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Veröffentlicht am 24. Juni 2026 von lyrikzeitung
231 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Kersten Flenter
MACH DIE TÜR VON AUẞEN ZU
Zwei Rock’n’Roll Selbstmorde in einer Woche
Sind schon eine erwähnenswerte Quote
Einer beschäftigt die gesamte Presse
Über mehrere Wochen der andere
Bleibt eher eine Randnotiz
Und mir fällt ein Gedicht ein
Das mich mit vierzehn mal vor dem
Abgang bewahrt hat
Obwohl es von Reiner Kunze ist:
„Die letzte aller Türen
Doch nie hat man
An alle schon geklopft“
Schrieb er über Selbstmord nun
Hannelore Kohl und Herman Brood
Schlossen die Tür jetzt von außen zu
Still die eine
Stilvoll der andere
Vergessen wir Hannelore
Wie erbärmlich das alles ist
Wenn selbst die Katholiken
Schon den Königsweg gehen
Und Staus verursachen
Viel beruhigender dagegen
Der gute Herman
Ein Abgang mit Mumm:
Sich mit 53 Jahren
Vom Dach eines
Amsterdamer Hotels zu stürzen
Die Worte
Ich habe keine Lust mehr
Hinterlassen
Das ist großartig
Das ist Stil
Und Würde
Eine kurze Notiz nur Herman
In der Tageszeitung
Und doch denke ich an dich
Wie ich dich zuletzt sah
Neunzehnhundertachtundneunzig
Nach der Premiere deines Gedichtbandes
Gepaart mit einer Vernissage
Deiner Bilder
Liebes Blutbad
Hieß dein Tagebuch mit Gedichten
Und später sah ich dich
Wie immer voll mit
Amphetaminen und Schnaps
Einsam durch die Straßen Hannovers torkeln
Orientierungslos
Heimatlos
Wir wir alle es sind
Die letzte aller Türen
Wer klopft da schon
Noch an?
Aus: Kersten Flenter: Während des Wartens. 23 Gedichte. Hannover: edition roadhouse, 2003
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: deutsche Lyrik, edition roadhouse, Existenzielle Poesie, Gedicht, Gegenwartslyrik, Hannelore Kohl, Hannover, Herman Brood, Kersten Flenter, Kulturgeschichte, Literatur der 2000er Jahre, Lyrik, Mach die Tür von außen zu, Popkultur, Reiner Kunze, Rock’n’Roll, Selbstmord in der Literatur, Todesdarstellung, Während des Wartens
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