Hellmut Seiler †

314 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Gestern Abend meldeten soziale Netzwerke, dass der Lyriker Hellmut Seiler gestorben ist. Seiler wurde 1953 als Angehöriger der deutschsprachigen Minderheit der Siebenbürger Sachsen in Rumänien geboren und gehörte in den 1970er Jahren zu dem mächtigen Häuflein junger Autoren, die dort unten, fern von den west- und ostdeutschen Literaturzentren, im Banat, in Siebenbürgen und Budapest eine starke Literaturszene bildeten, ermuntert von einem kulturpolitischen Tauwetter Mitte der 1960er Jahre und hart ertrotzt und verteidigt gegen regressive und repressive Tendenzen, die schon ein paar Jahre später den Frühling wieder beendeten. Ein paar Jahre konnten die jungen Literaten in ihrer kleinen Nebenszene den Tauwetterkurs halten, in diesen Jahren lernte ich die Zeitschrift „Neue Literatur“ kennen und bewunderte eine vielfältige und mutige Literatur, ich las Prosa von Herta Müller und Gedichte von Richard Wagner, Werner Söllner, William Totok, Franz Hodjak, Horst Samson, Hellmut Seiler und anderen. Die dünnen Hefte dieser Zeitschrift entwickelten zunehmend einen harten Spagat zwischen unsäglichen Ergebenheitsadressen an den großen Conducator (d.i. Führer) Nicolae Ceaușescu in Wort und Bild am Heftanfang und frechen literarischen Texten im Inneren. Es schien eine Arbeitsteilung zu geben zwischen Literaturfunktionären, die den politischen Senf lieferten, und den Autoren, denen so ein gewisser Spielraum noch blieb. Dort las ich auch dieses Gedicht von Hellmut Seiler, das meine Stimmungslage in diesen Jahren genau traf. R.i.p.

Hellmut Seiler 

(* 19. April 1953 in Rupea, Rumänien; † 16. Juni 2026)

agronomisch

gepflanzt wird
in vollgeregelten abständen
in reih und glied
unter strenger berücksichtigung der faktoren
die ordnung und aufsicht sichern
optimales ausgesetztsein den witterungsverhältnissen
unterbindung aller eigenmächtigen fortpflanzung und
zusammenrottung sowie zurechtstutzen der
seitentriebe
unter bedingungen bester einpassung und
verwurzelung
bei kleinstmöglicher gewährung von unnützem
freiraum

harren die setzlinge des kommenden

so werden sie ihrer bestimmung zugeführt

die das feld bestellen
sehen zuversichtlich
der blühenden zukunft
entgegen

Aus: Der Herbst stöbert in den Blättern. Deutschsprachige Lyrik aus Rumänien. Herausgegeben von Peter Motzan. Berlin: Volk und Welt, 1984, S. 45

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