5. Sliding game – Mutserendende

„Als afrikanischer Autor ins Deutsche übersetzt zu werden, ist aus irgendeinem Grund sehr schwierig“, sagte Habila in Frankfurt mit einem ruhigen Lächeln. Er bot keine Erklärung für dieses Rätsel. Man hatte vielmehr das Gefühl, es tue Habila für die deutschen Leser leid, dass sie eine ganze Autorengeneration aus Afrika verpasst haben, Tausende von Büchern, jenseits der postkolonialen Klassiker AchebeSoyinka und Thiong’o. „Man sollte nicht glauben, in Afrika hätte sich seit den sechziger Jahren nichts verändert.“

1980 war noch „Schwarzafrika“ Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse. Ende der Achtziger gründete Ilija Trojanow, damals Mitte zwanzig, einen Verlag, der sich auf afrikanische Literatur spezialisierte. „Ich war naiv und dachte, Deutschland wartet darauf, afrikanische Autoren zu lesen“, erzählte Trojanow nun in Frankfurt. „Ich war bei einem Buchhändler in Duisburg, habe mich vorgestellt: Junger Verlag, afrikanische Literatur. Der Buchhändler sagte: Danke, wir haben schon ein Buch über Afrika.“ (…)

Manfred Metzner, der Verleger von Helon Habila, gibt sich jedoch optimistisch. Seit drei Jahren verlegt er in der Reihe Afrika-Wunderhorn afrikanische Schriftsteller und sagt, er schreibe mit diesen Büchern schwarze Zahlen. Habila sei natürlich ein Sonderfall, aber auch ein simbabwischer Dichter wie Chirikure Chirikure verkaufe sich nicht schlechter als debütierende deutsche Dichter. Von Bekanntheit kann man da freilich kaum sprechen. Die Auflagen für Lyrikbände liegen zwischen 300 und 500 Exemplaren.

Im Falle Chirikure Chirikure wünscht man sich definitiv höhere Auflagen. Er ist der wichtigste Satiriker Simbabwes, der sich mit dem Regime von Robert Mugabe anlegt, dabei aber Zeit findet, zeitlose Gedichte zu schreiben. Er schreibt sie in seiner Muttersprache Shona und übersetzt sie eigenhändig ins Englische, damit sie ein Publikum außerhalb Simbabwes erreichen. Und er trägt sie zu musikalischer Begleitung vor, wie nun bei den Afrikanischen Literaturtagen in Frankfurt. (…)

Chirikure Chirkure liest sein Gedicht „Sliding game – Mutserendende“ vor: „Every boy in my village / Can describe with joy and pride / How you play the mutserendende game.“ Er hebt die Hände, greift nach Luft, im Gedicht erzählt er, dass man, um Mutserendende zu spielen, einen gesunden Baum fallen muss, seine Äste vom Stamm hacken und den Klotz bergan schleifen. „Like Jesus Christ on a donkey / You mount the log, holding tight / Then, woosh, you zoom down.“

„You land with a big thud / Your backsides tattered / Bleeding in hot ecstasy.“ Das ist ein Spiel, denkt man sich als Zuhörer, etwas, was simbabwische Dorfkinder so spielen. Dann trägt Chirikure Chirikure die Endstrophe vor: „So do many among us / Leading life fast and furious / Landing with tattered, bleeding souls.“

Man rauscht also bergab auf einem Baumstamm, wie Jesus Christus auf seinem Esel, und landet auf blauen Hinterbacken. „Genau so machen es viele von uns“, lautet die Endstrophe in der Übersetzung von Sylvia Geist. „Rasend schnell leben / Landen mit blauem, blutendem Ich.“ / Tim Neshitov, Süddeutsche Zeitung

Das Rutschen-Spiel – Mutserendende bei Lyrikline

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