Der Bürgermeister-Stuhl ist leer

541 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.

Früher gab es einen weit verbreiteten Brauch, zum Andenken an familiäre Ereignisse wie Geburten, Hochzeiten und Sterbefälle ein Heft mit speziell dazu geschriebenen Gedichten zu drucken. Die Universität Greifswald besitzt eine große Sammlung solcher Gelegenheitsdrucke unter dem Rubrum „Vitae Pomeranorum“ (Leben der Pommern). Nicht unbedingt für die Literaturgeschichte, aber sehr wichtig für familien- und kulturgeschichtliche Forschungen. Und manchmal sogar amüsant. Also warum nicht mal ein Gelegenheitsgedicht lesen?

Das heutige Gedicht wurde zum Tod eines Stralsunder Bürgermeisters geschrieben. Der Verblichene heißt Heinrich Hagemeister (1624-1694). Zehn Verwandte / Verschwägerte / Bekannte steuerten Gedichte bei, auf Deutsch und Latein. Hier das Trauergedicht von Georg Christoph Lemm (1656-1702). Er war Theologe und Pfarrer, geboren in Altefähr auf der Insel Rügen. Er beginnt mit der rhetorischen Frage, ob denn niemand beim Herrn ZEBAOTH ausbitten konnte, Herrn Hagemeister noch zu schonen, vor allem angesichts der Tatsache, dass gerade drei andere wichtige Herren von der „Policey“ der ehrwürdigen Hansestadt gestorben waren. Policey meint hier sicherlich nicht Polizisten, sondern die städtische Obrigkeit. Ein paar weitere Anmerkungen hierunter. (Es soll nicht respektlos klingen, aber nach so langer Zeit kann man wohl auch mal schmunzeln oder nach Temperament laut lachen.) – Der Verstorbene war offenbar Dritter Bürgermeister, also der „Dritte des Bürgermeister-Stuls“.

Hat denn kein Beter nicht den hochgeschätzten  Dritten  
Des Bürgermeister-Stuls noch können einst ausbitten /
Beym HERREN Zebaoth? Nein / leider! Sondern wie
Ohnlängst drey Wehrte Herrn der Policey allhie /
Herr Ocker / Herr Wulffrath / Herr Corschwand uns entrissen;
So muß die Stadt auch nun den Bürgermeister missen /
Den großen Bürger-Freund / den man zu aller Zeit
Voll Vorsorg für die Stadt befand in Redligkeit!
Ach! kein gut Zeichen / daß so aus dem Raht der Frommen
ein werthes Mit-Glied nach dem andern wird entnommen!
Der trübe Himmel selbst weint mit in dieser Woch/
Ob solche Trauer-Fäll` / und andern Elends-Joch.
O großer GOTT / bleib DU doch Hülff- und Freuden-Meister
Der viel-besorgten Stadt! Vertreib die Trauer-Geister
In dem geehrten Haus` / das schwach und hoch-betrübt;
Zeig JHNEN / das SIE seyn für DIR doch hochgeliebt!
Zeig / das DU Mannes-Stell und Vater-Treu ersetzest /
Und mit viel tausend Trost die Traurigen ergötzest!
Stütz auch die übrigen im Bürger-Meister-Stand!
Schütz` Rath / und Bürgerschafft! und hilff dem Vaterland !

Das wünschet / unter tieffen Seuffzen über den vielen
Schaden Josephs / aus innerstem Seelen-
Grunde der selbst Hertzlich-Mitbetrübte
M. G. C. LEMMIUS.

Corschwand: auch Corswant o.ä. geschrieben, eine der großen Patrizierfamilien in Greifswald und Stralsund, die über die Jahrhunderte ihre Kinder untereinander verheirateten, um Geld und Einfluß zusammenzuhalten (darunter war auch die Familie der Dichterin Sibylla Schwarz – ein Joachim Schwarz ist auch hier mit einem Trauergedicht dabei).

Schaden Josephs: eine Redewendung aus der Bibel, mit der die Selbstsicherheit und Schwelgerei der Bewohner Israels angeprangert wird, die sich nicht um den „Schaden Josefs“, also den Niedergang des eigenen Volkes oder Gemeinwesens kümmern (Amos 6, 6). Herr Lemm benutzt es hier ganz unpolemisch.

M. G. C. Lemmius: Magister Georgius Christophorus Lemmius (Georg Christoph Lemm).

Übrigens hat die Typographie in diesem Gedicht einen großen Auftritt, deshalb hier noch die Faksimiles.

Falls jemand mehr davon lesen will:

Letzter Ehren-Dienst/ Dem Hoch-Edlen/ Vesten/ und Hochweisen/ Herrn Heinrich Hagemeistern/ Weyland hochverdientem Burgermeistern der guten Stadt Stralsund/ als derselbe am 19den September Anno 1694. selig verstorben/ und den 24sten dessen/ bey hochansehnlicher Volckreicher Versammlung allda beerdiget worden/ mit betrübten Hertzen schuldig und willig geleistet. Greiffswald 1694.

urn:nbn:de:gbv:9-g-5377901](http://digitale-bibliothek-mv.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:9-g-5377901)

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