Lettre International 115

Die europäische Kulturzeitschrift erscheint in ihrem 115. Heft mit den Schwerpunkten

  • Trumps Amerika
  • Über Grenzen
  • Digitale Verunsicherung
  • Kunstkonzepte
  • Lebenswege
  • Östliches Gelände

Roger Friedland schreibt angesichts der Wahl Donald Trumps über Staat und Geschlecht. Die Erotisierung der Macht und die Verheißungen des Patriarchats. Bei der US-Wahl sei es um das Geschlecht des Staates gegangen. „Donald Trump hatte sich als erigierter Phallus beworben, als sexuell aggressiver Mann, der die Regeln verletzen, unsere Feinde zerschmettern und Amerika wieder stark machen könne. (…) Die Leute haben seinen Schwanz gewählt. Nie zuvor hatte ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat die Länge seines Penis verteidigt, geschweige denn in einem Rededuell in bester Sendezeit versichert, seine kleinen Hände ließen nicht darauf schließen, daß auch alles andere klein sei. ‚Ich garantiere Ihnen, es gibt da kein Problem. Glauben Sie mir!‘, schoß er in einem Streitgespräch des Vorwahlkampfes zurück. (…) Auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner skandierte die Menge nicht ‚Yes, we can‘, sondern ‚Yes, you will‘.“ (S. 7)

Timothy Snyder rät in 20 Vorschlägen „zur Bewahrung der Freiheit in der Unfreiheit„, angesichts dieser Wahl ein Zeichen zu setzen. Hier stark verkürzt einige dieser Vorschläge:

  1. Gehorchen Sie nicht schon im voraus.

[In der öffentlichen Debatte geschieht es längst, ich meine nicht seine Anhänger]

6. Gehen Sie glimpflich mit unserer Sprache um. Meiden Sie Phrasen, die jeder drischt.Überlegen Sie sich ihre eigene Ausdrucksweise, auch wenn es nur darum geht, auszudrücken, was Ihrer Ansicht nach jeder sagt. (Benutzen Sie das Internet nicht vordem Schlafengehen. Halten Sie Ihre Gerätschaften vom Schlafzimmer fern und lesen Sie was.)

9. Ermitteln Sie selbst. Versuchen Sie selbst auf etwas zu kommen. Gehen Sie den Dingen selbst auf den Grund. Verwenden Sie mehr Zeit auf lange Artikel.

12. Übernehmen Sie Verantwortung für das Gesicht der Welt. Achten Sie auf Hakenkreuze und all die anderen Zeichen von Haß. Schauen Sie nicht weg und gewöhnen Sie sich nicht an sie. Entfernen Sie sie selbst und setzen Sie somit selbst ein Zeichen.

Und Masha Gessen plädiert für hartnäckigen Widerstand (und kritisiert Obama und Clinton, die nach der Wahl resigniert und konziliant redeten – als hätte Trump all das, was er im Wahlkampf sagte, nicht so gemeint).

Martin Burckhardt denkt über das Verschwinden des Intellektuellen im Posthistoire nach. Der Intellektuelle habe sich aus der Öffentlichkeit verabschiedet. Im Posthistoire werden die Visionäre durch Manager ersetzt, fleißige Arbeitsgruppen nähmen die Rolle der Gründerväter ein. Jede Vernunfttätigkeit, die dem pragmatischen Prinzip widerspreche, stehe als l’art pour l’art und Orchideenwissenschaft unter Generalverdacht.

„Können wir also, schlußendlich, den Tod des Intellektuellen ausrufen? Ja und nein. „Ja“ deswegen, weil die Repräsentationsfunktion des Großschriftstellers oder Großphilosophen ausgedient hat, zerschellt ist an einer Welt, in deren Inneres man nicht mehr vordringen kann, jedenfalls nicht, solange man das Geheimnis ihrer Ordnung ignoriert: den Code der Simulation. Schon von daher sind Rundumschläge à la Enzensberger („Schmeiß dein Handy weg!“) Zeugnisse einer gründlichen Satisfaktionsunfähigkeit — stürmt man hier unbewaffnet auf einen Gegner zu, der sich um derlei Kampfgeschrei nicht bekümmert, so wenig wie sich die Windmühlen um Don Quixotes Ehrbegriff sorgen. Weiß er sich dennoch nicht anders zu helfen, regrediert der Intellektuelle zum Ritter von der traurigen Gestalt. Ein Zurückgebliebener, der vielleicht bei Kirchentagen oder im Heimatmuseum seine besorgte Zuhörerschaft findet, aber der Herrschaftsgrammatik verlustig gegangen ist: jenes Codes, über den sich die Ordnung der Dinge (und damit die Welt) fügt. Hatte Julien Benda den „Verrat der Intellektuellen“ im Partikularismus und in der Parteinahme verortet, könnte man im Schriftverlust die entscheidende Ursache für den Bedeutungsverlust des Intellektuellen sehen. Indes ist die Agraphie keineswegs eine Zwangsläufigkeit. Dort nämlich, wo das Verhältnis zur Herrschaftsgrammatik nach wie vor existiert, gibt es Anlaß, die Frage nach dem Tod des Intellektuellen mit einem entschiedenen „Nein“ zu beantworten. „Nein“ deswegen, weil die Funktion des Intellektuellen — also seine Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen — sich keineswegs erübrigt hat. Ganz im Gegenteil. Sie ist um so nötiger, als sich die Schrift nicht mehr zwischen Buchdeckeln einhegen läßt, sondern im Begriff ist, die ganze Welt zu erobern.“ (S. 35)

Noch zwei Splitter.

Wie fatal sich die Abwesenheit eines kritischen Bewußtseins auswirkt, macht die Debatte über die Digitalisierung deutlich, die, politisch begriffen, vielmehr dem Code der Simulation hätte gelten müssen: jener Herrschaftstechnik also, welche die überkommenen repräsentativen Institutionen schleift und ersetzt. Daß die Debatte über die NSA—Überwachung lediglich eine Forderung nach „Datensouveränität“ produziert hat (was immer das ist), aber jede ernsthafte Diskussion, wie die Digitalisierung den Charakter des Politischen überhaupt affiziert, eine Leerstelle geblieben ist, läßt auf einen fatalen Mangel an intellektueller Geistesgegenwart schließen. Das Ausbleiben dieses längst überfälligen Diskurses (der darüber hinaus auch klären müßte, inwiefern sich dieser Prozeß in den Lauf unserer geschichtlichen Überlieferung einfügt) bewirkt, daß man sich blind und bewußtlos in sein Schicksal ergibt, metaphorisch gesprochen: daß die sozialen Systeme in den Selbstfahrermodus übergehen. (…)

2. (…) die Universalisierung der Schrift ermöglicht selbst dem Analphabeten, das in der Maschine inkorporierte geistige Navigationssystem für sich nutzbar zu machen. Folgt man den Anweisungen der Benutzeroberfläche, wird man in eine Welt der Gespenster entführt, ein Spektrum von Möglichkeiten, das Jahr für Jahr an Verführungskraft zunimmt. Dabei führt die Skalierungslogik des Netzes dazu, daß, neben dem Konsum, vor allem die starken Gefühle, Ressentiment, Gruppenzugehörigkeit, Angst und Indolenz verstärkt werden — als habe man das Internet erfunden, um die Existenz von Geistern und paranormalen Aktivitäten beweisen zu können. (…)

Wie zu Zeiten der Reformation, da Luthers Lehre die Gläubigen aus dem katholischen Vermittlungsprozeß löste und sie in eine Gottesunmittelbarkeit hinein katapultierte, fühlen sich die User durch die Maschine ermächtigt, elektrisiert, mag sich ein jeder einreden, der Größte zu sein.

Gewiß handelt es sich hier um ein Phantasma — dennoch belegt die Rede von der postfaktischen Weltsicht, daß die Ablösung vom Realitätsprinzip zum Massenphänomen geworden ist. Wo jede Fremdheit mit einem Copy-and-paste assimiliert werden kann, muß der Hinweis auf das kryptische Innere der Schrift wie Spielverderberei wirken, eine ebenso übellaunige wie hinterhältige Erinnerung an jene Alterität, welche die glänzende Oberfläche doch vergessen machen will.

In Anbetracht dieser abgründigen Selbstermächtigungslogik versteht man den Intellektullenhaß, ja, die tiefe Verachtung, die sich in der Internationale der Katzenvideoliebhaber breitgemacht hat. Denn zuvorderst geht es darum, die innere Natur der Sache nicht zur Kenntnis zu nehmen, sie statt dessen als Wunschmaschine für alle erdenklichen Begierden zu instrumentalisieren.

Was es sonst noch gibt. Darknet. Literarisches Erzählen in Zeiten des Internets. Harold Pinter zu Shakespeare. Goethes italienische Reise. Bora Ćosić. Ostukraine. Kunst von Valérie Favre. Lange Gedichte von Vicente Huidobro und Yang Lian. Jakob der Fatalist. … Viel Lesestoff, Denkstoff.

Dichter, die Welt ignoriert euch, weil eure Sprache zu winzig ist, zu sehr klebt
an eurem mittelmäßigen Ich, feiner ist als euer Konfekt. Ihr habt den Sinn für das Ganze verloren,
vergessen, wie das schöpferische Wort heißt.
(…) Als Spezialist, Dichter,
ist es dein wichtigstes Spezialgebiet, Mensch zu sein, ganz Mensch. Es geht nicht darum, deine Arbeit
zu verneinen, doch deine Arbeit ist die eines Menschen und nicht die einer Blume.

Vicente Huidobro: Total. Lettre 115, S. 93

 

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