Aus dem Hermeneuterion

Hansens Flaschenpost

Aus dem Hermeneuterion
Vom Scheitern und Gelingen beim Übersetzen

Von Dirk Uwe Hansen (Greifswald)

Übersetzen ist leicht. Da gibt es die Wörter und es gibt das Zwischen-den-Wörtern. Beides muss der Übersetzer nur in einer anderen Sprache spiegeln oder sichtbar machen (obwohl: Auf den weißen Flecken zwischen dem „Spiegeln” und dem „Sichtbarmachen” ist wahrscheinlich Platz für fünf bis fünfundzwanzig literaturwissenschaftliche Sonderforschungsbereiche, aber hiervon vielleicht später mehr).
Manchmal ist es das wirklich. Leicht. Natürlich nicht in dem Sinne, dass ich einmal nicht um halb drei Uhr nachts aus dem Bett springen muss, um eine neue Version zu tippen, und dann um halb fünf noch einmal, um die ursprüngliche Version wiederherzustellen. Aber doch in dem Sinne, dass ich mich tatsächlich davon überzeuge, dass es ein deutsches Gedicht geben kann, das einem griechischen angemessen genug ist, um als dessen Übersetzung zu gelten, und dass ich dieses Gedicht finden und aufschreiben kann.
In diesem Sinne leicht ist das Übersetzen von Gedichten für mich häufig dann, wenn das Zwischen-den-Wörtern mir klar zu sein scheint. Dann muss ich, wie ein Regisseur, dem ein guter Plot vorliegt, nur noch ein Ensemble geeigneter Wörter zusammensuchen und sie mit etwas diplomatischem Geschick dazu bringen, im Sinne dieses Plots miteinander zu agieren. Ich idealisiere. Aber manchmal klappt das wirklich so.
Aber wenn die Wörter sich vordrängeln, und ich, noch ehe ich weiß, was auf der Bühne passieren soll, mit dem fertigen Ensamble konfrontiert bin, dann wird die Sache schwierig. Denn auch wenn ich brav griechische Vokabeln gelernt habe, und mir auch eine Reihe von Wörterbüchern zur Verfügung stehen: Da werden aus harmonischen Paaren erbitterte Gegner, die, kaum in der Zielsprache angekommen, wie Eteokles und Polyneikes einander an die Gurgel gehen, oder aus erbitterten Gegnern harmonische Langweiler, die einander müde anschnarchen, oder die Ensemblemitglieder kümmern sich überhaupt nicht umeinander und erfinden jeder für sich neue Handlungen.

Ἡ παλίουρος ἐγώ, τρηχὺ ξύλον, οὖρος ἐν ἕρκει.
τίς μ‘ ἄφορον λέξει, τὴν φορίμων φύλακα;

Ein relativ schlichtes Epigramm des Dichters Geminos, von dem nichts weiter bekannt ist als die zehn Epigramme, die in der Anthologia Graeca unter seinem Namen überliefert sind. Ein eher trockener Busch brüstet sich darin mit seiner Funktion als bewahrende Hecke um einen Garten voller fruchtbarer Pflanzen. Ein hellenistisches Genrestück, nach dem Zeitgeschmack ganz hübsch. Der Reiz des Gedichtes liegt in den Assonanzen: οὖρος, der äußere Rand der Hecke, klingt in dem Namen παλίουρος bereits an, es häufen sich kratzige r-Laute, die fruchtbaren Pflanzen und ihr Wächter werden durch Alliteration verbunden…
Die „Handlung” des Gedichtes fällt also nicht weiter ins Gewicht, dafür kommt es zwischen den Wörtern es zu einer Menge von interessanten Interaktionen. Dummerweise aber kennen wir den Paliurus inzwischen als Christdorn.

Ich, der Christdorn, bin ein struppiges Gewächs, äußerer Rand der Hecke.
Wer will mich unfruchtbar nennen, mich, den Wächter der Nutzpflanzen?

So spielt das Ensemble in der Übersetzung den Plot eher lustlos und ohne die manieristische Lust an Lautwiederholungen herunter und, was noch schlimmer ist, die unspektakuläre Heckenpflanze bringt noch einen religiösen Hallraum zum Schwingen, der Geminos gewiss nicht interessiert hat und der dem kleinen Gedicht mehr schadet als nützt.
(Hätte ich das Ganze vielleicht dadurch aufpeppen können, dass ich eine andere Pflanze wähle? Hainbuche? Tuja? Eibe? Bestimmt, besonders die hanebüchene Hainbuche hätte mich gereizt. Allein, bei der Übersetzung der griechischen Anthologie rechne ich mit Lesern, die sich tatsächlich für antike Erwähnungen des Christdorns interessieren, und habe mich das nicht getraut.)

Es kann natürlich auch anders kommen. In Katerina Angelaki-Rookes Gedicht „In den Himmel des Nichts mit leichtem Gepäck” gibt es diese drei wunderbaren Zeilen:

Αναρωτιέμαι τι άλλους συνδιασμούς θα εφεύρει η ζωή
ανάμεσα στο τραύμα της οριστικής εξαφάνισης
και το θαύμα της καθημερινής αθανασίας.

Schlicht, fast alltäglich formuliert das Ganze und doch binden τραύμα und θαύμα hier durch ihren Gleichklang die zweite und dritte Zeile, das Verschinden und die Unsterblichkeit, untrennbar aneinander. Wie schön! Wie schön auch, dass genau das in der Übersetzung ganz von allein eintritt, auch wenn „Wunder” und „Wunde” soweit ich sehe, etymologisch so wenig verwandt sind, wie τραύμα und θαύμα.

Ich frage mich, welche weiteren Kombinationen
das Leben sich ausdenken wird,
zwischen der Wunde des endgültigen Verschwindens
und dem Wunder der täglichen Unsterblichkeit.

Hier das gesamte Gedicht auf Griechisch und in der deutschen Übersetzung von Jorgos Kartakis und mir:

Στον ουρανό του τίποτα με ελάχιστα

Από την κλειδαρότρυπα κρυφοκοιτάω τη ζωή
την κατασκοπεύω μήπως καταλάβω
πώς κερδίζει πάντα αυτή ενώ χάνουμε εμείς.
Πώς οι αξίες γεννιούνται κι επιβάλλονται πάνω σ΄αυτό
που πρώτο λιώνει: το σώμα.
Πεθαίνω μες στο νου μου χωρίς ίχνος αρρώστιας
ζω χωρίς να χρειάζομαι ενθάρρυνση καμιά ανασαίνω
κι ας είμαι σε κοντινή μακρινή απόσταση
απ΄ό, τι ζεστό αγγίζεται, φλογίζει…
Αναρωτιέμαι τι άλλους συνδιασμούς θα εφεύρει η ζωή
ανάμεσα στο τραύμα της οριστικής εξαφάνισης
και το θαύμα της καθημερινής αθανασίας.
Χρωστάω τη σοφία μου στο φόβο΄
πέταλα, αναστεναγμούς, αποχρώσεις τα πετάω.
Χώμα, αέρα, ρίζες κρατάω΄ να φεύγουν τα περιττά,
λέω να μπω στον ουρανό τού τίποτα με ελάχιστα.

In den Himmel des Nichts mit leichtem Gepäck

Ich betrachte das Leben heimlich durchs Schlüsselloch,
spioniere ihm nach, vielleicht verstehe ich dann,
warum es immer gewinnt
während wir verlieren.
Wie die Werte entstehen und dem aufgezwungen werden,
was als erstes schmilzt, dem Körper.
In meinem Verstand bin ich tot ohne eine Spur von Krankheit,
ich lebe ohne irgendeine Ermutigung zu brauchen, ich atme,
auch wenn ich in naher-weiter Entfernung bin von dem,
was warm berührt wird, was entzündet …
Ich frage mich, welche weiteren Kombinationen
das Leben sich ausdenken wird,
zwischen der Wunde des endgültigen Verschwindens
und dem Wunder der täglichen Unsterblichkeit.
Meine Weisheit verdanke ich der Angst.
Blütenblätter, Seufzer, Farbtöne,
die werfe ich fort,
Erde, Luft, Wurzeln behalte ich;
fort mit dem Überflüssigen, sage ich,
auf dass ich in den Himmel des Nichts gehe
mit leichtem Gepäck.

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