Kategorie: Bosnien-Hercegovina

39. Lorca-Schriften aufgetaucht

In Spanien sind bislang unbekannte Schriften des Dichters Federico García Lorca (1898-1936) entdeckt worden. Dazu gehört auch der möglicherweise letzte Liebesbrief, den der Autor vor seinem Tod geschrieben hatte. Wie die Zeitung «El País» am Samstag berichtete, wurden die Schriften im Nachlass des Kunstsammlers und -kritikers Juan Ramírez de Lucas (1917-2010) gefunden, der als junger Student mit dem Poeten eine Liebesbeziehung unterhalten hatte. …

Der irische Hispanist und Lorca-Biograf Ian Gibson plädierte dafür, die jetzt entdeckten Schriften möglichst bald zu veröffentlichen. Der dreiseitige, handgeschriebene Liebesbrief beginnt nach Angaben der Zeitung mit der Anrede: «Mein geliebter Juanito.» Er endet mit den Worten: «Mit Liebe von dieser Pausbacke, die Dich so sehr mag.» / Spaniens Allgemeine Zeitung

Die Identität des Liebhabers, dem Federico García Lorca in den letzten Jahren seines Lebens leidenschaftliche Gedichte schrieb, war bisher geheim. Jetzt wurde bekannt, daß der Kunstkritiker Juan Ramírez de Lucas in einer Schachtel Zeugnisse ihrer jahrelangen leidenschaftlichen Beziehung aufbewahrte, darunter ein bisher unbekanntes Gedicht und ein Tagebuch. Er gab die Schachtel seiner Schwester kurz vor seinem Tod 2010.

Aus den Dokumenten geht hervor, daß Lorca und der 19jährige Ramírez de Lucas gemeinsam nach Mexiko gehen wollten. Aber die Eltern des Studenten verweigerten die Zustimmung und drohten Lorca mit der Polizei.

Deshalb ging er nach Albacete, um mit ihnen zu reden, und Lorca ging nach Granada, wo einige Tage später Francos Truppen einmarschierten. Im August 1936 wurde er erschossen.

Unter den Dokumenten ist ein Brief Lorcas, in dem er den Freund zu Geduld mahnt und ihn auffordert, nicht mit seiner Familie zu brechen, sondern “politisch” zu sein. Der Brief ist in der spanischen Zeitung El País abgedruckt.

Das handschriftliche Gedicht beschreibt die hoffnungslose Anziehung zum “blonden jungen Mann aus Albacete”. / Giles Tremlett in Madrid , Guardian 10.5.

44. “Nicht so schlimm und doch vergleichsweise banal”

Die Hamburger Wochenzeitung “Die Zeit” wollte der politischen Lyrik wieder auf die Beine helfen und startete vor rund einem Jahr die Reihe “Politik & Lyrik”. Dichter sollten im Auftrag der “Zeit” aktuelle Anlässe bedichten, Politiker bei ihrer Arbeit begleiten, die Bundestagskantine aufsuchen und so weiter. Glaubt man der Redaktion, so war die Begeisterung groß: Einige Autoren wollten unbedingt den rauchenden Altkanzler Helmut Schmidt treffen, eine Lyrikerin gar einen ganzen Tag mit dem (inzwischen ehemaligen) FDP-Generalsekretär verbringen.

Kurz: Man musste Schlimmstes befürchten. Am Ende kam es dann nicht ganz so arg. Zwar blieben einige Poeten als Auftragsschreiber deutlich unter ihrem sonstigen Niveau (Hendrik Rost), aber zumeist konnten sich die Erzeugnisse durchaus sehen lassen. Am beeindruckendsten waren sie dort, wo sie sich am stärksten von Politikern, Politikbetrieb und Aktualitätszwang zu lösen vermochten und nicht Meinungen, sondern Erfahrungen zum Besten gaben.

Dennoch wirkt das alles relativ banal, wenn man es mit den Gedichten vergleicht, die der bosnische Lyriker Faruk Šehić in dem Band “Abzeichen aus Fleisch” (übersetzt von Hana Stojić, Edition Korrespondenzen, Wien 2011) präsentiert. / Andreas Wirthensohn, Wiener Zeitung

Auf der Verlagsseite gibt es ein Gedicht:

KRIEGSSPIEL

auf dem höchsten Turm
der Altstadt
hat der Heckenschütze
seinen Bau
die Entfernung zwischen
uns und ihm
an der Stelle die
wir durchlaufen
beträgt fünfzig
Meter
Luftlinie
wenn du für einen Augenblick in Gedanken verfällst
und vergisst
dass du schnell rennen musst
wirst du vom Zischen der Kugel ermahnt
wenn du nicht ermahnt wirst
heißt es du bist tot.

Faruk Šehić, Abzeichen aus Fleisch
Deutsche Erstausgabe
Bosnisch / Deutsch, übersetzt von Hana Stojić
160 Seiten, Broschur, fadengeheftet
ISBN 978-3-902113-87-0    € 16,–   

(Gut, diese Erfahrung will man auch den deutschen Lyrikern nicht wünschen. Die Zeit-Serie Politik & Lyrik endete im Januar mit bislang wenig Echo.)

73. Wunschlos schauen

Der schönste Beitrag im neuen „Ostragehege“ ist indes eine poetologische Miniatur der Dichterin Kerstin Preiwuß, eine Art Präludium zu einem dort abgedruckten Gedicht-Zyklus der Autorin mit kafkaesken „Stilleben“. In einer Meditation über ein Bild von Henri Matisse beschreibt Preiwuß die überwältigende Evidenz, die beim Betrachten eines Kunstwerks eintritt, jenes Heraustreten aus allen Zwanghaftigkeiten, das einen Zustand fast schwerelosen Glücks ermöglicht: „Kein Geräusch ging von diesem Bild aus“, so Kerstin Preiwuß, „und dieses Bild erzeugte auch kein Geräusch in mir… Ich hatte kein Verlangen mehr als das, immerzu zu schauen und dabei wunschlos zu sein.“  / Michael Braun, Poetenladen

Ostragehege Nr. 61
c/o Axel Helbig, Birkenstr. 16, 01328 Dresden. 84 Seiten, 4,90 Euro.

Ich ergänze aus dem Editorial:

Das neue OSTRAGEHEGE könnte getrost als Lyrikanthologie angekündigt werden. Denn insgesamt 25 lyrische Handschriften – Poeme, Zyklen, Gedichtsammlungen und Einzelgedichte – werden in diesem Heft ausgebreitet. Dabei geht die Reise einmal mehr quer durch Europa. Längst sind nicht alle Texte der sogenannten Klassiker der Moderne übertragen. So können sich die Leser des neuen Heftes auf neue Übertragungen aus dem Werk von Francis Ponge (1899-1988) und Vladimir Holan (1905-1980) freuen. Una Pfau, eine der bedeutendsten Übersetzerinnen aus dem Französischen, bringt uns das Poem La Guêpe/Die Wespe von Francis Ponge nahe. Urs Heftrich, seit 2003 Mitherausgeber der Gesammelten Werke von Vladimir Holan, stellt zwei neu übersetzte Zyklen des Hauptvertreters des tschechischen Poetismus der dreißiger Jahre vor. Neben neuen Gedichten aus Irland (Pat Boran und Dennis O’Driscoll) und Bosnien/Herzogowina (Marko Vešović, Mile Stojić, Bisera Alikadić und Amir Brka) sind es vor allem die längeren Zyklen von Jan Kuhlbrodt und Tom Schulz sowie die Sammlung neuer Gedichte von Franz Hodjak, welche einer intensiven und zugleich lustvollen Lektüre empfohlen sein sollen. Schließlich möchte die Redaktion auf die 37. Folge der Rubrik Lagebesprechung – Junge deutschsprachige Lyrik hinweisen, in welcher Nico Bleutge die Leipziger Lyrikerin Kerstin Preiwuß vorstellt.

20. Monokulti

Der Dichter und Essayist Mile Stojic, der einige Jahre in Wien Slawistik lehrte, sagt: “Was soll an Bosnien-Herzegowina multikulturell sein? Bosnien ist monokulturell! Alle Menschen essen das Gleiche! Ich würde sogar sagen: Nicht nur die muslimischen Frauen tragen Kopftücher, sondern auch kroatische Katholikinnen.” / Ronald Pohl, Der Standard

  • “Jugoslavija revisited” in Wien: 6. und 7. 11. in der Alten Schmiede sowie im Odeon, jeweils ab 11 Uhr. Es lesen u. a. Slavenka Drakulic, Drago Jancar, Beq Cufaj, László Végel, Dragan Velikic und David Albahari.
  • Die neue Ausgabe der Zeitschrift “Wespennest” ist ein Themenheft zu “Jugoslavija revisited” (Herausgeber: Walter Famler).
  • Todor Kuljic, “Umkämpfte Vergangenheiten – Die Kultur der Erinnerung im postjugoslawischen Raum” , Verbrecher-Verlag, Berlin 2010

 

101. Christlich-islamisch

Sie lebt in Deutschland, die Verbindung zu ihrer Heimat Bosnien lässt Safeta Obhodjas jedoch nicht abreißen. “Offiziell existiere ich dort nicht,” sagt sie, ihre Bücher werden jedoch unter der Hand gehandelt und mit Begeisterung gelesen.

Sie arrangiert sich mit diesen Gegebenheiten, so gut es geht, packt multikulturelle Projekte an, um die Verbindungen zwischen Bosnien, Österreich und Deutschland aufzuzeigen. “Begegnung Christen und Muslime” nennt sie dieses Projekt. Das erste Ergebnis, “Legenden und Staub”, ist 2001 im LIT Verlag Münster erschienen: eine Abendland-Morgenland-Arabeske, entstanden in der Spannung zwischen Prosa und Lyrik, Mann und Frau, Arabischem und christlichen Denken. Ihr Co-Autor Sargon Boulus, einer der renommiertesten Lyriker des Irak, lebt seit 1967 im Exil.

Und Deutschland? “Ich habe in Deutschland eine neue Heimat gefunden, da ich nicht mehr nach Hause kann”, sagt sie. “Ich habe mir die deutsche Sprache zu Eigen gemacht: Ich schreibe deutsch, vergesse aber die Sprache meiner Mütter nicht. Und ich muss zugeben, dass ich es genieße, alle Bücher lesen zu können, die mir in der alten Heimat nicht zugänglich waren, weil sie nicht ins Bosnische übersetzt wurden. Und weil mittlerweile überhaupt keine Übersetzungen mehr gemacht werden. Für wen denn?” / ORF

Safeta Obhodjas, “Scheherazade im Winterland”, Melina Verlag, ISBN 3929255413

Safeta Obhodjas, “Legenden und Staub : Auf den christlich-islamischen Pfaden des Herzens”, LIT Verlag, ISBN 382585583X

49. Sprachwechsel

Global Literature ist eine Literatur in Bewegung, eine Literatur ohne festen Wohnsitz, eine Literatur der Unbehaustheit, sehr oft überdies eine Literatur der Nicht-Muttersprachlichkeit, die von Sprachwechslern geschrieben wird. Türken, Serben, Bosnier, Bulgaren, Ungarn, Tschechen, Russen wandern in die deutsche Sprache ein und mutieren zu deutschsprachigen Schriftstellern: Feridun Zaimoglu, Dimitre Dinev und Ilija Trojanow, Libuše Moniková, Wladimir Kaminer und Vladimir Vertlib, Terézia Mora und Saša Stanišić.

Die überwiegende Mehrzahl dieser Sprachwechsler wechselt allerdings ins Englische. Inder, Peruaner, Palästinenser, Äthiopier, Karibik-Bewohner, Kurden, Afghanen, Pakistani, Libanesen, Tamilen, Bangladescher, Somalier, Vietnamesen, Chinesen lassen ihre Herkunftssprachen hinter sich und beginnen, auf Englisch zu schreiben. Die führende Sprache der einstigen Kolonialherren ist zur Lingua franca der postkolonialen globalen Literatur geworden, ironischerweise.

Die Sprache, insbesondere das Englische, ist demokratisch. Man kann sich der englischsprachigen Literatur von überall her zugesellen: „Jeder kann die englische Sprache zu seiner Heimat erklären, und niemand kann aus ihr verbannt werden“, sagt etwa der Schriftsteller Aleksandar Hemon, ein gebürtiger Bosnier aus Sarajevo mit serbischen und ukrainischen Wurzeln, der in Chicago lebt und seine Bücher auf Englisch schreibt. / Sigrid Löffler in Falter : Buchbeilage 10/2010 vom 10.3.2010 (Seite 4)

64. Leipziger Literaturverlag

Donnerstag, 18.03.2010, 20:00 Uhr, Kurt- Wolff-Depot / Kulturgenußladen

Leipziger Literaturnacht
mit Ilona Schlott, Viktor Kalinke, Dieter Krause, Suzanne Latour, Carsten Zimmermann und Sascha Heße
Ausstellungseröffnung mit Arbeiten von Käthe Bauer
Musik: Thomas Flemming, Sascha Heße u.a.

Kurze und eigenwillige Texte zwischen Leichtigkeit und Gewicht, melancholischer Betrachtung und skurrilem Humor. Scharfe Analyse und liebevoller Blick zugleich. Immer im Auge behaltend, daß Leben Detail ist, was beachtet werden will, soll das Ganze gelingen – das ist die Leipziger Literaturnacht.

“Ich bin nicht bekifft, ich bin immer so. Ich laufe schon ein Leben lang herum, als hätte ich eine LUPE vor der Linse. Als wäre ich mit dem Keplerschen Fernrohr im Kepele schon auf die Welt gekommen. So daß ich jede Seattlemaus für einen Dinosaurier der Neuzeit halte…” (Ilona Schlott)

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Sonnabend, 20. März 2010, 20:00 Uhr, Kurt- Wolff-Depot / Kulturgenußladen

Leipziger Übersetzernacht
In Zusammenarbeit mit: TRADUKI- Literarische Begegnungen mit Südosteuropa, Verlagsstiftung Sarajevo, Universität Leipzig, Camões-Institut, DGLB, SHARAZAD – Geschichten fürs Leben
Moderation: Viktor Kalinke, Mala Vikaite

Mitwirkende: Elisabeth Müller (Carlos Aguilera, Kuba), Cornelia Marks, André Schinkel und Astrid Philippsen (Hadžem Hajdarevic, Zilhad Kljucanin, Bosnien), Jürgen Strasser & Margret Millischer (Jean-Michel Maulpoix, Frankreich), Michael Kegler (Rui Zink, Portugal), Markus Sahr (Helder Macedo, Portugal) und Will Firth (Igor Isakovski, Mazedonien)

Die Leipziger Übersetzernacht ist zur Institution geworden. Jedes Jahr treffen sich am Abend des Buchmessesamstag internationale Autoren und ihre Übersetzer ins Deutsche im Leipziger Literaturverlag, um sich in einer öffentlichen Werkstatt über aktuelle Projekte auszutauschen.

Im Leipziger Literaturverlag:

Hadžem Hajdarevic, Land, das es nicht gibt
Gedichte
Aus dem Bosnischen von Astrid Philippsen,
Cornelia Marks & André Schinkel
ISBN 978-3-86660-089-8, 144 S.
http://www.l-lv.de/autoren/hajdarevic.htm
Gefördert durch die Verlagsstiftung Sarajevo und TRADUKI.

Axel Helbig & Ulf Großmann (Hg.), Skeptische Zärtlichkeit
Junge deutschsprachige Lyrik
ISBN 978-3-86660-077-5
http://www.l-lv.de/autoren/helbig.htm

Dieter Krause, Farbkammern
Gedichte
ISBN 978-3-86660-093-5, 104 S.
http://www.l-lv.de/autoren/krause.htm

Carsten Zimmermann: “licht etc.”
Gedichte
ISBN 978-3-86660-083-6
http://www.l-lv.de/autoren/zimmermann.htm

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Leipziger Literaturverlag
Kurt-Wolff-Depot
Kulturgenußladen

Brockhausstr. 56
D-04229 Leipzig

Tel.: 0341 / 3011 – 430
Fax: 0341 / 3011 – 431

Ihre Bestellung bitte an:
post@l-lv.de

Unser gesamtes Programm und weitere Informationen sind zu finden unter:

www.l-lv.de
www.leipzigerliteraturverlag.de

151. Rede zur Verleihung des Michael-Lindner-Preises

Textenet

Von Bertram Reinecke

Als wir damit begannen, das Festival textenet.de zu organisieren, war eine der Triebkräfte auch die Neugier auf das, was in den verschiedensten literarischen Szenen gerade getrieben wird. Offenheit für viele Strömungen der Literatur war ja ein Grundanliegen des Festivals. Was lag da näher, als einen Literaturpreis auszuschreiben? Dass es nur ein kleiner im Konzert von Dutzenden verschiedenen sein konnte, war klar. Aber braucht es überhaupt einen weiteren Literaturpreis? Wir meinten: ja, wenn es ein besonderer Preis ist, wenn es ihm gelänge, an einigen Stellen besser oder zumindest anders zu sein als andere Preise. Unbefriedigend findet mancher Autor an verschiedenen Wettbewerben die Berechenbarkeit der Juryergebnisse. Es geht, so könnte man diese Kritik zusammenfassen, oft nicht darum, zu schauen, was es alles für Entwicklungen in der Literatur geben könnte, sondern im Fokus vieler steht es, einen bestimmten Inbegriff von Literatur zu würdigen. Das ist legitim und auch Preise für Haikus oder engagierte Literatur haben natürlich ihr Recht. Bei Preisen, die sich offener geben, weil sie auf solche Eingrenzungen verzichten, Bespiele tun hier nichts zur Sache, werden solche Tendenzen aber ebenfalls festgestellt und hie und da als unbefriedigend empfunden. Solchen Tendenzen wollten wir ausweichen, aber wie? Zunächst entschieden wir uns, den Wettbewerb für Hördateien auszuschreiben. Dadurch konnten Literaturen, die auf dem mündlichen Wort beruhen, besser berücksichtigt werden. Lautpoesie wirkt ja auf dem Papier oft nur wie eine Folge von wirren Buchstaben und erschließt sich erst beim Hören. Slam Poetry nutzt gern und überzeugend das Mittel der Wiederholung. Im geschriebenen Text sind solche Stellen oft blaß. Dies nur zwei Beispiele. Ein solches Auswahlverfahren hat aber auch den Vorteil, dass man es sich überlegen musste, ob man am Preis teilnimmt: Es macht Arbeit! Ewig Unentwegte, die nur auf die Entertaste drücken, um Alles mit ihren fix zusammengeklöppelten Elaboraten zu überschwemmen, blieben der Jury erspart. Auch das ist ja ein Problem: Der Flut der Einsendungen können sich Juroren oft nur erwehren, indem sie die für die weitere Diskussion nicht in Frage kommenden Beiträge schon nach kursorischer Lektüre aussortieren. Texte, die Klischees verwenden, um mit Ihnen zu spielen, fallen da schnell unbeabsichtigt unter den Tisch. Ebenso mitunter Texte, die sich klassischen Erzählstrukturen auf besonders hinterlistige Weise verweigern und so weiter. Außerdem waren Juroren gefordert, die in der Sache streitbar, dennoch konstruktiv in der Zusammenarbeit sind. Auch sollte ihre Sache eine möglichst unterschiedliche sein, ihr Herz möglichst für sehr verschiedene Arten von Literatur schlagen. Solche Juroren haben wir gefunden: ein hartnäckiger experimenteller Ironiker, ein lockerer Spassmacher, der aber mit allen Wassern gewaschen ist, wenn es gilt, einen Text packend für den Leser zu gestalten und ein tiefernster Mann, der sich an den Höhen der klassischen Literatur orientiert: unterschiedlicher kann der Zugriff auf Literatur kaum ausfallen. Die Juroren bewerteten die literarische Qualität der Beiträge, nicht ihre technische. Wer kein Tonstudio zu Hause hat, sollte nicht bestraft werden. Zu guter Letzt war ein Namenspatron gefragt, der das Anliegen des Preises verkörpern kann. Nicht ein großer Name, nicht eine Autorität, vor deren Meriten man die Arschbacken zusammenkneift, sondern ein interessanter Unbekannter, der in sich viele Strömungen seiner Zeit vereint. Michael Lindner, ein Leipziger Renesaincepoet, ist so eine Figur. Ein Schlitzohr, ein Krimineller, wie seine großen Kollegen Franz Villon und Ulrich von Hutten, aber ebenso wie diese ein hochgebildeter Mann, der mit machtvoller Stimme in die ethischen Debatten seiner Zeit eingriff. Einer, der Schwänke, ja Zoten veröffentlicht, um Geld zu machen, aber auch ein massiver Kritiker der kirchlichen Dogmatik seiner Zeit. Und stärker als andere damals spielte er auf der uns heute so modern anmutenden Klaviatur der diskursiven Identitätskonstruktion: Wer bin ich, der etwas sagt und was sage ich besser im Namen eines berühmten Kollegen oder lege es meinen Figuren in den Mund. Soweit die Vorgeschichte. Wir freuten uns über die Vielzahl der Einsendungen, die aufgrund unserer Ausschreibung eingingen. Dennoch bedeutete das auch Probleme, allein wegen der technischen Logistik. Auch die Juroren hatten in kurzer Zeit eine gehörige Portion Arbeit. (Denn die auf der Homepage anzuhörenden und zu lesenden Beiträge waren ja nicht alle, die zu bewerten waren.) Ich bin mit der letzendlichen Lösung der Dreiteilung des Hörkunstpreises zufrieden, auch wenn es so keinem Preisträger zuzumuten war, für den auf diese Weise sehr verringerten Preisanteil eigens anzureisen: Einer der Preisträger kommt aus Sarajevo. Die Sieger zeigen nun, ganz im Geiste des Preises, exemplarisch drei Utopien dessen, was Literatur sein kann. Die erste, eine gewissermaßen klassische Utopie liegt Milenko Goranovics Beitrag “Csárdás für den Alten“ zu Grunde. Literatur soll unseren Horizont erweitern, soll uns auf Ihre Weise etwas über die Welt erzählen und sollte auch unsere ungelösten ethischen Fragen in den Blick nehmen. Dazu muss Literatur glaubwürdig sein. Wir müssen ihr vertrauen können. Alles dies leistet der prämierte Text. Dies spiegelt sich, um es hier einfach und plastisch zu sagen, schon in der Kongruenz zwischen den erzählten Inhalten des Textes und der erzählenden Stimme wieder. Eine hörbar ältere erfahrene Stimme steht für eine Figur ein, die von Haltung und Erlebnishorizont ebenfalls diese Merkmale aufweist. Hinausgehoben über die durchschnittliche Lesebuchgeschichte, denn auch diese entspricht ja oft der angesprochenen Utopie von Literatur, wird der Text durch seine ökonomische Machart. In einfacher allgemein verständlicher Sprache, in nicht einmal 3 Minuten wird ein Riesenhorizont an Welt mit allen ihren Fragen eröffnet. Handelt der Text doch ebenso von der Fragilität unserer Wahrnehmung wie unserer Gesellschaften, thematisisert er doch exemplarisch, welche Möglichkeiten der Einzelne hat, innerlich unabhängig zu sein von einem sich verrohenden Gemeinwesen, aber auch, wie sehr der Mensch auf seine Natur als soziales Wesen, dass auf Mitwesen angewiesen ist, verpflichtet bleibt. Er sagt etwas über den positiven Wert von Traditionen und im selben Atemzug spricht er vom Scheitern dessen, der sich nicht verändert. Er ist nicht zuletzt in diesem Fragehorizont damit aber auch ein Text über Kunst und ihre Möglichkeiten. Und dies alles ganz organisch, aus einem Guss, ohne dass diese wenigen Minuten irgendwie überfrachtet oder heterogen wirkten. Dieter Atts “Poem to make ends meet“, seine Utopie von Literatur, will im Gegensatz dazu gar nicht homogen, nicht organisch sein. Er montiert unterschiedlichste Wirklichkeitsversatzstücke, je heterogener desto besser. Wir wissen längst, auch unsere Wirklichkeit ist fragmentiert. Aber Wirklichkeitsversatzstücke? Sind die zahlreichen Gegenstandbereiche, die diesen Text bedrängen, tatsächlich Wirklichkeiten? Nein: Natürlich sind es Ausschnitte aus Texten. Die Welt, das zeigen die Zitate in einer solchen Zusammenstellung überdeutlich, ist nie so, wie sie in Texten verhandelt wird. Wir sind keine Superhelden, wir sind keine Goetheschen Romantiker. Der fiktive Charakter jeden Erzählens wird herausgestrichen. Der Text kommentiert sich dabei selbst: So ist der Text gemacht. Auch ich bin nicht echt. Ich bin Sprache, aber ist das nicht etwas wunderbares? Aber nur Sprache? Das kann man nicht sagen: Er nähert auch ein altes Mißtrauen: Vielleicht ist nicht nur die Sprache schattenhaft, sondern auch die Welt? Haben wir denn eine Wirklichkeit, auf die wir jenseits der Zeichen verweisen können? Sind nicht Glaubwürdigkeit oder das Subjekt Funktionen des Spieles eben dieser Zeichen, dass man so, aber auch anders spielen könnte? In diesen impliziten Fragen nach den Grenzen unserer Erkenntnis scheint dann plötzlich eine Gemeinsamkeit mit dem erstgehörten Beitrag von Milenko Goranowic auf. Solche hochfliegenden epistemischen und ästhetischen Probleme sind dem Siegerbeitrag von Andre Hermann „Wenns ein Tittel ändern würde“ eher fremd, auch wenn sein Text enorme Weltkenntnis behauptet. Auch wenn in seiner Machart das Wissen des Autors um moderne Textverfahren, wie sie in esoterischen Literaturseminaren verhandelt werden, sichtbar wird. Den Ballast von Theorie jedoch wirft er von sich. Er besteht darauf, dass wir zunächst Subjekte sind, die in der Wirklichkeit handeln, die sich miteinander auseinander setzen müssen, er besteht darauf, dass Sprache vielleicht doch nicht so fragil ist, wie manche glauben mögen, weil sie ja als Werkzeug alltäglich zum Einsatz kommt. Befehlen, Danken, Bitten, aber auch Spotten und Darstellen (nicht zuletzt sich selbst darstellen), das alles kann die Sprache, dazu benutzen wir sie. Literatur ist eine Fortsetzung dieser Praxis. Sage mir, dass die Sprache nicht taugt etwas in ihr darzustellen und dann erzähle, wie Du es mir sagen willst, so möchte man es Andre Hermann in den Mund legen. Den Wirklichkeiten in seinen Texten sollen wir vertrauen, wie wir einem Mitmenschen vertrauen, aber auch manchmal nicht vertrauen.