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602 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.
… / Un bureau sur le Rhin, so heißt eine seit 2025 erscheinende Kölner Literaturzeitschrift.
In diesen für Verlage abenteuerlichen Zeiten geben wir die Gründung der
EDITION ÄNDERUNGSSCHREIBEREI – EDITIONS RETOUCHES
bekannt, und versenden ab Mai 2025 als erstes Änderungsorgan dieses literarischen Ventilators
EIN BÜRO AUF DEM RHEIN – UN BUREAU SUR LE RHIN
als deutsch-französisches poetisches Flugblatt. Wir wollen die Kenntnis zeitgenössischer deutscher Dichterinnen und Dichter in Frankreich und die Kenntnis heutiger französischer Dichter und Dichterinnen in Deutschland wieder wecken. Wir werden den Rhein also gleichzeitig in beide Richtungen überqueren.Unsere deutsch-französische Poesiezeitschrift erscheint seit Mai 2025 monatlich (außer August).
Auf 8 Seiten besten Papiers senden wir Euch 6 Gedichte – je 3 deutschsprachige in französischer Übersetzung und 3 französischsprachige in deutscher Übersetzung – als Einladung zur Erforschung des unbekannten Kontinents der Poesie unserer intimsten Nachbarn im 21. Jahrhundert.
https://aenderungsschreiberei.com
Hier ein Gedicht aus der Ausgabe 12 von dem französischen Lyriker Paul Valet. Ein schreckliches, ein verstörendes Gedicht / eine schreckliche, verstörende Welt. Das Gedicht von 1955 verbindet die Passion Christi mit der Ermordung der europäischen Juden in Auschwitz. Valet, dessen Eltern und Schwester dort ermordet wurden, lässt Christus in die Gaskammer eintreten und mit den Opfern zu einem einzigen Leib verschmelzen.
(1905-1987)
Ich stieg herab von diesem Ort
Zu dritt waren wir gewesen dort
Ich ging davon entlang dem Wind
Ob ich meine Verlorenen find
Ich ging davon am Schienenstrang
Dort trieb man all das Vieh entlang
Und kam dann bis zu ihrem Zwinger
In einen Wald voll Lichtgeflimmer
Ich wollte ihre Windeln sehn
Doch mussten sie zum Duschen gehn
Ich brach verschlossene Türen auf
Dort sahn sie dicht gedrängt hinauf
Nicht Thunfisch gleich oder Sardine
Doch in ihrer Scheiße und ihrem Urin
Hoch aufgerichtet nicht gebückt
Splitternackt und wie verrückt
Da war kein Spalt in den ich passe
So schmolz ich mich in ihre Masse
Es war das Abendmahl der Geknickten
An unsrer Kommunion Erstickten
In diesem Hamam der Schuldlosigkeit
Waren wir wie ein einziger Leib
Und als man kam uns zu verbrennen
Konnte keiner mehr uns trennen
Unsere Arme waren allzu vermengt
Unsere Beine waren allzu verschränkt
Aus dem Französischen von Leopold von Verschuer. Quelle: Paul Valet, Balade du Christ. Les poings sur les i. Paris: René Julliard, 1955. (Collection Les Lettres nouvelles)
Hier der Originaltext
Je descendis de l’endroit
Où nous étions tous les trois
Je m’en allai le long du vent
À la recherche de mes absents
Je m’en allai le long du rail
Où l’on mena tout le bétail
Et j’arrivai à leur fourrière
Dans un bois plein de lumière
Je désirai voir leurs couches
Mais ils étaient partis aux douches
J’y pénétrai toutes portes fermées
Et je les vis emboîtés
Pas comme des thons ou des sardines
Mais dans leur merde dans leur urine
Pas allongés mais bien debout
Tous à poil et comme des fous
Il n’y eut pas pour moi de place
Je dus me fondre dans leur masse
Ce fut notre Cène des suffoqués
La Communion de nos hoquets
Dans ce bain turc des innocents
Nos corps s’unirent étroitement
Et quand on vint pour nous brûler
Personne ne put nous séparer
Nos bras étaient trop emmanchés
Nos jambes étaient trop engrenées
Seine polnische Mutter und sein ukrainischer Vater kamen 1924 nach Frankreich, nachdem sie zunächst Russland und dann Polen verlassen hatten. Paul Valet gab daraufhin seine Tätigkeit als Konzertpianist auf und begann ein Medizinstudium.
Er und seine Frau Hala erhielten 1931 die französische Staatsangehörigkeit. Infolgedessen musste er 1932 seinen Militärdienst ableisten. Zunächst diente er als Sanitätsunteroffizier, wurde dann jedoch degradiert und beendete seinen Dienst als einfacher Soldat.
1936 ließ er sich als Allgemeinmediziner in Vitry-sur-Seine nieder. Mit Ausnahme der Kriegsjahre praktizierte er dort bis 1970.
1939 wurde er als Militärarzt im Rang eines Leutnants eingezogen. Nach der französischen Niederlage fand er 1940 seine Frau und seinen Sohn in der Auvergne wieder. Er schloss sich der Résistance in den Départements Haute-Loire und Cantal an. Seine Frau Hala gehörte demselben Widerstandsnetzwerk an.
Nach seiner Rückkehr nach Vitry erfuhr er, dass sein Vater, seine Mutter und seine Schwester in Auschwitz vergast worden waren.
https://fr.wikipedia.org/wiki/Paul_Valet
Eine kurze Bemerkung zur Übersetzung.
Ich wollte ihre Windeln sehn
Doch mussten sie zum Duschen gehn
Je désirai voir leurs couches
Mais ils étaient partis aux douches
Couches kann Windeln heißen, im Kontext der Lagerszene aber vielleicht eher Bettstellen oder Lager. Vielleicht wollte der Übersetzer die körperliche Erniedrigung und Hilflosigkeit der Opfer hervorheben. Es ist wie ein Kommentar der Übersetzung zur Ungeheuerlichkeit des Beschriebenen.
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