Walter Hasenclever (1890-1940)

824 Wörter, 4 Minuten Lesedauer.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden seine Werke verboten und nach der Bücherverbrennung aus den Bibliotheken entfernt. Hasenclever ging daraufhin ins Exil nach Nizza. 1934 heiratete er dort Edith Schäfer. Am 27. September 1938 macht das Reichsministerium im deutschen Reichsanzeiger die „Ausbürgerung des Juden Walter Hasenclever“ bekannt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er als „feindlicher Ausländer“ in Frankreich zweimal (u. a. im Fort Carré in Antibes) interniert. Nach der Niederlage Frankreichs nahm er sich in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1940 im Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence mit einer Überdosis Veronal das Leben, um nicht den Nazis in die Hände zu fallen. Sein Grab befindet sich in Aix-en-Provence auf dem Cimetière Saint-Pierre.

https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Hasenclever

Zum Anlass habe ich seine Übersetzung eines Gedichts von Paul Verlaine ausgewählt und stelle das Original und eine annähernd wörtliche Übersetzung dazu.

Kaleidoskop

[1922, geschrieben 1914]

Nach Paul Verlaine

Irgendwo in einer Stadt im Traume
ist es so, als ob man schon gelebt:
einen Augenblick im schwanken Raume —
Sonne da im Nebel, der sich hebt!

Stimme vom Gehölz und Ruf vom Meer!
Wie ein Grund, auf dem du nicht erscheinst;
wie aus langem Schlaf die Wiederkehr
deiner Seele: und nicht mehr wie einst

sind die Dinge an dem magischen Orte,
wo des Abends Orgeln Tänze hämmern,
Katzen in Cafés auf Tischen dämmern,
und Musik durchzieht Gewölb und Pforte.

So beschwerend alles, daß man weint:
Tränen leis an Wangen und Geäder,
schluchzend Lachen im Geknirsch der Räder
und Beschwörung, daß der Tod erscheint;

altes Wort wie ein verwelkter Blumenstrauß!
Das Geräusch der Bälle grell und Schein von Lichtern,
Witwen drängen sich mit kupfernen Gesichtern,
Bäuerinnen, durch der Bummler Schwarm hinaus,

der da schwatzt mit Kindern, schlimmen Flüchen,
Greisen, wimperlos, von Flechte weiß geschalt,
während drüben in Uringerüchen
eine Volksbelustigung mit Fröschen knallt.

So als träumt man und erwacht des Trugs
und schläft wieder ein und träumt noch immer
von dem gleichen Flor, vom gleichen Schimmer;
Sommer, Gras und Seide eines Bienenflugs.

Aus: Walter Hasenclever: Gedichte Dramen Prosa. Unter Benutzung des Nachlasses herausgegeben und eingeleitet von Kurt Pinthus. Reinbek: Rowohlt, 1963, S. 92f

Paul Verlaine

KALÉIDOSCOPE
À Germain Nouveau

Dans une rue, au cœur d’une ville de rêve
Ce sera comme quand on a déjà vécu :
Un instant à la fois très vague et très aigu...
Ô ce soleil parmi la brume qui se lève !

Ô ce cri sur la mer, cette voix dans les bois !
Ce sera comme quand on ignore des causes ;
Un lent réveil après bien des métempsycoses :
Les choses seront plus les mêmes qu’autrefois

Dans cette rue, au cœur de la ville magique
Où des orgues moudront des gigues dans les soirs,
Où les cafés auront des chats sur les dressoirs
Et que traverseront des bandes de musique.

Ce sera si fatal qu’on en croira mourir :
Des larmes ruisselant douces le long des joues,
Des rires sanglotés dans le fracas des roues,
Des invocations à la mort de venir,

Des mots anciens comme un bouquet de fleurs fanées !
Les bruits aigres des bals publics arriveront,
Et des veuves avec du cuivre après leur front,
Paysannes, fendront la foule des traînées

Qui flânent là, causant avec d’affreux moutards
Et des vieux sans sourcils que la dartre enfarine,
Cependant qu’à deux pas, dans des senteurs d’urine,
Quelque fête publique enverra des pétards.

Ce sera comme quand on rêve et qu’on s’éveille,
Et que l’on se rendort et que l’on rêve encor
De la même féerie et du même décor,
L’été, dans l’herbe, au bruit moiré d’un vol d’abeille.

Textnahe Übersetzung (KI von mir bearbeitet)

Anmerkung: Hasenclevers Gedicht ist ziemlich treu und zugleich poetisch übersetzt. Diese Prosaübersetzung soll ihn nicht verbessern, sondern nur dem Vergleich mit dem Original dienen. (Und auch beim „wörtlichen“ Übersetzen muss man „dichten“.) Diskussion willkommen!

Kaleidoskop
Für Germain Nouveau

In einer Straße, im Herzen einer Traumstadt,
wird es sein wie als (ob) wir schon einmal gelebt haben:
ein Augenblick zugleich sehr vage und sehr scharf ...
O diese Sonne inmitten des aufsteigenden Nebels!

O dieser Schrei über dem Meer, diese Stimme im Wald!
Es wird sein wie als wir die Ursachen nicht kannten;
ein langsames Erwachen nach vielen Seelenwanderungen:
Die Dinge werden nicht mehr dieselben sein wie einst

in dieser Straße, im Herzen der magischen Stadt,
wo Orgeln abends Giguen spielen werden,
wo in Cafés Katzen auf den Theken sitzen
und Musikkapellen hindurchziehen.

Es wird so schicksalhaft sein, dass man zu sterben glaubt:
Tränen, sanft die Wangen hinabrinnend,
schluchzende Lacher im Krachen der Räder,
Beschwörungen, der Tod möge kommen,

alte Worte wie ein Strauß verwelkter Blumen!
Die grellen Geräusche öffentlicher Bälle werden herüberdringen,
und Witwen mit Kupfer auf der Stirn,
Bäuerinnen, werden die Menge der Dirnen durchschneiden,

die dort umherschlendern und mit abscheulichen Gören reden
und mit Alten ohne Augenbrauen, die von Schorf weiß bestäubt sind;
während zwei Schritte weiter, in Uringerüchen,
irgendein Volksfest Böller knallen läßt.

Es wird sein wie wenn man träumt und erwacht
und wieder einschläft und noch einmal träumt
von derselben Zauberwelt und derselben Szenerie,
im Sommer, im Gras, beim schillernden Summen eines Bienenflugs.

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