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269 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
In der ersten Ausgabe des „allerletzten Revolverblattes von Prenzlauer Berg“, TorTour, veröffentlichte Bert Papenfuß seine Fassung eines Gedichts des russischen Futuristen Welimir Chlebnikow. Ich verzichte heute auf das Original. Vielleicht können wir uns darauf einigen: Seine Fassung möchte nicht das Gedicht erklären, sondern dieselbe Irritation hervorrufen wie das futuristische Original.
Welimir Chlebnikow
(Велимир Хлебников; * 28. Oktoberjul. / 9. November 1885greg. in Malyje Derbety, Gouvernement Astrachan; † 28. Juni 1922 in Santalowo, Rajon Krestzy, Oblast Nowgorod)
Das Volk erhob das höchste Zepter
Das Volk erhob das höchste Zepter,
Majestät stolziert durch die Straßen.
Das Volk ist aufgestanden, wie ersehnt.
Ein Palast, wie Cäsar, wund sich krümmend.
Breit gehüllt in meinen Zarenmantel,
Stürze ich die langsamen Stufen hinunter,
Doch der Ruf – Die Freiheit ist unser!
Ging wie ein Lauffeuer bis Wladiwostok.
Der Freiheit Lieder singen euch erneut!
Vom Pulver der Lieder ist der Plebs entflammt.
Umgeschmolzen zum Götzen der Freiheit
Der Zug der Flüchtlinge, dem ich entrannt.
Der geflügelte Geist des abendlichen Tempels
Schielt gußeisern auf die Maschinengewehre.
Wütende Scham der Kriegsgelüste –
Du, die Priesterin, zerreißt die Bande.
Was hab ich verbrochen? Des Volksbluts dunkle Gimpel
Warf ich um die lichterlohen Banner,
Die Freundin kleidend wie Girej
In die Garbe kosender Verkleinerung.
Des Fluches Tage! Schrecklicher Qualen schreckliches Gestöhn.
Doch hier – Rost, verdammt, und Schimmel! –
Erscheint in jedem Bauernrock mir Danton,
Hinter jedem Baum Cromwell.
Wieder abgedruckt in Bert Papenfuß, Ralph Gabriel (Hg.): Zwischen Mitte und Spitze. Abriß des allerletzten Revolverblattes in Prenzlauer Berg. Mit einem Echtzeittatsachenessay von Bert Papenfuß, vielen Abbildungen von verschiedenen, einem Textanhang und einer Bibliographie der Zeitschriften TorTour und Prenzlauer Berg Konnektör. Berlin: BASISDRUCK, 2015, S. 67. Die Zeitschrift erschien im November 2005.
Ein Kommentar dennoch. In der vorletzten Strophe habe ich „kreidend“ durch „kleidend“ ersetzt. Ich vermute, dass es sich um einen Druckfehler meiner Quelle handelt. Bei Chlebnikow steht ungefähr:
Was habe ich getan? Von des Volkes dunklem Blut
warf ich es zu den flammenden Bannern,
die Geliebte wie ein Giray kleidend (одевая)
in eine Garbe von Kosenamen.
Girej: Die Krimkhane aus dem Haus Giray erscheinen in der russischen Literatur – vor allem seit Puschkin – als orientalische Fürsten mit einem Harem, kostbaren Gewändern und einer poetisierten, exotischen Liebeskultur.
Chlebnikow stellt sich also vor wie ein orientalischer Fürst, der seine Geliebte schmückt. Aber womit? Nicht mit Seide oder Gold, sondern „mit Kosenamen“.
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