Sonnenpferde und Astronauten

Die ersten Lyrikanthologien in meinem Besitz waren vermutlich Geschenke. Das „Deutsche Gedichtbuch“ von Uwe Berger und Günther Deicke dümpelt irgendwo in der zweiten Reihe meiner Regale. „Lyrik der Antike in klassischen Nachdichtungen“ wurde mir von der Schule „für sehr gute Leistungen“ geschenkt. Die wahrscheinlich erste Anthologie mit Gegenwartslyrik und Lyrik junger Autoren, die ich las, war „Sonnenpferde und Astronauten“, erschienen 1964 im Mitteldeutschen Verlag Halle (Saale), der sich in den 60er Jahren zum wichtigsten Lyrikverlag der DDR noch vor dem kulturpolitischen Leitverlag Aufbau mauserte. Kaufen konnte ich sie erst Jahre später (auch damals war die Schule nicht der Ort, wo Gegenwartsliteratur beworben wurde). Aber ich hatte Glück, etwa ab 1963 entdeckte ich die Stadtbibliothek in der Kreisstadt Weißenfels, im Sterbehaus des Dichters Novalis am Rand der Innenstadt direkt an einem schönen Park, in dem außer junger Liebe auch die Liebe zur Poesie erblühte (auf seinen Bänken las ich, ich erinnere mich, Novalis, Eichendorff). In dieser Bibliothek entdeckte ich das erste Buch des Dichters Johannes Bobrowski, eine bedeutsame Entdeckung, es war Geheimwissen, das ich den Lehrern voraus hatte. Hier gab es seltsamerweise eine Musikzeitschrift in dänischer Sprache, gewiß ein Geschenk einer dänischen Partnerinstitution der Musikstadt Weißenfels (Heinrich Schütz lebte hier, Bach, Händel, Johann Hermann Schein, Reinhard Keiser und viele andere wirkten hier) – denn die Stadt- und Kreisbibliothek hatte gewiß keine Devisen zum Ankauf ausländischer Literatur. Ich „las“ einen Artikel über Popmusik, es wurde meine erste Übersetzungsübung in einer mir unbekannten Sprache. Und ich fand diese Anthologie. „Gedichte junger Menschen“ der Untertitel. Herausgeber Gerhard Wolf wird nicht auf dem Umschlag und nicht auf der Titelseite genannt – der Name Wolf, vermute ich, war zumindest im Industriebezirk Halle 1964 heikel, denn die dortige Bezirksleitung der SED fuhr eine Kampagne gegen den Roman „Der geteilte Himmel“ seiner Ehefrau Christa Wolf, und Gerhard, so erfuhr ich Jahre später aus Insiderwissen, galt als ideologisch schlechter Einfluß auf Christa Wolf. Ein leiser aber deutlicher Hinweis auf Konflikte findet sich auf dem Vortitel, wo die Namen der 10 Autoren in alphabetischer Folge stehen, mit einer Ausnahme. Die ersten beiden Autoren sind Wolf Biermann und Volker Braun, sie erscheinen aber in umgekehrter Folge. Gedichte von Biermann, das ging gerade noch, eine Anthologie mit ihm zu eröffnen aber nicht. Braun eröffnet die Anthologie mit einem programmatischen Gedicht gegen die Verfasser „blumiger Reime“ mit ihren „Wortsteppen“ und 10 weiteren Gedichten, erst dann kommt Biermann mit ebenfalls 11 Gedichten. Biermann stand schon mit seinem Frühwerk massiv unter Kritik und wird zwei Jahre später endgültig verboten. Wolfs Anthologie bot ihm die weiteste Bühne überhaupt im kleinen Land DDR.

Beide, Braun und Biermann, waren seitdem wichtige Bezugsgrößen und schon in dieser Zusammenstellung als Weggefährten und partielle Antipoden sichtbar.

Unter den zehn Beiträgern der Anthologie sind fünf, die für die DDR-Lyrik wichtig wurden: Neben Braun und Biermann sind das Uwe Greßmann, Sarah Kirsch und Axel Schulze. Mindestens vier davon waren mir seit dieser ersten Lektüre ein Begriff, alle vier auch heute noch lesbar. Ein guter Schnitt für eine erste Anthologie. Ich muß dem Herausgeber danken, und der Stadt- und Kreisbibliothek Weißenfels; denn für neugierige unerfahrene Leser war es ein guter Anfang. Es hätte schlimmer kommen können (es kommt oft schlimmer, lernte ich später). Mit dieser Anthologie, die ich vielleicht im ersten Jahr am Gymnasium („Goethe-Oberschule / Erweiterte Oberschule“) las, kannte ich ein paar Namen und Konzepte neuer Lyrik und begann mit Unterscheidungsübungen.

Statt weiterer Kommentare drei Gedichte.

Volker Braun

Unsere Gedichte

Laßt sie ihre Verse brechen und bündeln für die Feuer des Nechruhms!
Laßt sie blumige Reime montieren als Wegzeichen in ihre Wortsteppen!
Unsere Gedichte sind Hochdruckventile im Rohrnetz der Sehnsüchte.
Unsere Gedichte sind Telegraphendrähte, endlos schwingend, voll Elektrizität.
Unsere Gedichte sprossen wie Bäume mit tausend Wurzeln im Geheimniskram
    des alten Erdballs und zweigen in tausend Aussichten.
Unsere Gedichte sollen uns Wiesen zeigen unter den Brückenbögen der Gedanken.
Unsere Gedichte sollen die Träume der Nächte aufnehmen in die Wölbung des Himmels.
Unsere Gedichte sollen die Schauer der Angst von der Haut jagen.
Unsere Gedichte sollen die Brüste mit Sonne panzern.

Aus: Sonnenpferde und Astronauten. Gedichte junger Menschen. Hrsg. Gerhard Wolf. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag, 1964, S. 6

Wolf Biermann

Rangsdorf im August

Entzündete Zungen bis in die Früh.
Ein nackter und harter Schlaf,
ein schwerer Schrei zu den Wolken hin,
die weiß sind, fern und brav.

Ein kurzer Dieb in das Erdbeerbeet,
ein Blick in ein weißes Gewand,
ein „guten Morgen“ zur Mittagszeit
mit traumschweißnasser Hand.

Ein dumpfer Ton im Sommerhaus
von Hennen, Wind und Braut
und nebenan ein junger Mann,
der Holz in Stücke haut.

Das ist Berliner Sommerlust,
weit draußen vor Berlin.
Es zieht mich in die Innenstadt
und nach der Mauer hin.

Ebd. S. 32

Uwe Greßmann

Moderne Landschaft

Stahlbäume wachsen auf den Bürgersteigen;
und es zweigen die Drähte
Von Baum zu Baum.
Darunter brüllen
Die elektrischen Tiere
Mit Menschen im Herzen vorüber.
Und so mancher gehet vorbei dort
Und findet nichts weiter dabei;
Denn die steinerne Landschaft
Ist ja auch seine Mutter

Ebd. S. 47

sonnenpferdeund astronauten

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