54. Wirkungen einer Lyriklesung

Die Diskussion verlief in ungeheurer Erregung; der Korrespondent der Prawda stürzte am Schluß auf Hermlin zu und weinte; Klaus Völker, zurück in Westberlin, schickte ein Telegramm: das dichterische Antlitz Deutschlands hat sich über Nacht verändert. Das Wachbatallion wurde in Bereitschaft gesetzt und am Morgen eine außerordentliche ZK-Sitzung einberufen. Das Vorzeigen einiger Dutzend Gedichte trieb einen Konflikt heraus zwischen den produktiven und den ängstlichen Gemütern, und es begann eine Zeit infamer Debatten und zugleich famoser Lesungen: von Nachrichten, die sonst nirgendwo zu haben waren.

Volker Braun: Einleitende Worte zur Lesung „Neue Lyrik“. Für Stephan Hermlin. In: Ders.: Wir befinden uns soweit wohl. Wir sind erst einmal am Ende. Äußerungen. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1998, S. 123.

Anmerkungen:

Prawda: Zentralorgan der Kommunistischen Partei der Sowjetunion

Hermlin: Stephan Hermlin (1915-1997), Dichter, forderte 1962 als Sekretär der Sektion Dichtkunst der Akademie der Künste in Ostberlin unbekannte Dichter auf, ihm ihre Gedichte zu schicken und las eine Auswahl daraus in einer Veranstaltung der Akademie vor. Die Dichter waren alle anwesend, u.a. Kurt Bartsch, Wolf Biermann, Uwe Greßmann, Bernd Jentzsch, Rainer Kirsch, Sarah Kirsch, Karl Mickel, B.K. Tragelehn. Mit einem Schlag war eine neue Dichtergeneration angetreten. Die SED kickte Hermlin aus seinem Akademieamt.

ZK: Zentralkomitee der regierenden Partei SED

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