Vermutlich soll man froh sein, daß Gegenwartslyrik, junge zumal, überhaupt besprochen wird. Vielleicht soll man nicht an den zarten Pflänzchen der Kritik herumzupfen. Ich lobe an Kurt Drawert, daß er sich für junge Autoren einsetzt. Schließlich, selbst eine schlechte Kritik ist besser als gar keine.
Ist das eine schlechte Kritik?
Kurt Drawerts zu Recht lobende Kritik zu Gedichten Paul-Henri Campbells erschien in der Dresdner Literaturzeitschrift Ostragehege und wurde jetzt bei Faustkultur digital zugänglich gemacht. Wenn ich die vermutlich redaktionelle Moderation beiseitelasse, löst der erste Absatz überwiegend Zustimmung bei mir aus:
Wer länger in Amerika war, versteht sicher besser, warum die amerikanische Lyrik narrativer ist, stofflich oft ausschwingender als die europäische und vor allem die deutsche. Damit verbunden sind keine Qualitätskriterien, sondern andere poetische Dispositionen, die anderen Systemen von Wahrnehmung folgen. Schon in den 1960er Jahren hat es in Deutschland die Gespräche über das kurze und das lange Gedicht gegeben, wie sie etwa Karl Krolow mit Walter Höllerer führte, und auch in der zeitgenössischen Lyrik herrscht alles andere als Tendenzgleichheit vor. Die Lakonie, ihre enorme Komprimierung und Assoziationsfähigkeit, ist dabei eine Möglichkeit, Sprache lyrisch zu verwenden. Der Langvers, der die Vorgänge des Gedichtes in eine tiefere Bewegung führt und seine Nähe zur Prosa immer wieder auflösen muss, ist eine andere. Paul-Henri Campbell, ein junger deutsch-amerikanischer Lyriker, der, nach einem Studium in klassischer Philologie und katholischer Theologie, heute in Frankfurt am Main lebt, beherrscht beide Tonlagen. Vor allem aber das Langgedicht, das sich über Motivketten und einem seriellen Ordnungssystem aus sich selbst heraus entfaltet, ist seine Stärke. (…) Entscheidend aber ist das ästhetische Ding, das Gedicht, ob es oder ob es nicht gelungen ist. Und Campbell, der leider noch zu wenig bekannt ist, schreibt geradezu atemberaubende, in ihrem Rhythmus, ihrem Sound, ihrer Bildlichkeit unverwechselbar eigene, soll heißen: dem Leben „abgerungene“ Gedichte.
Die Aussage zum narrativeren und oft ausschwingenden Charakter (eines Teils) der amerikanischen Lyrik ist mir vertraut. Allenfalls das Wörtchen „sicher“ im ersten Satz irritiert etwas: was ist schon sicher. Allem, was man sagen kann, wird widersprochen werden. Ich war nicht lang genug in den USA und nur als Tourist, über die amerikanische Lyrik gelesen und nachgedacht hab ich großteils zu Hause. Ich sehe ähnliche Frontstellungen im Lyrikdiskurs wie hierzulande, so zwischen „akademischer“ und „verständlicher“ Lyrik, nur in weiterem Rahmen. Öfter als bei uns scheinen mir dort die sprachorientierten („sprachverliebten“ sagt man merkwürdigerweise, wenn man es kritisieren will, als wäre Verliebtsein peinlich) Dichter auch zum langen, narrativeren, ausgreifenden Gedicht zu tendieren, während wir uns vorwiegend im kurzen Gedicht austoben und die Unterscheidung vielleicht eher darin besteht, wieviel humoriges, „niederes“ Sprachmaterial zugelassen wird. Wenn ich es an Preiszuerkennungen messe, z.B. beim Huchelpreis, so scheinen dort starke Einzelgedichte Vorrang vor großen Entwürfen zu haben. Im Jahr, als Marion Poschmanns „Geistersehen“ ausgewählt wurde, gab es mit Paulus Böhmers „Am Meer. An Land. Bei mir“ und Ann Cottens „Floridaräume“ starke Konkurrenz von der ausgreifenderen Art. Für 2015 gab es einen starken Bewerber und eine Bewerberin: Sabine Scho und Andreas Töpfer: The Origin of Senses. Ein langes Gedicht, das „Lyrik“ mit Kunst, Wissenschaft und Kommentar vermischt, unreine Poesie. Spielte es eine Rolle? Wäre es in Frage gekommen? Ausnahmen bestätigen die Regel, Ulf Stolterfohts „Holzrauch über Heslach“ fällt mir ein. Böhmer wurde zwei Jahre später doch noch bedacht, aber z.B. Oswald Egger kam „nur“ mit einem kleineren Nebenwerk quasi zum Zuge.
Also da bin ich ganz bei Drawert. Bin ich? Unversehens nämlich stürzt dieser erste Absatz dann komplett ab mit dem letzten Teilsatz „unverwechselbar eigene, soll heißen: dem Leben ‚abgerungene‘ Gedichte.“ Scho, Cotten, Böhmer: raus seid ihr! Er will blutvolle, dem wahren Leben abgerungene, reine Poesie, nicht so intellektuelles Zeug. Ich sehe den Dichter mit „dem Leben“ ringend. Aber ist es sein eignes? Fremdes? Oder „das Leben“ schlechthin? Kommt man dabei ins Schwitzen? Drawerts Satz impliziert einen Gegensatz von „blutvollem“ Leben und „blutleerer“ Kunstfertigkeit als der „wahren“ Kunst Fremdem. (Thomas Kling hilf!)
Überwiegend prekär wird Drawerts Argumentation im Folgenden. Ich kommentiere es mal punktuell.
Es sind Körpertexte, Schnittstellen zwischen innerer und äußerer Welt, die sich, einem Möbiusband gleich, notorisch ineinander verschieben und ihre Perspektiven, ihre Orte des Anschauens, wechseln.
Was „Körpertexte“ sind, was daran Körpertext ist, wird nicht ausgeführt, die Teilsätze dieses Satzes schieben sich gleichsam „einem Möbiusband gleich, notorisch ineinander“. Körpertexte, Möbiusband, klingt (post)modern, aber wieso „Schnittstellen“ (Chirurgie?). Es geht [ich spreche von Drawerts Satz, nicht von Campbells Gedicht) gar nicht um Schnitte, sondern um Vermittlung. Es ist Dialektik (bald wird das Wort auftauchen), aber es ist keine schneidende Dialektik, keine hart im Raume stoßende Materie – es ist jene eigenartig vermittelnde „Dialektik“, wie sie im DDR-Sprachgebrauch bis in die Umgangssprache gedrungen war. „Das mußt du dialektisch sehen“ hieß da: nimm die Schärfe raus, frag nicht so dumm nachbohrend, alles iiiiiiiiiist wie es iiiiiiiiiist. Damit nahm man jeder schüchternen oder forschen Frage den Schneid, was IST, IST, weil es IST… Die Perspektive wird eben nicht gewechselt, wie das Möbiusband suggerieren will. Schnittstellen zwischen innerer und äußerer Welt, das ist der älteste Hut der sozialistischen Ästhetik und des irgendwie hegelianischen idealistischen deutschen 19. Jahrhunderts.
Weiter im Text:
Das Subjekt im Gedicht wird so zu einem Allgemeinen, wie das Allgemeine im Subjekt erscheint.
Idealistischer Budenzauber, „erscheint“. 50er Jahre:
„Lyrik (…) unmittelbare Gestaltung innerseelischer Vorgänge im Dichter, die durch gemüthafte Weltbegegnung (…) entstehen, in der Sprachwerdung aus dem Einzelfall ins Allgemeingültige, Symbolische erhoben werden …) (Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur – West -, 1955). – „literar. Hauptgattung, in der die subjektive Aussage bzw. die auf das Subjekt bezogene Widerspiegelung der Wirklichkeit ihren allgemeinsten Ausdruck findet.“ (DDR-Lexikon)
Im weiteren spricht er von „Form“ und „Stoff“, geht kurz auf Campbell ein, um dann in die große „positive“ Zwischenbilanz zu münden:
Das jedoch mündet nie in absoluter Negation oder einer Lust an der Zerstörung dessen, das über zerstörerische Kräfte verfügt. Im Gegenteil, es ist reines dialektisches Denken und nimmt poetisch auf, was die Erfolgsgeschichte in sich selbst nicht mehr spiegelt.
Es ist kein „unreines“, negatives dialektisches Denken, sondern „reines dialektisches Denken“, das heißt bei ihm nicht „absolut negierend“, sondern eben vermittelnd. Damit ist er bei seinem Thema:
– „die verschleppte rache / der schlachten, die im wechselspiel kalter schultern / verschlungene wege der schuld vergelten. // diese seltsame periode, darin in jeder aggression/ eine notwehr trauert, hilflos vor angst (…).“ Das ist im expressiven O-Menschheits-Ton vielleicht nicht ganz so modern, wenn man die oft sprachverspielten und in sich selbst versunkenen Poetiken anderer Autorinnen und Autoren seiner Generation dagegenhält, die sich manchmal an Harmlosigkeit noch überbieten. Aber es ist, in eben dieser Unterscheidung, überhaupt ein Ton, eine Stimme, eine Haltung.
Es gibt Kritiken, da verreißt Rezensent die Konkurrenten, damit sein zu lobender Gegenstand desto heller strahle. Bei Drawert kommt es mir anders herum vor. Der lobt Campbell – zu Recht. Ich sage nicht, daß er es nicht meint. Ich sage, er benutzt die Gelegenheit, um seine Position im Lyrikkampf zu bekräftigen. Campbell ist ihm zu einem Rundumschlag gut.
Im folgenden Absatz spricht Drawert von sich selber:
Es mag an meinem Alter liegen, dass ich wie das Huhn über dem Kochtopf hängend die digitale Welt mehr erleide als verstehe und deren Reflexe in der Literatur eben darum auch nicht oder eben nur schlecht lesen kann.
Aha; bis hierhin war nur von – analogen – poetischen Positionen die Rede, Campbell versus „andere Autorinnen und Autoren seiner Generation“, die er für „sprachverspielt“, „in sich selbst versunken“ und harmlos hält. Offensichtlich sind das „Reflexe“ der digitalen Welt, wie nur? „Digitale Welt“ ist für ihn eine Metapher für alles, was ihn an der Gegenwartslyrik stört. Um die geht es im Folgenden wieder. Ein Satz noch zur Betrachtung:
Aber es erschreckt mich zutiefst, wenn das sowieso schon bis zur Auslöschung zerstreute Subjekt auch von denen aufgegeben wird, die es zu bewahren und sprachlich neu zu organisieren hätten – den Schriftstellern nämlich, und im besonderen den Dichtern.
Das ist interessant. Aufgabe der Dichter wäre es, die Risse im Weltbau zu kitten und das „sowieso schon“ bedrohte „Subjekt … zu bewahren und sprachlich neu zu organisieren“? Starker Tobak. Wenigstens im Gedicht möge die Welt heil sein. Das Subjekt ganz sein.
Es war, beiläufig, Sigmund Freud vor über hundert Jahren, der der kosmologischen Kränkung – daß die Erde nicht mehr im Mittelpunkt des Weltalls stand – und der biologischen Kränkung durch Darwin – daß der Mensch nicht mehr das Zentralgestirn des Lebens und Krone der Schöpfung, sondern Ergebnis der Evolution war – die psychologische Kränkung hinzufügte: daß der Mensch auch nicht mehr Herr im eigenen Ich war. Dichter, antreten zur Wunderheilung! kann man da nur sagen. Man braucht nicht mehr den folgenden Satz, in dem er direkt seine Position „kürzlich“ gegenüber anderen jüngeren Autoren rechtfertigt. Das hat Campbell nicht verdient.
Nachsatz: Aber ab der Stelle, wo Drawert sagt, hier frage er nicht weiter, sondern zitiere, kann ich ihm wieder uneingeschränkt zustimmen, der Schluß lautet:
„wie axthieb wie hindurch wie brustbein/ wie ein kalter nasser schmerz wie krass/ wie im erwachen wie ohne wie mit naht/ der nacht (…)/ und auskehrend wieder o atem/ und er geht fort (…)/ jener/ komplize des skalpells der offen sah dich/ dir ins herz“. Würde er die Verse laut lesen, könnten wir seinem hastigen Gestus folgen, seiner Geschwindigkeit, mit der er denkt, lebt und handelt. Es ist, als hätte einer niemals Zeit, auch wenn er Zeit hat. In diesem Zyklus nämlich geht es um Leben und Tod, denn Paul-Henri Campbell muss mit einer schweren Herzkrankheit leben, und er lebt so immer auch in einem Bewusstsein von der Endlichkeit. Und wie die Kerze, die an beiden Seiten brennt, beschleunigt sie auch seine Zeit, seine Dichtung, seine kluge, hellwache Art, die Welt sich verständlich zu denken.
Am 11. Februar
Leseecke ist eine Rubrik, die sich langsam, Stück für Stück der digitalen Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (im Jubiläumsjahr 2016 bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 22-28 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.
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MIne eye hath play’d the painter and hath steeld, Thy beauties forme in table of my heart, My body is the frame wherein ti’s held, And perspectiue it is best Painters art. For through the Painter must you see his skill, To finde where your true Image pictur’d lies, Which in my bosomes shop is hanging stil, That hath his windowes glazed with thine eyes: Now see what good-turnes eyes for eies haue done, Mine eyes haue drawne thy shape, and thine for me Are windowes to my brest, where-through the Sun Delights to peepe, to gaze therein on thee Yet eyes this cunning want to grace their art They draw but what they see, know not the hart.
Einige Anmerkungen zum Text:
1 steeld stelled, a) gesetzt, gestellt b) gemalt, porträtiert; könnte aber auch mit steel zusammenhängen: gehärtet, gestählt
2 table (Bild)Tafel oder Notizbuch
3 ti’s ‚tis (it is)
4 perspectiue gesprochen pèrspective
5, 8 der Wechsel von thy zu you Zufall oder Absicht? In diesem Fall laut Plessow selbstgewisses Bekenntnis versus ungeschützte Nähe
8 glazed zweisilbig zu sprechen: glazèd
12 peepe peep, blicken gaze starren
13 cunning Können, Fähigkeit: lassen diese Fähigkeit vermissen
Deutsche Fassung von Karl Simrock:
Mein Auge wird zum Maler, und geschickt Malt es dein Bild in meines Herzens Tiefe. Der Rahmen ist mein Leib, durch den man blickt; Des Malers beste Kunst ist Perspektive. Nur durch den Künstler schaut dein Herz hinein Und sieht dein wohlgetroffen Angesicht: Es hängt in meines Herzens Kämmerlein Und dies empfängt von deinen Augen Licht. So schafft ein Aug dem andern Auge Wonne: Meins malt dein Bild, und deins in meiner Brust Dient mir als Fenster, wo hindurch die Sonne Zu blicken liebt und dich beschaut mit Lust. Ach, daß den Augen eine Kunst gebricht: Sie malen was sie schaun, die Liebe nicht.
Quellen
Wer kennt Ales Rasanau? Der bedeutendste zeitgenössische Dichter weissrussischer Sprache lebt zurückgezogen in Minsk, macht von seiner Person kein Aufhebens, schreibt jedoch beharrlich an seinem Œuvre, das mittlerweile rund zwei Dutzend Bände umfasst. Seine jüngste poetische Arbeit stellt einen Dialog mit den Schriften des Buchdruckers Franzisk Skaryna dar, der vor fünfhundert Jahren den Psalter ins Altbelarussische übertrug.
(…)
Obwohl er politische Inhalte mied, trugen ihm nach Lukaschenkos Machtübernahme 1994 einige allegorisierende Texte mit regimekritischem Unterton jahrelanges Publikationsverbot ein. Ab 1999 weilte dRasanau auf Einladung häufig in Deutschland, Österreich und der Schweiz, wo einige seiner Bücher in beleuadeutscher Übersetzung erschienen und wo er den Versuch unternahm, Kurzgedichte auf Deutsch zu schreiben. «Wortdichte» nannte er diese Miniaturen, die nun, durch neue Proben ergänzt, unter dem Titel «Von nah und fern» einen aparten Band der Minsker Werkausgabe bilden. Rasanau spielt so souverän auf den Registern der deutschen Sprache, dass es einem schwerfällt, ihn nicht als Muttersprachler anzusehen. Vor allem aber bleibt er sich auch in der Fremdsprache treu. / Ilma Rakusa, Neue Zürcher Zeitung
Ales Rasanau: Von nah und fern. Neue Wortdichte. Verlag Logvinau, Minsk 2016. 143 S.
Die Sylt Foundation schreibt bereits zum 18. Mal das „Sylt-Quelle Literaturstipendium Inselschreiber“ für deutschsprachige Autorinnen und Autoren aus.
Das Stipendium beinhaltet einen acht Wochen langen Aufenthalt auf der Insel Sylt. Neben kostenfreiem Wohnen in einem komfortablen 2-Zimmer-Appartment auf dem reizvollen Gelände der Sylt-Quelle in Sylt/Rantum umfasst das Stipendium eine einmalige Zahlung von 2.000 Euro. Während des Stipendiums besteht Präsenzpflicht.
Bewerben können sich deutschsprachige Autor/innen, die bereits in Buchform publiziert haben, unabhängig von Alter, Wohnsitz oder Staatsangehörigkeit. Publikationen im Selbstverlag/Selbstzahlerverlag sowie Beiträge in Anthologien erfüllen die Voraussetzung nicht. Der Bewerbung hinzuzufügen sind ein Lebenslauf und ein noch unveröffentlichter Essay oder eine noch unveröffentlichte Erzählung von ca. 4 DIN A4 Seiten Länge. Mit der Teilnahme am Wettbewerb willigen die Bewerber/innen ein, dass der Gewinnertext auf der Website der Stiftung veröffentlicht wird. Die Rechte am Text bleiben beim Autor/der Autorin.
Thema des Essays / der Erzählung 2018: „Wandel und Identität“
Die Bewerbungsunterlagen bitte nur per Mail (max. 9 MB) an:
inselschreiber@syltfoundation.com, Stichwort: Inselschreiber.
Bewerbungsschluss ist der 5. Juni 2017.
Über die Vergabe des Sylt-Quelle Literaturstipendiums entscheidet eine unabhängige Jury in einem zweistufigen Auswahlverfahren. Der Preisträger / die Preisträgerin wird im Juli bekannt gegeben.
Die bisherigen Gewinner waren André Georgi, Uwe Kolbe, Britta Boerdner, Jan Brand, Katharina Hartwell, Petra Morsbach, Gunther Geltinger, Gernot Wolfram, Judith Kuckart, Franzobel, Jan P. Bremer, Jenny Erpenbeck, Thomas Hettche, Juli Zeh, Feridun Zaimoglu, Moritz Rinke, Terézia Mora.
Eleven Eleven 21
Hugh Behm-Steinberg, Editor
Poetry. Fiction. Drama. Literary Nonfiction. California Interest. Asian & Asian American Studies. African & African American Studies. Latino/Latina Studies. Native American Studies. Jewish Studies. Middle Eastern Studies. Women’s Studies. Gay. Lesbian and Transgender Studies. Art.
Featuring poetry by Frank Lima, Michael McClure, K. Lorraine Graham, Dong Li, Jennifer Elise Foerster, Heather Bourbeau, Cole Swensen, Erín Moure, Mónica de la Torre, Dan Encarnacion, Rajiv Mohabir, Laura Da‘, Jesse Nissim, Shamala Gallagher, nick johnson, Marcela Sulak, Joshua Merchant, Paula Cisewski, Will Alexander, and Chloé Veylit;
Prose by Shizue Seigel, Katie Farris, J.K. Fowler, Lisa Locascio, Sequoia Nagamatsu, Harrison Candelaria Fletcher, Lucas Church, Sonya Huber, Jennifer Zeynab Maccani, Joel Hans, Tessa Mellas, Deborah Steinberg, Na’amen Gobert Tilahun, Rochelle Spencer, Janet Towle, Kevin A. Thayer, Sandy Yang, Tom Pyun, Jenny Bhatt, Megan Padilla, and Erika T. Wurth;
Translations and adaptations of Sara Tuss Efrik (Johannes Göransson), Laura Cesarco Eglin (Jesse Lee Kercheval & Catherine Jagoe), Surah al-Jinn (Adam al- Sirgany), Marosa di Giorgio (Jeannine Marie Pitas), The Chemical Wedding by Christian Rosencreutz (Adapted by John Crowley), Minerva Reynosa (Stalina Emmanuelle Villarreal), Elisa Biagini (Gregory Conti), Uri Zvi Greenberg (Leonard Kress), Philippe Soupault (Alan Bernheimer), Shuzo Takiguchi (Mary Jo Bang & Yuki Tanaka), Maruxa Vilalta (Alia Volz), Dalthon Pineda (Jake Sandler), Abraham Sutzkever (Maia Evrona), Dashdorjiin Natsagdorj (Ottilie Mulzet), Kazuko Shiraishi (Yumiko Tsumura), Florencia Castellano (Alexis Almeida), and Nhã Thuyên (Kaitlin Rees);
Plays by Erik Ehn and Zakiyyah Alexander; Art by Joshua Lee, Cianna Valley, Hyeyoung Kim & Arlo Keo Valera, Devin Leonardi, Ellen Kooi, Jason Adkins, Fran Herndon, Mequitta Ahuja, Paper Buck, Max Papeschi, Samuel Ribitch Martin, and Shannon Ebner;
Reviews of IF, by Nicholas Bourbaki (Emily Swaim), PRESENTIMIENTO: A LIFE IN DREAMS by Harrison Candelaria Fletcher (Sonja Swift), Know The Mother by Desiree Cooper (Audrey T. Williams), and MOSS-HAIRED GIRL: THE CONFESSIONS OF A CIRCUS PERFORMER: By Zara Zalinzi: Annotated by Joshua Chapman Green by R.H. Slansky (Nathan Freeman);
Plus an interview with John Crowley by Will Waller, and excerpts from the diaries of Lola Ridge, afterword by Terese Svoboda.
Pub Date:9/14/2016
Publisher: Eleven Eleven
Product Number:24304
ISBNNo ISBN
SKU #: H11G
Binding:PAPERBACK
Pages:248
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$ 12.00
Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,
seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound. In der heutigen Ausgabe: Scho, Hansen, Huidobro, Söllner, Shakespeare, Harry Mathews, Rinck und manches andere. Lesen!
Die Themen in dieser Ausgabe
Sabine Scho
alligator
man stelle sich einfach vor
man habe diesen alligator
dieses krokodil, ich frag’
besser den kurator (später)
als farbenblindes, oder nur
mit einem schwarzweiß-tv
auf diesen schrank hier, dabei
fällt mir ein, es müsste wie
bei dickinson sein, wir
sperren es gleich da rein
regeln die temperatur hoch
und backen uns eins aus
blätterteig, schicht um schicht
krokodile häuten sich nicht
die schuppen sich auf
mit fingergleichen tastorganen
fingern sie nach den häppchen
baklava. das sieht nur nicht
ganz so filigran wie hier
beschrieben aus, ich such’
sofort den kanal, dann alles
nochmal in zeitlupe
Die Tastsinnrezeptoren sind bei Krokodilen höher entwickelt als bei allen anderen Reptilien. Sie liegen in der Unterhaut und erreichen die Sensibilität menschlicher Fingerspitzen, sind allerdings über den ganzen Krokodilkörper verteilt. Mit ihnen nehmen sie Druckwellen wahr
und spüren so unter anderem ihre Beute auf.
Emily Dickinson
They shut me up in Prose –
As when a little Girl
They put me in the Closet –
Because they liked me “still” –
Still! Could themself have peeped –
And seen my Brain – go round –
They might as wise have lodged a Bird
For Treason – in the Pound –
Himself has but to will
And easy as a Star
Abolish his Captivity –
And laugh – No more have I –
(ca. 1862)
Mit freundlicher Genehmigung aus: Sabine Scho. Andreas Töpfer. The Origin of Senses. An Intervention. Museum für Naturkunde Berlin 2015, S. 20

Eine neue Kolumne von Dirk Uwe Hansen
In diesem Sinne leicht ist das Übersetzen von Gedichten für mich häufig dann, wenn das Zwischen-den-Wörtern mir klar zu sein scheint. Dann muss ich, wie ein Regisseur, dem ein guter Plot vorliegt, nur noch ein Ensemble geeigneter Wörter zusammensuchen und sie mit etwas diplomatischem Geschick dazu bringen, im Sinne dieses Plots miteinander zu agieren. Ich idealisiere. Aber manchmal klappt das wirklich so.
Aber wenn die Wörter sich vordrängeln, und ich, noch ehe ich weiß, was auf der Bühne passieren soll, mit dem fertigen Ensamble konfrontiert bin, dann wird die Sache schwierig. Denn auch wenn ich brav griechische Vokabeln gelernt habe, und mir auch eine Reihe von Wörterbüchern zur Verfügung stehen: Da werden aus harmonischen Paaren erbitterte Gegner, die, kaum in der Zielsprache angekommen, wie Eteokles und Polyneikes einander an die Gurgel gehen, oder aus erbitterten Gegnern harmonische Langweiler, die einander müde anschnarchen, oder die Ensemblemitglieder kümmern sich überhaupt nicht umeinander und erfinden jeder für sich neue Handlungen. Hier gehts zum kompletten Text
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Alexandru Bulucz: Deine Zeilen „Freiheit, wort- / los zu sein! // Als sei jenseits der Sprache / eine andere, flüssige Welt.“ („Seestück“) kann man auch mit dem verstehen, was du soeben gesagt hast: Wir müssen gar nichts. Als ich deine Zeilen gelesen habe, dachte ich vielmehr an Celans berühmtes Gedicht „Fadensonnen“: „Fadensonnen / über der grauschwarzen Ödnis. / Ein baum- / hoher Gedanke / greift sich den Lichtton: es sind / noch Lieder zu singen jenseits / der Menschen.“
Werner Söllner: Wenn du Celan erwähnst, fühle ich mich fast auf Metaphysisches verwiesen, und dann fühle ich mich ein bisschen klein. Ich selber habe nichts Metaphysisches im Sinn. Ich habe mich jahrelang dazu verpflichtet gefühlt, zu sprechen, zu schreiben. Das hat in der Jugend angefangen. Das Schreiben, auch das Nachdenken über Schreiben und Sprechen, hat oft in der Gruppe stattgefunden, im Freundeskreis, im Kollegenkreis. Sprechen war wie eine moralische Verpflichtung, eine moralische Selbstverpflichtung. Das war aber nicht nur in der Jugend so, die ich in einer Diktatur verbracht habe, wo man auch nachvollziehen kann, dass Sprechen, das Sprechen gegen die Diktatur, so etwas wie eine moralische Verpflichtung sein kann. Ich habe auch in den Jahren danach das Sprechen und das Schreiben als ein Muss teilweise praktiziert, teilweise empfunden. Dieses Sprechenmüssen gibt es auch hier unter ganz anderen Voraussetzungen. Hier hat es etwas mit dem Kommerz zu tun. Man muss andauernd im Gespräch sein, man muss andauernd liefern, man muss präsent sein, wenn man berufsmäßig schreibt oder diesen Beruf ausübt, man muss andauernd artikulieren bis zum Gehtnichtmehr. Was passiert, wenn man unter diesen Voraussetzungen vielleicht ganz normal nur eine Phase erlebt, in der man einfach Lust hat, die Schnauze zu halten. Im Extremfall ist man beruflich tot.
geht weiter mit Sonett #23: AS an vnperfect actor on the stage, deutsch von Eduard Saenger: Dem schlechten Spieler auf der Bühne gleich

Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen
12 von 4160 Begriffen aus dem Begriffsstudio von Monika Rinck, Supplement zur Dezemberliste, Stand (27) Jan 2017,
Mr. Mathews, an idiosyncratic novelist, poet, essayist, translator and self-described refugee from an upper floor of an apartment building on the Upper East Side of Manhattan, died on Jan. 25 in Key West, Fla., after decades of confounding critics and captivating readers. He was 86. (…)
Since his first book was published, in 1962, when he was 32 and living in Paris, he had become a cult figure, more so to non-English-speaking fans abroad than in his native United States. In its interview with him, The Paris Review said Mr. Mathews “rightfully belongs to the experimentalist tradition of Kafka, Beckett and Joyce.” / New York Times
Ein Artikel in der Zeit vom 11.9. 1992
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[✺]
Zum Lyrikkalender gehts hier. Wintermitte. Zum 70. Todestag Hans Falladas am 5. gibt es im Geburtshaus in Greifswald, Steinstraße 58, ein Festival vom 3.-5.
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[✺]
Christian Saalberg, Thomas Kling und Richard Anders leben. Léopold Sédar Senghor stirbt und viele Deutsche haben ihre Probleme mit dem „Neger“. Viel Traum (Draesner, Rinck), Halluzinogenes (Anders) sowie Liebeswahn (Lavant). Die Dichter haben immer recht (sogar Stalin zögert einen Moment), aber die Dichtung wirft nicht viel ab., Dies und mehr hier.
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Zum Schluß Hansjürgen Bulkowskis Poetopie
Werte wackeln – Wünsche werden immer dringlicher
In Slowenien ist Prešerentag (siehe unter 1849)
Am 10. Februar
Wintermitte. Aßmann von Abschatz, Bellman, Ulrike von Levtzow, Jacques Prévert, Dietrich Bonhoeffer, Neal Cassady u.a. hier
Hans Fallada (70. Todestag), Lou Andreas-Salomé (80. Todestag). Runebergtag in Finnland u.v.a. hier
Nationaler Tag der Samen. Zwei politische Antipoden haben an diesem Tag Geburtstag: Der Pole Julian Ursyn Niemcewicz (* 1757) schrieb ein verschwörungstheoretisches Buch über eine organisierte „jüdische Verschwörung“ gegen Polen. Der deutsche und jüdische Schriftsteller Saul Ascher (* 1767) schrieb gegen die mit Namen wie Ernst Moritz Arndt und Friedrich Ludwig Jahr verbundene völkische und antisemitische Ideologie an und bemerkte hellsichtig, dass nach der Verdammung der Philister und Juden nun „Indier, Mohammedaner, Chinesen und ungläubige Barbaren an die Reihe kommen“. Mehr hier
Botticelli verbrennt seine pornographischen Bilder. Baldassare Castiglione glaubt, daß alles, was Männer begreifen, auch Frauen begreifen können. 66% der Schweizer stimmen ihm 450 Jahre später zu. Max Bense, Alejandro Jodorowsky und viele andere hier.
Prešerentag (Slowenien). France Prešeren, Samuel Butler, Arndt von Rügen? Eva Strittmatter und Austin mehr hier
Der größte tschagataiische Dichter, der wichtigste moderne japanische Dichter, der Erneuerer des englischsprachigen Theaters und wichtigste irische Dichter… und andere Koryphäen und Kuriositäten hier Plus: 90. Geburtstag von Rainer M. Gerhardt
Geburtstag Bertolt Brechts und des ersten Trobadors Wilhelm IX. von Aquitanien („Ich mach ein Lied aus reinweg nichts“). Außerdem von Giuseppe Ungaretti, Boris Pasternak und Margarete Hannsmann. Und der 180. Todestag Alexander Puschkins. Mehr hier
Am 6. Februar
Nationaler Tag der Samen (die in Norwegen, Schweden, Finnland und Rußland leben) (Lyrikzeitung)
Am 4. Februar
Die europäische Kulturzeitschrift erscheint in ihrem 115. Heft mit den Schwerpunkten
Roger Friedland schreibt angesichts der Wahl Donald Trumps über Staat und Geschlecht. Die Erotisierung der Macht und die Verheißungen des Patriarchats. Bei der US-Wahl sei es um das Geschlecht des Staates gegangen. „Donald Trump hatte sich als erigierter Phallus beworben, als sexuell aggressiver Mann, der die Regeln verletzen, unsere Feinde zerschmettern und Amerika wieder stark machen könne. (…) Die Leute haben seinen Schwanz gewählt. Nie zuvor hatte ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat die Länge seines Penis verteidigt, geschweige denn in einem Rededuell in bester Sendezeit versichert, seine kleinen Hände ließen nicht darauf schließen, daß auch alles andere klein sei. ‚Ich garantiere Ihnen, es gibt da kein Problem. Glauben Sie mir!‘, schoß er in einem Streitgespräch des Vorwahlkampfes zurück. (…) Auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner skandierte die Menge nicht ‚Yes, we can‘, sondern ‚Yes, you will‘.“ (S. 7)
Timothy Snyder rät in 20 Vorschlägen „zur Bewahrung der Freiheit in der Unfreiheit„, angesichts dieser Wahl ein Zeichen zu setzen. Hier stark verkürzt einige dieser Vorschläge:
[In der öffentlichen Debatte geschieht es längst, ich meine nicht seine Anhänger]
6. Gehen Sie glimpflich mit unserer Sprache um. Meiden Sie Phrasen, die jeder drischt.Überlegen Sie sich ihre eigene Ausdrucksweise, auch wenn es nur darum geht, auszudrücken, was Ihrer Ansicht nach jeder sagt. (Benutzen Sie das Internet nicht vordem Schlafengehen. Halten Sie Ihre Gerätschaften vom Schlafzimmer fern und lesen Sie was.)
9. Ermitteln Sie selbst. Versuchen Sie selbst auf etwas zu kommen. Gehen Sie den Dingen selbst auf den Grund. Verwenden Sie mehr Zeit auf lange Artikel.
12. Übernehmen Sie Verantwortung für das Gesicht der Welt. Achten Sie auf Hakenkreuze und all die anderen Zeichen von Haß. Schauen Sie nicht weg und gewöhnen Sie sich nicht an sie. Entfernen Sie sie selbst und setzen Sie somit selbst ein Zeichen.
Und Masha Gessen plädiert für hartnäckigen Widerstand (und kritisiert Obama und Clinton, die nach der Wahl resigniert und konziliant redeten – als hätte Trump all das, was er im Wahlkampf sagte, nicht so gemeint).
Martin Burckhardt denkt über das Verschwinden des Intellektuellen im Posthistoire nach. Der Intellektuelle habe sich aus der Öffentlichkeit verabschiedet. Im Posthistoire werden die Visionäre durch Manager ersetzt, fleißige Arbeitsgruppen nähmen die Rolle der Gründerväter ein. Jede Vernunfttätigkeit, die dem pragmatischen Prinzip widerspreche, stehe als l’art pour l’art und Orchideenwissenschaft unter Generalverdacht.
„Können wir also, schlußendlich, den Tod des Intellektuellen ausrufen? Ja und nein. „Ja“ deswegen, weil die Repräsentationsfunktion des Großschriftstellers oder Großphilosophen ausgedient hat, zerschellt ist an einer Welt, in deren Inneres man nicht mehr vordringen kann, jedenfalls nicht, solange man das Geheimnis ihrer Ordnung ignoriert: den Code der Simulation. Schon von daher sind Rundumschläge à la Enzensberger („Schmeiß dein Handy weg!“) Zeugnisse einer gründlichen Satisfaktionsunfähigkeit — stürmt man hier unbewaffnet auf einen Gegner zu, der sich um derlei Kampfgeschrei nicht bekümmert, so wenig wie sich die Windmühlen um Don Quixotes Ehrbegriff sorgen. Weiß er sich dennoch nicht anders zu helfen, regrediert der Intellektuelle zum Ritter von der traurigen Gestalt. Ein Zurückgebliebener, der vielleicht bei Kirchentagen oder im Heimatmuseum seine besorgte Zuhörerschaft findet, aber der Herrschaftsgrammatik verlustig gegangen ist: jenes Codes, über den sich die Ordnung der Dinge (und damit die Welt) fügt. Hatte Julien Benda den „Verrat der Intellektuellen“ im Partikularismus und in der Parteinahme verortet, könnte man im Schriftverlust die entscheidende Ursache für den Bedeutungsverlust des Intellektuellen sehen. Indes ist die Agraphie keineswegs eine Zwangsläufigkeit. Dort nämlich, wo das Verhältnis zur Herrschaftsgrammatik nach wie vor existiert, gibt es Anlaß, die Frage nach dem Tod des Intellektuellen mit einem entschiedenen „Nein“ zu beantworten. „Nein“ deswegen, weil die Funktion des Intellektuellen — also seine Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen — sich keineswegs erübrigt hat. Ganz im Gegenteil. Sie ist um so nötiger, als sich die Schrift nicht mehr zwischen Buchdeckeln einhegen läßt, sondern im Begriff ist, die ganze Welt zu erobern.“ (S. 35)
Noch zwei Splitter.
Wie fatal sich die Abwesenheit eines kritischen Bewußtseins auswirkt, macht die Debatte über die Digitalisierung deutlich, die, politisch begriffen, vielmehr dem Code der Simulation hätte gelten müssen: jener Herrschaftstechnik also, welche die überkommenen repräsentativen Institutionen schleift und ersetzt. Daß die Debatte über die NSA—Überwachung lediglich eine Forderung nach „Datensouveränität“ produziert hat (was immer das ist), aber jede ernsthafte Diskussion, wie die Digitalisierung den Charakter des Politischen überhaupt affiziert, eine Leerstelle geblieben ist, läßt auf einen fatalen Mangel an intellektueller Geistesgegenwart schließen. Das Ausbleiben dieses längst überfälligen Diskurses (der darüber hinaus auch klären müßte, inwiefern sich dieser Prozeß in den Lauf unserer geschichtlichen Überlieferung einfügt) bewirkt, daß man sich blind und bewußtlos in sein Schicksal ergibt, metaphorisch gesprochen: daß die sozialen Systeme in den Selbstfahrermodus übergehen. (…)
2. (…) die Universalisierung der Schrift ermöglicht selbst dem Analphabeten, das in der Maschine inkorporierte geistige Navigationssystem für sich nutzbar zu machen. Folgt man den Anweisungen der Benutzeroberfläche, wird man in eine Welt der Gespenster entführt, ein Spektrum von Möglichkeiten, das Jahr für Jahr an Verführungskraft zunimmt. Dabei führt die Skalierungslogik des Netzes dazu, daß, neben dem Konsum, vor allem die starken Gefühle, Ressentiment, Gruppenzugehörigkeit, Angst und Indolenz verstärkt werden — als habe man das Internet erfunden, um die Existenz von Geistern und paranormalen Aktivitäten beweisen zu können. (…)
Wie zu Zeiten der Reformation, da Luthers Lehre die Gläubigen aus dem katholischen Vermittlungsprozeß löste und sie in eine Gottesunmittelbarkeit hinein katapultierte, fühlen sich die User durch die Maschine ermächtigt, elektrisiert, mag sich ein jeder einreden, der Größte zu sein.
Gewiß handelt es sich hier um ein Phantasma — dennoch belegt die Rede von der postfaktischen Weltsicht, daß die Ablösung vom Realitätsprinzip zum Massenphänomen geworden ist. Wo jede Fremdheit mit einem Copy-and-paste assimiliert werden kann, muß der Hinweis auf das kryptische Innere der Schrift wie Spielverderberei wirken, eine ebenso übellaunige wie hinterhältige Erinnerung an jene Alterität, welche die glänzende Oberfläche doch vergessen machen will.
In Anbetracht dieser abgründigen Selbstermächtigungslogik versteht man den Intellektullenhaß, ja, die tiefe Verachtung, die sich in der Internationale der Katzenvideoliebhaber breitgemacht hat. Denn zuvorderst geht es darum, die innere Natur der Sache nicht zur Kenntnis zu nehmen, sie statt dessen als Wunschmaschine für alle erdenklichen Begierden zu instrumentalisieren.
Was es sonst noch gibt. Darknet. Literarisches Erzählen in Zeiten des Internets. Harold Pinter zu Shakespeare. Goethes italienische Reise. Bora Ćosić. Ostukraine. Kunst von Valérie Favre. Lange Gedichte von Vicente Huidobro und Yang Lian. Jakob der Fatalist. … Viel Lesestoff, Denkstoff.
Dichter, die Welt ignoriert euch, weil eure Sprache zu winzig ist, zu sehr klebt
an eurem mittelmäßigen Ich, feiner ist als euer Konfekt. Ihr habt den Sinn für das Ganze verloren,
vergessen, wie das schöpferische Wort heißt.
(…) Als Spezialist, Dichter,
ist es dein wichtigstes Spezialgebiet, Mensch zu sein, ganz Mensch. Es geht nicht darum, deine Arbeit
zu verneinen, doch deine Arbeit ist die eines Menschen und nicht die einer Blume.Vicente Huidobro: Total. Lettre 115, S. 93
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