In diesen Nächten

313 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Die neue Ausgabe von Sinn und Form (3/2026) versammelt Prosa, Gedichte, Gespräche, Briefe und Essays zwischen Erinnerung, Sprachreflexion und kultureller Selbstbefragung. Neben neuen Gedichten von Robert Melançon (Kanada), Petr Hruška (Tschechien) und Christiane Schulz stehen literarische und historische Erkundungen von Gert Loschütz, Maarja Kangro und Zsófia Bán. Ein Schwerpunkt liegt auf Mittel- und Osteuropa: Péter Nádas spricht über Ordnung, Chaos und die Eigenheiten der ungarischen Sprache, während Erinnerungen an Bohumil Hrabal sowie ein Text über Ahmad Schamlou weitere internationale Perspektiven eröffnen. Hinzu kommen literarhistorische Dokumente – etwa Briefe von Heimito von Doderer oder Siegfried Unselds Bericht über eine Reise mit Peter Huchel nach Muzot – sowie Essays zu Walter Benjamin, Konrad Wolf, moderner Frömmigkeit und kulturellen Nachwirkungen des 20. Jahrhunderts.

Aus dem Heft hier ein Gedicht des iranischen Dichters Ahmad Schamlou, dessen Witwe Rita Atans Sarkisian (Aida Schamlou) seine Gedichte kommentiert. Von dem hier folgenden Gedicht sagt sie, es handele davon, „wie die Angst sich überall einschleicht, bis selbst die Natur davon vergiftet scheint“.

FENSTER

In diesen Nächten,
wo die Blume das Blatt
und das Blatt den Wind
und der Wind die Wolke
und die Wolke das Wasser
und das Wasser den Stein
fürchtet
und die Erde den Himmel
und der Himmel die sonnenlose kleine Laterne
und ich meinen Schatten.
In diesen Nächten
Wie sehnsüchtig verlange ich dann nach dir.
Ferne
Fülle
Lichtspender
und mein Verlangen.
Dem Fenster schenke ich mein Herz,
daß es den Morgen erblicke
und sich für dich öffne.

Weiter schreibt sie:

Nach der islamischen Revolution von 1979 galt Schamlou deren Anhängern abermals als Feind und »verwestlichter« Schriftsteller. Lange Jahre stand er unter Publikationsverbot und durfte im Iran nicht öffentlich auftreten, erst in den neunziger Jahren wurden die Beschränkungen teilweise gelockert. Doch selbst nach seinem Tod fürchtete man ihn noch: Wiederholt wurden seine Anhänger und Freunde von bewaffneten Kräften daran gehindert, am Jahrestag seines Todes den Friedhof zu betreten. Auch von Schändungen blieb sein Grab nicht verschont.

Aus dem Persischen von Hamid Bajat, aus: Sinn und Form 3/ 2026, S. 409f.

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