Marcel Beyer
Greifswaldvariationen
Eröffnungsvortrag der Tagung »Der Dichter und sein Schatten«, Greifswald, 27. April 2011
(Die Benn-Passage)
II
Mehrstimmigkeit – das einzige wirksame Gegengift gegen den ganzen monolithischen, den fanatischen, den faschistischen und chauvinistischen Schwachsinn in der Poesie und im Reden darüber. Gegen Germanengequatsche. Mehrstimmigkeit: Material aus allen Richtungen, ohne Rücksicht auf die jeweilige Provenienz. Beim Schreiben von Gedichten macht sich nicht derjenige die Finger schmutzig, der in die staubige Plattenkiste greift, sondern nur immer derjenige, der eherne Werte verkündet oder deren Verlust beklagt. Mehrstimmigkeit auch: Wenn eine Einzelstimme vier Oktaven umfaßt und Arrangeur und Schallplattenproduzent einzelne Laute aus dem Spektrum herausgreifen und am Schneidetisch so aneinanderfügen, als mache die Stimme einen Satz vom schrillen Schrei zum tiefen Grollen. Also her mit dem Zeug:
gebt Gottesliter,
Höllenyards,
gebt Rillen
einzuhalten,
aufzuhalten
e i n n i s t e n möchte man schreien –
nichts –
gebt Rillen!
Wie bitte?
Oder Urwald, Masse aus Saft
dunkelgrünem
unmessbar
gebt Gottesliter
Höllenyards
gebt Rillen
nichts –
Zahnräder
aus wo und wann und immer
Noch einmal: Wie bitte, was? Die vierte Strophe des Gedichts »Nur noch flüchtig alles« von Gottfried Benn, samt einer Variante, entstanden am 15. März 1955.
Nur noch flüchtig alles: Ich will nicht bestreiten, daß Benns Gedichte, zumal die späten, von einer tiefen Melancholie geprägt sind – dem Dichter darum aber die Trauer um den Untergang des Abendlandes auf die Schultern zu laden, halte ich für unstatthaft, um nicht zu sagen: obszön.
Gottfried Benn war entschieden ein Modedichter, war es von Anfang an, er hielt das Ohr am Puls der Zeit, begierig, Modeströmungen aufzunehmen, aufzugreifen und in Gedichte einfließen zu lassen, die gegenwartsbezogene, gegenwärtige, akute Gedichte sein sollten.
Gottfried Benns Gedichte: das jeweils großgeschriebene JETZT, und nicht die »große Ewigkeit«. Nur so läßt sich sein sensationeller Erfolg der letzten Lebensjahre erklären, immer auf »Tournéen«, »u las vor u. sang meine Arien«, wie er am 5. Januar 1955 an Thea Sternheim schreibt (beide Zitate: Benn-Sternheim S. 313). Mit welcher Wucht er, der annähernd Siebzigjährige, mit seinen Gedichten und öffentlichen Auftritten die Altväterlichkeit der Jungen aushebelt, läßt sich an einem Bericht ablesen, den Thea Sternheim Ende November 1955 vom Limes-Verlag erhält – hier ein längeres Zitat daraus:
»Am 15. war Benn dann schon wieder in Köln, wo er im NWDR mit Reinhold Schneider diskutierte. Thema: Soll die Dichtung das Leben bessern? Über 300 Leute in einem für 160 berechneten Saal. Zunächst je ein Referat von Benn und Schneider, die einander sehr sympathisch sind, anschliessend öffentliche Diskussion, die teilweise recht komisch gewesen sein muss. Unter anderem trat Heinrich Böll auf – ich weiss nicht, ob Sie den Namen kennen, er hat hier grossen Erfolg [...] –, der langatmig erklärte, der christliche Dichter habe es ja wesentlich schwerer als der nicht glaubensmäßig gebundene, einerseits wolle er das Kunstwerk, andererseits aber habe er die ungeheure Belastung im Rücken, dass das Neue Testament über Kunst nicht aussagt, ohne sie auskommt; das Überwinden dieser Diskrepanz sein ein so tragisches Unterfangen. Benn fragte nur: Warum lassen Sie das Schreiben nicht, wenn es sie so bedrückt? Böll war zunächst sprachlos und begann dann, aus Thomas v. Aquin vorzulesen, worauf man ihn schleunigst aus der Diskussion zog.« (Benn-Sternheim S. 319)
Soweit die rasende Reporterin Marguerite Schlüter vom Limes-Verlag, die noch die Mitteilung folgen läßt: »werden wir zum 70. Geburtstag eine Langspielplatte machen lassen« (Benn-Sternheim S. 320). – Eine befreiende, aber im Rückblick doch auch erschütternde Momentaufnahme, es handelt sich um Benns letzten öffentlichen Auftritt, und wir alle wissen ja, welche Literaturauffassung die folgenden Jahrzehnte in Westdeutschland beherrschen soll – das schöne alte SCHÖNE WAHRE GUTE, in welcher Gestalt und mit welcher Stoßrichtung auch immer, und im Osten dasselbe minus Thomas von Aquin.
gebt Gottesliter,
Höllenyards,
gebt Rillen
… »werden wir eine Langspielplatte machen lassen« …
einzuhalten,
aufzuhalten
e i n n i s t e n möchte man schreien –
nichts –
gebt Rillen!
… »der langatmig erklärte, der christliche Dichter habe es ja wesentlich schwerer als der nicht glaubensmäßig gebundene« …
gebt Gottesliter,
Höllenyards,
Vor einigen Jahren habe ich die merkwürdige »Rillen«-Strophe aus Benns »Nur noch flüchtig alles« einmal bei einer Veranstaltung an der Universität in Weimar in die Diskussion geworfen, und es fiel den anwesenden Literaturwissenschaftlern sichtlich schwer, die erratischen »Rillen« nicht als ehernes Dichterwort zu deuten, die »Rillen« unter welchen Verrenkungen auch immer in einen Sinnzusammenhang des Gesamtgedichts einzupassen. Mein Vorschlag, sie, die »Rillen« als eine allzu wörtliche Übertragung Benns aus dem Englischen aufzufassen, wurde zwar zur Kenntnis genommen – doch nur, um alle literaturwissenschaftliche Energie dagegen aufzubieten. Und das trotz der Unzahl großartiger – ich betone: großartiger – Englischfehler und Englischbastardisierungen in den späten Gedichten von Gottfried Benn. Mit den »Rillen« können natürlich die zwei Rillen einer Schallplatte gemeint sein, doch die Aufforderung »gebt Rillen!« scheint mir doch eher darauf hinzudeuten, daß Benn im Jazz- oder Blueszusammenhang eine Formulierung wie »give the groove«, »groove it« oder »let’s groove« gehört haben könnte, also die Aufforderung eines Bandleaders oder Sängers an die Band, mit dem Spielen zu beginnen, um dann im Wörterbuch unter »groove« nachzuschlagen – und Benns Englischwörterbuch heißt ja meistens »Oelze« oder »Ilse« oder »verschwiegene junge Dame« –, wo er auf die wörtliche Bedeutung von »groove«, nämlich »Rille«, gestoßen sein dürfte – was mit der Slangphrase »let’s groove« nur sehr entfernt zu tun hat. An anderer Stelle, im Gedicht »Destille«, heißt es bei Benn im Tanzmusikzusammenhang: »ewig Rhythmenschübe« – das trifft den Groove schon besser.
Und um welchen Groove, um welche »Rillen«, welche »Höllenyards« und welchen »Urwald«, welche »Masse aus Saft« könnte es sich in »Nur noch flüchtig alles« genauer handeln? Könnte man den Gedichttitel nicht auch einmal weniger im Sinne eines »wehmütigen Abschieds vom klassischen Abendland« lesen, sondern schlichter auf flüchtige Medienkontakte, auf den Kontakt mit – zumindest bis zur Ausweitung des Internets – als flüchtig erachteten Medien beziehen?
»Nur noch flüchtig alles – nun die Anden«, schreibt Benn im März 1955. Die erste Hälfte der fünfziger Jahre führt mit Korea-Krise und Indochina-Krise, mit fanatischer Kommunistenfurcht und der täglichen Furcht vor dem Dritten Weltkrieg, der ein Atomkrieg sein und zweifellos einen »Großteil der Menschheit«, also die Europäer, auslöschen wird, sowie mit dem Bewußtsein, daß die Kolonialzeit nun langsam zu Ende geht – Ezra Pound hätte sich da, »Marokkaner und anderer Abschaum«, gut noch einmal als Propagandadichter für einige europäische Regierungen verdingen können –, die erste Hälfte der fünfziger Jahre führt in der westlichen Welt zur dritten – oder siebten, oder zwölften – großen Exotik-Welle: Daß die in Musik, im Film und auf den Bühnen präsentierten exotischen Medienwelten natürlich alles andere als »authentisch« sind, ist gar nicht zu bedauern, im Gegenteil: Das exotische Ägypten, das exotische Mexiko, die exotische Karibik und so weiter sind entweder artifiziell, oder sie sind gar nicht.
Zu behaupten, Benn habe Zeit seines Lebens etwas für die Exotik übrig gehabt, für dieses nach immer dem gleichen Rezept hergestellte Gebräu aus Ethnologie plus Hollywood plus Südfrucht plus leicht bekleidete Dame, hieße gehörig untertreiben – oder: Schrumpfköpfe zum Sonnengott tragen.
Die Südsee, Josephine Baker, das Bananen-, yes, Bananenröckchen. Überhaupt: Benns Obst- und Gemüsestand wäre, wie Rilkes Obst- und Gemüsestand – »ich ahne / Banane« –, einmal einer ernsthaften Untersuchung wert. Dann tritt – wie Gedichte brauchen auch Exotica immer einen Rest Geheimnis – Carmen Miranda auf. Schon folgen Thor Heyerdahl, Kon Tiki, Polynesien, Hawaii, der Voodoo, die Kannibalen, der Mambo, »Lotosland« als erste Abschnittüberschrift des »Ptolemäer« und als hundertfach aufgenommenes Exotica-Paradestück: »Nur noch flüchtig alles – nun die Anden« …
Bei der schillerndsten Figur der Exotik-Welle in den Fünfzigern, so heißt es seinerzeit, handele es sich um eine echte Nachfahrin eines Inka-Königs, sie sei gewissermaßen direkt aus den Anden ins Tonstudio in Los Angeles gekommen, und der Exotica-König Les Baxter wird es einmal im Interview bestätigen – ob man allerdings einem Les Baxter Glauben schenken sollte, der auf seinen Plattenhüllen als weltreisender Musikethnologe gepriesen wird, obwohl er später einmal bekennt, er habe Los Angeles kaum je verlassen, und seine exotischen Musikwelten seien allesamt in seinem Kopf entstanden … Andere behaupten, die Sängerin stamme aus Brooklyn oder aus Harlem und habe ihren tatsächlichen Namen, Amy Camus, nur in anagrammatischer Verwandlung exotischer gemacht, was aber dem Erfolg ihrer seit 1950 erscheinenden Alben nicht schadet, »The Voice of the Xtabay«, »Legend of the Sun Virgin«, »Mambo!«, »Legend of the Jivaro« – Sie wissen bereits, von wem ich rede, von der Andenprinzessin Yma Sumac, deren Stimmenumfang vier Oktaven umfaßt, auch wenn die Sprünge vom tiefen Grollen zum schrillen Schrei das Ergebnis minutiöser Arbeit am Schneidetisch sind. Sei’s drum –
gebt Gottesliter,
Höllenyards,
gebt Rillen
Oder Urwald, Masse aus Saft
dunkelgrünem
unmessbar
– nun die Anden
Ein Siebzigjähriger, der Yma Sumac hört? – Ganz gleich, ob dies den Tatsachen entspricht, das Bild, die Vorstellung allein genügt, um sich klar zu machen, welch tiefe Kluft zwischen Gottfried Benn und dem abstrusen, schrumpfgermanenhaften Tiefsinnsgestotter im Nachkriegsdeutschland herrscht, das er zum Beispiel im Kölner Sendesaal zu hören bekommt. Wenn man die Wahl hat zwischen der vor dem Hintergrund der zurückliegenden zwölf Jahre rundweg verlogenen Beschwörung des christlichen Abendlands und der rundweg verlogenen Inszenierung einer jungen Sängerin, die hinter einem Kannibalenkessel hockt, über dem ein handelsüblicher Schrumpfkopf aus Plastik schwebt – wer würde sich da nicht für Yma Sumac entscheiden?
Es geht mir auch gar nicht darum, in den Gedichten Benns hieb- und stichfest Verweise auf konkrete Anden-Exotica oder auf eine konkrete Sängerin aufzuspüren – schließlich ist diese Mood-Music mit riesigen Streichorchestern und Marimbas und Bongos und »Urwaldflöten« selbst dezidiert darauf ausgerichtet, eine akustische Tapete zu bilden, einen weichgezeichneten Hintergrundklang, aus dem das Individuum – als Sänger oder Instrumentalist – nur selten namentlich hervortritt. Wenn überhaupt jemand im Zentrum steht, seinen Namen gibt, sei es Les Baxter, sei es Martin Denny oder Esquivel, dann ist es der Arrangeur, der mit Geschick und »Geschmack« vorfabrizierte musikkulturelle Versatzstücke miteinander verknüpft und ausgestaltet – ein im Grunde ganz ähnliches Konzept wie bei Benn, wenn er in seiner modifizierend zitierenden Arbeitsweise aus Fremdmaterial »echten Benn« werden läßt.
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