An seine spröde Geliebte

Von Andrew Marvell, dem berühmten Generationsgefährten der Sibylla Schwarz, heute eins seiner – im englischen Sprachraum! – bekanntesten Gedichte. Die deutsche Prosafassung ist auch nicht zu verachten, schließlich verfolgt das Gedicht eine verschachtelte aber stringente Rhetorik, von der die Anstrengungen deutscher Reimkunst nur ablenken. Das Original markiert die langen Strophen nur durch eine Einrückung, hier zur leichteren Darstellung mit Leerzeilen.

Andrew Marvell

(* 31. März 1621 in Winestead bei Patrington, Holderness, Yorkshire; † 16. August 1678 in London)

To his coy Mistress

Had we but world enough and time,
This coyness, lady, were no crime.
We would sit down, and think which way
To walk, and pass our long love’s day.
Thou by the Indian Ganges’ side
Shouldst rubies find; I by the tide
Of Humber would complain. I would
Love you ten years before the flood,
And you should, if you please, refuse
Till the conversion of the Jews.
My vegetable love should grow
Vaster than empires and more slow;
An hundred years should go to praise
Thine eyes, and on thy forehead gaze;
Two hundred to adore each breast,
But thirty thousand to the rest;
An age at least to every part,
And the last age should show your heart.
For, lady, you deserve this state,
Nor would I love at lower rate.

But at my back I always hear
Time’s wingèd chariot hurrying near;
And yonder all before us lie
Deserts of vast eternity.
Thy beauty shall no more be found;
Nor, in thy marble vault, shall sound
My echoing song; then worms shall try
That long-preserved virginity,
And your quaint honour turn to dust,
And into ashes all my lust;
The grave’s a fine and private place,
But none, I think, do there embrace.

Now therefore, while the youthful hue
Sits on thy skin like morning dew,
And while thy willing soul transpires
At every pore with instant fires,
Now let us sport us while we may,
And now, like amorous birds of prey,
Rather at once our time devour
Than languish in his slow-chapped power.
Let us roll all our strength and all
Our sweetness up into one ball,
And tear our pleasures with rough strife
Through the iron gates of life:
Thus, though we cannot make our sun
Stand still, yet we will make him run.

An seine spröde Geliebte

Hätten wir Welt genug und Zeit, / dann wäre diese Sprödigkeit kein Verbrechen. / Wir könnten uns niedersetzen und nachdenken, welchen Weg / wir einschlagen sollen und wie wir unseren langen Liebestag verbringen wollen. / Du würdest am indischen Gangesstrand / Rubine sammeln, und ich würde bei den Fluten / des Humber meine Liebesklagen ausstoßen. Ich würde / dich schon zehn Jahre vor der Sintflut lieben, / und du könntest dich, wenn’s dir beliebte, / bis zur Bekehrung der Juden mir verweigern. / Meine pflanzenhafte Liebe sollte größer aufwachsen, / als Kaiserreiche sind, und langsamer wachsen als sie. / Hundert Jahre würden damit verbracht werden, / deine Augen zu preisen und deine Stirn anzustaunen; / zweihundert, um jede Brust einzeln anzubeten; / doch dreißigtausend Jahre gingen hin für den Rest. / Ein Menschenalter mindestens brauchte ich für jeden Teil, / und das letzte Zeitalter sollte dein Herz offenbaren. / Denn, Herrin, du verdienst diesen Staat, / und ich wollte nicht in niedrigeren Dimensionen lieben.

Doch mir im Rücken hör ich stets / den geflügelten Wagen der Zeit näherrollen, / und vor uns liegen / Wüsten weiter Ewigkeit. / Deine Schönheit wird darin nicht mehr zu finden sein, / noch wird mein Lied in deiner Marmorgruft widerhallen: / Würmer werden dann / deine lang gehegte Jungfräulichkeit erproben, / und deine mit soviel Findigkeit bewahrte Ehre wird zu Staub werden, / ebenso wie all mein Lustverlangen zu Asche zerfallen wird. / Das Grab ist ein feiner und verschwiegener Ort, / doch niemand, glaub ich, umarmt sich dort.

Darum, solang noch die Jugendfarbe / wie Morgentau auf deiner Haut liegt / und solang deine liebesbereite Seele / durch jede Pore rasche Glut ausatmet, / laß uns uns vergnügen, dieweil wir’s noch können! / Und laß uns, wie Raubvögel der Liebe, / die uns zugemessene Zeit lieber auf einmal verschlingen, / als in der Gewalt ihrer langsam mahlenden Kiefer dahinschmachten. / Laß uns all unsere Kraft und all / unsere Süßigkeit in einen Ball zusammenrollen / und unsere Freuden mit wilder Gewalt / durch die Eisenpforten des Lebens zerren! / So werden wir unsere Sonne zwar nicht / Stillstehen lassen können, aber wir werden sie zum Laufen bringen.

Aus: Englische Barockgedichte. Englisch und deutsch. Ausgewählt, hrsg. u. kommentiert von Hermann Fischer. Stuttgart: Reclam, 1971, S. 327/329

An seine spröde Herrin

Hätten wir Welt genug und Zeit,
Wärst, Spröde, du von Schuld befreit.
Wir säßen nieder irgendwo.
Des langen Liebestages froh.
Du fändest wohl am Ganges dir
Rubine, und ich klagte hier
Am Humber. Zu lieben fing ich dann
Zehn Jahre vor der Sintflut an:
Du könntest, wolltest du’s verwehrn,
Bis daß die Juden sich bekehrn,
Und meine Liebe schoß ins Kraut
Größer als Rom, doch sacht gebaut,
Und ein Jahrhundert ging nur hin
Zum Preis der Augen und dem Kinn,
Zweihundert dann für jede Brust
Und dreißigtausend für den Rest.
Für jeden Teil ein Zeitenlauf,
Im letzten schloß dein Herz sich auf.
Denn du verdienst solch großen Staat,
Ich lieb nicht gern in mindrem Grad.

Doch rückwärts braust mir Tag für Tag
Ans Ohr der Zeiten Flügelschlag,
Und grade vor uns dehnt sich breit
Die Wüste weiter Ewigkeit.
Und deine Schönheit, ach, sie flieht;
Dann tönt in deiner Gruft kein Lied
Noch Widerhall; der Wurm benascht
Deine langbewahrte Jungfernschaft.
Und dein verjährter Kranz wird Staub,
Und Asche, was ich Lust geglaubt.
Das Grab ist ein verschwiegner Ort,
Doch keiner, glaub ich, küßt sich dort.

Drum, da noch Jugendschmelz dir jetzt
Wie Morgentau die Haut benetzt
Und deine Seele, rasch gewillt.
Aus jeder Pore feurig quillt,
Ergötzen wir uns jetzt und hier,
Daß wie verliebtes Raubgetier
Die Zeit wir schlingen, die uns bleibt,
Eh daß sie langsam uns zerreibt.
All unsre Kraft rolln wir und all
Unser Süßes zu einem einzigen Ball:
Und zerren unsre Lust zu zweit
Durchs Lebenstor in rauhem Streit.
Wir hemmen nicht den Sonnefuß,
Doch machens, daß er laufen muß.

Deutsch von Werner Vortriede. Aus: Beispiele manieristischer Lyrik. Hrsg. Gerd Henniger. München: dtv, 1970, S. 68f

One Comment on “An seine spröde Geliebte

  1. Folgend Felix Philipp Ingolds Vorschlag einer verknappenden Übersetzungspraxis hier auch noch eine Radikalversion:

    An die keusche Meisterin

    Du weißt, Geliebte, diese Welt
    Zum besten nicht ist uns bestellt;
    Mag locken fern die Ewigkeit
    Hier unten bleibt uns wenig Zeit.
    Drum, Mädel, hab dich mal nich so
    Und mach den geilen Lüstling froh.

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