9. Zwei erotische Gedichte

Daniil Charms

An Marina

Wohin Marina richtest du den Blick
Den listigen in diesem Augenblick?
Wozu lockst du mit kindlicher Grimasse
Mich fort vom Tisch damit ich lasse
Die Bücher Bücher sein, Papier und Feder
Und trinke deine junge nasse …
Und mit der Hand die Brust dir halte.

Deutsch von Peter Urban, in: Daniil Charms: Die Wanne des Archimedes. Gedichte. Wien: Edition Korrespondenzen, 2006, S. 133 .

An Marina

Du blickst in mädchenhafter Laune
Und blinzelst so verführerisch.
Es will dein lockendes Geraune,
dass ich verlasse meinen Tisch
und vor dir auf die Knie sinke,
vergessend Feder und Papier,
und deine jungen Säfte trinke
und deine junge Brust massier.

<1935>

Deutsch von  Alexander Nitzberg, in: Daniil Charms: Sieben Zehntel eines Kopfs. Gedichte. Berlin: Verlag Galiani 2010, S. 181.

Марине

Куда Марина взор лукавый 
Ты направляешь в этот миг? 
Зачем девической забавой 
Меня зовешь уйти от книг, 
Оставить стол, перо, бумагу 
И в ноги пасть перед тобой. 
И пить твою младую влагу 
И грудь поддерживать рукой. 

<1935>

Ханс Даниил

(Im Original: Und trinken deine junge Feuchte, wobei влага, Feuchtigkeit, Nässe, an die Wörter влагать, hineinlegen, hineintun, und влагалище, Scheide, anklingt)

Wozu! Wozu den sitzt er hier
Wozu den sitzt er doch
Ich möchte einen Mädchen hier
Mit einem feuchten Loch.

<1932>

So im Original Deutsch, in: Daniil Charms: Sieben Zehntel eines Kopfs. Gedichte. Berlin: Verlag Galiani 2010, S. 186.  – 1931/32 war er zum ersten Mal in Haft.

Über seine zweite Verhaftung, die er nicht überlebte, schreibt Wikipedia:

Aber nicht nur die wirtschaftliche Situation war bedrohlich, auch sein soziales Gefüge änderte sich radikal: am 3. Juli Verhaftung von Nikolai Oleinikow, der am 24. November 1937 erschossen wurde; Verbannung von Oleinikows Frau; der verantwortliche Redakteur des Joschs starb im Lager, die Redaktionssekretärin des Kinderbuchverlags verbrachte 17 Jahre im Lager; am 6. August weitere Verhaftungen von Mitarbeitern des Kinderbuchverlags, von denen manche ermordet wurden wie der Physiker Matwei Bronstein; am 28. August Verhaftung der Familie von Charms’ erster Frau: Ester kam 1938 im Lager um, ihre vier Geschwister wurden zu 10 Jahren Lager verurteilt; am 5. September Zerschlagung von Marschaks Redaktion und Flucht von Marschak; am 14. September Verhaftung des ehemaligen Redaktionssekretärs des Joschs.[49]

Am 23. Oktober 1937 schrieb Charms in sein Tagebuch:

„Mein Gott, ich habe nurmehr eine einzige Bitte an Dich: vernichte mich, zerschlage mich endgültig, stoße mich in die Hölle, laß mich nicht auf halbem Wege stehen, sondern nimm von mir die Hoffnung und vernichte mich schnell, in Ewigkeit.“[50]

Und eine Woche später: „Mich interessiert nur der ‚Quatsch‘, was keinerlei praktischen Sinn hat. Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung.[51]

Zwei Monate nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde Charms am 23. August 1941 zum zweiten Mal verhaftet. Dieses Mal wurde ihm die Verbreitung defätistischer Propaganda vorgeworfen.[52] Im rechtsmedizinischen Gutachten vom gleichen Tag heißt es: „Er ist orientierungsfähig. Er hat fixe Ideen, die Wahrnehmung ist gemindert. Er gibt absonderliche Vorstellungen von sich.“[53] Diagnostiziert wird „Psychose (Schizophrenie?)“.[54] In weiteren Vernehmungen bestritt Charms, Verbrechen gegenüber der Sowjetunion ausgeübt zu haben. Am 2. September wurde er in die benachbarte Gefängnispsychiatrie überstellt und dort am 10. September erneut für geisteskrank erklärt. Dieser Befund stützt sich auf das Gutachten vom Herbst 1939, als Charms eine Schizophrenie simulierte, um vom Dienst im Sowjetisch-Finnischen Krieg befreit zu werden. Damit hätte Charms entlassen werden müssen, am 26. November 1941 belastete ihn jedoch eine NKWD-Agentin schwer. Die Anklage am 7. Dezember lautete:

„Aufgrund des Resultats der gerichtspsychiatrischen Untersuchung vom 10.IX.1941 wird der Angeklagte Juvačëv-Charms in der ihm zur Last gelegten Schuld für geisteskrank und unzurechnungsfähig erklärt. [… Er] hat sich bis zu seiner völligen Genesung in eine psychiatrische Heilanstalt zur Zwangsheilung zu begeben.[55]

Mitte Dezember erfolgte die Einweisung Charms’ in die psychiatrische Anstalt des Leningrader Gefängnisses Kresty. Seine Ehefrau konnte ihn aus Unkenntnis seines Aufenthalts erst im Februar 1942 besuchen. Bei der Anmeldung erhielt sie die Auskunft: „Gestorben am zweiten Februar.“[56] Die mutmaßliche Todesursache während der Leningrader Blockade ist Unterernährung. Sterbe- und Bestattungsort sind unbekannt.

Die Enzyklopädie Krugoswet schreibt: starb im Gefängnis an Entkräftung.

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