Kategorie: Jamaika

92. POETIC DIALOGUE

Nora Bossong, Deutschland
Kei Miller, Jamaica/UK
Moderation Martin Jankowski

Mi, 21. November 2012, 20.00 Uhr
LiteraturWerkstatt Berlin
(Kulturbrauerei, Knaackstraße 97)
Eintritt 5/3 €.

Was ist los in der gegenwärtigen englischsprachigen Dichtung? Was gibt es Ungewöhnliches zu entdecken? Der jamaikanische Lyrikstar Kei Miller kommt erstmals nach Deutschland – und trifft auf die diesjährige Huchel-Preisträgerin Nora Bossong. Wir haben ausgewählte Texte übersetzt und machen uns und die beiden Ausnahmepoeten miteinander bekannt.

Kei Miller (*1978 Kingston) lebt in Jamaica und Großbritannien. Von ihm erschienen sowohl Prosa als auch Gedichtbände, die international beachtet wurden. In Großbritannien wie in Jamaica wird er als lyrisches Ausnahmetalent gehandelt und vertrat Jamaica auch beim diesjährigen »Parnassus«, dem olympischen Welt-Dichtertreffen in London.

Nora Bossong (*1982 Bremen) schreibt Prosa und Lyrik. Ihre jüngsten Veröffentlichungen sind der Gedichtband »Sommer vor den Mauern«, für den sie den Peter-Huchel-Preis 2012 erhielt, und der aktuelle Roman »Gesellschaft mit beschränkter Haftung«. 2011 schrieb sie regelmäßig Gedichte für »Die Zeit«, derzeit bloggt sie für das Goethe-Institut über Europa.

(Eine Veranstaltung der Berliner Literarischen Aktion e.V., gefördert vom Britisch Council London und Berlin und mit freundlicher Unterstützung der LiteraturWerkstatt Berlin.)


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32. Badder

In Jamaika hatte er das gefunden, was ihn begeisterte: Geschichten von großen und kleinen Gaunern – und er mittendrin. Seinen humorvollen Blick auf diese Welt hat er bis zum Schluss behalten. “In der Bar da unten war vor einiger Zeit der Superintendent dieses Bezirks Portland”, so Zahl, “dem zu Ohren gekommen war, dass ich lange im Knast gesessen habe. Als sie hörten, das der Grund eine Schießerei mit Polizisten war, waren die beiden Polizisten echt betroffen. Und dann sagte der Polizist: Damals warst du ein ‘bad boy’. Man muss wissen, dass das Wort ‘bad’ in Jamaika sechs Steigerungsformen hat: bad, badder, baddest, worse, worserer, worserest.” Selbst das Wort “bad” habe bei Schwarzen eine völlig changierende Bedeutung, so Zahl. Einmal ist es ein Verbrecher, ‘bad boy’ oder wie eben der Jimmy Cliff in dem Film ‘The Harder They Come’ ein ganz eleganter, dufter Typ – zwar rough und tough, aber ein klasse Kerl. Diese Doppelbedeutung habe ich im Auge gehabt als er fragte: ‘Sind Sie damals ein bad boy gewesen. Was bist Du jetzt?’ Jetzt bin ich noch badder.” / Cornelius Janzen, 3sat

106. Peter Paul Zahl gestorben

Am Montag starb Peter Paul Zahl im Alter von 66 Jahren im Krankenhaus von Port Antonio auf der Insel Jamaika. Jörg Sundermeier schreibt in der taz:

Als dem 1944 in Mecklenburg geborenen Peter-Paul Zahl im Jahr 1980 der Literaturförderpreis der Freien Hansestadt Bremen verliehen wurde, saß dieser junge Autor schon seit rund acht Jahren im Knast. Als mutmaßlicher Terrorist. Er hatte sich im Jahr 1972 seiner Verhaftung widersetzt, dabei von der Schusswaffe Gebrauch gemacht und einen Polizisten schwer verletzt.

Die Haftjahre nutzte Zahl, der bereits 1968 mit einem Buch in Erscheinung getreten war, zum Schreiben nicht nur politischer Texte. 1979 erschien dann schließlich sein berühmtester Roman “Die Glücklichen”, in der Zahl eine Alternativkultur beschrieb, die viele, die von den Utopien der Jahre 68 ff. geprägt waren, sehr gut kannten. “Die Glücklichen” wurde zum Kultbuch.

Der im Dezember letzten Jahres verstorbene Peter O. Chotjewitz, der nicht nur Schriftstellerkollege, sondern auch Zahls Anwalt war, erinnerte sich vor einigen Jahren, dass er Zahl – obschon dieser immerhin wegen versuchten Mordes in zwei Fällen zu 15 Jahren Haft verurteilt worden war und als politischer Häftling galt – einfach so mit dem Privatwagen aus der Haftanstalt abholen durfte. Chotjewitz, der selbst als Unterstützer der RAF angeklagt gewesen war, musste lediglich garantieren, den Häftling später auch brav wieder abzuliefern. Der Strafvollzug für Staatsfeinde war nach dem Deutschen Herbst des Jahres 1977 nicht immer ohne Witz.

Das steht bei FAZ.net:

Am 22. Mai 1976 veröffentlichte diese Zeitung in der „Frankfurter Anthologie“ das Gedicht eines Mannes, der damals im Gefängnis saß – von Peter Paul Zahl. Es hieß „mittel der obrigkeit“ – die Kleinschreibung und der Verzicht auf Interpunktion waren Stilmittel – und handelte von schlagenden Polizisten. Zahl sah die reine Brutalität: „man muss sie gesehen haben / diese gesichter unter dem tschako / während der schläge“. Sie schlagen weiter, und im gleichen Rhythmus ergeht die Aufforderung zum Blick in ihre Gesichter.

In L&Poe

 

130. Calabash 2010

Seit 10 Jahren findet in Jamaica “Calabash” statt, ein internationales Lyrikfestival mit hervorragenden Gästen. In diesem Jahr lesen 8 Dichter, darunter Sudeep Sen and Matthew Shenoda. Am kommenden Wochenende findet das Fest statt. “Mit Sen, einem der begabtesten und gefeiertsten jungen Dichter Indiens, und Matthew Shenoda, einem ägyptisch-amerikanischen Dichter haben wir umwerfende (?? “bashical”, das Wort war mir unbekannt und googole dictionary auch) Autoren, raffiniert, ehrgeizig, engagiert und ganz einfach gut”, sagt der Programmdirektor Kwame Dawes. / Jamaica Observer

21. Was sind Sie eigentlich, Herr Zahl?

Auf den ersten Blick ist diese Geschichte reichlich skurril: Ein Schriftsteller führt einen Kampf gegen die Bürokratie, weil er ohne sein Wissen ausgebürgert wurde. Die Geschichte weist auch rührende Züge auf, denn der Schriftsteller hat Freunde, die sich um ihn kümmern. Allerdings sieht sich der Schriftsteller inzwischen existenziell etwas bedroht. Und vielleicht hat er auch deshalb Schwierigkeiten mit der Bürokratie, weil er nicht nur APO-Aktivist war, sondern nach einem Schusswechsel mit der Polizei im Jahr 1972 wegen versuchten Mordes zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde.

Die Geschichte also beginnt damit, dass der seit 1985 wechselweise in Jamaika und Deutschland lebende Schriftsteller Peter Paul Zahl im September 2002 bei einem Besuch in der deutschen Botschaft in Kingston erfuhr, dass er schon seit 1995 kein deutscher Staatsbürger mehr sei und er seinen deutschen Pass abzugeben habe. Der Grund: Nachdem er 1995 auf Anraten der jamaikanischen Behörden einen jamaikanischen Pass beantragt und auch bekommen hatte, hätte er es versäumt, so das Auswärtige Amt in einem Schreiben an Zahl vom Dezember 2002, eine so genannte Beibehaltungsgenehmigung zu beantragen, die gewährleiste, dass er weiter deutscher Staatsangehöriger bleibe. / Gerritt Bartels, taz 6.5.

 

Vgl. auch Spiegel online