Wer klopft da schon noch an?

231 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Kersten Flenter

MACH DIE TÜR VON AUẞEN ZU

Zwei Rock’n’Roll Selbstmorde in einer Woche
Sind schon eine erwähnenswerte Quote
Einer beschäftigt die gesamte Presse
Über mehrere Wochen der andere
Bleibt eher eine Randnotiz

Und mir fällt ein Gedicht ein
Das mich mit vierzehn mal vor dem
Abgang bewahrt hat
Obwohl es von Reiner Kunze ist:

„Die letzte aller Türen
Doch nie hat man
An alle schon geklopft“


Schrieb er über Selbstmord nun
Hannelore Kohl und Herman Brood
Schlossen die Tür jetzt von außen zu
Still die eine
Stilvoll der andere

Vergessen wir Hannelore
Wie erbärmlich das alles ist
Wenn selbst die Katholiken
Schon den Königsweg gehen
Und Staus verursachen

Viel beruhigender dagegen
Der gute Herman
Ein Abgang mit Mumm:
Sich mit 53 Jahren
Vom Dach eines
Amsterdamer Hotels zu stürzen
Die Worte
Ich habe keine Lust mehr
Hinterlassen
Das ist großartig
Das ist Stil
Und Würde

Eine kurze Notiz nur Herman
In der Tageszeitung
Und doch denke ich an dich
Wie ich dich zuletzt sah
Neunzehnhundertachtundneunzig
Nach der Premiere deines Gedichtbandes
Gepaart mit einer Vernissage
Deiner Bilder

Liebes Blutbad
Hieß dein Tagebuch mit Gedichten
Und später sah ich dich
Wie immer voll mit
Amphetaminen und Schnaps
Einsam durch die Straßen Hannovers torkeln
Orientierungslos
Heimatlos
Wir wir alle es sind

Die letzte aller Türen
Wer klopft da schon
Noch an?

Aus: Kersten Flenter: Während des Wartens. 23 Gedichte. Hannover: edition roadhouse, 2003

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