Rimbauds Vokale

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Arthur Rimbaud

(* 20. Oktober 1854 in Charleville; † 10. November 1891 in Marseille)

Vokale

A schwarz E weiss I rot U grün O blau – vokale 
Einst werd ich euren dunklen ursprung offenbaren:
A: schwarzer samtiger panzer dichter mückenscharen
Die über grausem stanke schwirren • schattentale.

E: helligkeit von dämpfen und gespannten leinen
Speer stolzer gletscher • blanker fürsten • wehn von dolden.
I: purpurn ausgespienes blut • gelach der Holden
Im zorn und in der trunkenheit der peinen.

U: räder • grünlicher gewässer göttlich kreisen •
Ruh herdenübersäter weiden • ruh der Weisen
Auf deren stirne schwarzkunst drückt das mal.

O: seltsames gezisch erhabener posaunen •
Einöden durch die erd- und himmelsgeister raunen.
Omega – ihrer augen veilchenblauer strahl.

Übertragen von Stefan George (1905), aus: Rimbaud vivant. Eine Anthologie. Herausgegeben von Bernhard Albers. Aachen: Rimbaud, 1989, S. 7

Die Vokale

A: schwarz, E: weiß, I: rot, Ü: grün, O: blau – : Vokale 
ich bin schon eurer dunklen Herkunft auf der Spur.
A: schwarzer Panzerglanz der Fliegen, vom Azur
herab im Sturz zum Aas der Gräbermale.

E: helles Wüstenzelt aus Gletscherwellen
auf Edelweiß und Winterhermelin.
I: Blutsturz, Lippen röter als Karmin,
und letzter Aufschrei in den Mörderzellen.

Ü: grüne Wiese, Seetang auf den Meeren,
der Friede satter Herden und die Ruh
uralter Weisen aus den Morgenländern.

O: Orgelton bis zu den Wolkenrändern,
befreit von allen Erdenschweren.
Omega: blaues Kinderauge, du!

Deutsch von Paul Zech (endgültige Fassung 1944), aus: Sämtliche Dichtungen des Jean Arthur Rimbaud. Deutsche Nachdichtung von Paul Zech. Mit einem Nachwort von Walter Helmut Fritz. Frankfurt am Main: S. Fischer Taschenbuchverlag, 1990, S. 55

Vokale

A schwarz, E weiß, I rot, U grün, O blau: Vokale,
Einst spreche ich die Dinge aus, die in euch liegen:
A, schwarzes, samtenes Korsett schillernder Fliegen,
Die sich versammeln auf verfaultem, grausem Mahle,

Nachtgolf; E, Gletscherspeer hoch überm Alpentale,
Schneefürsten, Weiß des Dampfs, der Zelte, Doldenwiegen;
I, Purpurstoff, Blutsturz, Gelächter, aufgestiegen
Aus schönem Mund in Zorn und Rausch am Büßerpfahle;

U, grüner Meeresflut göttliches Schwingen, Kreisen,
Ruhe der Weiden und des Viehs, Ruhe der Weisen,
In deren Stirn eingrub die Alchimie ihr Mal;

Oh, höchstes Horn, aus dem seltsame Schreie steigen,
Vom Stern- und Engelchor durchzognes ewiges Schweigen,
– Das Omega, o ihrer Augen Veilchenstrahl!

Deutsch von Sigmar Löffler, aus: Arthur Rimbaud, Sämtliche Werke. Französisch und Deutsch. Mit dem Essay ›Rimbaud – der erleuchtete Kommunarde‹ von Maurice Choury. Leipzig: Insel, 1976, S. 111/113

Vokale

A schwarz, E weiß, I rot, U grün, O blau: Vokale,
Einst geb ich euren dunklen Ursprung wieder:
A, schillernder Fliegen schwarzbepelztes Mieder,
Die um Gestänke ziehn in schwirrender Spirale,

Schattengolf; E, Reinheit des Dampfs, der Rasereien,
Speer stolzer Gletscher, Weiß des Königs, Doldenwippen;
I, Purpurfarbe, Blutsturz, Lachen schöner Lippen
In jähem Zorne oder trunkenem Verzeihen;

U, Kreise, grünender Meere göttliche Gewalten,
Friede der Herden auf der Alm, Friede der Falten,
Die Alchimie tief in die Denkerstirnen flicht;

O, höchstes Horn voll seltener, gellender Stimmen,
Schweigen, durch das die Welten und die Engel klimmen,
– Omega, ihrer Augen veilchenblaues Licht!

Arthur Rimbaud, Das Trunkene Schiff. Gedichte, übertragen von Thomas Eichhorn. Aachen: Rimbaud, 2000, S. 73

Vokale

A ist schwarz, E ist weiß, I ist rot, U ist grün und O ist blau –
Einmal werde ich den geheimen Grund von Vokalen besiegen:
A ist das schwarze Korsett glänzend-samtener Fliegen,
Die über stinkendem Essen ihre Runden drehen, grau.

E ist weiß von Dämpfen und hell gespannt von Leinen,
Lanzen stolzer Gletscher, ein nackter Fürst im Rausch der Dolden;
I ist purpurn ausgespucktes Blut – wie die Lippen deiner Holden,
Im dumpfen Argernis und im peinlichen Suff dieser Einen.

U sind die Räder, die im grünen Wasser sich göttlich drehen,
Im Frieden bestallter Wälder und auf Weiden friedlich gehen;
Auf ihren Stirnen drückt sich das Brandmal des Osiris.

O ist das hölzerne Horn aus rar geblasenen Weisen,
Stilles Schweigen, darin die Welten und die Engel kreisen:
Oh! – Denn Omega ist das Auge mit veilchenblauer Iris.

Deutsch von Michael Fisch, aus: Arthur Rimbaud, Poesie. Aus dem Französischen übertragen von Michael Fisch. Berlin/Tübingen: Hans Schiler, 2015, S. 109

Voyelles

A noir, E blanc, I rouge, U vert, O bleu: voyelles, 
Je dirai quelque jour vos naissances latentes:
A, noir corset velu des mouches éclatantes
Qui bombinent autour des puanteurs cruelles,

Golfes d’ombre; E, candeurs des vapeurs et des tentes,
Lances des glaciers fiers, rois blancs, frissons d’ombelles;
I, pourpres, sang craché, rire des lèvres belles
Dans la colère ou les ivresses pénitentes;

U, cycles, vibrements divins des mers virides,
Paix des pâtis semés d’animaux, paix des rides
Que l’alchimie imprime aux grands fronts studieux;

O, Suprême Clairon plein des strideurs étranges,
Silences traversés des Mondes et des Anges:
—Ô l’Oméga, rayon violet de Ses Yeux!

1871/72. Aus: Arthur Rimbaud, Sämtliche Werke. Französisch und Deutsch. Mit dem Essay ›Rimbaud – der erleuchtete Kommunarde‹ von Maurice Choury. Leipzig: Insel, 1976, S. 110/112

Vowels

Black A, White E, Red I, Green U, Blue O: vowels. 
Someday I'll explain your burgeoning births:
A, a corset; black and hairy, buzzing with flies
Bumbling like bees around a merciless stench,

And shadowy gulfs; E, white vapors and tents, proud
Glacial peaks, white kings, shivering Queen Anne's lace;
I, purples, bloody spittle, lips' lovely laughter
In anger or drunken contrition;

U, cycles, divine vibrations of viridian seas;
Peace of pastures sown with beasts, wrinkles
Stamped on studious brows as if by alchemy;

O, that last Trumpet, overflowing with strange discord,
Silences bridged by Worlds and Angels:
–O the Omega, the violet beam from His Eyes!

Englisch von Wyatt Mason, aus: Rimbaud complete – translated, edited, and with an introduction by Wyatt Mason. New York: Modern Library Paperback Edition, Random House, 2003, S. 104

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