72. Banallyrik

Wer liest denn heute noch Lyrik? Die Zeiten von Rilke, Celan, Jandl sind vorbei, als es gerade die Lyriker waren, die der Literatur ihre entscheidenden Wendungen, ihren entscheidenden Ausdruck gaben. Seit etwa zwanzig Jahren beherrscht müde pseudo-mystische Lyrik à la Hilde Domin und harmlose Witzeldichterei in der Nachfolge von Robert Gernhardt das Geschehen, häufig auch beides zu einem amalgamiert wie bei Durs Grünbein. Natürlich gibt es aus dieser Zeit auch einige wackere Experimentierer, die versucht haben, die Avantgarde fortzuschreiben, wie Oskar Pastior oder eben Urs Allemann, zu dem wir später noch kommen werden. Aber dominant ist die reine Gefälligkeitslyrik, die ihre Gefühligkeit nicht einmal umzudrapieren wagt, höchstens dass einer mal am Blüschen zupft, damit auch ja nichts drückt. Ausdruck dieser „Form“ von „Lyrik“ ist das Florilegium, das uns Buchwald und Wagner vorlegen, und damit eben nicht Ausdruck der momentanen Blüte der Dichtkunst, wie immer wieder behauptet, sondern ihres fauligen Algendaseins. Wobei auch das ja schon wieder besser, da zumindest wahrnehmbar, wäre als es der Wirklichkeit entspricht: Denn vielleicht blüht diese Lyrik tatsächlich, wie eine Tapetenblüte nämlich, die das Auge beruhigt, die Wand vor Schwarzteeflecken schützt, und wenn sie nicht da wäre, wäre es auch recht. Sogar Algenmoder inspirierte mehr.

Ich bin allerdings gezwungen etwas zurückzubuchstabieren. Einerseits enthält das Jahrbuch einige gute oder wenigstens nicht schlechte Gedichte, wie das jeweils erste von Herta Müller und Mayröcker, die Gedichte von Allemann und Lentz (je eines) oder einzelne von Hans Thill. Andererseits sind viele interessante Dichter gar nicht in der Sammlung vertreten (Ann Cotten, Nora Gomringer, Oswald Egger, Marcel Beyer) oder unterrepräsentiert (wie eben Allemann oder Lentz). Es könnte also sein, dass es um die Lyrik nicht so schlecht steht, wie vom Jahrbuch vermittelt. Dann wären die Herausgeber die Tapezierer und nicht die Dichter selbst. Zu einem gewissen Grad verhält es sich wohl so, da die Flut der grässlichen Gedichte von Sylvia Geist usw ja nicht als Resultat einer Naturkatastrophe in den Band geraten sind, auch wenn es so scheinen mag. Handkehrum sind viele bekannte Dichter, wie etwa Hummelt, vertreten und weicht der Gesamtton nicht von dem ab, was so allgemein für ganz groß gehalten wird, wie etwa Grünbein, Kirsch oder, außerhalb deutscher Landen, Tranströmer, und so ist das Jahrbuch leider durchaus repräsentativ.

Wie? Tranströmer, Hummelt und Grünbein oder gar Sarah Kirsch kann man doch nicht so einfach vom Tisch wischen! Nein, das will ich auch gar nicht. Von all diesen Dichtern gibt es sehr gute Gedichte, und ich lege sie ans Herz. Aber sie vertreten eben, und propagieren, eine Art der Literatur, die, schon per se zum Schwächeanfall geneigt, in der großen Breite der unbegabteren Musensöhne und -töchter endgültig zum kitschigen Schwachsinn kollabiert. Was ist das für eine Literatur? In der Prosa wäre es Geschichtchenerzähler-literatur, in der Lyrik ist es Beobachtungs-, Alltags-, Ergussliteratur, und meistens alles in einem. So ein Lyriker geht also im Wald spazieren, beobachtet eine Ameise, steigert sich in ein Ameisenempfinden hinein und von da in ein Weltempfinden, drechselt die Beobachtung der Ameise schriftlich zu einer kosmischen Metapher, schwenkt den Instant-Weihrauch von Tchibo über der Buchstabensuppe und baut zuletzt noch einige zeitgenössische Wörter ein, wie „ICE“ oder „Bukake“, damit es sich auch ja um Dichtung aus der Zeit heraus handelt. Das Ergebnis ist dann nicht viel anders als wenn Mario Barth im Olympiastadion von seiner Freundin im Klo berichtet, nur dass der Alltagsbanalität vom Dichter eine ganz andere Bedeutung zugemessen wird, da eben nicht die Freundin im Klo furzt, sondern der Wal im Meer singt. Bei Grünbein oder Tranströmer ist das nur in den schlechten Gedichten so, und es gibt auch viele gute, bei denen man sich Mühe gibt, Anklänge an solche Schrecklichkeiten zu überhören. Im Jahrbuch hingegen sieht man das echte Antlitz dieser Art der Banallyrik: Es ist das Antlitz eines Suppenhuhns, das entfedert, ausgemergelt, von den Musen verlassen im letzten Röcheln noch aus allen Poren Gefühlsschleim sekretiert. / Samuel Meister, larmoyanz. rezensionen zu neuerer deutschsprachiger literatur.

Jahrbuch der Lyrik 2013, Christoph Buchwald und Jan Wagner (Hrsg.), DVA 2013.

2 Comments on “72. Banallyrik

  1. Seit etwa zwanzig Jahren vorwiegend müde pseudo-mystische Lyrik, harmlose Witzeldichterei, reine Gefälligkeitslyrik? Lebt dieser Rezensent auf dem Mond? Was das Jahrbuch 2013 betrifft: Ich kenne anregendere Ausgaben dieser Anthologiereihe. Sammelbände mit neuen Gedichten sind oft eine Achterbahnfahrt (rauf, runter, rauf), aber eine nahezu unentwegte Talfahrt ist das neue Jahrbuch nicht. Neben etlichen schwächeren und mittelmäßigen Beiträgen enthält es viele gute Gedichte, die es zumindest lesenswert machen. Mir kommt es so vor, als habe der Kritiker sich hier in einer Wollust am Vernichten gesuhlt.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: