44. „Nicht so schlimm und doch vergleichsweise banal“

Die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ wollte der politischen Lyrik wieder auf die Beine helfen und startete vor rund einem Jahr die Reihe „Politik & Lyrik“. Dichter sollten im Auftrag der „Zeit“ aktuelle Anlässe bedichten, Politiker bei ihrer Arbeit begleiten, die Bundestagskantine aufsuchen und so weiter. Glaubt man der Redaktion, so war die Begeisterung groß: Einige Autoren wollten unbedingt den rauchenden Altkanzler Helmut Schmidt treffen, eine Lyrikerin gar einen ganzen Tag mit dem (inzwischen ehemaligen) FDP-Generalsekretär verbringen.

Kurz: Man musste Schlimmstes befürchten. Am Ende kam es dann nicht ganz so arg. Zwar blieben einige Poeten als Auftragsschreiber deutlich unter ihrem sonstigen Niveau (Hendrik Rost), aber zumeist konnten sich die Erzeugnisse durchaus sehen lassen. Am beeindruckendsten waren sie dort, wo sie sich am stärksten von Politikern, Politikbetrieb und Aktualitätszwang zu lösen vermochten und nicht Meinungen, sondern Erfahrungen zum Besten gaben.

Dennoch wirkt das alles relativ banal, wenn man es mit den Gedichten vergleicht, die der bosnische Lyriker Faruk Šehić in dem Band „Abzeichen aus Fleisch“ (übersetzt von Hana Stojić, Edition Korrespondenzen, Wien 2011) präsentiert. / Andreas Wirthensohn, Wiener Zeitung

Auf der Verlagsseite gibt es ein Gedicht:

KRIEGSSPIEL

auf dem höchsten Turm
der Altstadt
hat der Heckenschütze
seinen Bau
die Entfernung zwischen
uns und ihm
an der Stelle die
wir durchlaufen
beträgt fünfzig
Meter
Luftlinie
wenn du für einen Augenblick in Gedanken verfällst
und vergisst
dass du schnell rennen musst
wirst du vom Zischen der Kugel ermahnt
wenn du nicht ermahnt wirst
heißt es du bist tot.

Faruk Šehić, Abzeichen aus Fleisch
Deutsche Erstausgabe
Bosnisch / Deutsch, übersetzt von Hana Stojić
160 Seiten, Broschur, fadengeheftet
ISBN 978-3-902113-87-0    € 16,–   

(Gut, diese Erfahrung will man auch den deutschen Lyrikern nicht wünschen. Die Zeit-Serie Politik & Lyrik endete im Januar mit bislang wenig Echo.)

2 Comments on “44. „Nicht so schlimm und doch vergleichsweise banal“

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