49. Stadt der toten Dichter

Eine Reise nach Czernowitz, ukrainisch Tscherniwzi, beginnt in der eigenen Bibliothek. Kaum eine Provinzstadt hat so viele Dichter und Denker hervorgebracht wie die alte Hauptstadt der Bukowina: Die Lyriker Paul Celan und Rose Ausländer, auch der berühmte Biochemiker und Essayist Erwin Chargaff wurden hier geboren, die Schriftsteller Karl Emil Franzos und Mihail Eminescu sowie der Psychoanalytiker Wilhelm Reich gingen hier zur Schule. Nicht umsonst wird die Stadt am Pruth als „Stadt der toten Dichter“ bezeichnet. (…)

Mit Beginn der österreichischen Herrschaftsperiode wurde eine Einwanderungspolitik in Gang gesetzt, die eine beispiellose Völkervielfalt mit sich brachte. Vor allem Deutsche, Juden, Armenier und Ungarn ließen sich in der bis dahin überwiegend von Ukrainern und Rumänen besiedelten Gegend nieder. Der Aufstieg von Czernowitz vom abgelegenen Provinznest zur multiethnischen Großstadt erfolgte in beachtlichem Tempo und endete erst 1918 mit dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. (…)

Wie entleert und seelenlos muss dieses Czernowitz gewesen sein, nachdem man* die Juden, Roma, Rumänen und Polen deportiert, versklavt und ermordet, die Deutschen „heim ins Reich geholt“ hatte. / Georg Christoph Heilingsetzer, Die Welt

*) vornehm gesagt. Wikipedia sagt (übrigens auch mit einem merkwürdig passivischen Akzent):

Am 28. Juni 1940 wurde die Stadt von der Sowjetunion besetzt, der Großteil der deutschen Bevölkerung wurde nach Verhandlungen mit Deutschland anschließend „Heim ins Reich“ geholt. Von 1941 bis 1944 gehörte Czernowitz wieder zu Rumänien, das mit dem Dritten Reich verbündet war. In dieser Zeit kam es zur Ermordung und Deportation eines großen Teils der jüdischen Gemeinde. Als 1944 die Rote Armee die Stadt erneut einnahm, wurden die noch verbliebenen deutschen Bewohner der Stadt vertrieben, auch ein Großteil der rumänischsprachigen Bevölkerung verließ Czernowitz. Es siedelten sich nun tausende Ukrainer und Russen in der Stadt an. Die ehemals deutschsprachige Kultur der Stadt verschwand fast vollständig.

Die ukrainische Fassung ergänzt:

Während der sowjetischen Periode verschwanden die Deutschen und Polen, sank die Zahl der Rumänen (17%), Juden und stieg die Zahl der Ukrainer (62%) und Russen (11%).

Muttersprache, nach der Volkszählung von 2001:

  • Ukrainisch – 79,2%,
  • Russisch – 15,27%
  • Rumänisch / Moldovan – 4,34%
  • Polnisch – 0,12%
  • Hebräisch (?? „єврейська“ evtl. auch Jiddisch?) – 0,11%
  • Weißrussisch – 0,09%
  • Armenisch – 0,05%
  • Bulgarisch – 0,03%
  • Deutsch – 0,03%
  • Gypsy – 0,02%
  • Ungarisch – 0,01%

Die deutsche Version hat leider keine Liste berühmter Bewohner der Stadt. In der ukrainischen heißt es:

Berühmte Einwohner der Stadt (vor dem Krieg, 1941):

Die deutsche Dichterin Rose Ausländer (1901-1988), der österreichische und rumänische Historiker Daniel Verenko (1847-1940), der deutsche Dichter, Romancier, Dramatiker, Übersetzer, Journalist, Schauspieler George Drozdowsky (1899 – 1987), der deutsche Dichter Paul Celan (1920-1970 ), der Biochemiker Erwin Chargaff (1905-2002), der jüdische (jiddische) Schriftsteller Itzik Manger (1901-1969), die rumänische Pianistin Karol Mikuli (1821-1892), der deutsche Schriftsteller und Journalist Gregor von Rezzori (1914-1998), der jüdische Schriftsteller Elizer Shtaynbarh (1889-1932), die ukrainischen Schriftsteller Yuri Fedkovich (1834-1888) und Olga Kobylyanskaya (1863-1942).
In Czernowitz arbeitete der rumänische Dichter Mihai Eminescu (1850-1889), der Schriftsteller und Journalist Karl Emil Franzos (1848-1904), der Dichter und Übersetzer Alfred Margul-Sperber (1898-1967), der Dichter Moses Rosenkranz (1904-2003), der Tenor Joseph Schmidt (1904-1942) und der Wirtschaftswissenschaftler (damals Finanzminister) Joseph Schumpeter (1883-1950).

Berühmte Einwohner der Stadt in der Nachkriegszeit (1941)

Vladimir Ivasyuk – 1949-1979 – ukrainischer Komponisten und Dichter. Held der Ukraine;
Ivan Mykolaychuk – 1941-1987 – ukrainischer Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor;
Dmitry Hnatiuk – ukrainische Opernsängerin (Bariton);
Sofia Michailowna Rotaru – Sängerin;
Arthur Kogan – Schachspieler, Großmeister.

Die englische Fassung nennt:

Many well-known historical figures were born in the city, including poet and writer Paul Celan, actress Mila Kunis, musician and essayist Roman Vlad and Selma Meerbaum-Eisinger, the former Speaker of the Parliament Arseniy Yatsenyuk, anarchist political activist Zamfir Arbore, and the Vienna Secession artist Oskar Laske. Many other famous people lived and worked in the city, such as Ukrainian national poet Ivan Franko, the first President of Ukraine Leonid Kravchuk, Romanian national poet Mihai Eminescu, Yiddish actress Sidi Tal, novelist Aharon Appelfeld, Eudoxiu Hurmuzachi, Aron Pumnul, Ciprian Porumbescu, Ion Nistor, Gala Galaction, economist and political theorist Joseph Schumpeter, jurist and sociologist of law Eugen Ehrlich, Nikolai Vavilov, Abraham Goldfaden, Ruth Wisse, and Avigdor Arikha.

Die rumänische nennt u.a. bemerkenswert viele weitere deutsch- und anderssprachige Autoren:

Moisei Fișbein (n. 1947), Alfred Gong (geboren als Alfred Liquornik) (1920–1981), Alfred Kittner (1906–1991), Dan Pagis (1930–1986), Gregor von Rezzori (d’Arezzo; 1914–1998), James Immanuel Weissglas, auch bekannt als Ion Iordan, (1920–1979), Hermann Bahr (1863-1934), Isaac Schreyer, auch Herbert Urfahr (1890 – 1948), Eliezer Steinbarg (1880–1932).

5 Comments on “49. Stadt der toten Dichter

  1. Komischerweise wurde die Möglichkeit, den Text direkt auf der Seite der WELT zu kommentieren, abgestellt. Deshalb sei hier noch kurz angemerkt: Die Pflastersteine und Kanaldeckel auf der Kobylanska mögen »noch aus der Zeit der Monarchie stammen«, wurden aber in Vorbereitung der 600-Jahrfeier der ersten urkundlichen Erwähnung neu verlegt. Das »überraschend farbenprächtige« Erscheinungsbild verdankt sich tatsächlich einem zu jener Zeit unternommenen Facelifting. Manche falsche Augenbraue geht schon wieder den Weg alles Zeitlichen.
    Den Geist der Stadt und die Versuche zu ihrer inter-nationalen Re-Kulturisierung hatte 2010 sehr stimmungsvoll auch Dirk Schümer beschrieben:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/die-stadt-der-toten-dichter-schwarze-milch-11040435.html

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  2. Sehr guter, lebendiger, viele verstreute Informationen fassender Text, ja. Trotz so eines nicht ganz allgemeingültigen Allgemeinplatzes wie »In der Nacht ist auch Czernowitz nur spärlich beleuchtet.«
    Seltsam jedoch, auch wenn der verführungswillige Pathos gutzuheißen ist, der Schluss: »Um in die versunkene Welt von Czernowitz […] einzutauchen, muss man wohl […] Paul Celan lesen oder Rose Ausländer.« Celan als Geschichtsbuch? Aus den Nuancen kann man gleichwohl einiges extrahieren. Wenn Ausländer »Sadagura« schreibt, Celan »Sadagora«, haben wir einen Eindruck von den kulturell-ethnischen Überlagerungen.
    Und den Mythos früherer Zeit kann man immer nur erahnen, überall.

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  3. Natürlich Ausländer lesen und Celan. Und mehr:
    „Die Buche. Eine Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina.“ Zusam­mengestellt von Alfred Margul-Sperber. Aus dem Nachlass herausgegeben von George Guţu, Peter Motzan und Stefan Sienerth. IKGS Verlag, München 2009, 470 Seiten, ISBN 978-3-9809851-4-8 und 978-89086-516-4, 28,50 €.

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    • oder dies:
      Europa erlesen: Czernowitz. Hrsg. von (dem hier sehr geschätzten) Peter Rychlo. 295 Seiten. Wieser 2004. ISBN 978-3851294811

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