Piqer Mascha Jacobs bei piqd:
der beste Ort für Fundstücke: Die Website UbuWeb, die der konzeptuelle Autor Kenneth Goldsmith nunmehr seit 20 Jahren füllt. Er sammelt Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern sowie Texte, Soundschnispel, Dokumentationen, Videos und Musik von Underground- und Avantgardekünstlern. Aber auch abseitiges Material von bekannten, zum Kanon gehörenden Künstlern. Wenn man nicht gezielt auf der Suche ist, nach einem Video von Yvonne Rainer, über das man schon so viel gelesen hat, weil es für den minimalistischen Tanz in den 1960er Jahren wichtig war, startet man am besten mit einem Klick auf Recent Additions, um einen Anfang zu machen. Und von da aus landet man etwa bei einer Coverversion von Joseph Beuys „Ja Ja Ja Nee Nee Nee“ von Martin Kippenberger oder klickt auf Fat Boy Slim, hinter dessen Namen sich ein fantastisches Video verbirgt, in dem Christopher Walken in einer einsamen Hotellobby tanzt. / Mehr
poet nr. 21. Literaturmagazin. Hg. Andreas Heidtmann. Leipzig (poetenladen) Herbst 2016. 252 S., 9.80 Euro. Besprochen hier von Alexandru Bulucz. Auszug:
Die Rubrik Lyrik eröffnet der stille amerikanische Poet Keith Waldrop. Fünf der sechs Gedichte übersetzte Jan Kuhlbrodt, eines – „Archipelago“ – Peggy Neidel. Kuhlbrodt folgt dabei mehr dem Sinn als der Wörtlichkeit des Originals. Aus „In the still oft he night, in bed with your only wife“ wird z.B. „In stiller Nacht und monogamen Betten“ (The Still of the Night – In der Stille der Nacht). Oder: Enden alle Strophen des Gedichts „Unlistened“ im Original mit der Zeile „Silence“, enden sie in der Übersetzung mal mit „Ruhig wird“, mal mit „Wird ruhig“. Eine einzige Strophe endet mir „Ruhig“. Das liegt an den im Englischen verwendeten Subjunktionen und Konjunktionen „while“, „though“, „but“, „as“ und „and“ und daran, dass die englische anders als die deutsche Sprache keine durchgängige Verbzweitstellungs-Regel mehr kennt. Trotz solcher und anderer Schwierigkeiten gelingt es beiden Übersetzern, Waldrops Stimme auch im Deutschen zu bewahren. Eine Stimme, die keine Effektheischerei kennt, sondern nur Diskretion, Stille und Zurückhaltung, und die um ihre Endlichkeit weiß. Im Gedicht „Der Wind lacht“ wird die Endlichkeit vom ständig wehenden und sie ignorierenden Wind kontrastiert. Ob zum Lunch, Dinner oder Frühstück: „der Wind lacht“. Und nur angesichts von Episoden der Unendlichkeit befugt uns das Ich, es zu wecken. Ansonsten gilt es: „Nicht stören“.
Nach 50 Jahren werden die Akten des Nobelpreiskomitees der Öffentlichkeit zugänglich. Daraus erfährt man jetzt, daß auf den vorderen Plätzen der Auswahl Yasunari Kawabata, Graham Greene, W. H. Auden und Samuel Beckett standen. Der Japaner erhielt ihn 1968, Beckett 1969, während die beiden anderen nie dran kamen. Ganz vorn standen Nelly Sachs und Paul Celan, und es gab den Vorschlag, den Preis zwischen ihnen zu teilen. Das Komitee zweifelte aber, ob Celans Werk einen solchen Rang habe. Schließlich wurde der Preis zwischen Nelly Sachs und dem israelischen Autor Samuel Josef Agnon geteilt.
Da auch Akademiemitglieder keine Götter und schon gar nicht ohne Fehl und Tadel sind, bleibt mehr als ein Geschmäckle:
Sachs genoss aber Heimvorteil. 1940 vor den Nazis nach Schweden geflohen, war sie schwedische Staatsbürgerin und in der Szene vernetzt. In der Akademie sassen die Freunde Ekelöf und Lindegren, die sie ins Schwedische übersetzt hatten und die ihrerseits von Sachs übersetzt wurden, sowie drei weitere Autoren, deren Werke sie in früheren Jahren ins Deutsche übertragen hatte. Für Befangenheit hatten die achtzehn Akademiker damals kein Sensorium. 1976 zeichneten sie sogar die beiden Akademie-Kollegen Eyvind Johnson und Harry Martinson mit dem Preis der Preise aus – eine Affäre, die zwei Jahre später mit Martinsons Suizid endete. / Aldo Keel, Neue Zürcher Zeitung
Mehr
Zu den Nobelpreisen 1966 Thomas Steinfeld, Süddeutsche Zeitung / Svenska Dagbladet / Dagens Nyheter
Hilde Domin / Nelly Sachs – Wie ein großes Missverständnis
Frankfurter Rundschau–26. Dez. 2016
Jetzt als vorbildliche Edition zu haben: Die Briefe der so verbundenen und doch so verschiedenen Lyrikerinnen Hilde Domin und Nelly Sachs.
… Google fragen bringt nichts. Beweis:

Nein, nix Rosanna, nix Wake-up-call und auch nicht Preisvergleich und Heidekinder.
Morgens früh um sechs
kommt die kleine Hex‘;
und bringt die neue Lyrikzeitung. Genauer um, technisch bedingt, 6:02 Uhr. Bis dahin schauen Sie ins Archiv oder lesen den Kindervers weiter!
morgens früh um sieben
schabt sie gelbe Rüben;
morgens früh um acht
wird Kaffee gemacht;
morgens früh um neune
geht sie in die Scheune;
morgens früh um zehne
holt sie Holz und Späne;
feuert an bis elfe,
kocht dann bis um zwölfe
Fröschebein und Krebs und Fisch.
Hurtig, Kinder, kommt zu Tisch!
Freitag ist Dreikönigstag Allan-Poe-Tag L&Poe-Tag!
Der noch im späten 19. Jahrhundert da und dort gepflegte Geniekult geht auf die mythische Vorstellung eines originären Schöpfertums zurück, das ab ovo oder ex nihilo etwas Neues, Niedagewesenes, Unverwechselbares in die Welt bringt. Das solcherart schöpferische Genie tritt in der Funktion eines gottähnlichen Demiurgen auf, der die Wirklichkeit durch eigens geschaffene mögliche Welten mit jeweils eigenem Realitätsstatus ergänzt. Bestätigt wird diese Vorstellung durch die Bezeichnung des Schöpfers als „Autor“, lateinisch auctor (von augere, „mehren“), wovon die Begriffe „Autorschaft“ und „Autorität“ herzuleiten sind: Die Funktion „Autor“ ist also ursprünglich auf ein stetiges autoritatives Hervorbringen von „Neuem“ festgelegt, auf eine permanente Innovationsleistung, durch die die bestehende Welt angereichert, eben „gemehrt“ werden soll. […]
Produktive „Mehrung“ ist nur dann möglich, wenn eine Auslese stattfindet, wenn ihr also eine umsichtige „Minderung“ vorausgeht – wer Neues hervorbringt und durchsetzen will, muss auch auf Vorgängiges verzichten können, um für Neues Platz zu schaffen. Das heisst allerdings nicht, dass alles Überlieferte zu verwerfen ist, wie noch die klassische Avantgarde es gefordert hat, es heisst vielmehr, dass die Überlieferung immer wieder bereinigt, neu bewertet, nachträglich begradigt werden muss, um eine innovative „Mehrung“ überhaupt erst zu ermöglichen und produktiv zu machen.
[…] Im Gegensatz zur natürlichen Evolution der Tier- und Pflanzenwelt erfordert die Evolution der Künste gezielte Eingriffe von aussen, durch die die Struktur- und Formentfaltung in vorbestimmte Bahnen gelenkt wird. Als Vergleich für dieses Verfahren bietet sich die althergebrachte Kulturtechnik des Pfropfens (oder Pelzens) an. Im Akt des Pfropfens verbindet sich die destruktive Geste der Amputation (Stamm, Äste werden gekappt) mit der konstruktiven Geste der Transplantation (fremdes Reis wird an der Schnittstelle eingesetzt). Aus solcher Verbindung, begriffen als „Veredelung“, ergibt sich die geplante „Mehrung“ , und diese wiederum mehrt und differenziert auch die Möglichkeiten der Herausbildung neuer Fruchtformen und -qualitäten. Stamm und Ast verlieren somit an Bedeutung zu Gunsten der gewalthaft (mit dem Pfropfmesser) bewerkstelligten Verzweigung. Die neu applizierten Reiszweige bilden so etwas wie ein nach oben gekehrtes, in unterschiedliche Richtungen weisendes Wurzelwerk, das die Entfaltung der gewachsenen und weiterwachsenden Gestalt wie auch die nachkommende Produktion (des Baums, des Rebstocks usw.) merklich mitbestimmt.
Der „Autor“ als schöpferische Instanz wird damit naturgemäss entmachtet, wird abgelöst durch einen „Generator“, der die Kunstentwicklung voranbringt, indem er die Überlieferung mit technischen Mitteln manipuliert. Das Verfahren entspricht dem antiken Vorbild der Anthologie, die durch das Sampling von Fremdtexten eine eigenständige, von der Autorität eines individuellen Autors unabhängige Werkform konstituiert, und es findet seine aktuelle Anwendung in der vielfältigen Methode des Copy-Cut-and-Paste, bei der überlieferte Materialien – Texte wie Bilder − kopiert, auseinandergeschnitten und mit neuer Intention in neuer Zusammensetzung sowie unter Verwendung zusätzlicher Versatzstücke aufbereitet werden. […]
Mit Blick auf die hybride Kunst- und Literaturproduktion von heute könnte man unter diesem Gesichtspunkt sagen, sie bestehe vorwiegend aus disparaten Pfropfsprossen, die den Stamm und das natürlich herangewachsene Astwerk, auf das sie transplantiert wurden, weitgehend vergessen lassen.
[…] Die Evolution von Kunst und Literatur, aber auch die individuelle Werkentstehung in bildhafter Analogie zur Technik der Pfropfung zu sehen, mag als Anregung dienen für die Ausarbeitung einer historischen Poetik zwischen Natur und Kultur. So wäre womöglich eine interdisziplinäre Position zu erschliessen, von der aus eine Vielzahl poetologischer Fragestellungen in neuer Perspektive angegangen und erhellt werden könnten.
Felix Philipp Ingold, „Die Kunst des Pfropfens“ (Auszug), in VOLLTEXT, 2016, H. IV.
Das war die Lyrikzeitung 2016. See you soon!
Ianina Ilitcheva wurde am 4. Dezember 1983 in Angren, Usbekistan geboren. Sie kam mit einer schweren, seltenen Hautkrankheit auf die Welt, weswegen sie 1991 mit ihrer Mutter nach Österreich zog, da hier die Behandlungsmöglichkeiten fortgeschrittener waren. Allerdings ließ sie sich nie von ihrer Krankheit limitieren – ganz im Gegenteil: sie lebte unablässig radikal empfindsam, hungrig und selbstbestimmt, war stets auf Suche nach dem Schaumkraut am Wegesrand. (…)
2015 erschien, basierend auf ihrer Diplomarbeit an der Akademie der Bildenen Künste, ihr transmediales Buchprojekt 183 Tage, in welchem sie sich versuchsartig mit Isolation, sozialem Begehren und den Abläufen kreativer Prozesse auseinandersetzte. Im gleichen Jahr drehte sie mit Felix Hermann und Jakob Defant in Marroko und Wien den experimentellen Dokumentarfilm Rohdiamanten. Und als @blutundkaffee war sie seit einigen Jahren eine lyrische Ikone, der schönste Geist der deutschprachigen Twitteria – übertriebener Pathos, hohler Zynismus und Blasiertheit waren ihr dabei aber fremd; alles geschah mit dieser bitterernst funkelnden Leidenschaft, die so viele von uns in ihren Bann zog. (…) / Rick Reuther, Sprachkunst
Der Lyriker und Essayist Jochen Winter erhält den mit 10 000 Euro dotierten Literaturpreis der A und A Kulturstiftung. Der 1957 in Schwetzingen geborene Autor, der in Paris und Sizilien lebt, hat Gedichtbände („Spuren im Unermesslichen“, 2012), Essays über das symbolische Denken und die Natur und eine Abhandlung über Giordano Bruno veröffentlicht. Die Preisverleihung findet am 2. Februar 2017 im „Roten Salon“ der Berliner Volksbühne statt. Die Laudatio hält Sebastian Kleinschmidt. / Süddeutsche Zeitung 22.12.
FR druckt russische Gedichte über den Krieg in Tschetschenien
Die modernen Maßnahmen der Zensur sind subtil: Auf einen neuen Fall macht jetzt die britische Zeitschrift Index on Censorship aufmerksam. Sie veröffentlichte russische Gedichte zum Krieg in Tschetschenien, die praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit in einem kleinen Moskauer Verlag erschienen sind. In unserer Reihe „Unterdrückte Wahrheiten“, die ein Kooperationsprojekt zwischen der FR, der Heinrich-Böll-Stiftung und Index on Censorship ist, dokumentieren wir einige von Uta Ruge ausgewählte und übersetzte Gedichte sowie eine Einleitung des britischen Lyrikers Richard McKane. / FR 29.6.01
Van Hoddis
Immer wieder in Sanatorien und Kliniken eingeliefert, bei Pflegefamilien in Thüringen, von 1922 an in Privatpflege bei einer Gastwirtsfamilie in Tübingen, entmündigt, in die Universitäts-Nervenklinik eingewiesen und 1933, als seine Familie nach Palästina auswandert, in die „Israelitische Heilanstalt“ in Bendorf Sayn bei Mainz verbracht, wird Jakob van Hoddis am 30. April 1942 mit hundert weiteren Patienten und den Mitarbeitern der Anstalt in den Distrikt Lublin verschleppt und bald darauf, wahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibor, ermordet.
„Manchmal, wenn er sich im Garten befindet, springt er plötzlich auf irgendein Tier (Ameise, Schmetterling etc.) zu und begrüßt dasselbe durch sechs- bis siebenmaliges steifes Verbeugen oder durch Abnahme des Hutes“, kann man in der Göppinger Krankenakte lesen, in der – wie in allen anderen, die das umfangreiche Ausstellungsbuch versammelt – der Dichter Jakob van Hoddis nur noch Pat. (Patient) heißt. / ERNEST WICHNER Süddeutsche 29.6.01
„all meine pfade rangen mit der nacht. jakob van hoddis, hans davidsohn (1887-1942)“. Ausstellung in der Stiftung „neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“. Bis 31. August 2001. Vom 16. September bis 11. November 2001 in den Räumen der ehemaligen „Israelitischen Heilanstalten“ in Bendorf Sayn, . Katalog: Stroemfeld Verlag, Frankfur/M. 2001. 256 Seiten, 40 Mark.
(Als ich die Ausstellung in der Neuen Synagoge besuchte, wurden die Taschen kontrolliert und ich mußte mein Schweizer Messer abgeben. Als ein Besucher fragte, was ausgestellt sei, ward ihm Antwort: „Irgendein russischer Dichter“. Deutschland hat sein jüdisches Kulturerbe gründlich entsorgt. Heißt es korrekt „Dichter unbekannt“ oder „Weltende? Kennen wir nicht“?)
Bachmann extrem
Das eine Extrem vertritt Thomas Kling: «Mainstreamkitsch», «Kulissenschieberei», «ein unelegantes Gewuchte von Bildern» oder «klassizistisches Herumfummeln mit Hölderlin» erkennt er in Bachmanns Lyrik und urteilt gnadenlos – Mittelmass. Auf der anderen Extremseite Peter Hamm: Er reiht Bachmann unter seine «Märtyrer, Dichter und Heiligen», für ihn ist ihre Lyrik ein «Singen in der Löwengrube oder ein Singen im Feuerofen, also gleichermassen Todesfurcht wie Zuflucht und Hoffnung auf Erlösung».
Reinhard Baumgart (Hrsg.): Einsam sind alle Brücken. Autoren schreiben über Ingeborg Bachmann, Piper München 2001, Fr. 25.80. Joachim Hoell: Ingeborg Bachmann, dtv Portrait, dtv München 2001, Fr. 17.- / St. Galler Tagblatt 26.6.2001
taz druckt auf der Titelseite den Text eines Songs von John Lee Hooker, der am 21.6. bei San Francisco gestorben ist. Und kündigt auf dem Titel einen Artikel über Ingeborg Bachmann so an: „Am Montag wäre die Poetendiva 75 geworden. Unterhalb des Absoluten hat sie es eigentlich nie gemacht.“
Mobile phone text-message poetry winning poem
txtin iz messin,
mi headn’me englis,
try2rite essays,
they all come out txtis.
gran not plsed w/letters shes getn,
swears i wrote better
b4 comin2uni.
&she’s african(Hetty Hughes)
Hetty won the first prize (£1,000) in the Guardian’s text message poetry competition – from almost 7,500 entries. Two of Britain’s foremost poets, the judges Peter Sansom and UA Fanthorpe assess the creative output from your mobile phones. Online’s competition has inspired first-time and seasoned bards alike. / Guardian
PEN-Präsident, staatenlos
Wie kommt es, dass jemand, der seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, noch immer nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt? SAID: Ich habe vor vier, fünf Jahren die Staatsbürgerschaft beantragt. Die Bürokratie hat mir aber mitgeteilt, dass ich dafür nicht genügend Geld verdiene. Natürlich hätte ich vor Gericht ziehen können und auch Recht bekommen, weil der Bescheid verfassungswidrig war. Aber ich fand es lächerlich, mich wegen eines Stücks Papier zu streiten. / der iranische Lyriker und deutsche Pen-Präsident Said in der Kleinen Zeitung Online
Glorreiches Erbe
Rein statistisch betrachtet, bringt Griechenland heute die meisten Lyriker Europas hervor. Vermutlich hat auch dies mit den lebendigen Traditionen zu tun – in einem Land, wo Mütter ihre Kinder noch heute ganz selbstverständlich Odysseus, Dionysos oder Iphigenie taufen. „Wenn du alleine unter einem mörderisch blauen oder weißen Himmel umherstreifst“, schrieb Jannis Ritsos einmal, „so legt dir manchmal eine Statue behutsam ihre Hand auf die Schulter.“ Ein schöner Gedanke.
Doch dieses glorreiche Erbe kann auch eine Last bedeuten. Die große Sehnsucht nach dem wahren Griechentum, nach dem originären, dessen Wurzeln sich bis in die Antike zurückverfolgen lassen, verstellt nicht selten den Blick für die Gegenwart. Die Antike muss in der griechischen Gesellschaft noch heute Identität stiften, und Europa scheint am manchen Orten zwischen Athen und Kreta so weit weg wie Australien (wohin viele Griechen als Seefahrer oder auf der Suche nach Arbeit ausgewandert sind). / schreibt die Süddeutsche über eine Ausstellung zu Giorgos Seferis, 7.6.01.
Dichter als Mythos
Machmud Darwisch ist einer der letzten Dichter, die selber ein Mythos sind, einer wie Lorca, wie Majakowski, wie Neruda oder Nazim Hikmet. Mit ihnen teilt der palästinensische Lyriker nicht nur die fast abgöttische Verehrung, die er in seinem Volk geniesst, den Status einer Symbolfigur für unzählige Hoffnungen, sondern auch die Poetik: ein Sprecher für das Volk zu sein, gegen die Unterdrückung, für Freiheit und Gerechtigkeit. Machmud Darwisch ist der ungekrönte König unter den königlich verehrten arabischen Dichtern, der populärste von allen, zugleich aber einer, der über der Popularität die Autonomie der Dichtung nicht vergisst. Seit Ende der achtziger Jahre hat sich seine Poetik stark gewandelt, auf volkstümliche und agitatorische Züge verzichtet er ganz, seine Dichtung ist schwieriger geworden, reflektierter und moderner – im Sinne dessen, was bei uns als modern verstanden wird. / Stefan Weidner, NZZ 27.6.01
Machmud Darwisch: Ein Gedächtnis für das Vergessen. Aus dem Arabischen von Kristina Stock. Lenos-Verlag, Basel 2001. 211 S., geb., Fr. 33.80. 27. Juni 2001
Celan übersetzen
Die Basler Zeitung (26.6.) referiert in ihrer Zeitschriftenschau einen Artikel des südafrikanischen Autors J. M. Coetzee in The New York Review of Books, 5. 7. 2001 über die Schwierigkeiten beim Nachdichten von Paul Celan, in dem er die Frage stellt: „Ist es möglich, auf eine Lyrik wie die Celans anzusprechen, ja selbst sie zu übersetzen, ohne sie ganz zu verstehen?“ …
Coetzees Resumé: Celan is the towering European poet of the middle decades of the twentieth century, one who, rather than transcending his times—he had no wish to transcend them—acted as a lightning rod for their most terrible discharges. His unremitting, intimate wrestlings with the German language, which form the substrate of all his later poetry, come across in translation as, at best, overheard rather than heard directly. In this sense translation of the later poetry must always fail. Nevertheless, two generations of translators have striven, with unexampled resourcefulness and devotion, to bring home in English what can be brought. For the work of the new generation we can only be grateful.
Mißratene Gedichte
Wie ein Dichter mit missratenen Kindern, mit vor langer Zeit geschriebenen Gedichten lebe, fragt der Moderator. Rita Dove, amerikanische Lyrikerin: „Ich liebe sie trotzdem.“ Inger Christensen: „Ich werfe sie weg.“ Günter Kunert: „Es sind Vögel, die nicht fliegen können.“ – „Muss ein Gedicht fliegen?“, fragt Iso Camartin nach. Kunert: „Es muss immer in der Schwebe sein.“ Christensen: „Nach dreißig Jahren können diese Kinder nicht mehr fliegen. Aber wenn man so ein Gedicht wieder sieht, dann hüpft es.“ / Martin Z. Schröder, Berliner Zeitung 23.6.01
Wann beginnt Dresden
die Hauptstadt der Poesie zu werden? Wenn sich die ersten Lyrikfans aus der Buchstadt Leipzig mit Schlafsack und wenig Geld in der Tasche nach Dresden aufmachen, nur um das hier zu erleben. / Tomas Gärtner, Dresdner Neueste Nachrichten 15.6.01
Kurz gesagt
Gestorben im Juni 2001
Dies alles verdanke ich Wikipedia.
Ein schlechter Monat für die königliche Familie in Nepal. Wiki englisch meldet unter Todesfälle im Juni
1 – King Birendra, 55, King of Nepal.
1 – Queen Aiswarya, 51, Queen of Nepal.
4 – King Dipendra of Nepal, 29.
König und Königin kamen zusammen mit dem Großteil der königlichen Familie bei einem Massaker ums Leben, das nach offiziellem Bericht der Prinz Dipendra verübt haben soll.
Am 1. Juni 2001 wurde nahezu die gesamte nepalesische Königsfamilie durch Schüsse getötet. Nach dem offiziellen Untersuchungsbericht gilt Kronprinz Dipendra als der Täter. Es bestehen aber erhebliche Zweifel, ob der Tathergang wie im offiziellen Bericht dargestellt, sich auch so zugetragen hat. Nach dem Bericht kam es bei einem gemeinschaftlichen Essen der Königsfamilie im Palast in der Hauptstadt Kathmandu zum Streit. Kronprinz Dipendra habe dann plötzlich das Treffen verlassen, sei kurze Zeit später im Kampfanzug zurückgekehrt und habe aus einer automatischen Waffe um sich geschossen. Dipendra hatte zuvor zwei Gläser Whisky getrunken, Haschisch und eine andere Droge geraucht sowie mit seiner Verlobten Devyani Rana telefoniert. Nach der Tat soll Kronprinz Dipendra auf sich selbst geschossen haben.
Trotz des Tatverdachts wurde Kronprinz Dipendra zum König ernannt. Da er aber im Koma lag, wurde sein Onkel Gyanendra zum Regenten ernannt. Der hatte überlebt, weil er während des Massakers abwesend war. Am 4. starb der amtliche Täter, ohne aus dem Koma erwacht zu sein und der Onkel wurde neuer König. Manche vermuten in ihm den Auftraggeber der Morde. Gyanendra, geboren 1947, war schon einmal 1950-51 König und regierte bis zur Abschaffung der Monarchie 2008. (Die älteste Lyriknachricht aus Nepal stammt aus dem Jahr 2006)
Weitere Todesfälle
Wie raffiniert und alltäglich [die zeitgenössische chinesische Lyrik ist], zeigt die von der jungen Berliner Dichterin und Sinologin Lea Schneider herausgegebene Anthologie „Chinabox“. Von vorne aufgeblättert, enthält der von Wu Yimeng reich illustrierte Band die Gedichte von zwölf Autoren und Autorinnen der Jahrgänge 1956 bis 1980 in deutscher Sprache. Herumgedreht und auf den Kopf gestellt, präsentiert er die Originale. Dazu kommen eine prägnante Einleitung in Sprache und Literaturlandschaft Chinas sowie kurze Porträts aller Dichter und Anmerkungen zu Fachbegriffen, Ortsnamen und Zitaten.
Die Texte sind an sich so zugänglich, dass man darüber die Andersartigkeit der sozialen Codes fast vergisst. Denn was gibt es hier nicht alles: die Performance Poetry des gerade als DAAD-Stipendiat in Berlin lebenden DJs und Noise Artists Yan Jun; die Internationalität des an der Peking University lehrenden Zang Di, der auf Paul Celan, Jehuda Amichai, Tomas Tranströmer und Ted Hughes Bezug nimmt, während andere eher die Beat Poets gelesen haben; die von ironisch-feministischen Energien gespeisten Gedichte von Zhou Zan und Lü Yue, die in einem Nachruf auf ihre Kunst zugleich deren Lebendigkeit betont: „das gedicht ist tot, aber davon weiß es nichts / ein staatsbegräbnis wird abgehalten, auf einem 100-loch-golfplatz / werden blüten auf seine lider gestreut (…) bei der beerdigung bemerkt ein kind, wie das gedicht unter den lidern die augen bewegt / es hat allerdings seine hornhaut gespendet, es kann den eigenen tod nicht sehen.“ / Gregor Dotzauer, Tagesspiegel
Lea Schneider (Hg.): Chinabox. Neue Lyrik aus der Volksrepublik. Illustrationen von Yimeng Wu. Verlagshaus Berlin, Berlin 2016. 350 Seiten, 24,90 €.
Weiter wird dort besprochen
Yi Sha: Überquerung des Gelben Flusses. Band 1: Gedichte 1988–2009. Aus dem Chinesischen von Martin Winter. Zweisprachige Ausgabe. fabrik.transit, Wien 2016. 354 Seiten, 15 €. Zu bestellen über die Website http://www.fabriktransit.net
Leuchtspur 2016. Imagination. Neue chinesische Literatur. Foreign Languages Press, Peking 2016. 178 Seiten, 15 €. ISBN 978-7-119-10182-8. Bestellungen c/o Martin Winter, mading2002@hotmail.com
Albaniens Literaturschaffen ist quicklebendig, aber hierzulande kaum bekannt. Die neue Ausgabe der Zeitschrift «orte» stellt nun sieben Dichterinnen und Dichter vor, ausgewählt von Regina Füchslin, Viviane Egli und dem langjährigen NZZ-Auslandredaktor Cyrill Stieger. Es ist eine poetische Entdeckungsreise in den Südbalkan.
Während der Hoxha-Diktatur konnte Schreiben lebensgefährlich sein. Visar Zhiti wurde 1980 wegen seiner Gedichte inhaftiert. Im Gefängnis verfasste er über hundert Gedichte im Kopf, prägte sie sich ein und schrieb sie nach seiner Entlassung 1987 auf. «So schön sang die Nachtigall / am Gitter meines Fensterschlitzes». Die wundersamen Gedichte von Luljeta Lleshanaku wiederum erzählen von einer Kindheit im Zeichen der Diktatur und von Momenten geheimen Widerstands. / Neue Zürcher Zeitung
Lyrik aus Albanien. Zeitschrift orte, Heft Nr. 189, Dezember 2016. Fr. 18.–.
Am 1. Dezember starb der indische Dichter und Aktivist Inkulab (Makkal Pavalar Inkulab, Inquilab, Inkulab oder Ingulab) (72). Er war ein tamilischer Autor.
Am 2. Dezember starben die Schauspielerin und Sängerin Gisela May (92) und der amerikanische Dichter und Romanautor James Reiss (75).
Am 3. Dezember der italienschweizer Dichter und Politiker Giovanni Orelli (88), ein Cousin von
Giorgio Orelli, sowie der indische Dichter Bekal Utsahi (88).
Am 4. der spanische Dichter und Kritiker Adolfo Cueto (47).
Am 15. Luis Alberto Arellano (40), mexikanischer Dichter und Essayist.
Am 17. Anne Ranasinghe (91). Sie wurde 1925 als Anneliese Katz in Essen geboren. 1939 schickten ihre Eltern sie nach England; nach dem Krieg erfuhr sie, daß beide von den Nazis ermordet wurden. Sie gehörte zu den bekanntesten englischsprachigen Autoren Sri Lankas.
Am 22. der argentinische Autor Alberto Laiseca (75) sowie der polnische Dichter Tadeusz Chabrowski.
Ebenfalls kurz vor Weihnachten starb der französische Dichter algerischer (berberischer) Herkunft Mustafa Hamlat im Alter von 64 Jahren. / La Depeche
Am 24. Felix Krivin (88), sowjetischer, ukrainischer und israelischer Autor von Gedichten und humoristischer Prosa. Seit 1998 lebte er in Beersheba (Israel). 2006 wurde er mit dem unabhängigen „Russischen Preis“ der subkarpathischen Rus ausgezeichnet.
Am 25. der sowjetisch-aserbaidschanische Dichter und Journalist Iljas Tapdyg (Тапдыг, Ильяс) (82).
Peter Wawerzinek: Wie gesagt: Sie sind beleidigt. Sie fühlen sich schlecht behandelt, auch von den ausbleibenden Touristen: Alles wegen so ein bisschen Pegida! Oder sie sagen: Gebt es doch zu, darauf habt Ihr doch nur gewartet! Oder es heißt: Das alles hat mit Dresden nicht viel zu tun, die kommen ja von außerhalb. Und sie tun eben fast nichts, um etwas dagegen zu setzen, wie es zu Beginn der „Spaziergänge“ einmal war. Da sind Menschen mit Kehrschaufeln hinter der Pegida-Demo hergezogen, um den Dreck aufzusammeln.
Dabei geht es den Leuten doch nicht schlecht?
Wawerzinek: Ja. Und sie hatten sich doch auch die Maueröffnung gewünscht, sie wollten raus, die Fremde und die Fremden kennenlernen. Das haben sie ausgekostet. Und nun fallen sie zurück in die alte Erstarrung. Und der, der das beobachtet und darüber schreibt, bekommt zu hören: Du irrst Dich, man hinkt hier gar nicht. Der Schreiber, der Fremde, ist der Nestbeschmutzer. Es gibt bei den Pegida-Anhängern, unter denen ja durchaus gescheite Leute sind, die Haltung, sie seien die Propheten, die vor der Flut der Fremden gewarnt hätten, die man stoppen müsse, um das Abendland zu retten: Ihr werdet schon sehen, sagen sie, wenn es dann schiefgegangen ist – wir werden Euch nicht helfen! / Mitteldeutsche Zeitung
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