Kandinsky – empfohlen

Felix Philipp Ingold, in: NZZ 2017-01-12

„Die Blüten der Poesie sind überall verstreut“
Wassily Kandinsky als Wortkünstler 

Doppel- und Mehrfachbegabungen waren in der künstlerischen Moderne Russlands nichts Ungewöhnliches. Wladimir Majakowskij und Jelena Guro haben sich als Wort- und Bildkünstler einen Namen gemacht, Michail Matjuschin und Mikolajus Ciurlionis sind gleichermassen als Maler und Komponisten hervorgetreten. Noch vielfältiger waren die Talente, die Wassily Kandinsky für seine künstlerische Arbeit nutzen konnte: Als diplomierter Wirtschaftsjurist hatte er sich schon früh auch in andern Disziplinen kundig gemacht (Folkloristik, Philosophie), bevor er sich in den späten 1890er Jahren der Malerei zuwandte und gleichzeitig die Dichtung des zeitgenössischen russischen Symbolismus für sich entdeckte.

Bereits ab 1885 hatte Kandinsky auch selbst Gedichte geschrieben, zunächst in seiner Muttersprache, später dann ̶ zwischen Jahrhundertwende und Weltkrieg, als er in Bayern lebte ̶ vorzugsweise auf Deutsch. Bis in die 1930er Jahre blieb er als Dichter aktiv. „Die Blüten der Poesie“, so lautet einer seiner ersten Verse, „sind überall verstreut.“ Eine illustrierte Auswahl lyrischer Texte liess er 1912 unterm Titel „Klänge“ in München erscheinen, eine schmale Publikation, die nachmals bei Expressionisten und Dadaisten als Pionierleistung respektvollen Widerhall fand. In solchem Verständnis belobigte unter andern Hugo Ball den Maler Wassily Kandinsky im Zürcher Cabaret Voltaire (1917) als einen „Dichter unerreichter Verse“, der sich gleichermassen durch höchste Vitalität und höchste Spiritualität auszeichne.

Seit kurzem liegt nun, erstmals aus Kandinskys literarischem Nachlass ediert, der gesamte Restbestand seiner russisch- und deutschsprachigen Gedichte in Buchform vor, all jener Texte mithin, die nicht in die „Klänge“ eingegangen oder erst in spätern Jahren entstanden sind. Mehrheitlich handelt es sich dabei um Prosagedichte oder knapp gefasste versifizierte Dialoge, die von Beginn an einen prägnanten Personalstil erkennen lassen. Im Vergleich mit den „Klängen“ sind die hier versammelten Dichtungen zumeist knapper gefasst, entschiedener pointiert, mehr dem Absurden zugewandt, vorab jedoch in weit höherem Mass lautspielerisch angelegt.

Bereits in den frühsten, noch russisch verfassten Texten erweist sich Kandinsky – zwanzig, dreissig Jahre vor Dada – als ein souveräner Wort- und Buchstabenakrobat, der Witz und Hintersinn frappant zusammenführt. So zum Beispiel in einem Sechszeiler, der aus lauter Wörtern mit dem Anfangsbuchstaben U gefügt ist. Daraus resultiert eine Klangqualität, die übersetzerisch naturgemäss nicht einzuholen ist. Doch auch wenn in der deutschen Fassung die Lautstruktur nicht adäquat zum Tragen kommt, tritt um so deutlicher Kandinskys lyrischer Nonsense hervor: „… Gans gluckste mit giftigem Essig … Schlange ass gegen Abend getöteten Guppy … Ungetüm schlug um sich mit engem Bügeleisen … Gasse erwürgte getrübt ein Hurra.“ Da scheint selbst die Unsinnspoesie des russischen Futurismus und des französischen Surrealismus vorweggenommen zu sein, zu deren Vorläufern Wassily Kandinsky sicherlich zu zählen ist ̶- etwa mit diesem frühen Kurzgedicht : „Von hier bis dort ist dreieinhalb. | Von dort bis hier vier und ein Achtel. | Autsch! Autsch! | Wozu die Sonne vermessen? | Von hüben bis drüben neunundsiebzig und drei Elftel.“

Mit dem Band „Vergessenes Oval“ wird Kandinskys absurdistische Dichtung nun vollständig zugänglich gemacht. Das ist verdienstvoll und sollte Anlass zu einer umfassenden Würdigung des Malers als Wortkünstler sein. Erschwert wird dies leider – abgesehen vom mikroskopischen Kleindruck grosser Textteile – durch diverse editorische Mängel, in erster Linie dadurch, dass die einzelnen Gedichte nicht datiert und deshalb werkgeschichtlich nicht verlässlich einzuordnen sind. Dass die Originaltexte der neuen deutschen Orthographie angepasst wurden, ist bei einer Archivpublikation schwerlich zu akzeptieren. Unklar bleibt die Quellenlage; auf allfällige Textvarianten wird nicht verwiesen; das Literaturverzeichnis lässt mancherlei Lücken offen, und das Buch muss letztlich ohne Inhaltsverzeichnis auskommen. So sehr diese gravierenden Defizite zu bedauern sind, sie sollten das Interesse und das Vernügen an Kandinskys fabulösen Dichtwerken gleichwohl nicht trüben.

Wassily Kandinsky, „Vergessenes Oval“. Gedichte aus dem Nachlass. Herausgegeben von Alexander Graeff und Alexaner Filyuta. Illustriert von Christoph Vieweg. Verlagshaus Berlin (Edition ReVers #05), Berlin 2016; 99 Seiten.

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