68. Aus gegebenem Anlaß

… sehe ich doch noch einmal genauer nach, was in dem bescheiden „Der Kanon“ betitelten Buch fehlt (vgl. #64). Eine flüchtige Durchsicht. Ich vermisse zum Beispiel:

Richard Anders, C.W. Aigner, Erich Arendt, Arnfrid Astel, Konrad Bayer, Uli Becker, Marcel Beyer, Nicolas Born, Christine Busta, Franz Josef Czernin, Reinhard Döhl, Stefan Döring, Elke Erb, Jan Faktor, Michael Guttenbrunner, Manfred Peter Hein, Norbert Hummelt, Thomas Kling, Johannes Kühn, Axel Kutsch, Richard Leising, Kito Lorenc, Franz Mon, Inge Müller, Brigitte Oleschinski, José F.A. Oliver, Bert Papenfuß,  Richard Pietraß, Reinhard Priessnitz, Klaus M. Rarisch, Jürgen Rennert, Gerhard Rühm, Christian Saalberg, Paul Scheerbart, Hansjörg Schertenleib, Johann Gottfried Seume, Peter Waterhouse, Konrad Weiß, Ror Wolf, Paul Wühr, Peter Paul Zahl, Unica Zürn (die Liste kann verlängert werden!).

Auf den ersten Blick könnte man meinen, daß Marcel Reich-Ranicki besonders die (aus Denkschwäche oder Trägheit so genannten) experimentellen  Autoren ausläßt. Er mag sie halt nicht: bekannt! Dabei sind manche dieser Texte längst lesebuchreif und manche tatsächlich in Lesebüchern vertreten, die Werbung hat sich ihrer bemächtigt: sie wurden kanonisch! Aber die Fehlstellen gehen weiter. In der Liste enthalten sind etliche wichtige von den österreichischen Autoren der letzten 50 Jahre. Es fehlen die „Rumäniendeutschen“: nur Werner Söllner ist dabei, nicht aber Oskar Pastior, Rolf Bossert, Franz Hodjak. Es fehlen auffallend viele Frauen, nicht nur aus jüngerer Zeit. Und es fehlen die deutschen Autoren „fremder“ Herkunft: Cyrus Atabay aus Iran war seit den 50er Jahren (!) ein wichtiger deutscher Lyriker. Adel Karasholi aus Syrien, Said aus Iran (er war Vorsitzender des deutschen PEN-Zentrums). Zafer Senocak und Zehra Cirak wurden in der Türkei geboren und wuchsen hier zu deutschen Autoren heran. Sie alle haben viele Bücher auf Deutsch veröffentlicht. Alles das fehlt bei Reich-Ranicki. Das ein Kanon?!

Er wird sagen, das halte er eben nicht für bedeutend und bestätigt so dem Kenner nur seine Ignoranz. In Wirklichkeit verrät die Liste, daß hier jemand, der mit Heine und Goethe aufgewachsen ist und auch die klassisch gewordenen Gedichte der neueren Zeit mag, die Lyrikszene nicht wirklich beobachtet (niemand kann alles gleichmäßig beobachten, nicht einmal ein Papst). Der Papst ist nackt! (Okay, ich bin kein Kind, aber soviel sehe ich doch!) Da aber der Betrieb in Deutschland einen Papst braucht, der ihn in seiner Trägheit beliefert und bestätigt, bekommt er, was er braucht. Ja, dieser „Kanon“ ist wirklich ein Kanon: für alle die in den Redaktionen und Verlagen, die froh sind, daß ihnen einer vorkaut, was ihrem empfindlichen Magen bekommt, und das aussperrt, was sie doch nicht alles selber ausforschen können. Die Oma, der Zahnarzt, die oder der in der Freizeit gern mal ein Gedicht liest, mag hier gut bedient sein. Die jungen Menschen aber, die sich das Buch kaufen oder schenken lassen aus Neugier auf das, was wichtig ist und was sie noch nicht kennen, die werden wahrhaft beschissen.

Das ist der Skandal dieses Betriebes und dieses Unternehmens mit dem Namen „Der Kanon“.

– Und dabei gibt es einen wirklichen Kanon, der all das bietet. Ich habe nämlich, als ich die obige Liste zusammenstellte, nicht mein Gedächtnis oder meine Bücherregale konsultiert, sondern ein dickes Buch mit dem Titel „Der neue Conrady. Das große deutsche Gedichtbuch“. Die Ausgabe von 2000 enthält alle diese oben genannten Autoren (und noch viel mehr, was dort auch fehlt). Obwohl das Buch fünf Jahre früher erschien, reicht es viel weiter an die aktuelle Lyrik heran als die siebenbändige Kassette, die vorgibt, alle wichtigen deutschen Gedichte zu versammeln. Dieses Buch kann man Kanon nennen (übrigens auch zahlenmäßig: es enthält fast doppelt soviele Autoren wie jener „Kanon“!) Liebe Lehrer, bringt das unseren Kindern bei: nicht auf Werbesprüche hereinzufallen. Zu viele Erwachsene und selbst Leute vom „Fach“ tun es viel zu oft.

Der Herausgeber des wirklichen Lyrik-Kanons, der Germanist Carl Otto Conrady, wird heute 80 Jahre. Hier eine Gratulation aus der Welt vom 21.2.:

Es soll Leute geben, die nicht durch den Tag kommen, ohne nicht wenigstens einmal im „Conrady“ geblättert zu haben. Dem Germanisten Karl Otto Conrady ist es recht, wenn Lyrik geistige Alltagsnahrung ist und nicht für besondere Weihestunden aufgespart wird. Was gibt es Besseres zur sprachlichen Bewältigung der Existenz und zur immer neuen Erfrischung des Sprachvermögens als die Poesie?

Vgl. auch FAZ 21.2. (Wulf Segebrecht)

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