49. Süße sanfte Töterin

textkette. gute gedichte ins facebook

Lyrikzeitung dokumentiert die gemeinfreien Texte der auf Facebook vor kurzem begonnenen Anthologie Textkette. Ausgehend von einem Gedicht Kurt Tucholskys entwickelte sich in kurzer Zeit eine umfangreiche, schier exponentiell wachsende Anthologie nach folgendem Verfahren: Wer bei einem bereits vorhandenen Gedicht auf “Gefällt mir” klickt, erhält von der Person, die das Gedicht vorgeschlagen hat, einen Autor benannt, von dem er/sie wiederum ein Gedicht auswählen muß.*

Ausgewählt von Michael Gratz im Auftrag von Norbert Lange.

Heinrich von Morungen, da ist man rechtlich auf der sicheren Seite. Der Minnesänger starb vor beinahe 800 Jahren in Leipzig. Kein Erbe und kein Anwalt verbietet das Abschreiben.

Ich schwanke, nehme ich das Taglied oder das kleine mit der sanften süßen Töterin? Ich nehme beides.

Vil süeziu senftiu toeterinne

Vil süeziu senftiu toeterinne,
war umbe welt ir toeten mir den lîp,
und ich iuch sô herzeclîchen minne,
zwâre vrouwe, vür elliu wîp?
Waenent ir, ob ir mich toetet,
daz ich iuch iemer mêr beschouwe?
nein, iuwer minne hât mich des ernoetet,
daz iuwer sêle ist mîner sêle vrouwe.
sol mir hie niht guot geschehen
von iuwerm werden lîbe,
sô muoz mîn sêle iu des verjehen,
dazs iuwerre sêle dienet dort als einem reinen wîbe.

In möglichst wörtlicher Rohübersetzung (Wörtlichkeit wichtiger als „richtiges“ Verstehen):

Viel süße sanfte Töterin
warum wollt ihr mir den Leib töten,
wo ich euch so herzlich liebe,
wahrhaftig, Frau, mehr als alle Frauen?
Glaubt ihr, wenn ihr mich tötet,
daß ich euch nicht mehr anschauen kann?
Nein, meine Liebe zu euch hat mich dazu gebracht (genötigt),
daß eure Seele meiner Seele Herrin ist.
Soll mir hier nicht Recht geschehen
von euerm werten Leibe,
so wird meine Seele euch versichern,
daß sie dort eurer Seele dienen wird wie einem reinen Weib (einer unbefleckten Jungfrau).

Owê, sol aber mir iemer mê

1
Owê, —
Sol aber mir iemer mê
geliuhten dur die naht
noch wîzer danne ein snê
ir lîp vil wol geslaht?
Der trouc diu ougen mîn.
ich wânde, ez solde sîn
des liehten mânen schîn.
Dô tagte ez.
2
‚Owê —
Sol aber er iemer mê
den morgen hie betagen?
als uns diu naht engê,
daz wir niht durfen klagen:
‚Owê, nu ist ez tac,‘
als er mit klage pflac,
dô er jungest bî mir lac.
Dô tagte ez.‘
3
Owê, —
Si kuste âne zal
in dem slâfe mich.
dô vielen hin ze tal
ir trehene nider sich.
Iedoch getrôste ich sie,
daz sî ir weinen lie
und mich al umbevie.
Dô tagte ez.
4
‚0wê,-
Daz er sô dicke sich
bî mir ersehen hât!
als er endahte mich,
sô wolt er sunder wât
Mîn arme schouwen blôz.
ez was ein wunder grôz,
daz in des nie verdrôz.
Dô tagte ez.

1
O weh, –
wird mir jemals wieder
durch die Nacht leuchten
ihr wohlgebauter Leib?
Der trog meine Augen.
Ich glaubte, es wäre
des hellen Mondes Schein.
Da tagte es.
2
„O weh –
wird er jemals wieder
den Morgen hier erleben?
Daß uns die Nacht vergeh
ohne daß wir klagen müßten:
‚O weh, nun ist es Tag‘,
wie er wehklagend tat,
als jüngst er bei mir lag.“
Da tagte es.
3
O weh, –
sie küßte ungezählt,
in jenem Schlafe mich.
Da fielen zum Boden
ihre Tränen nieder.
Doch tröstete ich sie,
so daß sie zu weinen aufhörte
und mich umarmte.
Da tagte es.
4
„O weh, –
daß er sich so oft
an mir sattgesehen hat!
Als er mich aufdeckte,
wollte er ohne Kleidung
mich Arme* nackt beschauen.
Es war ein Wunder groß,
daß ihm das nie zu viel wurde.“
Da tagte es.

*) Eigentlich mîn arme, meine Arme. Einige Forscher nehmen „mich Arme“ an, andere bestreiten es.

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