Fünfmal dasselbe Gedicht – oder fünf verschiedene Gedichte?

524 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.

„Flower not flower / Fog not fog“: Vor rund 1200 Jahren schrieb der chinesische Dichter Bai Juyi ein Gedicht von gerade einmal 26 Schriftzeichen.

Walasse Ting macht daraus eine radikal knappe englische Nachdichtung. Albert Ehrenstein erzählt von einer geheimnisvollen Frau. Ernst Schwarz gestaltet ein gereimtes Liebesgedicht. Thomas O. Höllmann lässt dagegen offen, wer oder was überhaupt erscheint und verschwindet.

Heute in der Lyrikzeitung: das chinesische Original und vier sehr unterschiedliche Übertragungen. Viel Material zum Nachdenken über manches, nicht zuletzt die Frage, ob man Gedichte übersetzen kann. Ist es noch dasselbe Gedicht? Was bleibt von einem Gedicht, wenn es die Sprache wechselt? Und was kommt hinzu? Gibt es richtige und falsche Übersetzungen? Wie viel vom Gedicht entsteht erst im Kopf des Übersetzers? Kann eine Nachdichtung dem Original treuer sein als eine wörtliche Übersetzung? Kann man etwas übersetzen, ohne es zugleich zu interpretieren? – Auch die Namensformen unterscheiden sich. Es ist immer ein und derselbe Dichter, hier steht über der jeweiligen Überschrift der Name in der Form der Quelle.

Bai Juyi

(白居易, 772–846), in älteren Umschriften auch Po Chü-i oder Po Chu Yi.

白居易 — 花非花

花非花,
霧非霧。
夜半來,
天明去。
來如春夢幾多時?
去似朝雲無覓處。

Po Chu Yi

FLOWER NOT FLOWER

      Flower not flower
Fog not fog
Midnight come
Early morning gone
Come as spring dream
Moment
Gone as morning cloud
Where?

Aus: Chinese moonlight. 63 poems by 33 poets, translated and recomposed by Walasse Ting. Mit 4 Siegeln und 4 doppelseitigen Farblithographien von Walasse Ting. [American Distributor:] New York, Wittenborn, [1967], S. 26

PO TSCHÜ

Sie

Sie ist eine Blume und doch keine Blüte, 
Sie ist ein Nebel und doch ein Licht.
Mitternachts sucht sie mich,
Ums Frührot entwischt ihr Duftgesicht.
Naht sie — mein kurzer Frühlingstraum,
Enteilt sie — mein Morgen schwand.

Aus: Ich bin der unnütze Dichter, verloren in kranker Welt. Nachdichtungen aus dem Chinesischen von Albert Ehrenstein. Berlin: Friedenauer Presse 1970, 2. Aufl. 1984, S. 11

Bai Dschü-i

Wenn sie auch keine Blume war

Wenn sie auch keine Blume war, 
sie war wie Blumen schön –
und zarter als ein Nebelhauch,
wenn sanft die Nebel wehn.
Sie kam zu mir um Mitternacht,
verließ mich in der Früh –
kam flüchtig wie ein Hauch von Glück,
ein Frühlingstraum war sie –
flog wie ein Morgenwölkchen fort –
Und sehnst du es zurück –
dann suchs – nur sag, an welchem Ort –
Du findest es doch nie ...

Deutsch von Ernst Schwarz, aus: Von den müßigen Gefühlen. Chinesische Liebesgedichte. Leipzig und Weimar: Gustav Kiepenheuer, 1978, S. 62

Bo Juyi

Nächtliche Gedanken

Blühend, wenn auch keine Blumen, 
schemenhaft, doch nicht in Schwaden,
erscheinen sie um Mitternacht,
entschwinden dann im Dämmerlicht:
flüchtig wie ein Frühlingstraum,
ziellos wie die Morgenwolken.

Anmerkung des Übersetzers: Der Titel wurde sinngemäß ergänzt; in der chinesischen Vorlage wiederholt er nur die erste Zeile. Der Autor lässt offen, wer das Subjekt des Gedichts ist; auch sind Singular und Plural gleichermaßen möglich. Nach Auffassung mancher Übersetzer geht es um den nächtlichen Besuch einer Frau, doch gibt es dafür im Text keinerlei Anhaltspunkte.

Deutsch von Thomas O. Höllmann, aus: Erwartung & Melancholie. Sechzig Gedichte aus dem alten China, herausgegeben und übersetzt von Thomas O. Höllmann. Schupfart: Engeler, 2022, S. 31

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