Wer liest heute noch Arndt?

Michael Gratz

„Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte“ (Wer liest heute noch Arndt?)

Wir Kleingläubigen glauben ja gern, daß Lyrik heute keine Bedeutung hat, außer für den kleinen Kreis der Lyrikleser. Dabei müssen wir nur den Blick kurz aus der Blase ziehen. Aus in Greifswald gegebenem Anlaß beschäftigte ich mich mit Ernst Moritz Arndt. Hier gibt es seit über 550 Jahren eine Universität, etwa 470 davon kam sie ohne Namen aus, aber 1933 erhielt sie auf Antrag eines stramm deutschnationalen Theologieprofessors, Mitglied des Stahlhelm, des Kyffhäuserbunds und der DNVP (Deutschnationalen Volkspartei), aus den Händen Hermann Görings, damals preußischer Ministerpräsident, den Namen Ernst Moritz Arndt. 1945 wurde der Name buchstäblich durchgestrichen auf den Uni-Stempeln, aber 1954, die DDR gründete die „Nationale Volksarmee“ und brauchte „nationale“ Traditionen, wurde der Name wieder eingeführt. (Jener Professor war inzwischen Mitglied der regierenden SED). Seit 1991 wird über den Namen diskutiert, erst Anfang 2017 gab es im Senat eine Zweidrittelmehrheit für die Streichung des Namens. Und dann brach ein wahrer Volkessturm (das Volk steht auf, der Sturm bricht los!) über Greifswald aus, eine veritable Provinzposse mit Menschenkette, Luftballons, Rosen für Arndt, Demonstrationen und Dutzenden Leserbriefen, in denen beklagt wurde, daß Studenten (die ja nicht richtige Greifswalder sind, weil sie wieder weggehn, solln erst mal ordentlich arbeiten lernen!) beziehungsweise Westprofessoren (die auch nicht richtige Greifswalder sind, selbst wenn sie seit 20 Jahren in der Stadt leben) „uns unsere Identität nehmen“ wollen. Sie erzielten einen Teilerfolg, das Ministerium in Schwerin hob die Aufhebung aus formalen Gründen auf. Aber diese finsteren Gesellen wühlen weiter und wollen uns unseren Arndt lesen. Das ist die Volksmeinung bei vielen Greifswaldern, es sind auch einige Politiker fast aller Parteien darunter. Also fragte ich mich: lesen sie eigentlich „ihren“ Dichter? Ich fragte in einer Greifswalder Buchhandlung, sie erinnerten sich an einen (1) Kunden, der in den Monaten seit dem Ausbruch des Arndtfurors nach einem Buch vom Meister gefragt hatte. Ich fragte in einem Greifswalder Forum, jemand sagte, es gäbe ja nichts im Buchhandel und sie benützten natürlich die alten Bücher, ein anderer: es gehe ja gar nicht um Arndt, es gehe um die Identität und wie seit 1990 mit ihr umgegangen werde.

Arndtdiskussion 2010

Vor diesem Hintergrund begann ich nach Spuren einer Beschäftigung mit Arndt zu suchen. Ich fand nicht viel. Immerhin auf einer Greifswalder Neonaziseite (inzwischen nicht mehr im Netz) vier Verse von Arndt nebst seinem Bildnis auf der Titelseite:

Arndt in Greifswald

(Der grammatische Fehler ist nicht original Arndt, sondern authentisch Neo).

Dieses Gedicht (eigentlich die erste Strophe eines Gedichts) ist weit verbreitet von Stickdeckchen bis zu allerlei völkischen und nationalen Devotionalien und Demobedarf. Das Gedicht lebt sozusagen als (völkisches) Gebrauchsgut.

Arndt in Thüringen

Im folgenden untersuche ich Spuren des Umgangs mit Arndt-Versen in der Populär- und Rechtsfolklore-Kultur am Beispiel seines „Vaterlandslieds“ (Text siehe unten).

Ernst Moritz Arndt schrieb das Vaterlandslied (Der Gott, der Eisen wachsen ließ) im Jahr 1812, während der napoleonischen Besetzung. Es wurde vertont und fand während der Befreiungskriege und danach weite Verbreitung. Eine Google-Anfrage nach der ersten Zeile erbringt in weniger als einer Sekunde über 59.000 Fundstellen und schlägt weitere beliebte Suchanfragen vor. Besonders häufig sind Kombinationen mit dem Sänger Heino und der rechtsradikalen Band „Stahlgewitter“ sowie

  • der gott der eisen wachsen ließ der wollte keine knechte t shirt
  • der gott der eisen wachsen ließ schuf auch die eisenmänner (Berufslied)
  • der gott der eisen wachsen ließ division wiking

Die rechtsradikale Enzyklopädie Metapedia erklärt:

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in manchen Liederbüchern die Strophe „Mit Henkerblut, Franzosenblut“ in „Mit Henker- und mit Knechteblut“ geändert, um den deutschen Freiheitskampf gegen jedweden Feind, nicht nur den französischen Erzfeind zu symbolisieren.

In neuerer Zeit wurde das Lied u. a. von Heino, Leger des Heils, Ultima Thule und dem 2009 verstorbenen Liedermacher Michael Müller neu veröffentlicht. Darüber hinaus diente das Gedicht als Grundlage für das 2011 auf dem Album Sturmzeichen erschienene Lied Der Eisen wachsen ließ von MaKss Damage.

Mit der verharmlosenden Sprache bin ich beim Thema. Sie tun so, als wären sie ein normales Wiki-Lexikon, aber es ist pure völkische Ideologie. Der deutsche Militarismus jener Jahre wird zum „Freiheitskampf gegen jedweden Feind“, der rechtsradikale Sänger Michael Müller, der vom Verfassungsschutz als „rechtsextremistisch“ eingestuft wurde und zusammen mit NPD-Kadern am Aufbau eines „Nationalen Widerstandes Süddeutschland“ mitwirkte und der auf die Melodie von Udo Jürgens, „Mit 66 Jahren“, zur Gaudi seines Publikums sang: „mit sechs Millionen Juden, da fängt der Spaß erst an“, wird in ihrer Darstellung zum fröhlich Erbepflege betreibenden „Liedermacher“. Und der Neonazi-Rapper MaKss Damage alias Julian Fritsch singt außer Arndt auch Sprüche wie „Ich leite Giftgas lyrisch in Siedlungen die jüdisch sind“. Vielleicht haben sie Arndt bei Heino kennengelernt, aber Arndts „Fans“ in der rechten Popkulturszene sind alles andere als harmlose Freunde der klassisch-romantischen deutschen Literatur. Die übergroße Mehrheit der Fundstellen führt direkt ins rechtsradikale, neonazistische Lager.

(Die Zitate im folgenden unverändert aus den Internetquellen)

„This song is a modern cover and reinterpretation of the german folksong Der Gott der Eisen wachsen ließ“, behauptet eine englischsprachige Seite, auf der die Texte von MaKss Damage veröffentlicht werden. Der Nazibarde singt jeweils zwei Originalstrophen von Arndt und dann einen längeren eigenen Text, der offen völkische und neonazistische Haßrede führt. Hier die erste Strophe der „Reinterpretation“ (die Stelle, wo im Text vier Pünktchen stehen, reimt per Assonanz „Führer“ auf „Brüder“). Wo es holprig wird, hört Arndt auf und fängt völkische Hetze an:

Der Gott der Eisen wachsen ließ wollte keine Moscheen.
Der wollte keine Teppiche und auch kein Kopftuch sehen.
Nein! Der Gott der Eisen wachsen ließ
lief schnell in unseren Herzen,
sodass uns unser Hass gestärkt den Gegner auszumerzen.
Der Gott der Eisen wachsen ließ, der sandte uns den ….
Auf das er wieder uns vereine, alle deutschen Brüder.
Und seht nur die Zeckenbrut glaubt, dass siegen könnte.
Darum sammelt all eure Wut und schickt sie in die Hölle!

Heidi Benneckenstein beschreibt in dem Buch „Ein deutsches Mädchen. Mein Leben in einer Neonazi-Familie“ (Stuttgart: Cotta 2017) den Platz von Arndt und Liedern überhaupt im völkischen Lebensstil:

“ Die Lieder hießen »Schwarze Fahne halte stand«, »Gebt Raum, ihr Völker« oder »Deutschland, Deutschland über alles«. Manche Titel klangen eher harmlos, als handle es sich um romantische Heimatlieder aus dem 19. Jahrhundert, zum Beispiel »Der Wind weht über Felder«, aber wenn man in die Strophen hineinlas, wurde schnell klar, welcher Wind hier gemeint war:

»Laßt uns Geist und Hände regen,
stählen unsere junge Kraft,
daß sie einst mit Gottes Segen
uns ein starkes Deutschland schafft!

Laßt nicht Neid die Blicke trüben,
urteilt nicht nach äußrem Schein,
laßt uns Zucht und Ordnung lieben,
pflichtgetreu im kleinsten sein.«

Ich legte es beiseite und wühlte weiter. Als Nächstes kamen jede Menge Briefe, Karten und Einladungen der Jungen Nationaldemokraten und der Heimattreuen Deutschen Jugend zum Vorschein, adressiert an Heidrun Redeker, an mich.

Ich las sie von der ersten bis zur letzten Zeile, Erinnerungen wurden wach, Bilder tauchten auf. Es folgten Flugblätter der NPD und der DVU . »Deutsch soll Deutschland sein!«, stand darauf. (…)

Ich fand zwei T-Shirts. Auf einem stand »Todesstrafe für Kinderschänder«, auf dem anderen »Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte« – der Anfang des Vaterlandslieds von Ernst Moritz Arndt aus dem Jahr 1812. Ich fand CD s von Stahlgewitter, Landser und Gigi und die braunen Stadtmusikanten.

Eine Seite „deutschesreichforever“ stellt den Text des Vaterlandslieds und andere Texte von Arndt und Hoffmann von Fallersleben neben krudesten Geschichtsrevisionismus und „modernen“ Israelboykott:

und offene Bekenntnisse zum Führer. Direkt neben Arndts Text stehen Bilder und Links wie diese:

Heino ist natürlich kein Nazi. Er hat nur einen anderen Musikgeschmack und sicher andere Meinungen als z.B. ich. Er singt Arndts Text, wenn auch nicht mit dem Original-„Franzosenblut“, sondern mit „Knechteblut“. Wo sein Lied bei youtube verbreitet wird, sammeln sich die rechten „Fans“ natürlich trotzdem. Anders als die gutwilligen Greifswalder Arndtfreunde wissen sie genau, wofür Arndt steht. Ein paar Zitate:

  •  Ich wollte, das die deutsche Jugend dieses Lied höret!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
  • Mein Vater ( Korvettenkapitän und vorher Funker im Sperrbrecher 13 ) hat mich dieses Lied gelehrt.– ICH DANKE DIR !!!
  • 88! Heil Heino*
  • Deutschland ist nicht was sie einmal war ..
  • Das Lied sollte man im Bundestag mal 24/7 laufen lassen. (jemand, der oder die sich „ThewhiteRose“ nennt)
  • Der Künstler Makss Damage hat davon auch eine neue Version aufgelegt und den Text ein wenig angepasst. Findet ihr hier auf YouTube (jemand, der oder die sich Souveränität für Deutschland nennt)
  • nationalistisches Heino + Frei.Wild** = Nationalistisches Traumpaar 2013
  • Heute ist der 25567 Tag der Pein. Deutschland wehrt sich.***

* 88 ist der Code für HH = Heil Hitler (H ist der achte Buchstabe im Alphabet)
** Frei.Wild ist eine Deutschrock-Band aus der Gemeinde Brixen in Südtirol (Italien). Der Name lehnt sich an das Wort Freiwild an, sei aber durch die Zusammensetzung der Adjektive frei und wild entstanden. Von diversen Medien wird der Gruppe wiederholt eine Nähe zu politisch rechten Motiven vorgeworfen; die Band selbst distanziert sich von Extremismus jeglicher Art, so auch in der Absage an jede flüchtlingsfeindliche Position und an Fans, die solche Positionen vertreten. (Wikipedia)
*** vom 8. Mai 2015 25567 Tage zurück ist genau der 8. Mai 1945

Na und so weiter. Alle Zitate aus den ersten paar Seiten von tausenden der Googlesuche. Leider ist das meiste von der Art, ein paar Volksliedsammler und Arndtbiografen mal ausgenommen. Eine letzte quasi „literarische“ Fundsache:

Die Rechtsrockband „Stahlgewitter“ läßt es sich nicht nehmen, in ihrem Lied „Ruhm und Ehre der Waffen SS“ Arndt zu zitieren:

Fuer Deutschland und Europa,
fuer ein freies Abendland,
seit dem das letzte in Berlin getreu dem Einlauf noch widerstand,
gegen Bolschewismus,
und seine dunklen Maechte,
der Gott der Eisen machen liess,
der wollte keine Knechte

ich weiss dass ihr sie nie vergesst,
Ruhm und Ehre der Waffen-SS
ich weiss dass ihr sie nie vergesst,
Ruhm und Ehre der Waffen-SS

Wo „Arndt“ draufsteht, ist heute in den allermeisten Fällen schlimmstes neonazistisches „Gedanken“gut drin. Nicht alle, die auf dem Markt in Greifswald für Arndt als vermeintliche Identifikationsfigur demonstrierten, kannten diesen braunen Subtext. Einige aber schon! Den anderen rufe ich zu: Lest meinetwegen Arndt, den originalen. Die Geschmäcker sind verschieden wie die Meinungen. Aber paßt auf, ob wirklich Arndt drin ist, wo Arndt drauf steht.

Hier Strophe 1 und 5 des originalen Arndt:

Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
Der wollte keine Knechte,
Drum gab er Säbel, Schwerdt und Spieß
Dem Mann in seine Rechte,
Drum gab er ihm den kühnen Muth,
Den Zorn der freien Rede,
Daß er bestände bis aufs Blut,
Bis in den Tod die Fehde.

(…)

Laßt klingen, was nur klingen kann,
Die Trommeln und die Flöten!
Wir wollen heute Mann für Mann
Mit Blut das Eisen röthen,
Mit Henkerblut, Franzosenblut –
O süßer Tag der Rache!
Das klinget allen Deutschen gut,
Das ist die große Sache.

 

3 Comments on “Wer liest heute noch Arndt?

  1. Ein eindrückliches Dossier! Danke von einem Greifswald-Alumnus! Hoffentlich wird doch noch der Entschluss gefasst, als Universität Greifswald nicht mehr den Namen Arndts zu führen.

    Gefällt mir

  2. Pingback: L&Poe 22 | Oktober 2017 – Lyrikzeitung & Poetry News

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: