Ein Schweigen das lügt

518 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.

Pierre Reverdy 

(* 13. September 1889 in Narbonne; † 17. Juni 1960 in der Abtei Saint-Pierre bei Solesmes)

Ein Schweigen das lügt

Warte warte
sanftmütig im Qualm der Fackeln
entfesselten Atems den der Sturm skandiert
Körner voll Lebens treiben über den Boden
und füllen nach und nach die Radspuren
Es schreit der Wind er wechselt die Richtung
im verzweifelten Lauf der eroberten Geschicke
Schwarz oder weiß
aber auf der Stirn ist er rot
Im Inneren des Himmels wo die Schmiede geheizt wird
warte auf den Augenblick deinen Knebel zu winden
Auch zum Beißen ist der Mund gemacht
zu geifern und den Schweiß zu trinken der Furchen zieht
zum Lachen zum Lügen
deine Befreiung zu singen
Rosig und frisch wie eine Wunde
war er schöner als vorher
aber er wußte nicht mehr was sagen

Aus dem Französischen von Max Hölzer, aus: Pierre Reverdy: Quellen des Windes. Gedichte aus den Jahren 1915 – 1948. München: Kösel-Verlag, 1970, S. 111

Le Silence qui ment

Attends attends
Placide dans la fumée des torches
Le souffle déchaîné que rythme la tourmente
Une traînée de grains pleins de vie sur le sol
Comble peu à peu les ornières
Il crie le vent qui change ses ressorts
Dans la course éperdue des destinées conquises
Noir ou blanc
Mais il est rouge au front
A l'intérieur du ciel où l'on chauffe la forge
Attends le moments de tordre ton bâillon
La bouche est faite aussi pour mordre
Pour baver et boire la sueur qui creuse des sillons
Pour rire pour mentir
Pour chanter ta délivrance
Rose et fraîche comme une cicatrice
Elle était plus belle qu'avant
Mais elle ne savait plus quoi dire

Ebd. S. 110

Pierre Reverdy

Die Funktion der Poesie (Auszug)

Gibt es auf der ganzen Welt ein Wort, das bedeutungsvoller wäre, von dem ein stärkerer Zauber ausginge, als das Wort Poesie? Gibt es, andererseits, ein zweites Wort, das leichter als dieses verspottet und verkannt – so häufig verwendet und so schlecht definiert würde? Für gewöhnlich dient das Wort, dienen die Worte, dazu, die Dinge zu definieren, zu bedeuten – sie von ihrem Gewicht zu befreien, sie durch den Geist leicht, beweglich und geschmeidig zu machen. Was aber die Dichtung angeht, könnte es scheinen, als hätte man dem Ding das aufgebürdet, was Sache des Wortes wäre. Man sagt, dies oder jenes Ding sei poetisch. Man glaubt, einander zu verstehen. Aber rasch gewahrt man, daß man sich schon nicht mehr so gut versteht, sobald man sich anschickt, genauer zu bestimmen, weshalb und inwiefern dies oder jenes poetisch ist oder nicht. Und zwar vielleicht bloß darum, weil man das, was man bezeichnen möchte, dort unterbringt, wo es sich nicht befindet.

Die Poesie ist nicht in den Dingen – so wie Farbe und Duft in der Rose sind und von ihr ausgehen –, sie ist im Menschen, und nirgends sonst, und der Mensch legt sie in die Dinge, wenn er sich ihrer bedient, um sich auszudrücken. Sie ist ein Bedürfnis und ein Vermögen, eine Notwendigkeit für den Menschen – eine jener Notwendigkeiten, die über sein Schicksal entscheiden. Sie ist eine eigene Art des Empfindens und Denkens.

Aus dem Französischen von Friedhelm Kemp, ebd. S. 128

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