Das Archiv der Lyriknachrichten | Seit 2001 | News that stays news
277 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Roland Erb
ELEGIE
Ich hab getrunken, getrunken, getrunken den Tau
deines Haars an dem rauchigen, endlosen Tag,
als die Nacht kam am Mittag, als kein Morgen mehr kam.
Ich hab verschlungen, verschlungen, als ob es kein Aufhören gäb,
deinen Blick so finster leuchtend unter den Brauen.
Ich hab mir genommen, ihn nicht zu verfehlen, verlieren,
vergessen,
den Schritt deiner Knie unermüdlich, schmal.
Da brannte ein Holzfeuer im Herd
und alle lachten mit dir und schöpften im Brunnen.
Wenn alles stirbt um dich her, alles erloschen,
vergessen scheint,
wenn alles stirbt,
das Feuer verglommen, das Schöpfrad still,
ich selbst wohl erkaltet, unser Baum gefällt,
aber dein Bild, ein fließendes, brennendes, steht mir im Mund –
bin ich dann unabänderlich starr und erloschen, tot?
Aus: Poesiealbum 398. Roland Erb. Auswahl von Axel Reitel. Wilhelmshorst: MärkischerVerlag, 2025, S. 7
Roland Erb wurde am 1. April 1943 in Töppeln bei Gera in eine Arztfamilie geboren. Frühe Kindheit in Königsberg/Neumark. Ende 1944 kriegsbedingt Umzug nach Nordhausen, wo er ab 1949 Grund- und Oberschule besucht; 1961 Abitur. Studium der Romanistik an der KMU in Leipzig; wegen politischer Proteste mit Exmatrikulation bedroht. 1966 bis 1973 Verlagslektor für Romanische Literaturen bei Reclam Leipzig. Seit 1974 freiberuflicher Schriftsteller, Herausgeber und Literaturübersetzer. Von Erich Arendt und Franz Fühmann zum Schreiben ermutigt, veröffentlichte er seit den siebziger Jahren Gedichte in Anthologien und Zeitschriften. 1977/78 Studium am Literaturinstitut Leipzig. 1981 Gedichtband Die Stille des Taifuns beim Aufbau Verlag, Veröffentlichungsprobleme nach Kritik kulturpolitischer Stellen. 1986 französisches Aufenthaltsstipendium in Paris, 1987 Rilke-Stipendium in Montreux. 1993/94 Mitgründer der Dresdener Literaturzeitschrift ›Ostragehege‹ und bis 1998 leitender Redakteur. Mitglied des PEN.
Lyrikbände: Märzenschaf, 1995; Wozu das Verlangen nach Schönheit, 2003; Trotz aller feindlichen Nachricht, 2014.
Neueste Kommentare