Getagged: Michael Lentz

111. Frühling. Lentz …

selbst hat in „offene unruh“ ein Gedicht namens „kaum frühling“ geschrieben, das er als „janusköpfig“ bezeichnet und das mit den Versen beginnt: „ist der krokus verblüht / was stellt er an das ganze jahr / soll auch ich einfach verschwinden? / jedes jahr dieses große hallo / als sei weiß gott was geschehen.“ Gerade arbeitet er an einem Nachwort zu Gedichten von Jesse Thoor, der, so Lentz, die schönsten Frühlingsverse überhaupt geschrieben habe. Und tatsächlich verblüffen Thoors „Rufe zur Nacht“ durch ihre liedhafte Einfachheit: „Ich, der Dichter Jesse Thoor – / dem Zünglein, Zeh und Ohr / und die Seele fror! // Wenn der März alle Bäche taut, / singe ich wieder laut! / Du meine hohe Braut! // Singe ich dein Herz gesund! / Du meines Sterbens Grund! / Küsse ich deinen Mund!“

Und auch Dirk von Petersdorffs Empfehlung ist hochgradig inspirierend – das betörende Gedicht „Fastfrühling“ von E. E. Cummings: „im Fast-/frühling“, beginnt es, „ist die welt schlamm-/selig und der kleine / lahme luftballonmann / flötet weit und winzig.“ / Uwe Ebbinghaus, FAZ (mehr Frühling mit Hans Magnus Enzensberger, Nora Gomringer, Christoph Buchwald, Marion Poschmann, Silke Scheuermann, Oleg Jurjew

Eine exklusive Lesung mit eigenen und klassischen Frühlingsgedichten von Silke Scheuermann, Nora Gomringer und Oleg Jurjew finden sie im Internet unter www.faz.net/frühlingslyrik.

 

19. Dilemma

Im Zuge der heftigen Debatten um Oskar Pastiors IM-Akte stand von Anfang an die Frage im Raum, ob auch sein literarisches Werk neu bewertet werden müsse. Als Stefan Sienerth vor zweieinhalb Jahren mit seiner Entdeckung an die Öffentlichkeit trat, dass Oskar Pastior von Juni 1961 bis April 1968 als IM „Stein Otto“ beim rumänischen Geheimdienst Securitate unter Vertrag gestanden hatte, plädierte er am 17. September 2010 im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa für eine „neue Lesart“ von Pastiors Werk: „Seine Lyrik hat eine eigenartige Bildlichkeit – und eine neue Untersuchung vor diesem Hintergrund ist bestimmt nicht uninteressant.“ (…)

Beispiele für die Verunsicherung im Umgang mit dem literarischen Oeuvre von Oskar Pastior ließen sich viele nennen. Hier sei lediglich ein weiteres herausgegriffen, um das Ausufern der Diskussion zu verdeutlichen. In der Zeitung für Literatur Volltext vom 29. März 2011 hat der Publizist und Schriftsteller Felix Philipp Ingold die Frage aufgeworfen, „inwieweit Pastiors hermetischer Formalismus [...] als subversiv beziehungsweise als simulativ zu gelten hat und ob bei ihm allenfalls ,zwischen Zeilen‘ schon längst festgeschrieben steht, was sein ,Ordner‘ erst heute an Dokumenten freigibt“, um dieser Hypothese zufolge ein close reading zu fordern, das „im Hinblick auf ,verschwiegene‘ oder ,verdunkelte‘ oder ,verfremdete‘ Informationen“ unerlässlich sei, „da der Autor [...] sein zweites Trauma, den IM-Dienst, bis zu seinem Lebensende konsequent tabuisiert hat“.

Weil zahlreiche Spekulationen und Unterstellungen die Auseinandersetzung mit Pastiors IM-Vergangenheit begleitet haben, sieht es die Oskar-Pastior-Stiftung als ihre Aufgabe an, die Debatte zu versachlichen und mit ebenso detaillierten wie fundierten Forschungsergebnissen nicht allein für biografische, sondern auch für literarische Klarstellungen zu sorgen. Ein erster Schritt auf diesem Weg war das Symposion mit ausgewiesenen Literaturexperten am 23. Juni 2012 in Berlin (diese Zeitung berichtete), dessen Ergebnisse nun ein Sonderband der Zeitschrift TEXT + KRITIK unter dem Titel „Versuchte Rekonstruktion – Die Securitate und Oskar Pastior“ präsentiert. / Edith Konradt, Siebenbürgische Zeitung

Versuchte Rekonstruktion – Die Securitate und Oskar Pastior. Herausgegeben von Ernest Wichner. Text + Kritik, Zeitschrift für Literatur, Sonderband, München, 2012. ISBN 978-3-86916-199-0, Euro 24,00

Oskar Pastior: Lesen gehn … Gedichte, gelesen und teilweise kommentiert von Oskar Pastior, Urs Allemann, Oswald Egger, Péter Esterházy, Michael Krüger, Michael Lentz, Herta Müller, Ulf Stolterfoht und Ernest Wichner. 2 CDs, 142 Minuten, Hörbuch Hamburg, 2013, ISBN 978-3-89903-380-9, Euro 14,99

29. Abgründe der Sprache

Wer irrtümlich oder zu spät den Hörsaal betrat, wie das ja gelegentlich in der Universität mal passiert, der musste einen großen Schreck bekommen: Da lief vorne ein glatzköpfiger Hüne rastlos hin und her und brüllte unaufhörlich die gleichen Silben ins Mikrofon, so dass die Lautsprecher fast zerbarsten. Wer noch nicht wusste, dass Sprache manchmal weh tun kann, der hatte es nach der letzten der Frankfurter Poetikvorlesungen von Michael Lentz unter dem Titel „Atmen Ordnung Abgrund“ fürs Leben gelernt – und in die Abgründe der Sprache geschaut. / Jan Wiele, FAZ

9. Was soll das – Poetik mit Grönemeyer, subjektiv

Von Bertram Reinecke (Leipzig)

Ich verstehe die Kritiker der Poetikvorlesung mit Herbert Grönemeyer: Dass die ohnehin schmale Kulturförderung für etwas ausgegeben wird, was sich so ähnlich auch anderswo finden lässt. Ich besuchte dennoch ebenso die Poetikvorlesung, wie das Gespräch über Poesie mit Michael Lentz am Folgetag. Über weite Strecken hatte die Veranstaltung besseres (wohlgemerkt immerhin) Talkshowniveau. Es war unterhaltsam und tatsächlich konnte ich auch etwas über Poesie lernen: In gewisser Hinsicht sind Grönemeyertexte denen Gertrud Kolmars verwandt, die er auch rezitierte. (Aufgefallen ist es mir besonders bei der zweiten Veranstaltung.) Ich bin sicher, dass einige Fans diesen Ball aufnehmen werden. (Weniger interessant für mich seine Vorträge von Mascha Kaléko, Ringelnatz, Tucholsky und Heinz Erhardt, auswendig.) Seltsam zu beobachten, welche Emphase beim Lob der Dichtung noch glaubwürdig wirkt, wenn ein verehrter Star sie vorträgt. Ein Lyriker wäre längst als Spinner abgetan worden. Die Aura eines Grönemeyer, der von wohlwollenden Fans umgeben war, beschützte sein Pathos vor dem Glaubwürdigkeitsverlust. (Er lobte intensiv das Gedicht als Hilfsmittel zur abendlichen Selbstreflektion im Gegensatz zur anspruchslos prosaischen Bettlektüre).

Ein anderes Detail: Er  verglich die Unterdrückungsprozesse von Texten mit Zensur, ist also offensichtlich kein Anhänger der Totalitarismustheorie, die im politischen Diskurs vielerorts noch verbindlich ist. Er sprach aber auch von den privaten Codes die der DDR-Bürger aufgebaut hätte, um sich über die Mankos des System geheim zu verständigen und das traf zumindest in den Achzigern wohl allenfalls für die öffentlichen Codes noch zu. Nicht jeder Code, der einem Auswärtigen unzugänglich ist, ist gleich ein Geheimcode. Wie umgekehrt: Der offenbar pointiert gemeinte Verweis auf seine Anfänge bei Süverkrüp z.B. löste ebensowenig Erheiterung aus, wie seine Anspielung aufs KBW-Milieu.  („Unverschlüsselt“ ist immer der Code einer unreflektierten Mehrheit.)

Mir war nicht deutlich, dass Grönemeyer häufig, nicht nur aus akustischen Gründen, dem Vorwurf der Unverständlichkeit ausgesetzt ist. Was Grönemeyer auch immer ist: Selbst seine Texte sind also offensichtlich keine „Realpoesie“. In der zweiten Veranstaltung (die Presse war offenbar schon abgezogen) widersprach er der These, seine Texte seien unverständlicher geworden und zog von Album zu Album die Linien nach: Unverständlichkeit ist eben nicht nur eine Sache der sprachlichen Strategien, wie viele behaupten, sondern auch ein Effekt komplexer Sachverhalte und Erfahrungen, die mit denselben Mitteln vermittelt werden sollen. Könnte man verständlicher werden, wenn man zu anderen weniger eingeführten Mitteln griffe oder ist man genötigt, dies eben hinzunehmen. Grönemeyer strahlte in Bezug auf dieses Problem eine wohltuende Gelassenheit aus. Ein zweiter wichtiger Aspekt: Grönemeyer nimmt sich die englische Kultur des Poptextes mehr und mehr zum Vorbild: Diese Texte seien weniger gradlinig, weil sie stärker die Neigung hätten sich selbst in Frage zu stellen. Das strebe er auch an. Andererseits vermittele ihm der ausprobierend spielende Umgang mit dem Material eine größere Tiefe der Beschäftigung, während er den deutschen gradlinigen Ernst als eine kulturelle Attitüde in Verdacht zog.

Dabei zeigte sich an Textvarianten für bestimmte Songs, die er vorstellte, dass das Thema des Textes erstaunlich unabhängig ist von der Stimmung der Musik. Texten ist für ihn nicht das Übermitteln von Inhalten: „Ich habe dies und das über diesen Gegenstand zu sagen“, sondern eher das Vermitteln von versprachlichten Haltungen. Schnell wird aus einem Liebeslied das ist immer einfach ein Lied wie Schiffsverkehr. (Andere Beispiele waren noch deutlicher, aber ich war zum Vergnügen da, also ohne Stift und konnte sie mir als Nichtkenner so nicht merken.)

Den Vertextungsprozess beschrieb er als dreistufig: Zunächst ein sogenannter Bananentext während der Komposition, der fließend und veränderlich vielleicht die sprachlichen Möglichkeiten der Melodie auslotet. Anschließend wird ein fester Dummy erstellt, der die Längen der Phrasen und ihre Betonungsverhältnisse festlegt  (er arbeitet offensichtlich intuitiv und nicht mit dem Abzählen von Hebungen und Senkungen), bis dann verschiedene echte Textvarianten mit dem Vorhaben der Veröffentlichung entstehen.

Leider ließ sich Herbert Grönemeyer am zweiten Abend nur teilweise auf die von Michael Lentz gut vorbereiteten poetologischen Fragen im Detail ein.

Immerhin wurde sehr deutlich, dass Grönemeyer wie etwa auch Element of Crime sehr stark von der Verfremdung von Sprichwörtern und Redewendungen ausgeht, während die Geschichte bzw. Handlungssituation des Liedes erst in einem späteren Stadium hinzutritt, um die Intentionen zu bündeln. Ebenfalls wurde deutlich, wie der symbolische Gehalt mitunter die sachliche Orientierung aus den Angeln hebt.

Dass das ihm als Autodidakt offensichtlich aber nicht immer ganz glückt, schälte dies Gespräch am Beispiel von Schiffsverkehr ebenfalls heraus. Wer hätte z.B. gedacht, dass die Textzeile „Fall auf meinen Fuß“ sich von der Wendung „auf die Füße fallen“ ableitet? Wenn mit dem Zeilenpaar „Geb Mir Ewigen Schnee / Pures Gold, Wohin Ich Seh“ so etwas wie „strahlendes Glück“ gemeint sein soll, dann ist der konzeptuelle Aufwand doch etwas hoch. „Unverständlich“ ist aus dem gleichen Grund unerwarteten Aufwands wohl auch das Zeilenpaar „Stell mich vor/ das Leere Tor“ die im Gedanken an einen Fußballstürmer entstanden. Das mag der Sportschauseher verstehen, aber selbst dem Mitglied der Autorennationalmannschaft Michael Lentz wollte das nicht recht plausibel sein.  („Unverschlüsselt“ ist immer der Code einer unreflektierten Mehrheit.) Klar wird aber auch, dass die Schwierigkeiten des Verständnisses oft nicht aus dem Komplexionsniveau eines Textes erwachsen, sondern viel häufiger aus einem starken Wechsel dieses Niveaus nach oben oder unten. Die Gefahr der Enttäuschung, dass sich ein schillerndes Geheimnis in eine Banalität auflöste, lag immer nahe, manchmal waren die Bemerkungen aber auch bereichernd. Man neigt ja dazu, ein Bild das man verstanden glaubt nicht weiter zu befragen und hier und da war manches auch stärker durchdacht als von mir angenommen. „Entfalte meine Hand“ ist in seiner Mehrdeutigkeit wohl ein Einstieg, der in Bezug auf Grönemeyers Sorge um eine gute erste Zeile als geglückt betrachtet werden darf. Diese Offenheit, sich vor großem Publikum hinterfragen zu lassen und sich selbst zu hinterfragen unterschied Grönemeyers Auftritte wohltuend z.B. von Uwe Tellkamps Poetikvorlesung, die ebenfalls auf kaum höherem technischen Niveau (was eventuell Michael Lentzens Einflussnahmen auf Grönemeyer zu danken gewesen sein mag) reines Marketing betrieb: „So toll sind Schriftsteller im Allgemeinen, weil sie ständig mit den großen Themen sich befassen und ich im Besonderen.“ (Die einzige wirklich technische Einlassung Tellkamps, wie man einen Charakter aufbaue, beschränkte sich seinerzeit auf eine Exerpierung der einschlägigen Auffassungen des Faz-Feuilletons zur Persönlichkeit des Terroristen an sich). Während Tellkamp sich in die Rolle des Sehers stilisierte, vertrat zwar auch Grönemeyer den Anspruch, dem Zeitgeist und den Menschen eine Stimme zu geben, rechtfertigte dies aber mit der Arbeitsteilung in der Gesellschaft. Er habe eben die Zeit, sich intensiv mit diesen Fragen zu beschäftigen, während anderen diese im Berufsleben mitunter nicht bliebe.

Dennoch hoffe ich natürlich, dass es bei diesem einmaligen Ausflug in die Popkultur bleiben möge. Mit Ingo Schulze, Harry Rowohlt und Herta Müller sind in der Vergangenheit Referenten gewonnen worden, die das Anliegen dieser Veranstaltungreihe weit besser verkörperten. Wenn es, wie Hans Ulrich Treichel auf lvz online angemerkt hat, darum ging Songwriting in das Nachdenken über Poetik einzubeziehen, hätten unter Umständen Leute wie Sven Regener, Gerhard Schöne oder Wolf Biermann einen besseren Zugriff auf ihr poetisches Tun gehabt. Dennoch wurde der Abend über den engeren Kreis der Grönemeyerfans hinaus als anregend und praktisch verwertbar für das Schreiben empfunden. (Zumal auch von Leuten, die sich nicht täglich mit dieser Materie beschäftigen.)

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Die Welt zum Thema:

Deutschlands größter Popstar verrät in Leipzig seine Betriebsgeheimnisse Von Richard Kämmerlings

44. Dürener Förderung

Die Stadt Düren hat einen Namen in der Kunstförderung. Eine private Stiftung vergibt u.a. Stipendien an junge Künstler, die 2 Jahre lang jeden Monat 1250 Euro erhalten und, man höre, “Die Stipendiaten sollten möglichst im Umkreis von etwa 1.000 km von Düren leben und arbeiten.” Sollten, möglichst”…, damit können viele leben. (Quelle)

Von einem Dürener Förderstipendium für Lyrik konnte ich bei Google nichts finden. Und doch scheint es zu existieren. Die Edition Azur informiert bei Facebook über ein Förderstipendium für Nancy Hünger in Höhe von 6000 Euro. So, nun findet es auch Google (wenn es nicht von Frau Wulff geschlossen wird).

Im Bereich Literatur des Kunstfördervereins bildet die Lyrik zweifelsohne den Schwerpunkt der Arbeit. Neben der Kammermusik ist sie die zweite tragende Säule der Kulturarbeit des Vereins.
Begonnen wurde die Reihe “Der Lyrik eine Gasse” im September 2002 mit einer Lesung von Sarah Kirsch im Töpfereimuseum in Langerwehe. Danach sind wir aus räumlichen Gründen nach Schloss Burgau umgezogen. Dort stellt uns die Stadt Düren als Veranstaltungspartner den Konzertsaal für Lesungen zur Verfügung. In dieser Reihe waren viele berühmte Namen in Düren zu Gast. Zu nennen sind u.a. Hilde Domin, Christoph W. Aigner , Durs Grünbein, Arnold Stadler, Ulla Hahn, Silke Scheuermann, Dirk von Petersdorff, Jan Wagner, Raoul Schrott, Wolf Wondratschek und Norbert Hummelt. / Kunstförderverein Düren

Mehr:

Seit der Gründung des Vereins „Heinrich-Böll-Haus Langenbroich e.V.“ im Jahr 1989 konnten inzwischen über 150 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, bildende Künstlerinnen und Künstler, Komponistinnen und Komponisten aus Asien, Afrika, Lateinamerika, Südost- und Südeuropa in das ehemalige Wohnhaus der Familie Böll in der Eifel eingeladen werden.
Die bewährte Zusammenarbeit zwischen der Heinrich-Böll-Stiftung, der Stadt Düren und dem Land Nordrhein-Westfalen ermöglichte den aus vielfach bedrängten Situationen kommenden Gästen, für einige Zeit finanziell abgesichert und frei von staatlicher Kontrolle oder Verfolgung kreativ und ungestört arbeiten zu können. Zusätzlich konnte 2003 die Zusammenarbeit in einem europaweit entstandenen Netzwerk von Institutionen, die politisch verfolgten Autorinnen und Autoren Hilfe anbieten, konnte erfolgreich fortgesetzt werden.

Gäste im Böllhaus kamen 2012 aus Syrien, Bahrein (Qassim Haddad), Rußland und Serbien. / mehr

Peill-Stiftung

In Düren geboren: Bruno Hillebrand, Michael Lentz (sowie etliche Fußballer, Politiker vieler Couleur etc.)

Zeitweilig in Düren lebten: Karl der Große, August Stramm

106. Schaufenster 1: Aachen

 

Beide – Mauritz wie Wenzel – sind für Jürgen Nendza typische Beispiele für die starke hiesige Lyrikszene. Bei Literaturzeitschriften, spezialisierten Internet-Foren und einschlägigen Wettbewerben habe man das Talent erkannt. Schade findet er, dass Lyrik sonst oft wenig Aufmerksamkeit bekommt. «Es fehlt an der Wahrnehmung in der breiten Öffentlichkeit.» Auch hier ist die Frage nach dem Warum nicht schnell zu beantworten. Die großen Verlage schraubten ihr Lyrik-Programm stetig zurück, berichten Mauritz und die anderen. In den Feuilletons würde die Gattung nur selten rezensiert. Aber auch anderswo müsse mehr Lust auf Lyrik geweckt werden. Etwa in den Schulen. Dort setzte Nendza bereits mehrere Literatur-Projekte um. Andere Möglichkeiten, Lyrik wieder ins Bewusstsein der Menschen zu bringen, seien Veranstaltungen und eine entsprechende Berichterstattung. «Der Aachener Lyrik-Gipfel war so eine Veranstaltung. Da waren etwa Silke Scheuermann und Michael Lentz hier», erinnert sich Wenzel. Auch Lentz zählt zu den erfolgreichen Poeten der Region. Der gebürtige Dürener erhält im November den Walter-Hasenclever-Literaturpreis.


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59. Drostepreisverleihung

Bereits für ihren zweiten Gedichtband, „Colloquium mit vier Häuten“ (1967) wurde sie mit dem renommierten Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. Und auch die nachfolgenden Bücher erhielten wohlwollende Kritiken. Trotzdem ist Helga M. Novak, „eine der wahren Dichterinnen unserer Zeit“, wie der Kritiker Rolf Michaelis in einer Rezension ihres Bandes „Silvatica“ (1997) notierte, eine literarische Außenseiterin geblieben. Um mit Wolf Biermann zu reden: „Diese Dichterin ist schlimmer als nur verkannt, sie blieb einfach unbemerkt.“

Daran wird der Droste-Preis der Stadt Meersburg, den die 1935 in Berlin-Köpenick geborene Novak am Sonntag im Spiegelsaal des Meersburger Schlosses erhält, wenig ändern. Aber er setzt ein Zeichen. …

… Lyrik ist keine Option für die Masse. Das erklärt vielleicht die geringe Popularität der Dichterin, die in den 1970er- und 1980er-Jahren mit sprachlich eindrucksvollen und teils sehr persönlichen Liebes- und Naturgedichten etliche Bände füllte. Eine Auswahl ihres poetischen Oeuvres hat Michael Lentz unter dem Titel „wo ich jetzt bin“ 2005 bei Schöffling herausgebracht. Darin bricht der Schriftstellerkollege eine Lanze für die große Unbekannte: „Ihre Lyrik, besonders die späte, ist von einzigartiger suggestiver Kraft und bizarrer Schönheit“, heißt es im Nachwort. Vor zwei Jahren erschienen Novaks „Liebesgedichte“. …

Den Droste-Förderpreis, der ebenfalls am Sonntag überreicht wird, erhält die 1979 im sächsischen Grohenhaim geborene und in Berlin lebende Ulrike Almut Sandig. / Siegmund Kopitzki, Südkurier

8. Edit 57

Bei Fixpoetry Armin Steigenberger über das neue Edit:

Die Gedichte des polnischen Dichters Miron Białoszewski, übersetzt von Dagmara Kraus, frappieren. Sie wirken auf den ersten Blick simpel und sehr reduziert.

STUDIUM DES SCHLÜSSELS

Der Schlüssel
riecht wie Nagelwasser
schmeckt nach Elektrizität
und als Frucht
ist er herb
unreif
an sich ganz und gar
Kern.

Oft auf lapidare Dinge wie Sinneseindrücke fokussiert geben sie alltägliche Dingen wieder, entfachen dennoch, meist zum Ende hin, in Texten wie Bemusung oder einer selbstironischen „Ode“ über einen bekommenen und wieder genommenen Ofen oft ihr ganzes sprachgewaltiges Potenzial. …

Ebenfalls sehr spielerisch schrieben Elfriede Czurda und Ferdinand Schmatz je ein, Michael Lentz zwei Anagramme nach einem Text von Carlfriedrich Claus, rinde der bäume. Christian Steinbacher rundet mit einer „Anagrammfolge“ von gleich 6 Texten den Zyklus ab, von daher ist die Kapitelüberschrift „Vier Gedichte“ ein glattes Understatement. Es wären so gesehen 10 Einzelanagramme, nicht eingerechnet den Ausgangstext von Carlfriedrich Claus – jenes visionären experimentellen Künstlers, der die Grenzen von Stimme, Papier und Schrift zu Rändern werden ließ, zu Nähten, die die Wirklichkeit neu zusammensetzten, steht in einer Fußnote. Alle Texte lösen auf ihre Weise originell den Anspruch ein.

Außerdem u.a. über Konstantin Ames, Georg Leß und amerikanische Essays

Edit 57, Papier für neue Texte, hrsg. von Literaturverein Edit e. V., 2012
Redaktion: Jörn Dege, Kerstin Preiwuß, Mathias Zeiske

123. Walter-Hasenclever-Preis für Lentz

Michael Lentz erhält den Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen.

Lentz, der 1964 in Düren geboren wurde, publizierte nach dem Roman ‘Pazifik Exil’ (2007) und Lyrikbänden zuletzt die Essaysammlung ‘Textleben’ (2011). Die mit 20 000 Euro dotierte Auszeichnung wird am 4. November verliehen.

Auf der Homepage der Walter-Hasenclever-Gesellschaft heißt es:

Die Walter-Hasenclever-Gesellschaft verleiht alle zwei Jahre (d.h. in jedem geraden Jahr) den Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen. Mit einem Preisgeld von 20.000 Euro zählt er zu den höchst dotierten deutschen Literaturpreisen. Entsprechend gehören die bisherigen Preisträger zur ersten Riege der deutschsprachigen Autoren, u.a. Peter Rühmkorf, George Tabori, Oskar Pastior, Herta Müller, Christoph Hein und Ralf Rothmann.

Das Preisgeld wird durch das Zusammenwirken verschiedener Träger aufgebracht, dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach, wo der Nachlass Walter Hasenclevers verwahrt wird, der Stadt Aachen, dem Aachener Buchhandel, dem Verein der Freunde und Förderer des Einhard-Gymnasiums, dessen Absolvent Hasenclever im 1908 gewesen war, und der Walter-Hasenclever-Gesellschaft selbst. Die Findung des Preisträgers erfolgt durch eine siebenköpfige Jury, in die jeder der Träger einen Juror entsendet und die jeweils um zwei Vertreter des Literaturbetriebs ergänzt wird.


66. Extremist des Avantgardismus

Zu diesen hoch reizbaren Extremisten des Avantgardismus gehörte auch der 1925 in Rumänien gebo­rene Buch­staben­poet und Filme­macher Isidore Isou, der Begründer des sogenannten Lettris­mus. Aus einer jüdischen Familie stammend, geriet Isou im Rumänien des faschis­tischen Diktators Ion Antonescu in Lebens­gefahr und floh daher 1945 nach Paris, wo er alsbald die lettristische Revo­lution ausrief. Die Form der litera­rischen Dissi­denz, die Isou gemeinsam mit einigen Mit­strei­tern zelebrierte, führte im Frankreich der Nach­kriegs­zeit zu allerlei Skandalen: Der mit spekta­kulären Aktio­nen auf­trumpfende Isou wurde wahlweise als Porno­graph, politischer Nest­beschmutzer oder als Blas­phemiker geschmäht.

In Deutschland war der 2007 verstorbene Isou bislang nur durch die philo­logi­schen Arbeiten von Michael Lentz und durch einige Reminis­zenzen von Oskar Pastior präsent, eine umfassende, viel­stimmige Aus­einander­setzung mit seiner Poetik steht jedoch noch aus. Das könnte sich jetzt ändern, denn das auf solche Einzelgänger der litera­rischen Moderne spezia­lisierte „Schreibheft“ hat jetzt unter dem bezeich­nenden Titel „Die Zeichen des Messias“ ein aufregendes Dossier zum Phänomen Isidore Isou vorgelegt. / Michael Braun, Poetenladen