L&Poe-Rückblende August 2001

Wolfgang Hilbig lebt und läßt sich zum 60. gratulieren

Hilbig wurde am 31. August 1941 im thüringischen Meuselwitz geboren und wuchs bei seinem Großvater im Bergarbeitermilieu auf; der Vater war bei Stalingrad gefallen. Nach einer Lehre als Bohrwerkdreher arbeitete Hilbig als Heizer und versuchte sich, etwa in einem „Zirkel schreibender Arbeiter“, als Lyriker, ohne freilich eine Gelegenheit zur Publikation zu bekommen. Hilbigs erstes Buch, der Lyrikband „abwesenheit“, erschien 1979 im S. Fischer Verlag und brachte dem Autor eine Geldstrafe von zweitausend Mark und Untersuchungshaft ein, weil er „vorsätzlich entgegen den gesetzlichen Bestimmungen einen Devisenwertumlauf durchgeführt“ habe. Was in diesen Gedichten stattfand, war tatsächlich die Ummünzung einer lyrischen Tradition, die damals weder in der DDR noch im heruntergestimmten Kammerton westdeutscher Autoren hoch im Kurs stand: der expressionistischen Dichtung, die dem Poeten die doppelte Rolle des Sehers und Schmerzensmannes zugedacht hat – „die verwirrung / in worte zu kleiden hab ich / das schreiende Amt übernommen“, heißt es im Gedicht „Bewußtsein“. / FAZ 31.8.01

Thomas Kling lebt, erhält den Ernst-Jandl-Preis und lädt nach Hombroich ein

Für L&Poe ist Klingmonat. Diesmal in der Neuß-Grevenbroicher Zeitung (Lyrik siedelt nicht immer im Zentrum! Wir schlagen mal, im Ernst, vor: Basel (Schweiz), Lana (Südtirol), Hombroich (NRW). Über zwei dieser exzentrischen Orte gibt der Artikel übrigens Auskünfte):

„Sechs Lyriker aus vier Ländern an der Raketenstation. Thomas Kling bittet zum Experiment
Thomas Kling wohnt hier, nicht nur deshalb ist Hombroich eine gute Adresse für Lyrik. Zwei Abende lang bietet sich auf der Raketenstation der Museum Insel die seltene Gelegenheit, intensiv zeitgenössische Lyrik von großer Ausstrahlungskraft kennenzulernen. Kling ist gewissermaßen Gastgeber und hat in enger Abstimmung mit dem Veranstalter, dem Verein zur Förderung des Kunst- und Kulturraumes Hombroich, die sechs Kollegen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und – man staune (? –  mg) – England ausgewählt.“

Hier die Daten:
Hombroich: Literatur IX 2001, Freitag, 7. September, 19.30 Uhr: Anja Utler, Oswald Egger, Marcel Beyer; Samstag, 8. September, 19.30 Uhr: Michael Hofmann, Kurt Aebli, Anne Duden.
Also wer kann: hinfahren! / NGZ 30.8.01

Beat Brechbühl bedauert, daß er die Alpen nicht rechtzeitig abgesägt hat

«Schade, dass ich die Alpen (sowie die Kirchtürme) / – wie dies in meiner Jugend  dringend war: – / nicht bodennah flach abgesägt habe.» Dieses Bedauern  formuliert Beat Brechbühl in einem lyrischen Traum vom Meer, den er unter dem  Titel «Jede Nacht und nächste Stunden» in seinen jüngsten Gedichtband  aufgenommen hat. / St. Galler Tagblatt 24.8.01

Verbotene Blume

Die Gazette präsentiert zum 180. Geburtstag von Charles Baudelaire ein verbotenes Gedicht, hier die erste Strophe

Das Geschmeide

Die teure Frau war nackt, und weil mein Herz sie kennt,
Trug sie am Leibe nur ihr klingendes Geschmeide.
Und Siegerblick gab ihr die Flitterpracht; so brennt
Des Mohren Sklavin, ist sie einmal frei vom Leide. / Die Gazette 27.8.01

Sappho

Throughout history, Sappho has been labeled a genius, a pervert, a lovely blushing maiden, a homely bluestocking, a nymphomaniac, an uptight schoolmistress, a solitary, a diva, a cult leader, an abandoned lover, an irresistible seducer, the „Tenth Muse,“ a mother, a feminist, a victim, a masochist and a sadist.
With „The Sappho Companion,“ British critic Margaret Reynolds has collected bits and pieces of all these Sapphos into a single, diverting volume. / Salon.com 1.8.01

Ur-Avantgardist

Taz besucht Amerikas Ur-Avantgardist Charles Henri Ford (93)

Die gute Dame [Gertrude Stein ] war Ford ohnehin wohlgesinnt. Seine 1929 begründete Zeitschrift Blues, die moderne Dichter wie Ezra Pound und William Carlos Williams veröffentlichte, lobte Stein als „youngest and freshest of all the little magazines which died to make verse free“. Schulabbrecher Ford, der die leider nur kurzlebige Zeitschrift ausgerechnet aus dem tiefsten amerikanischen Hinterland, seinem Geburtsort Columbus in Mississippi, publizierte, schrieb damals kurzerhand alle wichtigen Vertreter der Moderne an und bat mit Erfolg um deren Zeilen.
1931 siedelt er nach Paris und von dort nach Marokko über, wo er in Tanger „Nightwood“, das Manuskript seiner Freundin Djuna Barnes abtippt. „Von Rechtschreibung verstand die Gute erschreckend wenig“, erinnert sich Ford an das Buch, das wie kein anderes radikal mit der realistischen Erzählweise des amerikanischen Romans brach. Von 1940 bis 1947 gibt Ford, wieder zurück in New York, View heraus, die erste amerikanische Avantgardezeitschrift, mit Texten und Kunst von Exilkünstlern wie André Breton, Max Ernst, Marcel Duchamp und Yves Tanguy. Aber auch Henri Miller, Albert Camus, Jean-Paul Sartre und Jean Genet finden Einlass. So werden mit View Surrealismus und Existenzialismus erstmalig in den USA vorstellig. / taz 30.8.01

Literaturlandschaft Südtirol

Die renommierten literarischen Aktivitäten in dem Städtchen zwölf Kilometer südlich von Meran haben sich – unterstützt von der Südtiroler Landesregierung – seit 1978 kontinuierlich entwickelt. Treibende Kraft war der Lyriker Oswald Egger, unter Zuzug später von Alma Vallazza. Aus einer Buchhandlung konstituierte sich der «Verein der Bücherwürmer», und gleichzeitig wurde eine exquisite Buchreihe mit überregionalem Anspruch lanciert, «edition per procura», in der nicht nur aktuelle Literatur, sondern auch Rimbaud und Mallarmé, Blake und Zwetajewa Platz fanden. Der Verlag hat auch ein Standbein in Wien («Session Wien») und pflegt den Austausch mit anderen bibliophilen Verlagen, etwa der Zürcher Edition Howeg. Eine «Ortschaft für die Poesie» schuf Egger mit dem alle zwei Jahre verliehenen internationalen «N.-C.-Kaser-Lyrikpreis», nicht zuletzt aber mit den Veranstaltungen, vor allem den «Kulturtagen Lana». Diese schaffen weithin Verbindungen, «quere Meridiane» – wie der Initiant sich ausdrückt. Der Geschäftsführer Robert Huez, Verfasser einer Dissertation über Kaser, betreut diesen ganz besonderen literarischen Ort mit Hingabe und Humor, wirkt ganz terre à terre, führt vor, was man «mit Beharrlichkeit und Glück» aufgebaut hat: «Der Prokurist», Editionsreihe und Literaturzeitschrift, «Abmarsch», die neue «Sammlung für Poesie als Übersetzung», das jedermann zugängliche «Archiv für Poesie», eine Spezialbibliothek auch in Sachen Poetologie, den Veranstaltungsraum «Secession Lana». / NZZ 18.8.01

Strassburg – eine Stadt zwischen zwei Kulturen

Die französische Nationalhymne, «La Marseillaise», trägt ihren Namen zu Unrecht. Entstanden ist sie 1792 in Strassburg; ihr Autor, der junge Offizier Rouget de l’Isle, hatte sie ursprünglich «Le Chant de guerre de l’Armée du Rhin» betitelt. Dass der blutrünstige Ohrwurm später nach den revolutionären Hitzköpfen aus dem Süden benannt wurde, entbehrt dennoch nicht einer gewissen Logik. Die Elsässer und insbesondere die Strassburger mögen grosse Kriegsmänner hervorgebracht haben, als Umstürzler kann man sie nicht bezeichnen. Ihre inoffizielle Landeshymne beschreibt einen Menschen, der unzufrieden zwischen zwei Stühlen sitzt: «Dr Hans im Schnokeloch / Hett alles was er will / Un was er hett des will er nitt / Un was er will des hett er nitt . . .»

1870 erkennen sich die meisten Elsässer in den Versen des Dichters Karl Friedrich Hartmann wieder: «Ein Frankenherz und deutsche Sprach / Sind dem Alsaten keine Schmach / Wie’s auch der Fremde deute.» Nicht zuletzt spielen Elsässer eine Rolle als kulturelle Vermittler: mit Übersetzungen von Goethe und Heine ins Französische, Rousseau und Chateaubriand ins Deutsche und der Gründung internationaler Buchhandlungen. / Marc Zitzmann NZZ 13.8.01

Im August 2001 starben

  • Am 6. der brasilianische Autor Jorge Amado, 88
  • Am 7. mit nur 19 Jahren Aleksandr Lais, der postum zum Helden Rußlands ernannt wurde. Er starb am 6. Tag des zweiten Tschetschenienkrieges
  • Am 9. Otti Pfeiffer, deutsche Lyrikerin, Kinder- und Jugendbuchautorin (70)
  • Am 21. der spanische Dichter Juan Antonio Villacañas (79)
  • Am 22. der armenische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Lewon Mkrtschjan (68). Er übersetzte armenische Dichter ins Russische und gab auch die in der DDR erschienene Anthologie «Die Berge beweinen die Nacht meines Leides. Klassische armenische Dichtung» (1983, Übersetzungen Annemarie Bostroem) heraus.
  • Am 26. Al Pittman, 61, kanadischer Dichter und Dramatiker
  • Am 27. der niederländische Dichter Jan de Vries (41)

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