Henryk Bereska (1926-2005)

185 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Man kennt ihn vor allem als Übersetzer aus dem Polnischen (Tadeusz Różewicz, Cyprian Kamil Norwid, Zbigniew Herbert, Adam Zagajewski und viele andere). Zum heutigen 100. Geburtstag eins seiner eigenen Gedichte.

Henryk Bereska 

(eigentlich Heinrich Bereska, * 17. Mai 1926 in Szopienice bei Katowice; † 11. September 2005 in Berlin)

Gaukelei

Himmelfahrende Ozeane
ziehen über das Senfglas
und die Heringsgräten,
über den Kanten Brot
und das Messer, das dem Fortsatz
eines Schwertfisches gleicht,
ziehen hin zum Kanonenofen, genauer:
zu dem Spalt im Rohr,
ihrem Magnetenberg,
vorbei an bernsteingelber Fichtenwand,
Herrn Goethe und Herrn Eckermann,
Herrn Konfutse und Herrn Heine
auf dem Bücherbord benebelnd -
ach, die Herrn mögen ja keinen Knaster.
Gelbe Fische schwimmen zwischen Seetang,
Austern und Korallen;
über dem Rohrspalt steigt Gott Poseidon
mit dem Dreizack auf, vom Lift der
Warmluft aus dem Meer gehievt,
zappelt sekundenlang, zerschellt
dann lautlos an den Klippen
aus Fichtenholz, der Decke.
Draußen ist Nacht und Frost.
Der Rauch des Stummels gibt nur
noch einen Tümpel her.

Aus: Panorama moderner Lyrik deutschsprechender Länder. Von der Jahrhundertwende bis zur jüngsten Gegenwart. Hrsg. Wolfgang Hädecke und Ulf Miehe. Mit einem Vorwort von Wolfgang Hädecke. Gütersloh: S. Mohn, o.J. (ca. 1965), S. 438f

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