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Veröffentlicht am 23. Mai 2026 von lyrikzeitung
120 oder 593 Wörter, 1-3 Minuten Lesedauer.
Iain Sinclair
DIE AUSSTELLUNG, DIE ICH IN DER TATE NICHT HATTE, HÄTTE FOLGENDES BEINHALTET
(1) ½ vom eingemachten Gehirn Wyndham Lewis'
(2) den Umhang des Powhatan
(3) die verlorene Arche der Tradescants
(4) die abgeschälte Rückenhaut von Lord Archer
(samt der psychogeografischen Muttermale)
(5) ein stummes Video von J. H. Prynnes berühmtem Vortrag
über Willem de Koonings Rosy-Fingered Dawn at Louse Point
(6) die Mumie von Jeremy Bentham in einem Plexiglas-Panopticon
(7) die Themse
Aus: Schreibheft 103, August 2024, S. 34. Das Dossier zu Iain Sinclair ist übersetzt von Jürgen Ghebrezgiabiher und Sven Koch.
Ich füge probe- und ausnahmsweise dem Gedicht ein paar erklärende Anmerkungen zu den Anspielungen im Gedicht hinzu. Wer sie nicht will, kann jetzt aufhören zu lesen.
Der Text funktioniert wie ein absurdes Inventar einer nie realisierten London-Ausstellung: halb Wunderkammer, halb Museumskritik, halb psychogeografischer Stadtplan.
Die Tate steht hier nicht nur für ein Museum, sondern für die offizielle Kunstinstitution. Sinclair entwirft eine Gegen-Ausstellung: keine ordentliche Retrospektive, sondern eine Sammlung aus Reliquien, kolonialen Beutestücken, literarischen Obsessionen, Körperfragmenten, urbanen Mythen und Londoner Topografie. Das passt zu Sinclair, dessen Werk stark um London, Erinnerung, Gehen, Archive und „Psychogeografie“ kreist; seine deutschen Verlagsangaben (Matthes & Seitz) nennen London ausdrücklich als zentralen Gegenstand seines Schreibens.
Wyndham Lewis war Maler, Schriftsteller und Mitbegründer des Vortizismus, einer britischen Avantgardebewegung um 1914. Für Sinclair ist Lewis eine wichtige, schwierige Moderne-Figur: aggressiv, brillant, politisch belastet, zugleich als Maler und Schriftsteller produktiv. Sinclair schrieb selbst über Lewis und dessen verkanntes Nachleben.
Der sogenannte Powhatan’s Mantle ist ein berühmtes Objekt im Ashmolean Museum in Oxford: eine große, mit Muschelperlen verzierte Hirschlederarbeit, wahrscheinlich aus dem frühen 17. Jahrhundert und aus dem Gebiet der Powhatan-Konföderation im heutigen Virginia. Er wurde lange mit Wahunsenacawh / Powhatan, dem Vater Pocahontas’, verbunden; heute gilt eher, dass es sich nicht eigentlich um ein Kleidungsstück, sondern um ein zeremonielles Wandbild oder eine Art politische Darstellung gehandelt haben könnte.
Im Gedicht ruft das Objekt koloniale Sammlungsgeschichte auf: indigene Artefakte, frühe englische Expansion, Museum als Beutearchiv.
Die Tradescants, John Tradescant der Ältere und der Jüngere, waren Gärtner, Sammler und Reisende des 17. Jahrhunderts. Ihre Sammlung in South Lambeth hieß Musaeum Tradescantianum und war als Tradescant’s Ark bekannt – eine frühe englische Wunderkammer.
Lord Archer: irgendein mir unbekannter adliger Brite. Wurde er gefoltert? Die Haut „abgelöst“? Jedenfalls trägt er eine „psychogeografische“ Karte seiner Muttermale auf dem Rücken. – Sven Koch nennt Sinclair in seiner Nachbemerkung einen „Begründer eines psychogeografischen Schreibens“:
Dabei wird Ort als Phänomen mit einer kulturellen Tiefenschicht aufgefasst, dessen unter dem Offensichtlichen verborgenes Substrat an Mythen, Geschichten und Kunstwerken sich mit frischem Blick und zu Fuß beim freien Schweifen abseits gängiger Wege immer wieder neu entdecken und erzählen lässt.
A.a.O. S. 67
J. H. Prynne war einer der einflussreichsten, aber auch schwierigsten britischen Dichter der Nachkriegsavantgarde. Er hielt am 5. Mai 1995 in der Tate Gallery einen Vortrag über Willem de Koonings Gemälde Rosy-Fingered Dawn at Louse Point; der Vortrag wurde später als Text publiziert, eine Audioaufnahme existiert ebenfalls. (Aber Achtung: es ist ein „stummes Video“!)
Jeremy Bentham war Philosoph des Utilitarismus und entwarf das Modell des Panopticons, eines Überwachungsbaus, in dem wenige Wächter viele Insassen kontrollieren können. Nach seinem Tod wurde sein Körper als sogenannte Auto-Icon konserviert: Das Skelett befindet sich, mit seinen Kleidern bekleidet und mit Wachskopf versehen, in einem Schrank am University College London.
Alles das, zusammen mit der Themse, ergibt eine wahre Wunderkammer Londons.
Iain Sinclair (* 11. Juni 1943 in Cardiff, Wales) ist ein britischer Schriftsteller und Filmemacher, dessen Texte meist auf Wanderungen zurückgehen, auf denen er die Veränderung von Orten und Landschaften durch menschliche Eingriffe, insbesondere in und um London, erforscht. https://de.wikipedia.org/wiki/Iain_Sinclair
Kategorie: Englisch, GroßbritannienSchlagworte: Auto-Icon, britische Lyrik, Die Ausstellung die ich in der Tate nicht hatte, englische Literatur, Gegenwartsliteratur, Iain Sinclair, J. H. Prynne, Jürgen Ghebrezgiabiher, Jeremy Bentham, London, London-Literatur, Lord Archer, Musaeum Tradescantianum, Museum, Museumskritik, Panopticon, Powhatan, Powhatan’s Mantle, Psychogeografie, psychogeografisches Schreiben, Rosy-Fingered Dawn at Louse Point, Schreibheft, Schreibheft 103, Sven Koch, Tate, Themse, Tradescant’s Ark, Tradescants, Vortizismus, Willem de Kooning, Wunderkammer, Wyndham Lewis
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