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24. Zu albern
Herrn Dotzauer stelle ich mir als ernsthaften Menschen vor, der zwischen seinen journalistischen Pflichten im, immerhin oder sozusagen Hochfeuilleton auch noch die Hochkultur à la Recherche du temps perdu, Tractatus logico-philosophicus oder Grundlegung zur Metaphysik der Sitten durchackert. Wie schnell entsteht da ein Widerspruch zwischen “der Kontingenz allen Wissens und der Begrenztheit des menschlichen Daseins”, sozusagen. Listen als Ordnungsfaktor könnten helfen, aber “ach, wie oft sind auch sie zu lang, und wie sehr strapaziert auch ihre Ordnung den geistigen Haushalt”.
Zu solchen Angestrengtheiten verführt ihn eine Ausgabe der Zeitschrift Edit (Nr. 61, 128 S., 5 €, http://www.editonline.de), und sichtlich goutiert er es nicht. Wie schnell kann sowas zu “neuen lebenszeitvernichtenden Abwägungen führen”. Tatsächlich, das steht da. Vielleicht sollte er einen weniger stressigen Beruf wählen? Wo er in Ruhe seinen Proust und Wittgenstein lesen kann und muß nicht in die Niederungen der Gegenwart abtauchen.
Aber nein, wahrscheinlich widerspräche das seiner (Rhein-Donau-Isarländer würden vielleicht sagen protestantischen) Arbeitsethik. Schließlich hat das hohe Feuilleton Verpflichtungen seiner konservativen Leserschaft gegenüber. Also meint er das alles ernst und will diese vor dem Verbrauch dieser 128 S., 5 € warnen. Dort trefft ihr so unernste Leute wie Monika Rinck oder Norbert Lange, die das Glück der Albernheit mit Kristevazitaten kaschieren. Aber der Tagesspiegelleser durchschaut das nun:
Doch so theoriegesättigt diese Prosa mit Zitaten von Foucault und Lévi-Strauss vor sich hinwuchert – es geht hier gerade nicht darum, etwas Bestimmtes zu sagen, sondern das Material so mürbe zu machen, bis es etwas Überraschendes preisgibt: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Neue, um ans Licht zu kommen, einen dunklen Korridor der Dummheit durchqueren muss.“ Und: „Womöglich bringt die poetische Sprache zur Akzentuierung ihres Aufklärungs- oder Erneuerungspotenzials immer ein gewisses Maß an Verdunkelung mit sich.“
Das ist ein Freibrief für vielerlei Unsinn – auch wo er sich wie bei Rincks Dichterkollegen Norbert Lange auf tiefe Bewunderung berufen kann. Die Proben aus seinen „Dummkopfelegien“, einer Hommage an Rilkes „Duineser Elegien“, drehen jedem Vers den lautlichen Kragen mittelhochdeutsch bis schwittershaft um. Der partielle Reiz des Verfahrens hat seinen Preis: Er zerstört Rilkes Gedanklichkeit, ohne ihr eine neue hinzuzufügen. Das Ergebnis ist nicht parodistisch, aber parasitär.
Zerstört Rilkes Gedanklichkeit, man denke! Lukács läßt auch grüßen. Nein, das können wir abschreiben. Ohnehin würde wohl kein Leser jenes sozusagen geschätzten Blattes die 5 Euro riskieren. Da verliert ihr eh nichts. Das ist nicht ernst, diese Zeitung überlassen wir den Biedermännern und Freizeitkantianern.
(Tiefe Bewunderung für Rilke, lieber Norbert, schützt auch nicht. Also dann!)
76. Ronald Lippok Sibylla Schwarz
17. Vor 550 Jahren
Heute vor 550 Jahren wurde François Villon aus Paris verbannt.
Kein Poet vor François Villon hatte so selbstbewusst “Ich” gesagt. Das macht ihn zum ersten modernen Dichter an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. Seine Verse sind erhalten, doch er selbst hat nur wenige Spuren hinterlassen – hauptsächlich in Gerichtsakten. (…)
Nachdem Villon drei Jahrhunderte lang wegen seiner Obszönitäten und zweifelhaften Moral wenig beachtet* worden war, begeisterten sie sich gerade deshalb für ihn. Als genialen Verbrecher, poetischen Rebellen und frühen Bohemien. Paul Verlaine und Arthur Rimbaud identifizierten sich mit dem poète maudit, dem verfluchten Dichter, Villon. Ezra Pound und Claude Debussy setzten ihm musikalische Denkmäler. / Ulrike Rückert, DLF
*) Aber immerhin hat man sein umfangreiches Werk abgeschrieben und über die Jahrhunderte immer wieder in hohen Auflagen ediert. Was will man mehr?
Heute ist er im Deutschen vielleicht am bekanntesten durch den Vortrag Klaus Kinskis. Aber Vorsicht: Nicht nur sind die von Kinski benutzten Nachdichtungen von Paul Zech sehr frei, sondern Zech mischt eigene Gedichte unter seine Übersetzungen. Das – auch durch Kinski – beliebte “Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund” ist eine freie Erfindung Zechs.
Lustig diese Aussage aus dem deutschen Wikipedia-Artikel:
Heute sind viele Collèges in Frankreich nach ihm benannt, wobei die jeweils hierfür Verantwortlichen nicht immer gut über seine Person informiert gewesen sein dürften.
Wers glaubt! Ich halte es für unwahrscheinlich, daß jemand in Frankreich nicht über das kriminelle Leben des Dichters unterrichtet ist – schließlich handelt auch das Werk wesentlich davon. Es ist wohl eher so, daß man in Frankreich eine weniger verkrampfte Einstellung zu Dichtern hat und es nicht nötig, den Dichter zum moralischen Vorbild hochzustilisieren.
In Greifswald gibt es den Brief eines Germanisten, der vor der Umbenennung der Hermann-Löns-Straße in Hans-Fallada-Straße warnt – weil er in seinem Leben kein Vorbild für die Jugend ist. Die Straße wurde trotzdem umbenannt! Auf Falladas Gefängnistür (er saß paar Wochen wegen Unterschlagung zwecks Narko-Finanzierung in Greifswald ein, ebenso wie später in Neumünster), die jetzt im Falladahaus in der Steinstraße 59 steht, werden jedes Jahr Kühlschrankpoesie-Wettbewerbe veranstaltet, und auch manche deutsche DichterInnen – ich muß das mal zusammenstellen – haben darauf gedichtet.
121. Litfaßsäule
110. Lyrik-Rettungsschirm wird Vertrauen der Leser wiederherstellen
Mittwoch gegen 22:30 Uhr vorgetragen von Norbert Lange im Greifswalder Koeppenhaus. Jetzt bei karawa.net #004.
Charles Bernstein liest an der »New School for Social Research« in New York, im Rahmen eines Marketing-Events anlässlich des Erscheinens von The Best American Poetry 2008. David Lehman ist der Herausgeber der Reihe Best American Poetry; Robert Polito ist der Leiter des Literaturprogramms der New School.
Sehr geehrter Vorstandsvorsitzender Herr Dr. Lehman, sehr geehrter Schriftführer Herr Dr. Polito, erlesene Lyriker und Leser, mein Damen und Herren — Ich bedaure die Festlichkeiten des heutigen Abends mit einer wichtigen Mitteilung unterbrechen zu müssen. Wie Sie wissen, verstopft das Überangebot illiquider, insolventer und in der Krise befindlicher Gedichte die literarischen Arterien der westlichen Welt. Diese hochverschuldeten Gedichte drohen nun auch andere Bereiche des Literatursektors zu infizieren und schließlich unsere Kulturindustrie insgesamt ins Wanken zu bringen.
Die Troika der kulturellen Elite hat sich versammelt, um eine massive Lyrikübernahme bekannt zu geben: kreditgestützte und ungedeckte Gedichte, Poesie-Derivate, säumige und Subprime-Gedichte werden durch den größten Lyrik-Rettungsschirm seit der viktorianischen Epoche aus dem Umlauf genommen. Es ist unsere Überzeugung, dass dies ein umfassender und richtiger Plan ist, um den Druck von unseren literarischen Institutionen und Märkten zu nehmen.
Lassen wir uns nicht täuschen: die neoliberal-konservativen Grundlagen unserer Lyrik sind solide. Das Problem ist nicht die Lyrik, sondern sind die Gedichte. Die Krise ist herbeigeführt worden durch die Ausweitung der Lyrikschulden — von Gedichten, die unkontrolliert am Markt zirkulieren und infolge ihrer Schwierigkeit, Inkompetenz oder Belanglosigkeit wirtschaftlichen Schaden verursachen.
Illiquide Lyrikanlagen unterbrechen den für unsere Literatur so lebenswichtigen Phantasiefluss. Wenn das Literatursystem arbeitet, wie es sollte, fließen Lyrikanlagen von und zu Lesern und Autoren, um einen produktiven Teil des kulturellen Feldes zu bilden. Wenn aber weiterhin toxische Lyrikpapiere das System blockieren, könnte diese Vergiftung des Literaturmarkts unsere kulturellen Institutionen irreparabel beschädigen.
Wie wir wissen, haben nachlässige Kompositionsverfahren und Schreibpraxen seit Beginn des Modernismus zu verantwortungslosen Lyrikern und verantwortungslosen Lesern geführt. Einfach gesagt: Zu viele Lyriker haben Werke verfasst, die keine verlässliche Ausrichtung besitzen. Wir sehen heute, wie sich das auf die Lyrik auswirkt, mit einem massiven Vertrauensverlust von Seiten der Leser. Was als Problem bonitätsschwacher Lyrik auf unregulierten Lyrik-Websites begann, hat auf andere, stabilere Literaturmagazine und -verlage übergegriffen und entscheidend zu einem Überschuß von Lyrikinventaren beigetragen, die verantwortungsvolle Gedichte im Wert gedrückt haben.
Die Risiken, die von Lyrikern eingegangen wurden, waren zu groß; eine tiefgreifende ästhetische Fahrlässigkeit. Die Zeit der Dekadenz muss und wird ein Ende nehmen. Mit der obligatorischen Aufsicht und Regulierung von Kompositionsverfahren und Veröffentlichungspraxen.
Es ist unser fester Glaube, dass unser Kultursektor – sind diese Gedichte erst aus dem Umlauf genommen – sich erholen wird und Leser das Vertrauen in die amerikanische Literatur zurückgewinnen werden. Wir schätzen, dass für eine erfolgreiche Übernahme alle nach 1904 geschriebenen Gedichte aus dem Umlauf genommen werden müssen.
Dies wird ein Neuanfang sein, die neue Morgendämmerung eines neuen Tages. Wenn Leser nicht länger Gefahr laufen, von illiquiden Gedichten überwältigt zu werden, können wir eine literarische Kultur mit einer soliden ästhetischen Basis schaffen.
Mein Name ist Charles Bernstein und ich stehe hinter dieser Mitteilung.
Vgl. L&Poe #137, 30.9. 2008: Regulierung. – Mehr
2. Schreiben wie gehen
Interview mit Angelika Janz, Webmoritz:
Du hast zahlreiche Performances gemacht? Wie bist du zu diesen Ideen gekommen? Erzähl bitte etwas von deinen Aktionen.
Die erste Aktion „Schreiben wie gehen“ war damals in Essen 1978, an einem eiskalten Tag im Februar. Ich bin morgens einfach los gezogen, habe mir einen Beutel Kreide gekauft und habe die gesamte Fußgängerzone, zwei große Straßenpassagen über zwei Kreuzungen hinweg, mit eigenen Texten und Gedichten bis in die städtisch beleuchtete Nacht hinein voll geschrieben.
Die Menschen sind mir quasi in den Rücken gelaufen, viele sind stehen geblieben und haben die Texte gelesen. Manche trauten sich nicht, darüber zu laufen, aber sie mussten es doch, denn ich habe alles Begehbare vollgeschrieben, es gab kein Entrinnen, und so haben sie diese „Literatur“ mit ihren Schritten davon getragen. Die Polizei kam, weil die Aktion nicht angekündigt war, ließen mich aber weiterschreiben. Einige haben mir auch Geld hingeworfen, weil sie dachten, ich sei eine Straßenkünstlerin. Ein Journalist kam, von dem später in der Zeitung zu lesen war: „Schriftstellerin schreibt auf das Pflaster, weil sie keinen Verlag findet. Dabei hatten wir kein Wort miteinander geredet.
Eine ähnliche Aktion haben wir 2008 dann in Greifswald gemacht „Greif zur Kreide, Greifswald“, in Zusammenarbeit mit dem Literaturzentrum. Anlässlich des 75. Jahrestages der Bücherverbrennung haben wir, viele Studenten der Greifswalder Uni und ich, die Namen der „verbrannten“ Autoren auf die Straßen und Häuser geschrieben und haben dann auch an zentralen Orten der Stadt Texte von diesen Autoren vorgetragen. Hier und da gibt es noch nach so vielen Jahren immer noch Spuren der Aktion. Sie war mir sehr wichtig, weil ich damit viele Menschen „anstecken“ konnte. Viele Passanten haben selbst Kreide genommen, sich die Namensliste der verfemten Autoren geben lassen und einfach mitgeschrieben.
41. O, ich bin im Freitag!
Der geschätzte Freitag beschert einem Kolumnisten (veröffentlicht) und Lyriker (unveröffentlicht) endlich eine prominente Bühne. Es geht um “die schwierige Kultur des Pluralismus”, sagt die Überschrift seiner neusten Verlautbarung. Wie fein, da muß doch jeder mitziehn, nicht? Jeder darf seine Gedichte veröffentlichen, also auch jeder “Freiheits”-Kolumnist.
Nicht genug damit. “Zum Breivik-Vorwurf” schreibt er noch darunter. “Die sog. Lyrikszene bzw. deren Hauptprotagonisten und Oberexegeten” bestreiten also Mollnitz/Bosselmann die Meinungsfreiheit und schlagen ihn mit der Breivik-Keule. Ist das nicht ein Skandal? Gut daß es noch ein paar Stellen gibt, an denen man dagegen anreden kann. Das tut der wackere Streiter nun unter dem Doppelnamen beim Freitag.
Er strickt das mit der gleichen heißen Nadel wie seine sog. Lyrikpolemik und wie die paar Artikel bei von mir weniger geschätzten Organen wie “Junge Freiheit” und “Blaue Narzisse”, die ich mir angesehen habe. Eine stammtischfähige Meinung (beim Freitag: “Die junge Lyrik ist niveaulos”, bei der JF 2009: “Der jüngsten Ausgabe des Politikmagazins Frontal 21 war es ein Anliegen, sich darüber zu echauffieren, daß „der Staat die Neonazis gewähren läßt“” oder hier Juni 2012: “die Linke ist am Ende”) wird mit ein paar kernigen Sätzen und reichlich Kraft-Bonmots à la “Neue Lyrik: neue Impotenz”, “Möchtegern-Lyrik”, “Multi-Preisträger”, “gleichgeschaltete Gefällt-mir-Gesellschaft”, (Lyrik); “Demokratie und böser Nazi”, “ein Guter, ein Demokrat” (Nazis), “Möchtegern-Luxemburg”, “Bionade-Bourgeoisie”, “Befindlichkeits-, Gefühls- und Pseudolinke des satten Westens” (Linke) garniert. Weder die Meinungen noch die Schlag-Wörter sind von ihm. “Multipreisträger” z.B. kam jüngst bei einer Medienattacke des rührigen Anton Leitner vor und wurde von Mollnitz flugs per copy and paste ausgerechnet auf Thomas Kunst appliziert. Egal was, egal woher: Hauptsache es tut Wirkung bei den Stammtischen, ob rechts (JF) oder links (Freitag). (Lustig, daß er gleichzeitig im eigenen Fall jammert, wenn andere das Wort “Klarnamen” benutzen).
Und in dem jüngsten Beitrag im Freitag-Blog lästert er über den “karnevalesken Maskenball der Pseudonyme” (als hätte das Thema garnichts mit ihm zu tun) und spricht von seinen “mir größtenteils völlig unbekannten und mit Nicknames verschleierten Opponenten”. Nun ja. Wer von den Lesern des Freitag kannte bis dahin Bosselmann oder Mollnitz? Wenn jemand lautstark auftritt, muß er sich kaum wundern, daß man fragt, wer das ist. Ich und meine gutinformierten Datenbanken kannten keinen “Mollnitz”. Bosselmann schon. Nicht besonders erheblich, aber unter dem Namen erschienen in den 80er Jahren ein paar Gedichte in einer Anthologie mit Schüler-Gedichten (“Offene Fenster”) und in der FDJ-Zeitschrift “Temperamente”. Das ist lange her. Hat er die ganze Zeit geschrieben und nichts veröffentlicht? Oder wurden seine Texte abgelehnt? Oder hat er erst jetzt, angeregt von der schwächelnden Gegenwartslyrik, wieder angefangen? Wir wissen es nicht. Er raunt nur von “besonderen Gründen”, welche?
Jetzt aber hat er sein Thema und seine Rechtfertigung gefunden: Weil die Lyrikzeitung seinen wahren Namen veröffentlichte, bleibt seine Karriere als Autor aus. Drei Verlage sollen seine Gedichte zurückgeschickt haben. (Ehrlich gesagt finde ich das etwas schwach. Wenn sie die Gedichte gut finden, warum veröffentlichen sie sie nicht? Auf mich dürfen die sich nicht berufen.)
Ich zweifle nicht, daß es Leser für seine Gedichte gibt. Ein paar sind unter dem Namen Mollnitz leicht im Netz zu finden. Ich finde die nicht so stark und schon gar nicht in dem messianischen Gestus des Freitag-Artikels. Obwohl mit “Potenz” als Opposition zu der von ihm beschworenen Impotenz (nicht in sexueller Hinsicht, sondern als aktivistisch-kraftmeiernde Geste) hat es in meiner Wahrnehmung schon zu tun. Aber ich mag nicht über unpublizierte Gedichte rechten. Wenn er seine Grenzer-Lyrik gut findet, soll er sie doch veröffentlichen, warum nicht beim Freitag? Er mokiert sich über die Auswahl bei der Wasser-Prawda, vergißt aber hinzuzufügen, daß er diese Gedichte ja selbst hingeschickt hat. Vielleicht hat er so wenig, daß er auch die schwächeren mitschickte? Auch das wissen wir nicht.
Damit wollen wir uns nicht befassen. Noch ein paar Blicke auf die Polemik gegen die “sog. Lyrikszene”. Die habe sich also aufgeregt. Was für Mollnitzens Gewicht zu sprechen scheint. Umso mehr, als nicht irgendjemand, sondern “deren Hauptprotagonisten und Oberexegeten” gegen ihn Front machten. Leider vergißt er hinzuzufügen, wer das eigentlich war. Kein einziger Name, nirgends. Der gleiche blinde Fleck wie in dem sog. Pamphlet, über dessen Resonanz er sich wundert. Dort hatte er immerhin “Eisenhans” benannt, wir konnten das Pseudonym nicht knacken, er soll schon im Lyrikjahrbuch veröffentlicht haben, aber ein “Hauptprotagonist und Oberexeget”? Das kann bezweifelt werden.
“Erhebliche Turbulenzen, große Betroffenheit” konstatiert Mollnitz. Papperlapapp, Großrederei. Ein paar Leserbriefe beim Freitag, ein paar Kommentare bei der Lyrikzeitung oder in kleinen Facebookkreisen, mehr war gar nicht. Er muß es dem bedeutenden Mollnitz erst zurechtmachen.
Was gesagt werden muß. Was mit und gesagt werden muß. Nur mit und, keine Begründungen. (Eich, nicht Grass). Die sogenannte Polemik strotzt gleichermaßen von Kraftmeierei wie von Unkenntnis. Er tut, als könne er die Lyrik aus den Angeln heben, kennt sie aber gar nicht*. Spricht von einem Leipziger Blog und einem Leipziger Verlag, der Verdienste hat, aber kaum ein Zentrum “der Lyrikszene” genannt werden kann. Da gibt es auch in Leipzig andere kleine Verlage, etwa die Connewitzer Verlagsbuchhandlung…, aber nichts davon. Zu schweigen von den wichtigen Verlagen in Berlin und anderswo. Die Freitag-Autorin, die darauf reagierte, hat völlig recht. Kann man von einer Redaktion verlangen, daß sie die Substanzleere bemerkten? Offenbar nicht. Jetzt aber schafft er es, alles so hinzustellen, als läge es nur an der Enthüllung seiner Identität. Nein, es war ein schlechter Artikel, der nur bei Ignoranten Zustimmung fand. Er wäre auch schlecht, wenn er von, sagen wir mal Sahra Wagenknecht (“Möchtegern-Luxemburg”) oder, jetzt keinen Namen nennen… einem Redakteur der FR oder SZ geschrieben worden wäre. (Der Wahrheit die Ehre: es gibt dort keinen, der so uninformiert über Lyrik schreibt!).
Mit Personennamen hält er sich zurück (einzig bei der Freitag-Autorin weiß er sich anzubiedern). Ein Ortsname allerdings wird sehr oft genannt. Ganze 7 mal kommt der Name der Stadt Greifswald vor. Es scheint sich hier um ein Zentrum der Lyrik zu handeln. Der Artikel erwähnt “eifrige Recherchen eines Greifswalder Literaturwissenschaftlers”, der scheint wichtig zu sein. Zumal er, “was ich nicht wusste, sowohl gegenüber dem Greifswalder Verlag, der Greifswalder Online-Zeitschrift als auch wohl gegenüber der Junglyriker-Szene allgemein als eine Art administrierender Bewerter oder mindestens Mentor fungiert, hochgeschätzt, hochagil, hochempfindlich.” Sagt Mollnitz.
Achja, danke. Obwohl ich gern auf dieses Lob verzichte. Er wußte es nicht, jetzt weiß er es aber? Den Beweis bleibt er auch schuldig. Das ist die Mollnitz-Masche. Viel behaupten, dann bleibt schon was hängen. (Nein, er braucht sich nichts drauf einzubilden, so machen es alle Anschwärzer). Ich kenne den Greifswalder freiraum-Verlag, sein Gründer studiert an dem Institut, bei dem ich angestellt bin. Aber “administrierender Bewerter oder mindestens Mentor”, das ist totaler Mumpitz. Sowohl für den Verlag als auch selbstredend für “die Junglyriker-Szene”. Ich kenne etliche junge Lyrikerinnen und Lyriker und lese viele, mit einigen bin ich befreundet, jungen und älteren. Aber Mentor? Administrierender Bewerter gar? Bloße aus der Luft gegriffene Behauptungen in ehrabschneidender Absicht: das darf man jetzt beim Freitag, ich nehme es zur Kenntnis. Dieser Mensch ist ein Verleumder, der allgemeine Behauptungen über “die Lyrik-Szene” mit Zitaten aus Leserkommentaren (“Breivik-Vorwurf”) so mischt, als hätte “die Lyrikszene” unter der heimlichen Führung eines Greifswalder Literaturwissenschaftlers ihm und dem Pluralismus im Land übel mitgespielt. (Der PR-Chef der JF reibt sich die Hände, wenn er das, bei freitag.de, liest: “Dass einer, nachdem er aus besonderen Gründen literarisch fünfundzwanzig Jahre schwieg und sich auf Tagebuch und Presse beschränkte, dass so einer sein Schreiben wieder aufnimmt und Texte durchreicht, ohne zu den diversen Zirkeln und Duzgemeinschaften der „Szene“ zu gehören, konnte man noch als die unerhörte Frechheit eines dreisten Dilettanten abtun; aber dass der auch noch von der „Jungen Freiheit“ kam, diesem schlimmen Blatt, das ging nun gar nicht!”)
Ich bitte um Verständnis, daß ich nicht auf der gleichen Bühne spielen möchte wie dieser Lyrikkenner, und daher hier antworte.
*) In einem Blog versucht “Mollnitz” das in dem ersten Pamphlet Versäumte nachzuholen und zitiert Nora Bossong, “eine Autorin, die ohne Zweifel über eine lyrische Stimme verfügt”. Hohes Lob wird verteilt: “Ihr Gedicht „Reglose Jagd“ (http://www.poetenladen.de/nora-bossong-lyrik.htm) dürfte zum Besten gehören, was innerhalb der letzten Jahre erschien.” Das muß er ja in besonderer Weise wissen. Auch andere Gedichte der Autorin werden gelobt (wenn auch nur im Netz veröffentlichte). Auch hier kommt der Pferdefuß schnell zum Vorschein. Selbst diese ohne Zweifel guten und sympathischen Gedichte werden nun zum Zeugnis des Ungenügens der jungen Lyrik:
Wesen des Dargestellten ist wiederum die Statik, eine kleine, ptolemäisch anmutende Welt, wenngleich offenbar gegenwärtig und modern, herausgehalten aber aus dem Fluss, dem Panta-Rhei des biographischen und geschichtlichen Geschehens.
Genau das ist für neue Lyrik symptomatisch. Sie hält sich heraus aus den Strömungen der Zeit, so abstinent und fern, dass ihr auch deren Unterströmungen einerlei sind oder verborgen bleiben, die gefährlichen wie die verheißungsvollen, denn sie schreibt bewusst aus dem Außerhalb.
Mit Verlaub, so las mans auch in den Zeitungen von SED und FDJ. Fast wörtlich sogar. Was wir schon ahnten. Auch Peter Huchel wurde vorgeworfen, daß er sich “wie ein englischer Lord” (Hager) heraushalte. Genau, Huchel: Mollnitz steht nicht an, Bossong mit Huchel zu vergleichen. Ach ja, richtig, sie bekam ja jüngst den nach Huchel benannten Preis.**
**) Aber ich gebe zu: hätte er dem Freitag diesen Text angeboten, die Blamage wäre etwas kleiner gewesen.
33. nothing can be done
Chronik, 7.7.
17 Uhr
Und wenn sie dich auch flieht, bald wird sie dich verfolgen,
wenn sie deine Geschenke nicht nimmt, bald wird sie welche machen,
wenn sie nicht liebt, bald wird sie lieben,
auch wenn sie nicht will.
Sagt Aphrodite zu Sappho, Frg. 1, in einer brandneuen Übersetzung: Sappho: Scherben – Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen. Potsdam: Udo Degener Verlag 2012. 62 S.
22 Uhr
comes love – nothing can be done
Mette Juul in ihrem Lied “Comes love”, gesungen beim Eldenaer Jazz Evening 2012 Mehr
24 Uhr
rocket number 9 take off for the planet VENUS
Heliocentric Counterblast, ebenda (Hier von Sun Ra)
8. Doppelt angesagt
Daniela Seel ist eine der angesagtesten deutschen Dichterinnen der Gegenwart. In Idstein liest sie aus ihrem Buch „ich kann diese stelle nicht wiederfinden“.
Schreibt die Allgemeine Zeitung, und ich füge hinzu: In Greifswald gewann sie gestern den Publikumspreis (Greifswalder Jury) gegen starke Konkurrenz.
18. Meine Anthologie: Abenteuer der deutschen Grammatik
Yoko Tawada
Die zweite Person Ich
Als ich dich noch siezte,
sagte ich ich und meinte damit
mich.
Seit gestern duze ich dich,
weiß aber noch nicht,
wie ich mich umbenennen soll.
Aus: Yoko Tawada: Abenteuer der deutschen Grammatik. Tübingen: konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2010, S. 8.
(Gestern abend wollte ich zu einer Lesung von Yoko Tawada im Greifswalder Koeppenhaus gehen. Es war aber so voll, daß kein einziger Sitzplatz übrig war und selbst im Treppenhaus vor der Tür etwa 8 Leute standen. Ich blieb eine Weile stehen und versuchte zuzuhören, es war aber kaum zu verstehen. Also sah ich den Büchertisch durch und pickte ein Buch heraus, das ich noch nicht besaß, setzte mich ins Café und las es. Als ich fertig war, ging ich nach oben, die Lesung lief noch, noch immer standen ein paar Leute vor der Tür und hörten zu, aber in der letzten Reihe des Saales war ein Stuhl frei. Ich setzte mich und hörte den Rest der Lesung / Diskussion. Lauschender Leser und redender Schreiber, sagt Hubert Winkels. Umständehalber waren für mich die Rollen getrennt vereint am Stück, es war nicht schlecht. Ich ließ mir das Buch anschließend signieren und bat die Autorin darum, mir das Gedicht S. 41 vorzulesen, das deutsche Sätze und Wortteile mit japanischen Wortwurzeln in chinesischer Schrift kombiniert. So bekam ich zum Schluß noch eine Privatlesung. So schlimm ist das mit der Festivalkultur nicht, wie der vielleicht übersättigte Autor meint.


