73. Wunschlos schauen

Der schönste Beitrag im neuen „Ostragehege“ ist indes eine poetologische Miniatur der Dichterin Kerstin Preiwuß, eine Art Präludium zu einem dort abgedruckten Gedicht-Zyklus der Autorin mit kafkaesken „Stilleben“. In einer Meditation über ein Bild von Henri Matisse beschreibt Preiwuß die überwältigende Evidenz, die beim Betrachten eines Kunstwerks eintritt, jenes Heraustreten aus allen Zwanghaftigkeiten, das einen Zustand fast schwerelosen Glücks ermöglicht: „Kein Geräusch ging von diesem Bild aus“, so Kerstin Preiwuß, „und dieses Bild erzeugte auch kein Geräusch in mir… Ich hatte kein Verlangen mehr als das, immerzu zu schauen und dabei wunschlos zu sein.“  / Michael Braun, Poetenladen

Ostragehege Nr. 61
c/o Axel Helbig, Birkenstr. 16, 01328 Dresden. 84 Seiten, 4,90 Euro.

Ich ergänze aus dem Editorial:

Das neue OSTRAGEHEGE könnte getrost als Lyrikanthologie angekündigt werden. Denn insgesamt 25 lyrische Handschriften – Poeme, Zyklen, Gedichtsammlungen und Einzelgedichte – werden in diesem Heft ausgebreitet. Dabei geht die Reise einmal mehr quer durch Europa. Längst sind nicht alle Texte der sogenannten Klassiker der Moderne übertragen. So können sich die Leser des neuen Heftes auf neue Übertragungen aus dem Werk von Francis Ponge (1899-1988) und Vladimir Holan (1905-1980) freuen. Una Pfau, eine der bedeutendsten Übersetzerinnen aus dem Französischen, bringt uns das Poem La Guêpe/Die Wespe von Francis Ponge nahe. Urs Heftrich, seit 2003 Mitherausgeber der Gesammelten Werke von Vladimir Holan, stellt zwei neu übersetzte Zyklen des Hauptvertreters des tschechischen Poetismus der dreißiger Jahre vor. Neben neuen Gedichten aus Irland (Pat Boran und Dennis O’Driscoll) und Bosnien/Herzogowina (Marko Vešović, Mile Stojić, Bisera Alikadić und Amir Brka) sind es vor allem die längeren Zyklen von Jan Kuhlbrodt und Tom Schulz sowie die Sammlung neuer Gedichte von Franz Hodjak, welche einer intensiven und zugleich lustvollen Lektüre empfohlen sein sollen. Schließlich möchte die Redaktion auf die 37. Folge der Rubrik Lagebesprechung – Junge deutschsprachige Lyrik hinweisen, in welcher Nico Bleutge die Leipziger Lyrikerin Kerstin Preiwuß vorstellt.

One Comment on “73. Wunschlos schauen

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,
    es freut mich sehr, dass Sie auf Vladimír Holans Lyrik hinweisen, die ich in der Tat herausgebe und übersetze. Gerade deshalb ist es mir aber wichtig, dass über Holan zutreffende Informationen in Umlauf gebracht werden. Er war nur in seiner Anfangsphase ein Anhänger des Poetismus, einer typischen Strömung der zwanziger (nicht der dreißiger) Jahre. Nach seiner Abkehr vom Poetismus und Hinwendung zur Poesie pure Rilkescher Prägung hat er sich von seinem poetistischen Frühwerk nachdrücklich distanziert.
    Mit besten Grüßen,
    Prof. Dr. Urs Heftrich

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