Ich leb, ich sterb

451 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

In der österreichischen Literaturzeitschrift manuskripte gibt es die Rubrik Dichter*in im Fokus. Im aktuellen Heft 253 geht es um die französische Renaissancepoetin Louise Labé, manchen bekannt durch die Nachdichtungen Rilkes. Das Dossier enthält einen Aufsatz von Christoph W. Bauer zu Leben und Werk und „Fortschreibungen“, das sind diverse Reaktionen zeitgenössischer Autorinnen und Autoren (Birgit Müller-Wieland, Isabella Feimer, Gerhard Ruiss, Semier Insayif, Seda Tunç, Sonja Crone, Andreas Unterweger, Raphael Urweider) auf ihr Sonett Ich lebe, ich sterbe, ich ertrinke und brenne. Hier die Übersetzung von Christoph W. Bauer samt Original sowie die Fortschreibung – in seinem Fall eine freie Übertragung – von Raphael Urweider.

Louise Labé

(* ca. 1524 in Lyon; † 25. April 1566 in Parcieux-en-Dombes bei Lyon)

Ich lebe, ich sterbe, ich ertrinke und brenne; 
mir ist heiß, während ich Kälte ertrage;
das Leben ist mir zu weich und ist mir zu hart.
Sorgen habe ich große - durchwachsen mit Freude.

Plötzlich muss ich lachen, plötzlich weinen,
vergnügt wie ich bin, nagt der Kummer an mir,
Plötzlich schwindet alles und währt doch ewig
Plötzlich muss ich verdorren, plötzlich ergrünen.

So leide ich unter dem Wankelmut der Liebe,
glaube ich, der Schmerz sei nicht mehr zu ertragen,
merke ich zugleich, er ist längst verschwunden.

Wähn ich mich dann am Gipfel des Glücks,
reißt es mich plötzlich und ich stürze
in mein ursprüngliches Unglück zurück.

Übertragen von Christoph W. Bauer, aus: manuskripte 253-2026, S. 188

Sonnet VIII

Je vis, je meurs ; je me brûle et me noie ;
J'ai chaud extrême en endurant froidure :
La vie m'est et trop molle et trop dure.
J'ai grands ennuis entremêlés de joie.

Tout à un coup je ris et je larmoie,
Et en plaisir maint grief tourment j'endure ;
Mon bien s'en va, et à jamais il dure ;
Tout en un coup je sèche et je verdoie.

Ainsi Amour inconstamment me mène ;
Et, quand je pense avoir plus de douleur,
Sans y penser je me trouve hors de peine.

Puis, quand je crois ma joie être certaine,
Et être au haut de mon désiré heur,
Il me remet en mon premier malheur.

(1555)

Raphael Urweider

bin voll und leer zu nüchtern und betrunken 
mir ist zu heiß und mein gemüt ist kalt
für junge liebe bin ich wohl zu alt
für höhenflüge bin ich zu versunken

im lachen und den tränen in grimassen
ein freund der fröhlichkeit doch voller trauer
ja nur was schon verging ist auch von dauer
vor lauter liebe kann ich nichts als hassen

warum es so sehr wehtut ist die frage
es gibt nur eines frage nicht ertrage
und plötzlich ist der schmerz wie weggeblasen

und ich bin unerwartet voller glück
kaum aber schwelg ich wieder in ekstasen
fließt heißes blut ins kalte herz zurück

A.a.O. S. 192

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