Anti-Jazz, schreiben sie

466 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

LnPoe-Messelese #15 · Florian Bissig

Eine aktuelle Kolumne mit neuen Texten, Fundstücken und Wiederentdeckungen rund um die Leipziger Buchmesse.

Anti-Jazz, schreiben sie

Allerheiligen
einundsechzig
im Village Vanguard

Verachtung des Publikums, schreiben sie

es beginnt mit dem Summen
einer
was ist’s
eine Oud, oder
eine Tanpura
die metallisch
schnarrt und vibriert
eine reine Quinte
ein Geflirr von Tönen

Obertöne neurotischen Zwangs, schreiben sie

ein Riff am Bass
zwei Bässe
ein Riff
eine Quinte
Quinte zum Intro
Quinte als Begleitung
Quinte für ein Stück

Anti-Jazz, schreiben sie

heute für zehn Minuten
morgen für dreizehn
Sonntag für fünfzehn
ein G und ein D
zwei Töne
eine Quinte
ein Song

musikalischer Nonsens, schreiben sie

Yeah!
Trane ist zufrieden
mit dem Groove
von India
dem Bordun-Tun
seiner Gruppe

Angriff aufs Wesen des Jazz, schreiben sie

Trane steigt ein
Dolphy steigt ein
das Sopransax
im tiefsten Register
die Bassklarinette
im oberen Register
hier treffen sie sich
zur Quinte

Bewegung ohne Fortschritt, schreiben sie

ein Thema
eine Quinte
vereinigt mit den Bässen
mit McCoy an den Tasten
während Elvin trommelt
als wär er zu zweit

Weg in die Anarchie, schreiben sie

und aus der Ruhe
des Borduns
fliegt Tranes Stimme
empor
in Höhen unkenntlich
flink und behend

ein wütender junger Tenor, schreiben sie

zwitschernd und singend
beschwingt und beseelt
sehnend und trillernd
wild und begeistert

epileptische Ausbrüche der Leidenschaft, schreiben sie

rufend und suchend
schreiend und jubelnd
kreischend und preisend

ein Klang wie ein Hundegebell, schreiben sie

und schliesslich
sinkt die Stimme ab
in näselnde Tiefen
zur Gruppe zurück
zum Bordun zurück
zur Quinte zurück
ins Thema
ins Riff
in den Zweiklang mit Dolphy
in den Vielklang der Gruppe
in den Austausch im Vanguard

Kauderwelsch, schreiben sie

in die Feier
des grossen
des schönen
Universums
in dem wir leben

nihilistischer Exzess, schreiben sie

des prächtigen
allumfassenden

Florian Bissig (* 12. Juli 1979 in Kilchberg ZH) ist ein Schweizer Anglist, Kulturjournalist und literarischer Übersetzer.

Zuletzt erschien

Spielen, was ist. Gedichte zu Coltrane. Verlag die brotsuppe, Biel 2026, ISBN 978-3-03867-119-0. Das heutige Gedicht steht auf den Seiten 47-52.

Informationen auf der Seite des Verlages

John Coltrane (1926-1967) revolutionierte den Jazz innert weniger Jahre gleich mehrmals. Die Wirkung des afroamerikanischen Saxophonisten ist bis heute, sechs Jahrzehnte nach seinem frühen Tod, prägend: durch seine Kompositionen, Improvisationen, seinen Ton, und durch seine Hingabe und Haltung. Anlässlich seines 100. Geburtstags schreibt sich der Lyriker Florian Bissig dem Leben und Werk John Coltranes entlang und begleitet den Jahrhundertmusiker bei seinem rastlosen Suchen und Schaffen. Er folgt ihm in seiner technischen, künstlerischen und spirituellen Entwicklung, vom Brotjob in der Rhythm-n-Blues-Band über die Engagements bei Miles Davis und Thelonious Monk bis in die Fülle avantgardistischer Werke der letzten Lebensjahre. Der Vielfalt des musikalischen Schaffens stellt der Dichter eine Vielfalt literarischer Formen entgegen und widmet sich nebst den Aufnahmen und Kompositionen auch Coltranes Lebensweg, seinen Äusserungen und seiner Wirkung auf Hörer, Künstler und Gesellschaft.

https://diebrotsuppe.ch/publikationen/alle-titel/spielen-was-ist

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