Stephan Hermlin 100

Andrée Leusink, geboren 1938 in Paris, überlebte den Holocaust in Verstecken und Lagern in Frankreich und der Schweiz, kam nach dem Krieg zu ihrem Vater Stephan Hermlin nach Berlin-Pankow, war dort von 1960 bis 1997 Lehrerin. Sie ist Mitglied in der VVN-BdA und in der Linkspartei.

Interview mit der Zeitung junge Welt, Auszug:

Sie waren ein Jahr und vier Monate alt, als der Krieg begann. Ihr Vater wurde bald von den Franzosen interniert, dann zur Fremdenlegion eingezogen. 1941 starb Ihre Mutter unter schrecklichen Umständen. Sie wurden im französischen Dorf Chabannes versteckt. 1943 brachten Résistance-Kämpfer Sie und Ihren Vater in die Schweiz. Warum?

Das versprach eine größere Sicherheit. Es gab immer mehr Razzien in Frankreich. Juden wurden auch dort regelrecht gejagt. Und die Schweiz lieferte ab Sommer 1943 niemanden mehr nach Deutschland aus. Sie war nach den Schlachten um Stalingrad und Kursk tatsächlich neutral.

Im Juni 1945 kehrte Ihr Vater ohne Sie nach Deutschland zurück.

Ich war in einer Schweizer Pflegefamilie. Er ist von einem Wochenendurlaub einfach nicht ins Lager zurück, sondern nach Frankfurt am Main. Dort bekam er eine Anstellung beim amerikanischen Rundfunk. In der Kulturabteilung. Zunächst hatte er einen sehr guten Kulturoffizier aus den USA zum Vorgesetzten. Dessen Nachfolger war dann schon auf McCarthy-Linie. 1947 wurden die Kommunisten aus dem Rundfunk entfernt.

In diesem Jahr zog Ihr Vater nach Ostberlin. Wie kam es dazu?

Das hat ihm Johannes R. Becher auf dem gesamtdeutschen Schriftstellerkongress 1947 vorgeschlagen.

Zog er gleich in das Haus in Pankow, in dem er bis zuletzt lebte?

Ja, dieses Haus wurde ihm zur Verfügung gestellt. Es war noch voll eingerichtet. Er besaß ja nur, was er anhatte und drei Bücher.

Welche waren das?

Gedichtbände, an denen er sehr hing. Ich kann mich nur an den Hölderlin erinnern.

(…)

Was hatte seine berühmte Lyrik-Lesung im Dezember 1962 an der Akademie der Künste in Berlin für eine Vorgeschichte?

Es ging um die Entwicklung einer Schreibkultur. Junge Leute sollten Gedichte einsenden. Tragend war die Sektion Lyrik der Akademie. Die Junge Welt hat das aufgenommen. Mein Vater hat von etwa 5.000 Einsendungen die besten ausgewählt und vorgetragen. Sehr viele hochbegabte Leute hatten sich beteiligt: Sarah und Rainer Kirsch, Volker Braun, Karl Mickel, Wolf Biermann. Also ich fand den Abend großartig. So etwas hat es eigentlich in keinem anderen Land gegeben.

 

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