wir nun bemüht in unseren Gedichten zu gestalten, aber van Hoddis, so scheint es mir heute, hat alle diese unsere Bemühungen vorweggenommen, und keinem sind solche zwei Strophen gelungen wie „Weltende“. Was an Alfred Lichtenstein, was an Ernst Blaß bemerkbar war, kam von van Hoddis.

Aus: Johannes R. Becher, Bemühungen II. Macht der Poesie. Das poetische Prinzip. (Gesammelte Werke 14). Berlin und Weimar: Aufbau, 1972, S. 339-343. Zuerst 1955 in: Macht der Poesie.

* Hier irrte der Minister. Jakob van Hoddis wurde am 30. April 1942 zusammen mit 100 Patienten und Mitarbeitern der Israelitischen Heilanstalten Bendorf-Sayn in das besetzte Polen verschleppt und irgendwann zwischen Anfang Mai und 6. Juni ermordet.

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