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2 Nahbellpreise 2026: 3.Konzeptpreis (Projekt) & 3.Nebenpreis (Essay)
G&GN-INSTITUT – Düsseldorf, den 21.6.2026 / In diesem Jahr gibt es weder einen Nahbellhauptpreisträger für ein lyrisches Lebenswerk noch einen Nahbellförderpreisträger für einen Nachwuchslyriker. Stattdessen werden zwei spezielle Nahbellpreise vergeben: der 3.Konzeptpreis geht an den Duisburger Helmut Loeven (geb. 1949) für seine seit 1968 herausgegebene Zeitschrift „DER METZGER“ und der 3.Nebenpreis geht an Ulrich Jösting (geb. 1962) für seinen Essay „ES ANTWORTET SOFORT“ über die Nutzung von KI beim avancierten Schreiben. Die Urkundentexte begründen diese Entscheidungen als Ausdruck des Respekts vor der selbstehrlichen Beharrlichkeit der Preisträger. Im Detail: www.POESIEPREIS.de & www.KONZEPTPREIS.de
KONZEPTPREIS („Für das außergewöhnliche Engagement und die soziale alternative visionäre Resistenz gegenüber den freiheitsfeindlichen Tendenzen der marktbesessenen Zwänge des Kulturbetriebs“):
„Wo ich hantiere, ist die Grenze zwischen dem, was Satire ist und was Satire nicht ist, nicht definierbar. In meinem Blatt erscheinen seit Jahrzehnten auch Sach-Artikel, Kommentare, Analysen usw. Es geht mir um die Vielfalt der Gegensätze: Text & Bild, lang & kurz, historisch & aktuell, nachdenklich & apodiktisch, subjektiv & objektiv, theoretisch und alltäglich, ernst und unernst, klar und rätselhaft.“
Helmut Loeven, im Nahbellpreis-Interview: VERWEIGERUNG & VERNETZUNG
Helmut Loeven
Der Schatz im Silbersee
Winnetou hat kein Pferd mehr.
Irgendjemand hat ihm seins weggenommen.
Die Versicherung will dafür nicht aufkommen.
Old Shatterhand hat festgestellt,
dass es im ganzen Wilden Westen
kaum Regenschirme gibt.
Winnetous Schwester hat ein Geschäft für
Bastelbedarf auf der Wanheimer Straße.
Die vom Stamme der Apachen denken: Wir
hätten das Funkhaus in die Luft gesprengt.
Dabei waren wir das gar nicht.
(2017 – live am 11.6.2026 im SYNTOPIA, Duisburg, siehe YouTube)
Aus dem Nahbell-Interview mit Helmut Loeven:
„VERWEIGERUNG & VERNETZUNG“
G&GN: Du bekommst den Konzeptpreis für die von Dir seit 1968 herausgegebene Zeitschrift „DER METZGER“, denn mit diesem DinA4-Copy-Art-Machwerk sind viele Projekte verknüpft, so dass die Zeitschrift einen Anker darstellt, von dem aus man sich in die gesamte Loeven-Strömung stürzen kann! Wie lässt sich Kontinuität über fast 6 Jahrzehnte schaffen?
LOEVEN: Die innere Lähmung der Nachkriegszeit sollte überwunden werden, der aggressiven Spießbürgerlichkeit sollte etwas entgegengesetzt werden. (…) In der allerersten Phase, im Trubel der APO-Gruppen, regte sich Misstrauen, weil das Blatt von einer einzigen Person gestaltet wurde. (…) Dem Einzelkämpfer misstraute man grundsätzlich. Kollektivismus heißt: Wer am wenigsten beiträgt, will am meisten zu sagen haben – dann aber für nichts verantwortlich sein. (…) Nach anderthalb METZGER-Jahren bekam ich einen Brief von Josef Wintjes in Bottrop. Der hatte ein Unternehmen gegründet mit dem sperrigen Namen Nonkonformistisches literarisches Informationszentrum. (…) Bei der Ausweitung seines Versandangebots haben wir kooperiert und auch intensiv füreinander Werbung betrieben. Sowohl am Ulcus-Molle-Info, als auch am Impressum habe ich mich mit Beiträgen beteiligt. (…) Die Buchhandlung wird 2027 geschlossen. Der Buchhandel wird als Versand-Antiquariat fortgesetzt, für die Eigenproduktionen wird mehr Zeit zur Verfügung stehen, die Internet-Präsenz bleibt. Die Zeitschrift „DER METZGER“ wird sicherlich weiter erscheinen.
Das ausführliche Interview auf der Preisträgerseite:
https://poesiepreis.jimdofree.com/konzeptpreis/03-metzger
NEBENPREIS („Für das unerwartete Engagement und die komplexe journalistische Recherche unabhängig vom feuilletonistischen Zeitgeist und den Stiltrends der Medienlandschaft“):
„Man kann vollkommen ohne KI schreiben und trotzdem klingen wie ein Algorithmus für literarische Bedeutsamkeit. (…) Können Autoren noch Literatur von literaturähnlichem Text unterscheiden? Können sie noch hören, wann ein Satz nur funktioniert und wann er notwendig ist?“
Ulrich Jösting, im Nahbellpreis-Essay: ES ANTWORTET SOFORT
@ https://poesiepreis.jimdofree.com/nebenpreis/03-ulrich-joesting/es-antwortet-sofort/
Ulrich Jösting
atemzüge ohne richtung
abgeworbene glocken wachsen horizontal
blühen auf im schein der möglichkeiten
aus dem zahnfleisch der landschaft
ein pfeil aus milch durchbohrt das fensterlose auge darin
eine treppe aus cremeweißem papier stapelt sich ins ungesagte
neun uhren ächzen im schrank
ihre ziffern tropfen als lose blätter
auf das pelzige leuchten das sich in den wänden verliert
eine hand ohne gelenk schreibt mit salz
in den bodenlosen sand
ein wort das sich selbst nicht versteht
während zwischen den ausgebrannten monden
die städte schwimmen auf toten briefmarken
es ist ein tag wie ein abgerissener kalenderbogen
hinter dem rostigen horizont
schlägt ein herz aus asche
im takt mit den sirenen
die nicht wissen wovor sie warnen
die uhren haben sich in ihre zahnräder zurückgezogen
zwischen den zähnen wächst moos
das die sprache verschluckt
die namen der straßen sind nur noch abdrücke
im mund einer maschine
die trauer ein algorithmus der sich selbst überschreibt
während die bilder der verluste
zu bestimmten landschaften gerinnen
(Aus dem Gedichtband: „der träume strandgut“, BoD Verlag 2025)
Aus dem Nahbell-Interview mit Ulrich Jösting:
„DIE ENTMYSTIFIZIERUNG VON GENIALITÄT DANK KI“
G&GN: Obwohl sich Gedichtbände schlecht verkaufen, bemühen sich nur wenige Dichter, neue Leser oder auch Zuhörer bei Festivals zu akquirieren, indem sie die Neugier mit Textbeispielen wecken. Dieser Unterschied macht sich vielleicht jetzt in der Arbeit mit der KI bemerkbar?
JÖSTING: Wer seit Jahrzehnten kontinuierlich digital publiziert, hinterlässt einen enormen stilistischen Fußabdruck. Gerade bei Schreibenden mit einer sehr markanten Sprachbewegung, bestimmten Denkfiguren, Rhythmen und Obsessionen entsteht daraus ein relativ gut imitierbares Muster. (…) Dass ein erheblicher Teil dessen, was wir Stil nennen, aus wiederkehrenden Mustern besteht, mag verstören. (…) In mancher Hinsicht ist die Arbeit mit generativer KI auch unbefriedigend. Ihre Angebote sind überästhetisiert, klischeehaft, bedeutungssimulierend und voller scheinpoetischer Nebelschwaden. Gelegentlich entstehen aber bemerkenswerte Momente: einzelne Bilder, Formulierungen oder überraschende semantische Kollisionen, auf die ich selbst vielleicht nicht gekommen wäre. (…) Interessant ist dabei oft weniger die konkrete Antwort der KI als die Gegenbewegung, die sie im eigenen Denken auslöst. Häufig entsteht der produktive Moment gerade im Widerspruch. (…) Die KI zwingt uns, genauer über Autorschaft nachzudenken. Nicht sakraler, sondern präziser in der Frage nach Verantwortung, Form, Entscheidung, Verfahren. (…) Die Frage lautet nicht mehr: War ich ganz allein? Sondern: Was habe ich aus dem gemacht, was mir entgegenkam? Welche Notwendigkeit hat es durchlaufen?
G&GN: Authentisch wird gemäß Deiner Ausführungen wohl immer das sein, was sich aus echter Notwendigkeit als richtig erweist, ganz gleich mit welchen Hilfsmitteln generiert, aber authentisch ist nicht unbedingt automatisch genial. Was aber empfinden wir als genial und warum?
JÖSTING: Genialität ist nicht Eigentum eines souveränen Subjekts, sondern der Moment, in dem sich etwas formuliert, das größer wirkt als die Absicht des Urhebers. Ein Satz, bei dem selbst der Autor erschrickt, nicht weil er ihn kontrolliert hätte, sondern gerade weil er ihn nicht vollständig kontrolliert. (…) Wenn ein experimenteller Lyriker und ein marktstrategischer Romancier dieselbe Anfrage an eine KI stellen, dann ist das zunächst vollkommen unspektakulär. Beide greifen auf ein ähnliches Materialangebot zu. Aber sie tun es mit vollkommen verschiedenen ästhetischen Interessen. Der eine sucht Widerstand, Störung, Abweichung, eine fremde Spannung im eigenen Sprachraum. Der andere sucht Plotlogik, Zielgruppenanschluss, Lesbarkeit, Verkaufbarkeit.
Das ausführliche Interview auf der Preisträgerseite:
https://poesiepreis.jimdofree.com/nebenpreis/03-ulrich-joesting
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