151. Rede zur Verleihung des Michael-Lindner-Preises

Textenet

Von Bertram Reinecke

Als wir damit begannen, das Festival textenet.de zu organisieren, war eine der Triebkräfte auch die Neugier auf das, was in den verschiedensten literarischen Szenen gerade getrieben wird. Offenheit für viele Strömungen der Literatur war ja ein Grundanliegen des Festivals. Was lag da näher, als einen Literaturpreis auszuschreiben? Dass es nur ein kleiner im Konzert von Dutzenden verschiedenen sein konnte, war klar. Aber braucht es überhaupt einen weiteren Literaturpreis? Wir meinten: ja, wenn es ein besonderer Preis ist, wenn es ihm gelänge, an einigen Stellen besser oder zumindest anders zu sein als andere Preise. Unbefriedigend findet mancher Autor an verschiedenen Wettbewerben die Berechenbarkeit der Juryergebnisse. Es geht, so könnte man diese Kritik zusammenfassen, oft nicht darum, zu schauen, was es alles für Entwicklungen in der Literatur geben könnte, sondern im Fokus vieler steht es, einen bestimmten Inbegriff von Literatur zu würdigen. Das ist legitim und auch Preise für Haikus oder engagierte Literatur haben natürlich ihr Recht. Bei Preisen, die sich offener geben, weil sie auf solche Eingrenzungen verzichten, Bespiele tun hier nichts zur Sache, werden solche Tendenzen aber ebenfalls festgestellt und hie und da als unbefriedigend empfunden. Solchen Tendenzen wollten wir ausweichen, aber wie? Zunächst entschieden wir uns, den Wettbewerb für Hördateien auszuschreiben. Dadurch konnten Literaturen, die auf dem mündlichen Wort beruhen, besser berücksichtigt werden. Lautpoesie wirkt ja auf dem Papier oft nur wie eine Folge von wirren Buchstaben und erschließt sich erst beim Hören. Slam Poetry nutzt gern und überzeugend das Mittel der Wiederholung. Im geschriebenen Text sind solche Stellen oft blaß. Dies nur zwei Beispiele. Ein solches Auswahlverfahren hat aber auch den Vorteil, dass man es sich überlegen musste, ob man am Preis teilnimmt: Es macht Arbeit! Ewig Unentwegte, die nur auf die Entertaste drücken, um Alles mit ihren fix zusammengeklöppelten Elaboraten zu überschwemmen, blieben der Jury erspart. Auch das ist ja ein Problem: Der Flut der Einsendungen können sich Juroren oft nur erwehren, indem sie die für die weitere Diskussion nicht in Frage kommenden Beiträge schon nach kursorischer Lektüre aussortieren. Texte, die Klischees verwenden, um mit Ihnen zu spielen, fallen da schnell unbeabsichtigt unter den Tisch. Ebenso mitunter Texte, die sich klassischen Erzählstrukturen auf besonders hinterlistige Weise verweigern und so weiter. Außerdem waren Juroren gefordert, die in der Sache streitbar, dennoch konstruktiv in der Zusammenarbeit sind. Auch sollte ihre Sache eine möglichst unterschiedliche sein, ihr Herz möglichst für sehr verschiedene Arten von Literatur schlagen. Solche Juroren haben wir gefunden: ein hartnäckiger experimenteller Ironiker, ein lockerer Spassmacher, der aber mit allen Wassern gewaschen ist, wenn es gilt, einen Text packend für den Leser zu gestalten und ein tiefernster Mann, der sich an den Höhen der klassischen Literatur orientiert: unterschiedlicher kann der Zugriff auf Literatur kaum ausfallen. Die Juroren bewerteten die literarische Qualität der Beiträge, nicht ihre technische. Wer kein Tonstudio zu Hause hat, sollte nicht bestraft werden. Zu guter Letzt war ein Namenspatron gefragt, der das Anliegen des Preises verkörpern kann. Nicht ein großer Name, nicht eine Autorität, vor deren Meriten man die Arschbacken zusammenkneift, sondern ein interessanter Unbekannter, der in sich viele Strömungen seiner Zeit vereint. Michael Lindner, ein Leipziger Renesaincepoet, ist so eine Figur. Ein Schlitzohr, ein Krimineller, wie seine großen Kollegen Franz Villon und Ulrich von Hutten, aber ebenso wie diese ein hochgebildeter Mann, der mit machtvoller Stimme in die ethischen Debatten seiner Zeit eingriff. Einer, der Schwänke, ja Zoten veröffentlicht, um Geld zu machen, aber auch ein massiver Kritiker der kirchlichen Dogmatik seiner Zeit. Und stärker als andere damals spielte er auf der uns heute so modern anmutenden Klaviatur der diskursiven Identitätskonstruktion: Wer bin ich, der etwas sagt und was sage ich besser im Namen eines berühmten Kollegen oder lege es meinen Figuren in den Mund. Soweit die Vorgeschichte. Wir freuten uns über die Vielzahl der Einsendungen, die aufgrund unserer Ausschreibung eingingen. Dennoch bedeutete das auch Probleme, allein wegen der technischen Logistik. Auch die Juroren hatten in kurzer Zeit eine gehörige Portion Arbeit. (Denn die auf der Homepage anzuhörenden und zu lesenden Beiträge waren ja nicht alle, die zu bewerten waren.) Ich bin mit der letzendlichen Lösung der Dreiteilung des Hörkunstpreises zufrieden, auch wenn es so keinem Preisträger zuzumuten war, für den auf diese Weise sehr verringerten Preisanteil eigens anzureisen: Einer der Preisträger kommt aus Sarajevo. Die Sieger zeigen nun, ganz im Geiste des Preises, exemplarisch drei Utopien dessen, was Literatur sein kann. Die erste, eine gewissermaßen klassische Utopie liegt Milenko Goranovics Beitrag „Csárdás für den Alten“ zu Grunde. Literatur soll unseren Horizont erweitern, soll uns auf Ihre Weise etwas über die Welt erzählen und sollte auch unsere ungelösten ethischen Fragen in den Blick nehmen. Dazu muss Literatur glaubwürdig sein. Wir müssen ihr vertrauen können. Alles dies leistet der prämierte Text. Dies spiegelt sich, um es hier einfach und plastisch zu sagen, schon in der Kongruenz zwischen den erzählten Inhalten des Textes und der erzählenden Stimme wieder. Eine hörbar ältere erfahrene Stimme steht für eine Figur ein, die von Haltung und Erlebnishorizont ebenfalls diese Merkmale aufweist. Hinausgehoben über die durchschnittliche Lesebuchgeschichte, denn auch diese entspricht ja oft der angesprochenen Utopie von Literatur, wird der Text durch seine ökonomische Machart. In einfacher allgemein verständlicher Sprache, in nicht einmal 3 Minuten wird ein Riesenhorizont an Welt mit allen ihren Fragen eröffnet. Handelt der Text doch ebenso von der Fragilität unserer Wahrnehmung wie unserer Gesellschaften, thematisisert er doch exemplarisch, welche Möglichkeiten der Einzelne hat, innerlich unabhängig zu sein von einem sich verrohenden Gemeinwesen, aber auch, wie sehr der Mensch auf seine Natur als soziales Wesen, dass auf Mitwesen angewiesen ist, verpflichtet bleibt. Er sagt etwas über den positiven Wert von Traditionen und im selben Atemzug spricht er vom Scheitern dessen, der sich nicht verändert. Er ist nicht zuletzt in diesem Fragehorizont damit aber auch ein Text über Kunst und ihre Möglichkeiten. Und dies alles ganz organisch, aus einem Guss, ohne dass diese wenigen Minuten irgendwie überfrachtet oder heterogen wirkten. Dieter Atts „Poem to make ends meet“, seine Utopie von Literatur, will im Gegensatz dazu gar nicht homogen, nicht organisch sein. Er montiert unterschiedlichste Wirklichkeitsversatzstücke, je heterogener desto besser. Wir wissen längst, auch unsere Wirklichkeit ist fragmentiert. Aber Wirklichkeitsversatzstücke? Sind die zahlreichen Gegenstandbereiche, die diesen Text bedrängen, tatsächlich Wirklichkeiten? Nein: Natürlich sind es Ausschnitte aus Texten. Die Welt, das zeigen die Zitate in einer solchen Zusammenstellung überdeutlich, ist nie so, wie sie in Texten verhandelt wird. Wir sind keine Superhelden, wir sind keine Goetheschen Romantiker. Der fiktive Charakter jeden Erzählens wird herausgestrichen. Der Text kommentiert sich dabei selbst: So ist der Text gemacht. Auch ich bin nicht echt. Ich bin Sprache, aber ist das nicht etwas wunderbares? Aber nur Sprache? Das kann man nicht sagen: Er nähert auch ein altes Mißtrauen: Vielleicht ist nicht nur die Sprache schattenhaft, sondern auch die Welt? Haben wir denn eine Wirklichkeit, auf die wir jenseits der Zeichen verweisen können? Sind nicht Glaubwürdigkeit oder das Subjekt Funktionen des Spieles eben dieser Zeichen, dass man so, aber auch anders spielen könnte? In diesen impliziten Fragen nach den Grenzen unserer Erkenntnis scheint dann plötzlich eine Gemeinsamkeit mit dem erstgehörten Beitrag von Milenko Goranowic auf. Solche hochfliegenden epistemischen und ästhetischen Probleme sind dem Siegerbeitrag von Andre Hermann „Wenns ein Tittel ändern würde“ eher fremd, auch wenn sein Text enorme Weltkenntnis behauptet. Auch wenn in seiner Machart das Wissen des Autors um moderne Textverfahren, wie sie in esoterischen Literaturseminaren verhandelt werden, sichtbar wird. Den Ballast von Theorie jedoch wirft er von sich. Er besteht darauf, dass wir zunächst Subjekte sind, die in der Wirklichkeit handeln, die sich miteinander auseinander setzen müssen, er besteht darauf, dass Sprache vielleicht doch nicht so fragil ist, wie manche glauben mögen, weil sie ja als Werkzeug alltäglich zum Einsatz kommt. Befehlen, Danken, Bitten, aber auch Spotten und Darstellen (nicht zuletzt sich selbst darstellen), das alles kann die Sprache, dazu benutzen wir sie. Literatur ist eine Fortsetzung dieser Praxis. Sage mir, dass die Sprache nicht taugt etwas in ihr darzustellen und dann erzähle, wie Du es mir sagen willst, so möchte man es Andre Hermann in den Mund legen. Den Wirklichkeiten in seinen Texten sollen wir vertrauen, wie wir einem Mitmenschen vertrauen, aber auch manchmal nicht vertrauen.

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