Lyrikzeitung & Poetry News

2. März 2012

8. Doppelt angesagt

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 12:08

Daniela Seel ist eine der angesagtesten deutschen Dichterinnen der Gegenwart. In Idstein liest sie aus ihrem Buch „ich kann diese stelle nicht wiederfinden“.

Schreibt die Allgemeine Zeitung, und ich füge hinzu: In Greifswald gewann sie gestern den Publikumspreis (Greifswalder Jury) gegen starke Konkurrenz.

6. Juli 2011

18. Meine Anthologie: Abenteuer der deutschen Grammatik

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland, Japan — Schlagworte: , , , — lyrikzeitung @ 08:51

Yoko Tawada

Die zweite Person Ich

Als ich dich noch siezte,
sagte ich ich und meinte damit
mich.
Seit gestern duze ich dich,
weiß aber noch nicht,
wie ich mich umbenennen soll.

Aus: Yoko Tawada: Abenteuer der deutschen Grammatik. Tübingen: konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2010, S. 8.

(Gestern abend wollte ich zu einer Lesung von Yoko Tawada im Greifswalder Koeppenhaus gehen. Es war aber so voll, daß kein einziger Sitzplatz übrig war und selbst im Treppenhaus vor der Tür etwa 8 Leute standen. Ich blieb eine Weile stehen und versuchte zuzuhören, es war aber kaum zu verstehen. Also sah ich den Büchertisch durch und pickte ein Buch heraus, das ich noch nicht besaß, setzte mich ins Café und las es. Als ich fertig war, ging ich nach oben, die Lesung lief noch, noch immer standen ein paar Leute vor der Tür und hörten zu, aber in der letzten Reihe des Saales war ein Stuhl frei. Ich setzte mich und hörte den Rest der Lesung / Diskussion. Lauschender Leser und redender Schreiber,  sagt Hubert Winkels. Umständehalber waren für mich die Rollen getrennt vereint am Stück, es war nicht schlecht. Ich ließ mir das Buch anschließend signieren und bat die Autorin darum, mir das Gedicht S. 41 vorzulesen, das deutsche Sätze und Wortteile mit japanischen Wortwurzeln in chinesischer Schrift kombiniert. So bekam ich zum Schluß noch eine Privatlesung. So schlimm ist das mit der Festivalkultur nicht, wie der vielleicht übersättigte Autor meint.

28. Juni 2011

138. Sommernachtsgezwitscher

Hört ihr das, so höhnte eine Stimme auf einem Greifswalder Hof. Ich saß beim zweiten Bier am dritten Tisch und schrieb das Protokoll. Die Stimmen sprachen über die Politlyrikaktion einer Hamburger Wochenzeitung. Da haben sie, sprach die Stimme, lauter Dichter ausgewählt, die gar keine politischen Gedichte schreiben. Wenigstens Monika Rinck, warf eine Stimme ein. Ja vielleicht, sprach die erste. Aber sonst? Da geht eine Dichterin zu einem FDP-Mann und schreibt ein Gedicht darüber. Oder einer schreibt über Atomkraft, aber so, daß die CSU unterschreiben könnte. Ja, wie auch anders heute, eine dritte. Immerhin eins der besseren Gedichte, eine vierte. Und warum schreiben die nicht über die Flüchtlinge, die im Mittelmeer ersaufen, die fünfte. Es war ein Stimmengewirr, an dem vielleicht das Bemerkenswerteste war, daß es am Biertisch stattfand, während die Medienstimmen beharrlich schweigen.

Zwei Biere weiter redeten sie über die Stralsunder Matadore. Die toten: Uwe Lummitsch, Andreas Schäning, Christian Jax. Und die auswärts lebenden, Thomas Kunst, Jörn Hühnerbein, Jörg Schieke, Silke Peters, wo seid ihr? Die Stimmen kannten sich aus. Es war eine laue Nacht.

25. Juni 2011

124. Lesung: Urs Allemann, Marcel Beyer, Monika Rinck, Bertram Reinecke

21.06.2011

Der Dichter und sein Schatten, Lesungen bei Litradio

Monika Rinck und Bertram Reinecke

49:25

hier

Urs Allemann und Marcel Beyer

 

52:12

hier

 

Lesung im Rahmen der internationalen Fachtagung Der Dichter und sein Schatten. Fallstudien zur Einflussdichtung, die vom 27. bis 30. April 2011 im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald stattfand.

 

Die Tagung hat versucht, das Phänomen der Einfluss-Lust (und nicht nur der „Einfluss-Angst“, mit der sich die wirkungsmächtige Studie von Harald Bloom auseinandergesetzt hat) unter der Perspektive ihrer Produktivität neu zu bewerten. Die Grundannahme ist, dass die Auseinandersetzung mit anderen DichterInnen und ihrer Sprache für die Entstehung einer eigenen Poetik konstitutiv ist. Dies gilt insbesondere für moderne Lyrik, in der im zwanzigsten Jahrhundert Formen wie Zitation und Montage, literarische ‚ready mades‘ und andere affirmative Formen von Intertextualität (bis zum Extremfall des Plagiats) ihre literarische Blüte erleben und aus dem Schatten des Trivialen treten. Das Verhältnis von Originalität und Epigonentum wird komplexer als bisher zu beschreiben sein. Nietzsche beklagt 1879 in Der Wanderer und sein Schatten die „Originalitätswut“ der Modernen, die im Unterschied zu den antiken Autoren eine regelrechte Angst vor der Konvention an den Tag legen würden. Doch gerade nachdem sich die modernen Autoren seit der Romantik scheinbar oder wirklich von den „Ketten“ der Tradition befreit (ein Bedürfnis jeder literarischen Avantgarde) und die vollständige Freiheit und Ungebundenheit ihrer künstlerischen Schöpfung behauptet haben, können sie sich ohne jegliche Einfluss- und Konventionsangst ‚leisten‘, auch epigonal zu sein: Wo der Zwang der Konvention nicht mehr so stark ist, kann die dezidierte Aneignung fremder Vorbilder anfangen.

10. Juni 2011

38. Meine Anthologie: Von Dänen und Katzen

Æri Tobbi (im Buch auch so: Æri-Tobbi) ist ein isländischer Dichter des 17. Jahrhunderts. Es ist nicht leicht, außerhalb Islands etwas über ihn zu erfahren. Der isländische Wikipediaeintrag verzeichnet keine Versionen in anderen Sprachen. Der 22bändige Kindler kennt ihn ebensowenig wie das kleine Lexikon Nordeuropäischer Literatur aus dem DDR-Verlag Enzyklopädie. Aber in diesem Jahr erschien (oder erscheint?) ein Band “Isländische Lyrik” als Insel Taschenbuch im Rahmen des Island-Schwerpunkts der Frankfurter Buchmesse. Bei einer Serie von Veranstaltungen im Netzwerk der Literaturhäuser, in die, wie man hört, das Greifswalder Koeppenhaus hineingerutscht ist, weil München abgewunken hat, wird den Besuchern am Ausgang ein Vorabexemplar überreicht, das so vorgestern in meinen Besitz kam. Danke, München!

Über die Veranstaltung werde ich noch berichten.

Hier eine erste Lesefrucht, die in meine Anthologie drängt. Leider leider (erste und bislang einzige Mäkelei) haben die Herausgeber und/oder Verleger nicht nur nicht daran gedacht, die Gedichte zweisprachig zu drucken, was vielleicht aus ökonomischem Kalkül verständlich ist, sondern nicht einmal eine einzige klitzekleine Probe der isländischen Originale wenigstens aufgenommen. (Die alten und neuen Gedichte auf der Lesung im Koeppenhaus wurden dagegen durchweg in beiden Sprachen vorgetragen und einige sogar gesungen, was wunderbar klang und Neugier weckte. Zum Beispiel auf Sigtryggur Magnason, der zusammen mit der Schauspielerin Svandís Dóra Einarsdóttir die Anthologie vorstellte, der Dichter ist leider nicht in der Anthologie enthalten, trug aber zu Beginn ein paar eigene Texte vor!).

Von Æri Tobbi enthält die Sammlung zwei kurze Texte:

Über den Dänen als solchen

Zipfel Zapfen und zappzarapp gut Axt mit Zähnen,
zerschrauben zerklauben ein Torso in Tränen,
loben darf nur der Deiwel die Dänen.

Über Katzen

Rumpel die Pumpel beißen und kratzen,
warum sind hier so viele Katzen?
Schmurgel die Gurgel ein Grün sich zu laben,
schlimm ists, ihrer viel auf dem Hof zu haben. 

(Deutsch von Jón Bjarni Atlason und Alexander Sitzmann)

Über Katzen gibts natürlich verschiedene Ansichten, vielleicht auch über Dänen (man muß hierzu nur wissen, daß Dänemark jahrhundertelang über Island herrschte). Aber verflucht nochmal, so leichtfüßiges Wortspiel gibts bei uns nicht im 17. Jahrhundert! Da gibts viel Gutes und Spannendes und wie immer auch Langweiliges, es gibt Gewichtiges, Graziles und Gestelztes, aber sowas! Wie klingt das wohl auf Isländisch?

Google brachte mir bislang als einzige Spur den isländischen Wikieintrag:

Æri Tobbi er skáld frá 17. öld, fæddur árið 1600. Hann hét réttu nafni Þorbjörn Þórðarson. Um ævi hans og búsetu er fátt vitað, en hann virðist hafa dvalist mest sunnanlands og vestan og starfað að járnsmíðum. Talsvert hefur varðveist af undarlegum vísum og kviðlingum eftir hann. Hér er eitt dæmi.

Leider ist mein Isländisch nicht perfekt, aber es bedeutet ungefähr soviel:

Æri Tobbi ist ein Dichter (Skalde)  des 17. Jahrhunderts, der um 1600 geboren wurde. Sein eigentlicher Name ist Þorbjörn Þórðarson. (…) Hier ist eine Probe.

Vambara þambara þeysingssprettir
því eru hér svona margir kettir,
agara gagara yndisgrænum,
illt er að hafa þá marga á bænum.

Vambara þambara? Agara gagara? Das klingt wie Wortspiel und ist es auch. Und “kettir” in Zeile 2 heißt vermutlich Kater, “að hafa” in der 4. bestimmt auf dem Hofe, “þá marga” also so viele… Nehme ich die Wortspiele dazu, wird fast klar, das muß es sein, das Katzengedicht haben wir! (Vielleicht findet sich jemand, der das über die Dänen besorgen kann? Oder Wiki weiter übersetzen?)

11. Mai 2011

47. Die Benn-Passage

Marcel Beyer

Greifswaldvariationen

Eröffnungsvortrag der Tagung »Der Dichter und sein Schatten«, Greifswald, 27. April 2011

(Die Benn-Passage)

II

Mehrstimmigkeit – das einzige wirksame Gegengift gegen den ganzen monolithischen, den fanatischen, den faschistischen und chauvinistischen Schwachsinn in der Poesie und im Reden darüber. Gegen Germanengequatsche. Mehrstimmigkeit: Material aus allen Richtungen, ohne Rücksicht auf die jeweilige Provenienz. Beim Schreiben von Gedichten macht sich nicht derjenige die Finger schmutzig, der in die staubige Plattenkiste greift, sondern nur immer derjenige, der eherne Werte verkündet oder deren Verlust beklagt. Mehrstimmigkeit auch: Wenn eine Einzelstimme vier Oktaven umfaßt und Arrangeur und Schallplattenproduzent einzelne Laute aus dem Spektrum herausgreifen und am Schneidetisch so aneinanderfügen, als mache die Stimme einen Satz vom schrillen Schrei zum tiefen Grollen. Also her mit dem Zeug:

gebt Gottesliter,
Höllenyards,
gebt Rillen
einzuhalten,
aufzuhalten
e i n n i s t e n möchte man schreien –
nichts –
gebt Rillen!

Wie bitte?

Oder Urwald, Masse aus Saft
dunkelgrünem
unmessbar
gebt Gottesliter
Höllenyards
gebt Rillen
nichts –
Zahnräder
aus wo und wann und immer

Noch einmal: Wie bitte, was? Die vierte Strophe des Gedichts »Nur noch flüchtig alles« von Gottfried Benn, samt einer Variante, entstanden am 15. März 1955.

Nur noch flüchtig alles: Ich will nicht bestreiten, daß Benns Gedichte, zumal die späten, von einer tiefen Melancholie geprägt sind – dem Dichter darum aber die Trauer um den Untergang des Abendlandes auf die Schultern zu laden, halte ich für unstatthaft, um nicht zu sagen: obszön.

Gottfried Benn war entschieden ein Modedichter, war es von Anfang an, er hielt das Ohr am Puls der Zeit, begierig, Modeströmungen aufzunehmen, aufzugreifen und in Gedichte einfließen zu lassen, die gegenwartsbezogene, gegenwärtige, akute Gedichte sein sollten.

Gottfried Benns Gedichte: das jeweils großgeschriebene JETZT, und nicht die »große Ewigkeit«. Nur so läßt sich sein sensationeller Erfolg der letzten Lebensjahre erklären, immer auf »Tournéen«, »u las vor u. sang meine Arien«, wie er am 5. Januar 1955 an Thea Sternheim schreibt (beide Zitate: Benn-Sternheim S. 313). Mit welcher Wucht er, der annähernd Siebzigjährige, mit seinen Gedichten und öffentlichen Auftritten die Altväterlichkeit der Jungen aushebelt, läßt sich an einem Bericht ablesen, den Thea Sternheim Ende November 1955 vom Limes-Verlag erhält – hier ein längeres Zitat daraus:

»Am 15. war Benn dann schon wieder in Köln, wo er im NWDR mit Reinhold Schneider diskutierte. Thema: Soll die Dichtung das Leben bessern? Über 300 Leute in einem für 160 berechneten Saal. Zunächst je ein Referat von Benn und Schneider, die einander sehr sympathisch sind, anschliessend öffentliche Diskussion, die teilweise recht komisch gewesen sein muss. Unter anderem trat Heinrich Böll auf – ich weiss nicht, ob Sie den Namen kennen, er hat hier grossen Erfolg [...] –, der langatmig erklärte, der christliche Dichter habe es ja wesentlich schwerer als der nicht glaubensmäßig gebundene, einerseits wolle er das Kunstwerk, andererseits aber habe er die ungeheure Belastung im Rücken, dass das Neue Testament über Kunst nicht aussagt, ohne sie auskommt; das Überwinden dieser Diskrepanz sein ein so tragisches Unterfangen. Benn fragte nur: Warum lassen Sie das Schreiben nicht, wenn es sie so bedrückt? Böll war zunächst sprachlos und begann dann, aus Thomas v. Aquin vorzulesen, worauf man ihn schleunigst aus der Diskussion zog.« (Benn-Sternheim S. 319)

Soweit die rasende Reporterin Marguerite Schlüter vom Limes-Verlag, die noch die Mitteilung folgen läßt: »werden wir zum 70. Geburtstag eine Langspielplatte machen lassen« (Benn-Sternheim S. 320). – Eine befreiende, aber im Rückblick doch auch erschütternde Momentaufnahme, es handelt sich um Benns letzten öffentlichen Auftritt, und wir alle wissen ja, welche Literaturauffassung die folgenden Jahrzehnte in Westdeutschland beherrschen soll – das schöne alte SCHÖNE WAHRE GUTE, in welcher Gestalt und mit welcher Stoßrichtung auch immer, und im Osten dasselbe minus Thomas von Aquin.

gebt Gottesliter,
Höllenyards,
gebt Rillen

… »werden wir eine Langspielplatte machen lassen« …

einzuhalten,
aufzuhalten
e i n n i s t e n möchte man schreien –
nichts –
gebt Rillen!

… »der langatmig erklärte, der christliche Dichter habe es ja wesentlich schwerer als der nicht glaubensmäßig gebundene« …

gebt Gottesliter,
Höllenyards,

Vor einigen Jahren habe ich die merkwürdige »Rillen«-Strophe aus Benns »Nur noch flüchtig alles« einmal bei einer Veranstaltung an der Universität in Weimar in die Diskussion geworfen, und es fiel den anwesenden Literaturwissenschaftlern sichtlich schwer, die erratischen »Rillen« nicht als ehernes Dichterwort zu deuten, die »Rillen« unter welchen Verrenkungen auch immer in einen Sinnzusammenhang des Gesamtgedichts einzupassen. Mein Vorschlag, sie, die »Rillen« als eine allzu wörtliche Übertragung Benns aus dem Englischen aufzufassen, wurde zwar zur Kenntnis genommen – doch nur, um alle literaturwissenschaftliche Energie dagegen aufzubieten. Und das trotz der Unzahl großartiger – ich betone: großartiger – Englischfehler und Englischbastardisierungen in den späten Gedichten von Gottfried Benn. Mit den »Rillen« können natürlich die zwei Rillen einer Schallplatte gemeint sein, doch die Aufforderung »gebt Rillen!« scheint mir doch eher darauf hinzudeuten, daß Benn im Jazz- oder Blueszusammenhang eine Formulierung wie »give the groove«, »groove it« oder »let’s groove« gehört haben könnte, also die Aufforderung eines Bandleaders oder Sängers an die Band, mit dem Spielen zu beginnen, um dann im Wörterbuch unter »groove« nachzuschlagen – und Benns Englischwörterbuch heißt ja meistens »Oelze« oder »Ilse« oder »verschwiegene junge Dame« –, wo er auf die wörtliche Bedeutung von »groove«, nämlich »Rille«, gestoßen sein dürfte – was mit der Slangphrase »let’s groove« nur sehr entfernt zu tun hat. An anderer Stelle, im Gedicht »Destille«, heißt es bei Benn im Tanzmusikzusammenhang: »ewig Rhythmenschübe« – das trifft den Groove schon besser.

Und um welchen Groove, um welche »Rillen«, welche »Höllenyards« und welchen »Urwald«, welche »Masse aus Saft« könnte es sich in »Nur noch flüchtig alles« genauer handeln? Könnte man den Gedichttitel nicht auch einmal weniger im Sinne eines »wehmütigen Abschieds vom klassischen Abendland« lesen, sondern schlichter auf flüchtige Medienkontakte, auf den Kontakt mit – zumindest bis zur Ausweitung des Internets – als flüchtig erachteten Medien beziehen?

»Nur noch flüchtig alles – nun die Anden«, schreibt Benn im März 1955. Die erste Hälfte der fünfziger Jahre führt mit Korea-Krise und Indochina-Krise, mit fanatischer Kommunistenfurcht und der täglichen Furcht vor dem Dritten Weltkrieg, der ein Atomkrieg sein und zweifellos einen »Großteil der Menschheit«, also die Europäer, auslöschen wird, sowie mit dem Bewußtsein, daß die Kolonialzeit nun langsam zu Ende geht – Ezra Pound hätte sich da, »Marokkaner und anderer Abschaum«, gut noch einmal als Propagandadichter für einige europäische Regierungen verdingen können –, die erste Hälfte der fünfziger Jahre führt in der westlichen Welt zur dritten – oder siebten, oder zwölften – großen Exotik-Welle: Daß die in Musik, im Film und auf den Bühnen präsentierten exotischen Medienwelten natürlich alles andere als »authentisch« sind, ist gar nicht zu bedauern, im Gegenteil: Das exotische Ägypten, das exotische Mexiko, die exotische Karibik und so weiter sind entweder artifiziell, oder sie sind gar nicht.

Zu behaupten, Benn habe Zeit seines Lebens etwas für die Exotik übrig gehabt, für dieses nach immer dem gleichen Rezept hergestellte Gebräu aus Ethnologie plus Hollywood plus Südfrucht plus leicht bekleidete Dame, hieße gehörig untertreiben – oder: Schrumpfköpfe zum Sonnengott tragen.

Die Südsee, Josephine Baker, das Bananen-, yes, Bananenröckchen. Überhaupt: Benns Obst- und Gemüsestand wäre, wie Rilkes Obst- und Gemüsestand – »ich ahne / Banane« –, einmal einer ernsthaften Untersuchung wert. Dann tritt – wie Gedichte brauchen auch Exotica immer einen Rest Geheimnis – Carmen Miranda auf. Schon folgen Thor Heyerdahl, Kon Tiki, Polynesien, Hawaii, der Voodoo, die Kannibalen, der Mambo, »Lotosland« als erste Abschnittüberschrift des »Ptolemäer« und als hundertfach aufgenommenes Exotica-Paradestück: »Nur noch flüchtig alles – nun die Anden« …

Bei der schillerndsten Figur der Exotik-Welle in den Fünfzigern, so heißt es seinerzeit, handele es sich um eine echte Nachfahrin eines Inka-Königs, sie sei gewissermaßen direkt aus den Anden ins Tonstudio in Los Angeles gekommen, und der Exotica-König Les Baxter wird es einmal im Interview bestätigen – ob man allerdings einem Les Baxter Glauben schenken sollte, der auf seinen Plattenhüllen als weltreisender Musikethnologe gepriesen wird, obwohl er später einmal bekennt, er habe Los Angeles kaum je verlassen, und seine exotischen Musikwelten seien allesamt in seinem Kopf entstanden … Andere behaupten, die Sängerin stamme aus Brooklyn oder aus Harlem und habe ihren tatsächlichen Namen, Amy Camus, nur in anagrammatischer Verwandlung exotischer gemacht, was aber dem Erfolg ihrer seit 1950 erscheinenden Alben nicht schadet, »The Voice of the Xtabay«, »Legend of the Sun Virgin«, »Mambo!«, »Legend of the Jivaro« – Sie wissen bereits, von wem ich rede, von der Andenprinzessin Yma Sumac, deren Stimmenumfang vier Oktaven umfaßt, auch wenn die Sprünge vom tiefen Grollen zum schrillen Schrei das Ergebnis minutiöser Arbeit am Schneidetisch sind. Sei’s drum –

gebt Gottesliter,
Höllenyards,
gebt Rillen

Oder Urwald, Masse aus Saft
dunkelgrünem
unmessbar

– nun die Anden

Ein Siebzigjähriger, der Yma Sumac hört? – Ganz gleich, ob dies den Tatsachen entspricht, das Bild, die Vorstellung allein genügt, um sich klar zu machen, welch tiefe Kluft zwischen Gottfried Benn und dem abstrusen, schrumpfgermanenhaften Tiefsinnsgestotter im Nachkriegsdeutschland herrscht, das er zum Beispiel im Kölner Sendesaal zu hören bekommt. Wenn man die Wahl hat zwischen der vor dem Hintergrund der zurückliegenden zwölf Jahre rundweg verlogenen Beschwörung des christlichen Abendlands und der rundweg verlogenen Inszenierung einer jungen Sängerin, die hinter einem Kannibalenkessel hockt, über dem ein handelsüblicher Schrumpfkopf aus Plastik schwebt – wer würde sich da nicht für Yma Sumac entscheiden?

Es geht mir auch gar nicht darum, in den Gedichten Benns hieb- und stichfest Verweise auf konkrete Anden-Exotica oder auf eine konkrete Sängerin aufzuspüren – schließlich ist diese Mood-Music mit riesigen Streichorchestern und Marimbas und Bongos und »Urwaldflöten« selbst dezidiert darauf ausgerichtet, eine akustische Tapete zu bilden, einen weichgezeichneten Hintergrundklang, aus dem das Individuum – als Sänger oder Instrumentalist – nur selten namentlich hervortritt. Wenn überhaupt jemand im Zentrum steht, seinen Namen gibt, sei es Les Baxter, sei es Martin Denny oder Esquivel, dann ist es der Arrangeur, der mit Geschick und »Geschmack« vorfabrizierte musikkulturelle Versatzstücke miteinander verknüpft und ausgestaltet – ein im Grunde ganz ähnliches Konzept wie bei Benn, wenn er in seiner modifizierend zitierenden Arbeitsweise aus Fremdmaterial »echten Benn« werden läßt.

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27. April 2011

119. Lesungen in Berlin und Greifswald

Neben Steffen Popp, dem Gewinner des Leonce-und-Lena-Preises 2011, sind am 28. April in der Literaturwerkstatt Berlin auch die beiden diesjährigen Wolfgang-Weyrauch-Förderpreisträger Jan Volker Röhnert und Andre Rudolph zu Gast.

Zur gleichen Zeit findet eine Lesung im Greifswalder Kruppkolleg im Rahmen der Lyriktagung zur modernen Einflußdichtung statt. Es lesen ab 20 Uhr im Kruppkolleg: Urs Allemann, Marcel Beyer, Bertram Reinecke und Monika Rinck.

Steffen Popp hält am Sonnabend in der Greifswalder Konferenz einen Vortrag um 12.15 Uhr mit dem Titel: Fragen an die Boxmaschine – “Einflussangst und Vatermord” in einer kollaborativen  Poetik zeitgenössischer LyrikerInnen

Heute in Greifswald:

18.30 Uhr — 19.00 Uhr

Begrüßung
Christian Suhm (Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald)

Einführung
Uta Degner (Salzburg) und Elisabetta Mengaldo (Greifswald)

19.00 Uhr — 20.00 Uhr

Greifswaldvariationen
Marcel Beyer (Berlin/Dresden)

20.00 Uhr
Empfang im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg

Ankündigung_Beyer

26. April 2011

116. Der Dichter und sein Schatten in Greifswald

Pommern ist von fast allem (nur nicht der Ostsee) sehr weit weg. (Das gilt in Deutschland genau wie in Polen). Diese Woche aber hat der An- und Umwohner Greifswalds einen klaren Standortvorteil. Von Mittwoch bis Sonnabend findet eine internationale Fachtagung statt zum Thema:

Der Dichter und sein Schatten
Fallstudien zur modernen Einfluss-Dichtung

Die Tagung

möchte das Phänomen der Einfluss-Lust (und nicht nur der „Einfluss-Angst“, mit der sich die wirkungsmächtige Studie von Harald Bloom auseinandergesetzt hat) unter der Perspektive ihrer Produktivität neu bewerten. Die Grundannahme ist, dass die Auseinandersetzung mit anderen DichterInnen und ihrer Sprache für die Entstehung einer eigenen Poetik konstitutiv ist.

Dies gilt insbesondere für moderne Lyrik, in der im zwanzigsten Jahrhundert Formen wie Zitation und Montage, literarische ‚ready mades‘ und andere affirmative Formen von Intertextualität (bis zum Extremfall des Plagiats) ihre literarische Blüte erleben und aus dem Schatten des Trivialen treten.

Das Verhältnis von Originalität und Epigonentum wird komplexer als bisher zu beschreiben sein. Nietzsche beklagt 1879 in Der Wanderer und sein Schatten die „Originalitätswut“ der Modernen, die im Unterschied zu den antiken Autoren eine regelrechte Angst vor der Konvention an den Tag legen würden. Doch gerade nachdem sich die modernen Autoren seit der Romantik scheinbar oder wirklich von den „Ketten“ der Tradition befreit (ein Bedürfnis jeder literarischen Avantgarde) und die vollständige Freiheit und Ungebundenheit ihrer künstlerischen Schöpfung behauptet haben, können sie sich ohne jegliche Einfluss- und Konventionsangst ‚leisten‘, auch epigonal zu sein: Wo der Zwang der Konvention nicht mehr so stark ist, kann die dezidierte Aneignung fremder Vorbilder anfangen.

Wissenschaftler wie Wolfram Groddeck (Robert Walser), Hans-Jost Frey (Franz Josef Czernin), Dieter Burdorf (Thomas Kling liest Rudolf Borchardt) und viele andere tragen ihre Beobachtungen zum Thema vor. Vor allem aber treten auch Lyriker selbst auf.

Urs Allemann, Marcel Beyer, Steffen Popp, Bertram Reinecke und Monika Rinck sind in Lesung, Gespräch und Vortrag dabei. Eine solch geballte Ladung ist nicht nur in Greifswald kaum alltäglich und lohnt den Weg ins Krupp-Kolleg allemal.

Die Termine der Lyriker:

Mittwoch 18.30 Uhr — 20.00 Uhr

Marcel Beyer: Greifswaldvariationen (Eröffnungsvortrag)

Donnerstag 17.00 Uhr — 17.45 Uhr

Gespräch über Lyrik: Monika Rinck (Berlin) und Elisabetta Mengaldo (Greifswald)

Donnerstag 20.30 Uhr — 22.00 Uhr

Lesung: Urs Allemann, Marcel Beyer,  Bertram Reinecke und Monika Rinck

Sonnabend  12.15 Uhr — 13.00 Uhr

Steffen Popp: Fragen an die Boxmaschine – “Einflussangst und Vatermord” in einer kollaborativen Poetik zeitgenössischer LyrikerInnen

Das Programm:

Flyer Dichterschatten

23. Februar 2011

107. Poesiegespräch: Marion Poschmann

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , , , — lyrikzeitung @ 14:52

Donnerstag, 24. Februar · 20:00 – 23:00

Literaturwerkstatt Berlin

In Lesung und Gespräch: Marion Poschmann (Autorin, Berlin) Moderation: Nico Bleutge (Autor und Literaturkritiker, Berlin)

Poesiegespräche bieten die Möglichkeit eines tiefen Einblicks in Schreibstätten und Konzepte von Dichtern, zumal wenn es um deren neuestes Buch geht. Nico Bleutge, selbst Dichter, wird als kritisch begleitender Gesprächspartner auch die Februar-Veranstaltung in dieser Reihe moderieren.

Marion Poschmann zählt zu den wichtigsten Stimmen der Gegenwartslyrik. Nun hat sie einen neuen Gedichtband vorgelegt, über den sie mit Nico Bleutge spricht und aus dem sie lesen wird: »Geistersehen« (Suhrkamp Verlag 2010).

Marion Poschmann sieht gewiss keine Geister oder gar Gespenster, aber Ungewisses schon. Zum Beispiel »das Nachbild der Glühbirne / auf der schwarzen Wand«. Es sind »Testbilder«, »Störbilder«, »Trugbilder« und »Nachbilder«, die sie dem Leser anbietet, es sind »Spiegelungen« – nur fixe Bilder sind es nicht. Weil die Welt verschwimmt, wenn man sie fest in den Blick nimmt. Die Ausgangspunkte können ganz alltäglich sein: »ich hatte versehentlich Teflon / zerkratzt, mit Metallbesteck«. Wenn die Autorin genau schaut, werden die Kratzer zu »Umrißlinien prähistorischer Tiere«, die letztendlich im Geschirrtuch verschwinden.

»Marion Poschmann hat der zeitgenössischen Dichtung die Erfahrungsnaivität ausgetrieben. Die artifiziellen Spiegelungen und Vexierbilder ihrer Gedichte entwickeln eine Wahrnehmungskunst, die neue Maßstäbe setzt in der Dichtung des 21. Jahrhunderts.« (Michael Braun, Neue Zürcher Zeitung).

Marion Poschmann (*1969 Essen) studierte Germanistik, Philosophie und Slawistik in Bonn und in Berlin, wo sie heute als freie Autorin lebt. Sie hat drei Prosabände (»Baden bei Gewitter« 2002, »Schwarzweißroman« 2005, »Hundenovelle« 2008) und drei Gedichtbände (»Verschlossene Kammern« 2002, »Grund zu Schafen« 2004 und »Geistersehen« 2010) veröffentlich. Marion Poschmanns Werk wurde vielfach ausgezeichnet. u. a. mit dem Wolfgang Weyrauch Förderpreis beim Literarischen März 2003 und einem Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo 2004.

(Text von Literaturwerkstatt Berlin / Facebook)

(Wer es nicht bis Berlin schafft: zur gleichen Zeit, Donnerstag 20 Uhr, stelle ich im Falladahaus in Greifswald “Geistersehen” und andere neue Gedichtbände vor, mit Büchertisch, Verlosung von 3 Gedichtbänden und Gelegenheit zum Selberdichten)

10. Februar 2011

51. Poesie der ägyptischen Revolution

Einsortiert unter: Arabisch, Ägypten, Deutschland, Katalonien, Portugal, Spanien — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 17:31

Die ägyptische Revolution spricht in Versen. Die Massen auf dem Tahrirplatz in Kairo skandieren Reimpaare:

“Yâ Mubârak! Yâ Mubârak! Is-Sa‘ûdiyya fi-ntizârak!,” (“Mubarak, O Mabarak, Saudi Arabien wartet!”)

“Shurtat Masr, yâ shurtat Masr, intû ba’aytû kilâb al-’asr” (“Ägyptens Polizei, Ägyptens Polizei, Ihr seid nur noch Palasthunde”)

“Idrab idrab yâ Habîb, mahma tadrab mish hansîb!” (Schlag uns, schlag uns, O Habib [al-Adly, bisheriger Innenminister], schlag soviel du willst—wir gehen hier nicht weg!)

(Das letztere spielt an auf ein ägyptisches Sprichwort: “Darb al-habib zayy akl al-zabib” – Die Faust der Geliebten ist süß wie Rosinen).

Diese Gedichte, schreibt Elliott Colla, sind kein Ornament des Aufstands, sondern sein Soundtrack und Teil der Handlung selber.

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