Ein Briefgedicht von Caspar David Friedrich

Caspar David Friedrich (5. September 1774 Greifswald – 7. Mai 1840 Dresden)

Aus Caspar David Friedrichs Nachlaß. Mitgeteilt von Friedrich Aubert.

(…)

Einfachheit, Einheitlichkeit — so ist Friedrichs Kunst, so ist Friedrichs Persönlichkeit, so ist auch sein Leben.

Es ist mit ihm so wie mit Millet und mit Constable: hat man seine Kunst erst liebgewonnen, will man gern ihn selbst persönlich kennen lernen. Daher wird vielleicht ein Stück Lebensbild, das ich hier aus seinen hinterlassenen Papieren mitteilen kann — ein Tag aus seinem schlichten Leben — schon vielen willkommen sein. Es ist ein Brief in Versen, etwa in der Art von Runges Briefe aus seiner Seelandsreise, nur unbeholfener, von einem viel naiveren und einfach gebildeten Menschen. Aber hat man Friedrich lieb, hat es gerade so seinen eigentümlichen Reiz. Jedenfalls hat es, wo es einem so bedeutenden, bahnbrechenden Künstler gilt, seinen kulturgeschichtlichen Wert als document humain. Es findet sich in zwei Redaktionen, doch in keiner als fertige Reinschrift. Dem Papier nach zu urteilen, noch besser nach den naiv unbeholfenen Randzeichnungen, die sich da finden, muss es einer sehr frühen Zeit angehören, kurz nach seiner Ansiedelung in Dresden 1798. Wohl schon vor 1805, da wir ihn den Sommer über in Loschwitz ansässig finden. Wir treffen vielleicht das Richtige, wenn wir das Gedicht um das Jahr 1800 datieren.

Ein Brief in Versen.

Es war die fünfte Stunde früh,
So meldete des Kirchturms Klocke,
Und matt erhellte der junge Tag
Durchs kleine Fenster meine Kammer.

Da lüftete ich das deckende Bett,
Vom weichen Lager mich hebend,
Lobpreisend den Herrn, der Ruh mir verlieh,
Beschirmt vor allen Gefahren.

Kühl war der Morgen, doch deckte ich rasch
Den Leib mit reinem wollenen Zeug.
Dann wurde gewaschen der Mund,
Gewaschen das Antlitz, die Hände.

Denn die Reinlichkeit behagt gar wohl,
Erhält gesund und warm den Körper.
Da fiel mirs ein, nach Tarant zu gehen,
Den kleinen, niedlichen Städtchen.

Drei Stunden nur liegt’s von Dresden entfernt
Im schönen anmuthigen Thale
Von Bergen umschlossen, mit Buchen bekränzt
Die strebende Höhe derselben.

Gleich säuberte ich die Stiefel mir,
Zog anders mich an vom Haupt bis zu Füssen,
Versehen mit Bleistift und Papier,
Des Gummi-Elastikums nicht vergessend.

Doch wartete ich noch aufs dienende Mädchen,
Die bringen würde die warme Milch, die Semmel.
Sie kam diesmal wie gewünscht sehr früh,
Und brachte das Begehrte.

Ich schlürfte behaglich aus Meissner Tasse
Die warme Milch hinunter,
Ass dann das braun geback’ne Brot,
Sechs Pfennige war es im Werte.

Indes das Mädchen das Bett gemacht,
Zur kommenden Nacht bereitet,
Die Kammer gekehrt, wie gewohnt,
Sie weiss, ich hab’s gern reinlich,

Schnell eilte ich die Strassen durch,
Auf grüne Fluhr zu kommen,
Wo freier die Luft uns reiner umgiebt,
Und fröhlich der Mensch sich fühlet.

Es perlte der Tauh in duftender Saat,
Vom Sonnenglanz erleuchtet,
Es trillerte die Lerche ihr Morgenlied,
In hoher Luft sich erhebend.

Es rauschte die wilde Weisseritz,
Kühl flüsterten durch Erlen die Winde.
Aus nahem Dorfe, Plauen genannt,
War hörbar schon des Wasserfalls Getöse.

Gleich hinter dem Dorfe erheben sich
Die Felsen zur Rechten und Linken,
Mit Bäumen und Büschen mancherlei Art
Und schwellendem Moose bewachsen.

Schön ist’s vor quaderner Brücke zu stehen,
Umgeben ringsum von Felsen,
Wo durch der Brücke Bogen man sieht
Die weisse Buschmühle liegen.

Das tosende Wasser stürzt schäumend sich
An rauer Granitwand hinunter.
Man höret sein eigenes Wort kaum noch,
Auch nicht der Mühle Geklapper.

Und weiter ging ich im Grunde fort,
Bewundernd die schöne Umgebung
Von Felsen und Bäumen, von Gärten und Wiesen,
Mich freute die Klarheit des Spiegels im Wasser,

Das Läuten der Kühe, die weidenden Schafe,
Die hüpfende Ziege im Grase,
Das Krachen der schwerbeladenen Wagen,
Das Wiehern der muthigen Hengste.

Gott Grüss euch, nickten freundlich mir zu
die Männer, Weiber und Mädchen.
Schön Dank, erwidert ich, rOckte den Hut
Und lachte hin zu den Mädchen.

Die grosse Hälfte des Weges
War bereits zurück schon gelegt,
Da setzt ich mich hin, zu zeichnen
Den Windberg, den höchsten der Gegend.

Es rollte ein Wagen vorbei
Voll geputzter Herren und Damen,
Recht fröhlich schienen sie alle,
Laut schäckernd rief einer mir zu:

Nehmen Sie uns doch mit ab!
Nehmen Sie mich lieber mit auf!
Erwidert ich schnell und geschwinde
Rasch rollte der Wagen vorbei.

Drauf gieng es weiter im Grunde fort,
Die Felsen wurden höher und schöner,
Es krachten die Tannen auf luftiger Höhe,
Im Thale lispelten die Birken.

Hoch über der Berge Gipfel schwebte
Die Weihe in stolzen Zügen,
Auf blumiger Wiese an kühlender Quelle
Erthönten der Nachtigall Lieder.

Ich hörte halb — es war auf elf —
Die Klocke im Thurme schon schlagen,
Drauf sah ich auch bald die alte Burg
Am felsigen Abhange liegen,

Die Kirche nachher, den spitzigen Thurm
Mit blinkendem Kreuze und Fahne,
Sehr fest gebauet, auf felsigem Grund,
Wohl deutend auf die Religion so sie lehrt.

Ich kam ins Städtchen, doch weilte ich nicht,
Gieng gleich hinauf zur Ruine,
Der schmale Fusspfad den Felsen hinan
Führt mich an der Kirche vorüber.

Ich trat ins offene Gotteshaus
Voll Rührung und Andacht im Herzen,
Blieb vor des Altars Stufen stehn
Zum Gebet die Hände gefaltet

Nun ging ich weiter der Burg zu,
Die stolz in Trümmern noch pranget
Mit Pfeiler und Bogen und hohem Gemäuer
In grauer Zeit noch erbauet — —

Schön ist von dieser Höh zu schauen
Des Schöpfers Werke umher.
Das Thal in drei Arme teilet sich
Nach Norden, Osten und Westen.

Die waldigen Höhen, die schroffen Felsen,
Die fruchtbaren Äcker und Wiesen,
Und unten das Städtchen, sehr reinlich und nett,
Wer kann die Schönheit beschreiben?

Im Innern der Ruine war einfach und edel
Ein kleiner Altar errichtet,
Der Dankbarkeit war er geweiht,
Wie seine Inschrift lehret.

Wenn Wanderer du die Pracht der Auen
Von hier mit Freuden schauest,
So zoll auch hier dein Dankgefühl
Dem Schöpfer der Natur.

Spend‘ was dir ward, wenn wenig nur
Den Armen, deinen Brüdern,
Und preise Gott, der diese Freude
Dir heute hat verliehen.

Ich zollte, auch wenn wenig nur,
Mit frohem Herzen ihm,
Sah dann umher noch einmal hin
In Gottes schöne Werke.

Und dacht an Dich, Du guter Heinrich,*
An Dich, Du lieber Preef, **
Und wünschte still im Herzen noch einmal
Diese Freud mit Euch, ihr guten, zu geniessen.

Nun ging ich links das Feld hinab,
Die Klocke hat zwölf geschlagen,
Zum Gasthof, der braune Hirsch genannt,
Der Mahlzeit mich erfreuend.

Wollt Ihr auch wissen, was ich ass
So will ich ’s auch erzählen:
Erst Supp, dann Rindfleisch mit Kohl,
Kottlet und Brot und Bier.

Ich trat nunmehr den Rückweg an,
Damit ich ’s kurz erzähle,
Und nahe an der Königsmühle,
Die vorher nicht erwähnet,

Hört ich der Hörner muntern Ton,
Das Echo von den Felsen,
Drei Männer waren ’s, die sich zur Freud
Und vielen andern bliesen.

Vier Mahler traf ich auch noch an
Und grüsste sie und brachte dem einen
Viele Grüsse von seinem Freund aus Rom
Er hat an mich geschrieben.

Die Stadt hatt‘ ich bereits erreicht,
Durcheilte schnell die Gassen
Nach Crämers hin, mich hungerte,
Das Abendbrod zu essen.

Es schlug halb zehn, wie ich wieder
Zu Hause mich verfügte
Ins Bett mich legt und ruhig schlief.
Ob ich geschnarcht? Das weiss ich nicht.
Ihr wollt’s wohl auch nicht wissen ?

  • Einer der Brüder Caspar Friedrichs in Greifswald.
    ** Kaufmann Prafke [eigtl. Praefke], entfernter Verwandter.

Aus: Kunst und Künstler; illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe Jg. IV, Heft VII, April 1906, S. 298-303

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: