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390 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Heute ist der 155. Geburtstag von Christian Morgenstern, der 105. von Erich Fried und der 100. von Franz Mon. Ich bleibe bei letzterem, der einer von den vielen Hundertjährigen des Jahres ist. Zum Anlass ein kleiner Blütenast*.
Franz Mon
(* 6. Mai 1926 in Frankfurt am Main; eigentlich: Franz Löffelholz; † 7. April 2022 ebenda)
Aus: Was Literatur sein kann
Es gibt im Grunde zwei Typen von Literatur: diejenige, die die Schrift nur als Zeicheninstrumentarium versteht, das zwischen Autorintention und Leseverstehen vermittelt und dabei möglichst unauffällig zu bleiben hat; und die andere, die sich vor einem offenen Verstehenshorizont auf die Zeichensprachen von Laut oder Schrift unmittelbar einläßt und mit diesen arbeitet.
Beide Literaturweisen scheinen mir in einer hochgradig zeichenvermittelten Zivilisation wie der unseren unentbehrlich zu sein. (…)
Das Verständnis dessen, was Literatur sein kann, scheint mir gegenwärtig völlig offen. Diejenigen, die mit Sprache arbeiten, werden sich von keiner ängstlichen Definition am Weiterarbeiten hindern lassen.
Aus: das wort auf der zunge. franz mon: texte aus vierzig Jahren. Carlfriedrich Claus: Sprachblätter. Berlin: janus press 1991, S. 6
untereinander
„hast du was gekriegt?"
„ein eichhörnchen."
„krumm oder gerade?"
„mit einem herrlich gebogenen, buschigen schwanz."
„und – ist es ein- oder zweibeinig?"
„es ist gleichschenklig. es wird dir gefallen."
„aus welcher höh denn – sag, aus welcher höh?"
„es steigt doch noch, unentwegt."
„zum ziel seiner wünsche?"
Aus: franz mon, hören ohne aufzuhören. neue texte 26/27, 1982, hrsg. heimrad bäcker, S. 15
stelle dir vor: alle wörter, die du in deinem leben nur ein einziges mal benutzt hast, stünden um dich herum, eine hand am ohr, den mund offen, als lauschten sie angestrengt, und du zweifelst nicht, sie lauern darauf, von dir nochmal und ein drittes mal gebraucht zu werden. du liest in ihren physiognomien, daß ihre geduld strapazierfähig, aber einmal doch zu ende ist. du ahnst, was sie vorhaben, und bist auch bereit, auf ihren wunsch einzugehen, doch beim besten willen du kommst nicht drauf, wie sie hießen.
stelle dir vor: alle wörter, die du jemals ausgesprochen hast, würden, mit deiner stimme und in derselben von dir aufgewandten lautstärke, noch einmal, ein einziges mal alle gleichzeitig ertönen, was sich – stelle ich mir vor – wie eine steil-wand aus berstenden hühnern anhören müßte.
Aus: Franz Mon Lesebuch. Erweiterte Neuausgabe. Neuwied und Berlin: Sammlung Luchterhand, 1982, S. 13

*) BLÜTENAST, m. blühender ast:
geusz nicht so laut der liebentflammten lieder
tonreichen schall vom blütenast des apfelbaums hernieder,
o nachtigall!
Hölty 158
(Grimms Wörterbuch)
steil-wand wirklich mit Trennungsstrich?
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