Tanzetanz

372 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Reinhard Goering

(* 23. Juni 1887 auf Schloss Bieberstein, Hessen; † Mitte Oktober (?) 1936 in Bucha bei Jena, aufgefunden am 4. November)

Tanzetanz

Du 
großer Versucher Gauner Wilddieb
Du
Pestbeule entsprungener
Sträfling
ja Du!
O ja ja Ich
zugegeben Ich
der
allein
Schuldige
Mulmige
Malmige
Faule
stinkende
hinkende
Teufel.
Teufel Teufel
ach hier
wieder mal
immer noch
noch
und
noch
hier
auf in unter
drin mit bei
hier
immer noch.
Verreck
verreck.
Sag es immer auf Reisen.
Du Ihr Wir
möchten ja alle
alle alle
allüberall alle alle
fort weg
raus rrrraus.
Mater dolorosa
Pater sowieso da
raus!
Ihr Hunde
Kälber Ochsen
nein nein!
Rein und raus!
Raus und rein
vorwärts
weg da.
Geheul Geheul
Gezisch Gezisch.
Viele dieser Misthaufen
viele
stinken
positiv
popositiv
zum Himmel.
Laß sie!
Weiter.
Vater unser, der du bist im Himmel
unsern täglichen Tod gib uns heute.
Unsern täglichen Kot
unsern täglichen
unsern nächtlichen
da habt ihr ihn.
Und werdet nicht mehr rot.
Ich auch nicht
nein nicht ich.
Werde rot Liese
erröte
fiir
Mich.
Ha tanze
tanze
mir!
Und fall um
tot
tot für immer
auch ich.
Tu mir den Gefallen
Liese
bitte gleich!
Gänse Gänse Gänse
wunderbare Gänse
hat das deutsche Reich.

Der Sturm, 1928. Aus: Reinhard Goering, Prosa Dramen Verse. München: Langen – Müller, 1961, S. 578-580

Am 5. Oktober kommt er nach Berlin zurück. Eine Woche wohnt er in der Pension Astor auf dem Kurfürstendamm. Dort besucht ihn seine Frau am 11. mit den beiden Kindern. Einen Tag darauf telefonieren sie noch einmal miteinander. Danach ist er verschwunden.

Er will sich erst wieder melden, wenn er eine Existenz gefunden hat. Solche Exkursionen ist die Familie an ihm gewöhnt. Niemand befürchtet ernstlich, daß Reinhard Goering sich das Leben nehmen wird, wenn er auch oft von der Möglichkeit des Freitodes gesprochen hat. Erst am 5. November erfährt die Familie, daß in der Nähe von Jena, in der Flur Bucha, seine Leiche gefunden worden ist. Die Obduktion ergibt, daß er drei Wochen lang tot gelegen hat. Er hat sich eine Spritze Gift injiziert und die Adern geöffnet. Der genaue Todestag läßt sich nicht ermitteln, vermutlich der 14. Oktober. Reinhard Goering wird am 7. November auf dem Nordfriedhof in Jena beigesetzt.

Aus dem Vorwort von Dieter Hoffmann, a.a.O. S. 16

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