Saturnalische Gedichte

(Drittes saturnalisches Gedicht)

Der dritte Tag meiner Saturnalien. Da ich an den beiden ersten jeweils ein passendes Gedicht hatte, von Mickel und Verlaine, heute wieder ein Mickel. Irgendwie kommen mir viele Gedichte des Berliner Sachsen, frühe wie späte, passend vor. Ein widersprüchliches Fest zu Ehren eines widersprüchlichen Gottes, die Verkörperung von Ackerbau und Goldenem Zeitalter – der seinen Vater entmannt und seine Söhne verschlingt. So gehören für mich die wilden fratzenhaften Saturnalien und das besinnlich-friedliche Weihnachten zusammen. Fratzenhaftes gibt es in der frühen Gedichten manches, aber mit dem karnevalesken Einschlag vielleicht zuerst in „Die Äquinoktien“ von 1968. Ich spare es für den nahen entsprechenden Tag auf. Das nächste vielleicht „Ravenna“ von 1980. Ich google, um nicht abtippen zu müssen, und finde witzigerweise das postwendische „ND“ („Neuss Deutschland“), das mit Mickels Text Kasse machen will:

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Nette Idee, Zeitungsabo, um ein Gedicht zu eNDe zu lesen. Danke, greife ich eben ins Bücherregal!

Auch witzig, „hebe das Absurde“. Mein Gedächtnis sagt mir, es muß „liebe“ heißen: Ich LIEBE das Absurde.

Zwischenkommentar 21:20 Uhr. Nachdem ich soweit geschrieben und den Text gesucht hatte, schaue ich Nachrichten. In der türkischen Hauptstadt wurde der russische Botschafter erschossen. In der deutschen fuhr ein LKW offenbar mit Tötungsabsicht in die Menschenmenge eines Weihnachtsmarkts. Mindestens 9 Tote, 50 Verletzte.

Karl Mickel

Ravenna (1980)

Ja ich liebe das Absurde
Wie sichs öffentlich gebärdet
Denn verschweigt es, wie es wurde
Offenbart es, wie ihr werdet

Könntet ihr es nur entschlüsseln!
Doch nun fehlt euch die Geschichte
Und um leer- und volle Schüsseln
Hockt die Blindheit dicht bei dichte

Gar zu Limbo die Gehalte
So auf ihre Formen drängeln
Die vernimmt das Dergestalte
Als ein unzufriednes Quengeln

Da ich dieses doch nur sehe
Hoffnungsfroh im Trüben hausend
Höre ich aus nächster Nähe
Plötzlich meine Stimme grausend

In Boethii Figuren
Auf Latein gebrochen sächseln
Jahre tausend die Naturen
Hünd- und Hindin zu verwechseln

Das Gedicht erschien brühwarm in Nr. 4/1980 der Zeitschrift „Temperamente“ und im Jahr darauf im Heft 161 des „Poesiealbum“, dort gleich auf der ersten Seite. Statt es zu interpretieren, verweise ich auf die Tatsache, daß das nicht leicht verständliche Gedicht nicht im „elitären“ Raum eines Gedichtbands, sondern in einer Zeitschrift für junge Leser und einer populären Heftreihe erschien, welche damals noch am Zeitungskiosk für schlappe 90 DDR-Pfennige zu haben war. „Ja ich liebe das Absurde / Wie sichs öffentlich gebärdet“. Nicht jeder Leser mag da an Ravenna gedacht haben, wohin damals nur Rentner reisen durften. Ein paar Wortkommentare zum Schluß.

  • Ravenna: die Stadt im nördlichen Italien war ein paar Jahrhundertelang Hauptstadt eines Weltreichs und diverser Nachfolgerstaaten.
  • Limbo: Vorhölle
  • Boethius: der Philosoph schrieb gelehrte Bücher (Die Tröstungen der Philosophie) und bekleidete hohe politische Ämter in Ravenna, er wurde geehrt und hingerichtet und jahrhundertelang in Schulen und Universitäten gelesen.

Das Gedicht bietet viele Ansätze, es zu interpretieren oder auch zu dekonstruieren, in Lexik (Absurde, entschlüsseln, Geschichte, Gehalte und Formen, Figuren…), Sprachschichten (quengeln vs. das Dergestalte, Latein – sächseln), Metrum und wo noch. Man kann es aber auch einfach lesen und den saturnalischen Drive genießen.

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