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504 Wörter, 3 Minuten Lesedauer (oder eben halb so viel).
Tristan Tzara
(* 4. Apriljul. / 16. April 1896greg. in Moinești, Rumänien; † 24. Dezember 1963 in Paris)
/TÖNE, TÖNE HEMMUNGSLOS/
Töne, töne hemmungslos – eine Mauer trennt uns bloß
Um so besser – niemand kann die Fehler hören
Ich werde heimlich dich auf dem Cello begleiten
Und das Licht ausmachen, denn im Dunkeln ist es schöner
Meine blonde Nachbarin
Hat ein graues Kleid aus Crêpe de Chine
Ach Nachbarin, sei keine Spielverderberin – legen wir eine
Sonate hin:
(Mein Part ist ein Gedicht, denn Melodien machen kann ich
nicht.)
»O schöne Maid, du gingst an einem Winternachmittag dahin,
dahin
Unsre Liebe ist wie ein Brautstrauß verblüht, verblüht
– doch weißt du, wem ich auf der Straße heut begegnet bin?
Sie war Verkäuferin in einem Schuhgeschäft oder auch
Schneiderin
Ich sagte ihr, wie lieb sie sei, da ist sie mitgekommen
Ich sagte ihr, wie schön sie sei, daß mir sogar die Tränen
kommen
Und daß ich, obzwar arm, ihr teuren Kleiderstoff würd kaufen
Und dann erzählte ich, mein Schatz, wie damals du dahin,
dahin...«
Halt – hier empfehlen wir den Lesern
Über das Gelesene zu meditieren, denn die Nachbarin
Hat jetzt aufgehört – ohne bestimmten Grund
Und geht was Süßes essen, und dann in die Federn
Aus: Aus dem Rumänischen von Oskar Pastior, aus: Tristan Tzara, Die frühen Gedichte. Übersetzt aus dem Rumänischen und herausgegeben von Oskar Pastior. München: text + kritik, 1984 (Frühe Texte der Moderne), S. 46
Cântă, cântă mai departe
Cântă cântă mai departe – numai zidul ne desparte
Și-i mai bine, – nu se-aud greșelile
Eu o să te acompaniez în suflet cu violoncelul
Și o să sting luminile pentru că îmi place întunericul
Vecina mea e blondă și e
Îmbrăcată într-o rochie cenușie
Vecina mea, nu fi rea – hai să cântăm o sonată:
(Am făcut o poezie fiindcă nu pot pune în cuvinte melodie.)
„O, te-ai dus, te-ai dus frumoaso într-o iarnă după masă
„Un buchet de flori uscate de mireasă e iubirea noastră de-altădată
„Azi am întâlnit pe strada unde locuiesc o fată
„Vânzătoare într-o prăvălie mare sau croitoreasă
„I-am spus că mi-e dragă și-a venit cu mine-acasă
„I-am spus că e frumoasă, că-mi sunt înroșiți de lacrimi ochii
„Sunt sărac dar o să-i cumpăr stofă scumpă pentru rochie
„Și i-am povestit, iubito, cum în iarna ceea după-masă…”
Cititorul e rugat aici să facă o pauză
Și să se gândească asupra celor ce a citit
Pentru că vecina mea s-a plictisit – fără cauză
Și se duce să mănânce ceva dulce și să se culce.
Das Gedicht stammt aus den frühen symbolistisch geprägten rumänischen Texten Tzaras vor seiner Dada-Zeit in Zürich (um 1912–1915). Charakteristisch ist hier eine ironisch-lyrische Narrativstruktur, mit eingeschobenem „Leserhinweis“ („Cititorul e rugat…“ / „der Leser wird gebeten“) — ein frühes Spiel mit Metaebenen, das später im Dada radikalisiert wird.
Kurznotiz zum Autor:
Tristan Tzara gehörte zu den Begründern des Dadaismus und prägte mit seinen frühen rumänischen Gedichten den Übergang von symbolistischer Lyrik zur radikalen Avantgarde. Die Übersetzungen von Oskar Pastior machten diese frühen Texte im deutschen Sprachraum erstmals umfassend zugänglich.
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