Verbotenes Gedicht

Zwei Jahrhunderte (Charles Baudelaire wurde 1821 geboren), da kann man auch gerne zwei Gedichte lesen. Heute eins der sechs Gedichte, die am 20. August 1857 wegen „Beleidigung der öffentlichen Moral“ verboten wurden – das Verbot wurde erst 1949 aufgehoben. Hingegen wurden sie noch zu Lebzeiten Baudelaires in Belgien gedruckt. In Frankreich ist es heute Abiturstoff.

Heute eins dieser sechs Verbotenen.

Carlo Schmid
DER ALLZUFRÖHLICHEN

Dein Haupt und sein Wiegen gefällt
Mir gleich einer Landschaft in Prangen;
Das Lachen durchspielt deine Wangen
Wie Brisen azurnes Gezelt.

Streifst leicht du an flüchtigem Harme,
Zerstrahlt ihn Gesundheit dir ganz,
Die gleich einem hellenden Glanz
Versprühn deine Schultern und Arme.

Mit Farben in hallendem Flor
Besäst du die Kleider und Lichte.
Sie streuen dem Dichter Gesichte
Von Blumen, die tanzen im Chor.

In dieser Gewänder Geschiebe
Schreit aus sich dein närrischer Sinn;
Ich toll von dir Toller, ich bin
Von Haß ja so voll wie von Liebe!

Will ich meinen mattenden Geist
In Gärten und Wiesen versöhnen,
Fühl ich ein versehrendes Höhnen:
Die Sonne die Brust mir zerreißt …

So haben mich Frühling und Grünen
Erniedrigt und wehende Saat,
Daß ich eine Blume zertrat,
Den Dünkel des Blühens zu sühnen.

So möcht ich einmal in der Nacht
Im Halle der Glocke der Lüste
Zur Schatzkammer deiner Brüste
Mich schleichen in feigem Bedacht,

Dein jauchzendes Fleisch zu kasteien,
Der Brust, die man lossprach, zur Qual,
Und mit einem furchenden Mal
Den staunenden Leib benedeien

Und – Glück, das betäubend mich trifft!
Durch Lippen, die neu so erschaffen
Und prangender, purpurner klaffen,
Ergießen, o Schwester, mein Gift!

Aus: Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen. Übertragen von Carlo Schmid. Frankfurt/Main: Insel, 1976, S. 212f

AN JENE, DIE ALLZU FRÖHLICH IST

Dein Haupt, deine Gebärde, dein Betragen sind schön wie eine schöne Landschaft; das Lachen spielt in deinem Antlitz wie frisch ein Wind in einem klaren Himmel.

Den Kummervollen, den du im Vorübergehen streifst, trifft blendend die Gesundheit, die als Helle von deinen Armen und Schultern strahlt.

Die lauten Farben, die du über deine Gewandung streust, wekken im Geist des Dichters das Bild eines Blumenballetts.

Diese närrischen Kleider sind das Sinnbild deines buntscheckigen Geistes; Närrin, nach der ich närrisch bin, ich hasse dich so sehr, wie ich dich liebe!

Manchmal in einem schönen Garten, wohin ich meine Schlaffheit schleifte, zerriß die Sonne mir wie bittrer Hohn die Brust;

Der Frühling und das Grün kränkten mein Herz so sehr, daß ich die Frechheit der Natur an einer Blume strafte.

So auch möchte ich eines Nachts, wenn die Stunde der Wollüste schlägt, zu deines Leibes Schätzen wie ein Feigling lautlos schleichen,

Um dein frohes Fleisch zu züchtigen, um deine verschonte Brust zu geißeln und deiner überraschten Flanke eine klaffend tiefe Wunde zu schlagen

Und, süß taumelnder Rausch! durch diese neuen Lippen, heller und schöner leuchtende, mein Gift dir einzuflößen, meine Schwester*!

  • Die Richter glaubten in den beiden letzten Vierzeilern eine zugleich mordlüsterne und obszöne Bedeutung zu entdecken. Der Ernst des Buches schloß derartige Späße aus. Daß venin hier soviel wie Spleen oder Schwermut meinen konnte, war für Kriminalisten ein zu einfacher Gedanke.

Möge ihre syphilitische Auslegung ihnen auf dem Gewissen bleiben. (Anmerkung des Herausgebers.)

Aus: Baudelaire. Nouvelles Fleurs du Mal. Neue Blumen des Bösen. Materialien. München: Heimeran, 1975, S. 25/27

A celle qui est trop gaie

Ta tête, ton geste, ton air
Sont beaux comme un beau paysage ;
Le rire joue en ton visage
Comme un vent frais dans un ciel clair.

Le passant chagrin que tu frôles
Est ébloui par la santé
Qui jaillit comme une clarté
De tes bras et de tes épaules.

Les retentissantes couleurs
Dont tu parsèmes tes toilettes
Jettent dans l’esprit des poètes
L’image d’un ballet de fleurs.

Ces robes folles sont l’emblème
De ton esprit bariolé ;
Folle dont je suis affolé,
Je te hais autant que je t’aime !

Quelquefois dans un beau jardin
Où je traînais mon atonie,
J’ai senti, comme une ironie,
Le soleil déchirer mon sein ;

Et le printemps et la verdure
Ont tant humilié mon coeur,
Que j’ai puni sur une fleur
L’insolence de la Nature.

Ainsi je voudrais, une nuit,
Quand l’heure des voluptés sonne,
Vers les trésors de ta personne,
Comme un lâche, ramper sans bruit,

Pour châtier ta chair joyeuse,
Pour meurtrir ton sein pardonné,
Et faire à ton flanc étonné
Une blessure large et creuse,

Et, vertigineuse douceur !
A travers ces lèvres nouvelles,
Plus éclatantes et plus belles,
T’infuser mon venin, ma soeur !

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