Kategorie: Nigeria
1. Decolonizing
Ngugi wa Thiong’o, der im vergangenen Jahr auf der Buchmacher-Liste der Nobelpreiskandidaten ganz oben stand, zwischen Philip Roth und Bob Dylan, erzählt in seinem vor einem Vierteljahrhundert erschienenen Aufsatz ‘Decolonizing the Mind’ eine kleine Geschichte. In der Schule war es verboten, die eigene Sprache, Gikuyu, zu sprechen. Wer erwischt wurde, kriegte Stockschläge auf den nackten Hintern oder ein Schild um den Hals gehängt: ‘I am a donkey’. Die Sprache, schrieb Thiong’o, sei wichtig, um kolonisierte Völker ‘zu faszinieren und ihre Seelen gefangen zu halten’.
Der Aufsatz ist auf Englisch erschienen und hat Weltkarriere gemacht. Wie die Romane von Chinua Achebe, Thiong’os sieben Jahre älterem, nigerianischen Kollegen. Thiong’o, lange Zeit ein Bewunderer Achebes, ist auf Gikuyu umgestiegen, Achebe ist beim Englischen geblieben, dem Verdacht auf Unselbständigkeit zum Trotz. Diese Entscheidung hatte auch literarische Gründe. Achebe hat im Englischen einen Stil entwickelt, der es ihm erlaubt, die englische Kultur mit der afrikanischen zu infiltrieren. / Hans-Peter Kunisch, Süddeutsche Zeitung 23.3.
78. Chinua Achebe gestorben
Man nannte ihn den Vater der modernen afrikanischen Literatur: In Romanen, Essays und Gedichten befasste sich der Schriftsteller mit dem Leben in Afrika – und dem Bild, das sich Europäer und US-Amerikaner davon machen. 2002 wurde Achebe mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. In der Begründung würdigte ihn die Jury als eine “der kräftigsten und zugleich subtilsten Stimmen Afrikas in der Literatur des 20. Jahrhunderts”.
Chinua Achebe wurde 1930 in Ogidi im Osten Nigerias geboren. Nach dem Studium arbeitete er beim Rundfunk Nigerias, wo er 1961 zum Direktor des Auslandsdienstes “Voice of Nigeria” ernannt wurde. (…)
1966 legte Achebe nach den Massakern am nigerianischen Volk der Igbo sein Amt beim Rundfunk nieder. Als Sonderbotschafter der separatistischen Republik Biafra warb er während des Biafra-Krieges (1967-70), der über eine Million Menschen das Leben kostete, um Unterstützung für den Freiheitskampf. Nach dem Krieg lehrte er an Universitäten in Nigeria und den USA.
(…) Wie sein Agent mitteilte, ist Chinua Achebe nun in den USA gestorben. Er wurde 82 Jahre alt. / Spiegel
15. The Third Wave
Wie anderswo haben es auch in Nigeria neue Stimmen schwer. Obu Udeozo, Dichter, Maler und Klinischer Psychologe an der Universität Jos (Nigeria) veröffentlichte ein Buch über die “Dritte Welle der nigerianischen Lyrik” unter dem Titel ”Gardeners of Dream” (Traumgärtner). In einem Interview mit McPhilips Nwachukwu in der Zeitschrift Vanguard sprach er darüber, wie erschrocken er über die Widerstände war und wie sehr die jungen Poeten unter den Maßstäben von Klassikern wie Christopher Okigbo (1932-1967), Wole Soyinka (* 1934) und John Pepper Clark (* 1935) untergebuttert wurden:
I was worried at first – then later alarmed by what I witnessed. There was a reluctance by the Establishment to validate the new voices in our literary firmament.
In Nigeria poetry lots of new works were being published but did not seem to fetch the respect or recognition that will turn them into cultural products in the long term. Simply put; I wondered who was going to save the worlds of Uche Nduka, Ogaga Ifowodo, Esiaba Irobi, Amatoristero Ede, Remi Raji, Izzia Ahmad and say Promise Ogochukwu Okekwe … who were releasing works that accurately portrayed their own seasons: but with a near tragic backdrop!
Constantly, I noticed that the authorities in the field kept evaluating these young persons with other critical parameters and values totally different from their world view and experience. The monotonous comparison with Okigbo, Soyinka and Clark – kept being invoked against the performance of these youth- regardless of what they were saying and against the source of their inspirations.
Great scholars lent stature and prestige to such conversations. And because of my own preparation and familiarity across other forms of the creative process; I easily saw the shortcomings of that kind of mindset- and where it was dragging Nigeria literature.
I decided to do something about this by volunteering to document the emergent poetry by the usual métier of critical appraisal across time. I think it was Monet who said that he wanted to turn Impressionism into the art of the Museums. He was aware the new art form was different from the establishment taste of 19thCentury French official art. I desired for the kind of Nigeria poetry which has the stamp of our national experience – as a biological community of men – with advancing and varied experiences over time!
(…)
The Nobel Laureate Professor Wole Soyinka had described theirs as a ‘wasted generation’. For the Third Wave of Nigeria Writers, the malaise had deteriorated more grossly and perhaps more hopelessly. It was as if, Life itself had stopped: only to continue in DREAMS. Thus: Gardeners of Dreams.
11. Dialogue With Elite Friend
Friend: Chidi, why do you waste your time and energy to write poems only to post them on blogs, listservs, websites and social networking sites for people to read free?
Me: I aim to reach the highest number of people possible from diverse backgrounds with my poetry. For me, mass media like blogs, listservs, websites and social networking sites are best for my purpose.
Friend: nonsense, poetry is for those with elevated intellect, not for everybody.
Me: wrong notion. Opaque poetry written mainly for students to read and pass exams, which they usually forget about immediately after graduation, may fall into this category. Poetry is supposed to be one of the tools of socio-political and cultural mobilization.
/ Chidi Anthony Opara, Nigerian Pidgin English Poems
5. Sliding game – Mutserendende
“Als afrikanischer Autor ins Deutsche übersetzt zu werden, ist aus irgendeinem Grund sehr schwierig”, sagte Habila in Frankfurt mit einem ruhigen Lächeln. Er bot keine Erklärung für dieses Rätsel. Man hatte vielmehr das Gefühl, es tue Habila für die deutschen Leser leid, dass sie eine ganze Autorengeneration aus Afrika verpasst haben, Tausende von Büchern, jenseits der postkolonialen Klassiker Achebe, Soyinka und Thiong’o. “Man sollte nicht glauben, in Afrika hätte sich seit den sechziger Jahren nichts verändert.”
1980 war noch “Schwarzafrika” Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse. Ende der Achtziger gründete Ilija Trojanow, damals Mitte zwanzig, einen Verlag, der sich auf afrikanische Literatur spezialisierte. “Ich war naiv und dachte, Deutschland wartet darauf, afrikanische Autoren zu lesen”, erzählte Trojanow nun in Frankfurt. “Ich war bei einem Buchhändler in Duisburg, habe mich vorgestellt: Junger Verlag, afrikanische Literatur. Der Buchhändler sagte: Danke, wir haben schon ein Buch über Afrika.” (…)
Manfred Metzner, der Verleger von Helon Habila, gibt sich jedoch optimistisch. Seit drei Jahren verlegt er in der Reihe Afrika-Wunderhorn afrikanische Schriftsteller und sagt, er schreibe mit diesen Büchern schwarze Zahlen. Habila sei natürlich ein Sonderfall, aber auch ein simbabwischer Dichter wie Chirikure Chirikure verkaufe sich nicht schlechter als debütierende deutsche Dichter. Von Bekanntheit kann man da freilich kaum sprechen. Die Auflagen für Lyrikbände liegen zwischen 300 und 500 Exemplaren.
Im Falle Chirikure Chirikure wünscht man sich definitiv höhere Auflagen. Er ist der wichtigste Satiriker Simbabwes, der sich mit dem Regime von Robert Mugabe anlegt, dabei aber Zeit findet, zeitlose Gedichte zu schreiben. Er schreibt sie in seiner Muttersprache Shona und übersetzt sie eigenhändig ins Englische, damit sie ein Publikum außerhalb Simbabwes erreichen. Und er trägt sie zu musikalischer Begleitung vor, wie nun bei den Afrikanischen Literaturtagen in Frankfurt. (…)
Chirikure Chirkure liest sein Gedicht “Sliding game – Mutserendende” vor: “Every boy in my village / Can describe with joy and pride / How you play the mutserendende game.” Er hebt die Hände, greift nach Luft, im Gedicht erzählt er, dass man, um Mutserendende zu spielen, einen gesunden Baum fallen muss, seine Äste vom Stamm hacken und den Klotz bergan schleifen. “Like Jesus Christ on a donkey / You mount the log, holding tight / Then, woosh, you zoom down.”
“You land with a big thud / Your backsides tattered / Bleeding in hot ecstasy.” Das ist ein Spiel, denkt man sich als Zuhörer, etwas, was simbabwische Dorfkinder so spielen. Dann trägt Chirikure Chirikure die Endstrophe vor: “So do many among us / Leading life fast and furious / Landing with tattered, bleeding souls.”
Man rauscht also bergab auf einem Baumstamm, wie Jesus Christus auf seinem Esel, und landet auf blauen Hinterbacken. “Genau so machen es viele von uns”, lautet die Endstrophe in der Übersetzung von Sylvia Geist. “Rasend schnell leben / Landen mit blauem, blutendem Ich.” / Tim Neshitov, Süddeutsche Zeitung
Das Rutschen-Spiel – Mutserendende bei Lyrikline
71. Afrikanischer Lyrikpreis
Afrikanische Lyriker, die noch kein Buch veröffentlicht haben, können sich jetzt um einen neugestifteten Lyrikpreis, den nigerianischen Sillerman First Book Prize for Poetry, bewerben. Der Preis ist mit 1000 US-Dollar dotiert und schließt einen Verlagsvertrag ein.
Der jährlich veranstaltete Wettbewerb wird durch eine Spende der Philanthropen Laura and Robert F. X. Sillerman ermöglicht, die bereits den African Poetry Book Fund unterstützten.
Manuskripte von indestens 50 Seiten können bis zum 15.11. eingereicht werden. Der Sieger wird bis Anfang Januar auf der Website des African Poetry Book Fund bekanntgegeben. Das Buch wird in den USA und in Senegal veröffentlicht. / Daily Trust
32. 5 auf 150 Millionen
Nigeria hat über 150 Millionen Einwohner, einen Literaturnobelpreisträger, geschätzte fünf Buchhandlungen und ungefähr ebenso viele potenzielle Literaturnobelpreisträger. Zu denen gehört Chimamanda Ngozi Adichie, von der nun zwölf Erzählungen unter dem Titel Heimsuchungen erschienen sind. / Walter van Rossum, Die Zeit
49. Poetry Africa Festival in Durban
Vom 17.-20.Oktober findet in Durban das 15. internationale Poetry Africa-Festival statt. Veranstalter ist das Centre for Creative Arts der Universität KwaZulu-Natal.
Dichter aus 12 Ländern werden erwartet, darunter der aus Durban stammende Dashen Naicker, Myesha Jenkins aus Johannesburg, Khadijatou (UK), Raul Zurita (Chile), Shailja Patel (Kenia), Patrice Treuthardt (Reunion), Jaap Blonk (Niederlande), Niyi Osundare (Nigeria), Joshua Bennett (USA) sowie die Südafrikaner David wa Maahlamela, Uzinzo, Sandile Dikeni, Phelelani Makhanya Mphutlane wa Bofelo, Gabeba Baderoon und Oswald Mtshali. Neben den Lesungen in Durban hibt es Touren nach Malawi, Simbabwe, Johannesburg und Kapstadt. Im Vorblick auf die im November in Durban tagende 17. UN-Konferenz zum Klimawandel wird die Eröffnungsveranstaltung Umweltfragen und planetaren Herausforderungen gewidmet sein. Danach lesen an jedem Abend 5 Dichter. Scharfe soziale und politische Stellungnahmen werden ebenso erwartet wir innovative und individuelle Herangehensweisen an Lyrik, Straßenperformanz, Rap und Hiphop. / The Witness
103. Tchicaya U Tam’si-Preis
Seit 1990 vergibt das Afro-arabische Kulturforum in Assilah (Marokko) in jedem zweiten Jahr einen nach den kongolesischen Dichter Tchicaya U Tam’si (1931 – 1988) benannten Literaturpreis. In diesem Jahr erhielt ihn der marokkanische Autor und Übersetzer Mehdi Akhrif und die senegalesische Autorin Fama Diagne Sene.
Mehdi Akhrif veröffentlichte seit 1979 Lyrik und Prosa und übersetzte u.a. Fernando Pessoa. Fama Diagne Sene, Direktorin der zentralen Universitätsbibliothek in Bambey (Senegal) veröffentlichte Lyrik, Novellen, Kindergeschichten, Romane und Dramen. Sie erhielt 1997 den Grand Prix du Sénégal pour les Lettres und 2003 den Prix de la Poésie in Genf.
Der Preis wurde bisher u.a. an Edward J. Maunick (Insel Mauritius), René Depestre (Haïti), Ahmed Abdel Mo’ti Higazi (Ägypten) und Niyi Osundare (Nigeria) vergeben. Die Jury wird von dem senegalesischen Schriftsteller Alioune Badara Bey geleitet, der auch Präsident des senegalesischen Schriftstellerverbands ist. / El Watan 26.7.
95. Ibadan
John Pepper Clark ist ein führender nigerianischer Lyriker, Dramatiker, Essayist und Erzähler. Er ist auch bekannt für seinen philosophischen Essay “Das Beispiel Shakespeares” und seinen vehementen Einspruch gegen den Rassismus in seinem Buch “Amerika ihr Amerika”. Er lebt zurückgezogen und engagiert sich für die Allgemeinheit, ein Rebell, der die harte Wahrheit verficht, indem er sie hinter harmlosen Anspielungen und ködernden Metaphern verbirgt. Seine poetische Schlichtheit ist nur eine Camouflage der brutalen Wahrheit.
In Clarks poetischer Welt lebt der Mensch nicht in romantischer, idyllischer Isolation. Er befindet sich in der Natur, die für ihn zugleich seine (morbide) Physiologie und Umwelt ist. Sein Gedicht “Ibadan” zum Beispiel handelt zuerst von der Schönheit einer demokratischen Landschaft, wo Moderne und Antike in Nachbarschaft leben, Verfall und Erneuerung Schulter an Schulter existieren; wo die Reichen und die Armen miteinander kuscheln, Rost und Gold.
/ Musa Idris Okpanachi, allafrica.com
Musa Idris Okpanachi, Ph.D. is a poet and senior Lecturer, at the English Linguistics at the Department of English, University of Maiduguri .