Getagged: Dorothea von Törne
15. Neues von Różewicz
Fast wäre er eine Legende zu Lebzeiten geworden: Tadeusz Różewicz, der die Dramenkunst erneuerte und als Dichter eine nach Wahrheit suchende “Anti-Poesie” jenseits der schönen Formen entwickelte. Auch durch seine Essays war er eine moralische Institution geworden – bis er in den Achtzigerjahren verstummte. Hatte der Pole, der sich immer als “Dichter seiner Generation” verstand, nichts mehr zu sagen? 1990 zog er in einer Rede Bilanz: “Die Generation der Soldaten und Partisanen des Zweiten Weltkrieges stirbt aus, sie tritt ab, betrogen und enttäuscht.” Doch jetzt, mit 91 Jahren, überrascht er mit neuen Gedichten. …
Seine Themen schöpft er aus Lebenserfahrungen. Aus ihnen gewinnt er die nüchterne, schnörkellose Sprache seiner Gedichte. “Geniale Gedichte und Poeme / sind gewöhnliche Gebilde / aus Wörtern und Sätzen” heißt es bescheiden im dritten Teil seines Schlussgedichts “Credo”. / Dorothea von Törne, Die Welt
Tadeusz Różewicz: Und sei’s auch nur im Traum. A. d. Polnischen v. Bernhard Hartmann. Karl Stutz, Passau. 226 S., 22,80 €.
11. Überraschungstour
Vergessen Sie alles, was Sie über russische Lyrik zu wissen meinten. Hier werden Sie auf eine Überraschungstour geschickt, denn Felix Philipp Ingold verweigert – wie er im Vorwort betont – das übliche “Rating”, in dem Großmeister wie Majakowski, Blok und Achmatowa ganz oben stehen. Ingold hingegen lässt sich nicht beeindrucken von denen, “die mit nachhaltigem Ruhm so sehr imprägniert” sind, schlüpft in die Rolle des Kriminalisten, sucht nach Spuren Verschollener, entdeckt “zu Unrecht disqualifizierte Außenseiter” wie Ilja Kutin und inszeniert dramatische Konfrontationen. / Dorothea von Törne, Die Welt
Felix Philipp Ingold (Hg.): Als Gruß zu lesen. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Dörlemann, Zürich. 536 S., 33 €.
14. Neufundland
Köhler komponiert rhythmisch, verschiebt kleinste Bedeutungsträger. In “Neufundland” kommen Meret Oppenheim, Gertrude Stein und Elizabeth Bishop zu Wort, deren Gedichte sie übersetzt hat. In einem Porträt der mittelalterlichen Mystikerin Mechthild von Magdeburg ist vom “tanz der stimme jenseits von feststellungen” die Rede. “Sprache in eine liquide Form” zu bringen, gelingt ihr sowohl in einer virtuosen Betrachtung von Hase und Igel aus dem Grimmschen Märchen als auch im kafkaesken “Berliner Zimmer” oder unterwegs zum Londoner “End of the World”. Im vierten Gesang der “Odyssee” hat sie eine Gestalt entdeckt, die in der Fassung Homers seltsam stumm geblieben ist: Eidothea, die Bildergöttin. Aus der fein gewebten kanadischen Reisetextur “Neufundland” geht einem das Bild eines Jungen nicht aus dem Sinn, der am Highway steht und den Vorbeifahrenden ein Pappschild mit dem Wort “home” entgegenhält. Weiß denn niemand, wo das liegt? / Dorothea von Törne, Die Welt
Barbara Köhler Neufundland. Edition Korrespondenzen, Wien. 257 S., mit CD, 24 Euro.
13. Atmosphäre
“Die Heiterkeit der Luftschiffer” (“Hundstage”) und das Wahrnehmen einer “Feuer fangenden Zeit” liegen gar nicht so weit auseinander. Zwischen ihnen entfacht das Gedicht seine knisternde Atmosphäre. Wer anspielungsreiche Verse mag und den Diskurs mit Dichtern wie John Keats, Emily Dickinson oder Johannes Bobrowski, der wird sich bei der Lektüre dieser melancholischen, zeitgeistkritischen Verse aufgehoben fühlen. / Dorothea von Törne, Die Welt
Mirko Bonné Traklpark. Schöffling, Frankfurt/M. 112 S., 18,95 Euro.
12. Korrespondenzen
Im klangvollen Dialog miteinander können beide sich für Augenblicke in alles verwandeln, was ihnen begegnet – ein absurdes Rollenspiel. “Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren / Sind Schlüssel aller Kreaturen” – das Novalis-Zitat des Gedichts “Wer spricht” könnte über dem ganzen Zyklus stehen. Nur eines scheint sicher: Die beiden sind Gottes Geschöpfe, vorübergehend der “Welt-hinter-der-Welt” entsprungen, wie auch die Biene im Gedicht “Emily Dickinsons Briefe”. Nicht nur mit Dickinson pflegt Martynova geheime Korrespondenzen, auch mit Shakespeare, Christian Morgenstern, Robert Gernhardt, Ossip Mandelstam und Anna Achmatowa. / Dorothea von Törne, Die Welt
Olga Martynova: Von Tschwirik und Tschwirka. Aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova. Droschl, Graz. 96 S., 16 Euro.
38. Sprachmusik
Nein, die Verse des 1969 in Moskau geborenen Düsseldorfers sind Sprachmusik, immer wieder durchdrungen von sarkastisch wirkenden Disharmonien. Unreine Reime strapazieren das Ohr wie Zwölftonmusik.
Ist es Leichtsinn oder Provokation, wenn sich “wieso nicht” auf “Honig” reimen soll*? Was der russische Komponist Alexander Skrjabin (1871 – 1915), der exzentrische Erfinder einer Klaviatur mit Ton-Farbe-Zuordnung, beabsichtigte: das Zusammenführen aller Sinne in Wort, Ton, Farbe, Duft und Bewegung, als rhetorische Figur “Synästhesie” genannt, wofür die Romantiker ein Faible hatten, genau das versucht auch Nitzberg zu verwirklichen. / Dorothea von Törne, Die Welt
Alexander Nitzberg: Farbenklavier. Suhrkamp, Berlin. 76 S., 17,95 Euro.
*) Das kann man trainieren. Majakowski lesen, entweder Russisch: дети / заметили; хоботом / гроба том, oder Deutsch bei Hugo Huppert: Pause / Genosse Mauser; Sonne brach / millionenfach. Oder Emily Dickinson: listens / Distance. Oder e.e. cummings (diese beiden Strophen sind durch konsononantische Halb- (Auslaut-)reime verbunden im umschließenden Maß):
Me up at does
out of the floor
quietly Stare
a poisoned mouse
still who alive
is asking What
have i done that
You wouldn’t have
Will sagen, soviel Zwölftonmusik ist es nun auch nicht. Nitzberg machts wie Huppert, das ist immerhin innovativ: ein Versuch, unsere Ohren zu erziehen. Die Amerikaner aber sind wirkliche Erfinder.
37. Antidot
Gelegentlich komponiert er – wie im Falle John Ruskin – aus einzelnen Gedichtzeilen anderer Dichter etwas Neues. Der Dichter als Pirat? Viel Philosophisches, Botanisches, Kunst- und Kultur- und Geschichtswissen ist in den Versen aufgehoben oder als Material in den angehängten Anmerkungen verstaut. Mal sprengt es die Form, mal fügt es sich zu einem anregenden Text, der Geschichte, Gesellschaftskritik und fantastische Erfindung vereint. / Dorothea von Törne, Die Welt
Jürgen Brôcan: Antidot. Edition Rugerup, Berlin und Hörby. 128 S., 18 Euro.
36. Ausnahme
Allerlei Berühmtheiten sind scheinbar beiläufig zu vernehmen. Der Leser lauscht amüsiert einer Stichelei zwischen Robert Walser und Friedrich Nietzsche. Antike Götter schlurfen vorbei, Kierkegaard dröhnt gelehrt im Kopf. Dazu gesellen sich Diva und Dealer und andere skurrile Wesen. Nur Haydn hat für alles einen Schlüssel.
Unter den Performance-Poeten, deren Gedichte erst im mündlichen Vortrag so recht zur Geltung kommen, ist Monika Rinck eine Ausnahme. Ihre Verse vereinen die Lockerheit der Bühnen-Darbietung mit der Gedankentiefe des traditionellen Poeten. / Dorothea von Törne, Die Welt
Monika Rinck: Honigprotokolle. Kookbooks, Berlin. 80 S., 19,90 Euro.
35. Museum der abgehalfterten Dinge
Außer Gebrauch geratene Heilpflanzen wie das “Gemeine Herzgespann” haben es ihm angetan. Das Wildkraut beschreibt er bis ins kleinste Detail. Bei aller Pedanterie haben Kirstens Verse Rhythmus, Melodie und Pointe. Sie konservieren nicht nur, sie bewahren vergangene Kultur, auch verloren gegangene Sprachkultur. Im Hessischen wird er zum Landschreiter. Sonst bleibt der Mann aus Weimar Flurgänger. Er durchstreift überwiegend sächsische Gefilde. Sein lichtüberfluteter Morgen bringt abgewohnte, ausrangierte und zerfallende Dinge zum Vorschein. Für ihn ist Gerümpel “abgeschriebenes, verdinglichtes Leben”, das er im Gedicht akribisch versammelt. Wo die Flüchtigkeit der zeitgenössischen Wegwerfgesellschaft rast, eröffnet Kirsten ein Museum der abgehalfterten Dinge. Die Gegenstände bleiben sie selbst und werden nicht auf Zeichen getrimmt. / Dorothea von Törne, Die Welt
Wulf Kirsten: fliehende ansicht. S. Fischer, Frankfurt/M. 82 S., 16,99 Euro.
95. Hommage an das Meer
Verhinderte ihr Ruf als Ikone des Feminismus den klaren Blick auf ihre Poesie? Endlich erscheint, fast 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung, ihre Hommage an das Meer in deutscher Übersetzung. Sie ist vorzüglich gelungen. Da wird die ungewöhnliche “SeaRose” eben nicht zur profanen “Strandrose”, nichts Blumig-Süßliches haben die “See-Lilien”, oder “MeeresVeilchen”. Wenn der Leser die Klippen gängiger Theorien über die Verbindung von Hellenismus und Modernismus im Imagismus umschifft hat, bewegt er sich in einer Strömung mit Meerestieren, Pflanzen, Bäumen und von den Gezeiten geschliffenen Dingen. / Dorothea von Törne, Die Welt 26.5.
H.D.: Meeresgarten. A. d. Englischen v. Annette Kühn. Luxbooks, Wiesbaden. 132 S., 19,80 Euro.