Dante

Heute vor 696 Jahren, am 14. September 1321, starb der Schöpfer der Comedia, die Boccaccio die Göttliche nannte. Zum Anlaß ein Danteporträt aus dem Jahr 1972. Karl Mickel schrieb ein reimloses Sonett im Maß Dantes und widmete es seinem Kollegen Wulf Kirsten.

Inferno XXXIV
Für Wulf Kirsten

Gips-Smog in Weimar, Kirsten melancholisch:
Denn er obliegt dort deutscher Zeichengebung.
Und als die Wandrer zu der Stelle kamen
Die Dante nennt: der Hüfte größte Wölbung
Kletterten sie, an Haare wie Gestrüpp
Sich klammernd, unter Keuchen aus dem Felsloch:
Aber Dante (ja, ich hatte Angst
Wer mich tadelt, denke, wo ich steckte!)
Eh er heraus war, setzte sich in eine
Schrunde und fragte: Wo ist das Eisfeld?
Warum hält Der den Kopf nach unten? und
Wie ging die Sonne so schnell von dem Abend
Zum Morgen über? – Noch im Arsch des Teufels
Will Dante, was er wahrnimmt, wissen.

Von Kirsten, der damals Lektor in Weimar war und Kommas korrigierte, handeln die ersten beiden Zeilen, er wird als melancholisch dargestellt. Die Zeichengebung gliedert das Sonett. Zwei Punkte: nach Vers 2 und 14. In jedem der beiden so markierten Sätze ein Doppelpunkt am Versende (hinzu kommt jeweils einer, der in der Versmitte Zitat und Rede anführt), die Doppelpunkte am Versende gliedern die ungleich langen Sätze wiederum in zwei Teile. Wir haben die klassische italienische Vierteilung des Sonetts, zwei ungleich lange Teile, die jeweils aus zwei Teilen bestehen und so gedankliche Schrittfolgen erlauben. So ist es zweifellos auch hier, nur mit extremer Verschiebung der Dimensionen und somit höchster Spannung. Ich kommentiere knapp die Abschnitte. A und B die beiden Sätze = Hauptabschnitte, 1 und 2 die Teile vor und nach dem Doppelpunkt.

A handelt in der Gegenwart in Weimar vom Dichter Kirsten, B in Dantes Zeit auf klassischem Boden vom Dichter Dante.
A1: Kirsten in Weimar ist melancholisch
A2 nennt den (oder einen) Grund, Einsatz mit „Denn“
B1 referiert eine Stelle aus dem 34. und letzen Canto des Inferno, Dante, begleitet von Vergil, der nicht genannt wird. Die beiden Dichter besichtigen den Mittelpunkt der Erde / der Welt. Nach christlicher Legende steckt dort Luzifer, der „Lichtbringer“, der wegen Ungehorsams gegen Gott in den Abgrund geworfen wurde. Man besichtigt den Teufel. Der Dichter Dante läßt sich alles genau zeigen. Nicht melancholisch ist er, sondern aktiv und wißbegierig.
B2 setzt mit „Aber“ ein. Keine nachgereichte Begründung wie in A2, sondern ein Trotz- und Widerwort. Dante, keuchend, frierend (sie stecken in schrundigem Eisloch), will es wissen.

Ein weiteres Satzzeichen, der einzige Gedankenstrich, bringt schließlich unvermittelt ein Fazit, der Fragenkaskade des mittelalterlichen Dichters folgt eine Wertung der Redeinstanz.

Die Widmung an Kirsten entpuppt sich als (poetologische) Kritik. Auch in widrigen Umständen möge der Dichter wahrnehmen. Wie Dante.

Hier noch einmal der Text.

 
Inferno XXXIV
Für Wulf Kirsten

Gips-Smog in Weimar, Kirsten melancholisch:
Denn er obliegt dort deutscher Zeichengebung.
Und als die Wandrer zu der Stelle kamen
Die Dante nennt: der Hüfte größte Wölbung
Kletterten sie, an Haare wie Gestrüpp
Sich klammernd, unter Keuchen aus dem Felsloch:
Aber Dante (ja, ich hatte Angst
Wer mich tadelt, denke, wo ich steckte!)
Eh er heraus war, setzte sich in eine
Schrunde und fragte: Wo ist das Eisfeld?
Warum hält Der den Kopf nach unten? und
Wie ging die Sonne so schnell von dem Abend
Zum Morgen über? – Noch im Arsch des Teufels
Will Dante, was er wahrnimmt, wissen.

1972

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