Lyrikzeitung & Poetry News

26. Mai 2012

95. Hommage an das Meer

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Verhinderte ihr Ruf als Ikone des Feminismus den klaren Blick auf ihre Poesie? Endlich erscheint, fast 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung, ihre Hommage an das Meer in deutscher Übersetzung. Sie ist vorzüglich gelungen. Da wird die ungewöhnliche “SeaRose” eben nicht zur profanen “Strandrose”, nichts Blumig-Süßliches haben die “See-Lilien”, oder “MeeresVeilchen”. Wenn der Leser die Klippen gängiger Theorien über die Verbindung von Hellenismus und Modernismus im Imagismus umschifft hat, bewegt er sich in einer Strömung mit Meerestieren, Pflanzen, Bäumen und von den Gezeiten geschliffenen Dingen. / Dorothea von Törne, Die Welt 26.5.

H.D.: Meeresgarten. A. d. Englischen v. Annette Kühn. Luxbooks, Wiesbaden. 132 S., 19,80 Euro.

25. Februar 2012

111. Glaube und Ungewissheit

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In seinem sechsten Gedichtband baut Christian Lehnert seine mystischen Klang-Kathedralen zu wohnlichen Gebets-Hütten um. … Lehnerts “Aufkommender Atem” bewegt sich in melodiösen Rhythmen um die Themen Anfang und Ende, Wahrheit und Gott.

Christian Lehnert: Aufkommender Atem. Suhrkamp, Berlin. 99 S., 19,90 Euro.

Volker Sielaff nähert sich den großen Fragen behutsam: “Jemand sollte jeder Theorie mistrauen, die nicht / aus einem Flüstern kommt, aus einem Knistern.” In diesen Versen knistert es intensiv: Alle sind Expeditionen ins Ungewisse. Silbe für Silbe tastet sich Sielaff voran – an Wörter wie “Seele” zum Beispiel, “die einem nie ganz aufgehen”.

Volker Sielaff: Selbstporträt mit Zwerg. Luxbooks, Wiesbaden. 120 S., 22 Euro.

Im Unsichtbaren sind wir aufgehoben”, endet eines der frühen Gedichte der Tanja Dückers. Dennoch gehört die 1968 geborene Autorin nicht zu den religiös oder philosophisch orientierten Poeten. Schon ihren ersten Lyrikband “Luftpost” (2001) schickte sie nicht in den Äther, sondern in Straßen zwischen Berlin und Barcelona. Fliegen, Atmen und Gehen hieß schon damals Nicht-Einverstanden-Sein mit der gesellschaftlichen Realität.

Tanja Dückers: Fundbüros und Verstecke. Schöffling & Co., Frankfurt/M. 104 S., 18,95 Euro.

/ Dorothea von Törne, Die Welt 25.2.

8. Januar 2012

31. Kaffee. (Wiederbelebung)

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Der Einzelgänger war nicht nur ein glänzender Theoretiker, sondern auch ein sinnenfreudiger, humorvoller Mensch, zugetan den kulinarischen Genüssen: “Ein Gedicht ist ein Kaffee. (Wiederbelebung)”. Gern mixt man sich sein “Parfait Martinique: Mockamousse, Rum drüber, ein Klecks Schlagsahne obendrauf”. / Dorothea von Törne, Die Welt

Wallace Stevens: “Hellwach, am Rande des Schlafs” Aus dem Englischen von Hans Magnus Enzensberger u.a. Hanser, München. 352 S., 24,90 Euro.

Das Gedicht “Sunday Morning” (with coffee and oranges) / Aphorismen wie der mit dem Kaffee

Hier 3 weitere Aphorismen von Stevens:

Poetry is not personal.

* * *

The real is only the base, but it is the base.

* * *

The poem reveals itself only to the ignorant man.

30. Bissiger Biermann

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Wie haben wir Biermanns legendäre “Drahtharfe” geliebt, jene ersten, bei Klaus Wagenbach veröffentlichten Balladen, Lieder und Gedichte aus eigener Feder! Sein entschiedenes “Warte nicht auf bessre Zeiten” und die “Ausbürgerung” aus dem verhassten DDR-Staat nach seinem berühmten Kölner Konzert 1976 machten den Liederdichter zur Identifikationsfigur des Zorns. Pegasus bleibt auch im Umgang mit den Texten anderer ungezähmt und bissig. Getreu seinem einst als Heine-Professor an der Universität Düsseldorf verkündeten Motto: “Eine Nachdichtung kann nie so gut sein wie das Original – wohl aber besser!” heftet er dem trostlos durch abendliche Winterkälte trottenden Gaul des Amerikaners Robert Lee Frost in seiner deutschen Fassung von “Stopping By Woods On A Snowy Evening” etwas an, was es im Original nicht gibt: einen Refrain. Dem Russen Bulat Okudshava dichtet das Schlitzohr gar die gesamte dritte Strophe des bekannten Liedes “Ach die erste Liebe” dazu. Was als melancholisches Liebeslied beginnt, wird bei Biermann zum bitterbösen politischen Gesang, der die Entwicklung vom Verräter aus Schwäche bis zum Mörder skizziert. / Dorothea von Törne, Die Welt

Wolf Biermann: Fliegen mit fremden Federn. Hoffmann und Campe, Hamburg. 528 S., 26 Euro.

20. November 2011

92. Murrays Verse

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Der australische Dichter Les Murray gilt seit Jahren als Literaturnobelpreisanwärter. In seinen Versen überträgt er die Sprache der Natur in geschmeidige Rhythmen, versetzt sich in Fauna und Flora hinein, beobachtet “grasende Tiere / an den Steilhängen der Erde”. Mit Pferden, Fischen, Spinnen, Katzen und Vögeln belebt er die weiten Landstriche seiner melodiösen Verse. Zwischen lichtdurchfluteten Eukalyptuswäldern, Prärie und Ozean hört er das Wollhaargras wachsen. Der Einklang dissonanter Sinneseindrücke macht die Verse dicht und zugleich offen. / Dorothea von Törne, Die Welt

Les Murray: Größer im Liegen. Aus dem Englischen von Margitt Lehbert. Edition Rugerup, Berlin. 160 S., 19,90 Euro.

91. Heaneys Gedichte

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In allen Schaffensperioden kommen archaisch anmutende Landschaften ins Bild, deren provinzielle Enge sich mühelos ins Universelle weitet. Worte werden ausgekostet, eine ganze widersprüchliche und doch harmonische Poetologie entsteht unter Sprachklängen, bei denen Vokale als Leitmotiv dienen. Fließend sind die Übergänge zwischen konkreten Gegenständen und Traumfantasien, zwischen Erlebnis und Philosophie. Der hier spricht, weiß sich eingebettet in die Historie eines Menschenschlages, zu dem irische Bauern und Handwerker gehören, die inmitten von Licht und Schatten, Bewegung und Ruhe oft nur noch in den von ihnen geschaffenen Sachen anwesend sind. Gleich ihnen weiß sich der Dichter aufgehoben in Raum und Zeit. / Dorothea von Törne, Die Welt

Seamus Heaney. Die Amsel von Glanmore Gedichte 1965 – 2006. A. d. Engl. v. Uli Aumüller u.a. S. Fischer, Frankfurt /Main. 430 S., 16,99 Euro.

17. September 2011

86. Selbstkorrektur

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Keine Dichterin deutscher Sprache hat das Publikum so polarisiert wie Ulla Hahn. Die nüchternen “Alltagslyriker” ärgerte sie Anfang der Achtzigerjahre mit melodiösen Volksliedstrophen. Die Rondos und Sonette der promovierten Literaturwissenschaftlerin knüpften geradewegs an die klassisch-romantische Tradition mit ihrem Regelmaß von Metrum und Rhythmus an. Sowohl Sprachkrisen der Moderne abhold als auch der postmodernen Beliebigkeit, pflegt sie die mit ironischen Schlenkern gewürzte Harmonie in geordneten Strophen und wohltönenden Reimen. Dem Jubel Marcel Reich-Ranickis anlässlich ihres Debüts folgten kritische Hiebe: “Gegenwartsferne liebliche Idyllen!”, “literarisches Biedermeier!”, “Butzenscheibenlyrik!” konterte der mürrisch verstimmte Teil der Literaturkritik. Nun nähert sich Ulla Hahn ihren Versen von einst aus der Perspektive einer in Jahrzehnten gewonnenen Lebenserfahrung.

Insbesondere ihre ersten vier Gedichtbände: “Herz über Kopf” (1981), “Spielende” (1983), “Freudenfeuer” (1985) und “Unerhörte Nähe” (1988) bedenkt sie mit temperamentvollen Repliken. Was die “Wiederworte” so spektakulär macht, ist der Verzicht auf glättendes Tandaradei. Es dominiert die poetische Selbstkorrektur. Das hätte sie angesichts der hohen Verkaufszahlen ihrer Bücher (Lyrikbände mit mehr als 40 000 verkauften Exemplaren) gar nicht nötig. Aber es zeugt von Mut und ungebremster Lebhaftigkeit der Autorin, die sich mehr als Fühlende denn als Denkende begreift: “Herz über Kopf”. / Dorothea von Törne, Die Welt

Ulla Hahn: Wiederworte. DVA, München. 192 S., 16,99 Euro.

20. August 2011

91. Atomdichter und Kunstpoeten

Auch die Isländer haben ihre Surrealisten und Expressionisten, allen voran Halldór Laxness, den Literaturnobelpreisträger des Jahres 1955. Nach seinem Roman “Atomstation” wurde jene Gruppe jüngerer Dichter benannt, die den Traditionalisten Paroli bot, indem sie – jenseits strenger Versmaße – nach neuen Ausdrucksformen suchten. Die in der Anthologie zahlreich vertretenen “Atomdichter” beleben bis heute die Szene. …

Gruppierungen mit herausfordernden Namen wie “Die schlechten Kunstpoeten” beziehen die Umgangssprache in ihre Gedichte ein und brillieren mit fantasievollen Verdichtungen. Aufschlussreich ist das Kapitel mit der 2001 gegründeten Poetengruppe “Nyhil”, für die Open Mike Sessions zum Alltag gehören. Der 1973 geborene Andri Snaer Magnason nimmt den Begriff von Poesie als Lebensmittel wörtlich. Er platzierte seine Verse in der Supermarktkette “Bonus”. Da versprühte er seinen Witz zwischen Rotwein und Erdbeeren. Für den Verfasser hat es sich gerechnet. Er verkaufte sein Buch 10 000 Mal.

Nicht minder einfallsreich zeigen sich Dichterinnen, die sich in jüngster Zeit kräftig Gehör verschaffen. Kristín Ómansdóttir lockt mit “Zitronenbrust”, Gerður Kristný tröstet mit “Nussschokolade”. Eine Schlacht am kalten Buffet?

Silja Aðalsteindóttir u.a. (Hg.): Isländische Lyrik. Insel, Berlin. 224 S., 8,95 Euro.

Die kurzen, pointierten Gedichte des 1961 in Reykjavik geborenen Meisters der Moderne Gyrðir Elíasson verlieren auch in der deutschen Übersetzung nichts von ihrem Facettenreichtum. Mal gleichen sie melancholischen Seufzern, mal einem Gedankenpuzzle über Freiheit in der Demokratie. …

Der Lyriker beschreibt die Anwesenheit morbider Dinge und den Prozess ihres Verschwindens. Dabei erfasst er blitzschnell Bewegungen. Im Gedicht hält er sie für einen Moment an: “Jemand geht / am Felsenrand / und springt / Er ist noch auf dem Weg / hinab” (“Anarstapi”).

Gyrðir Elíasson: Einige allgemeine Worte über die Erkaltung der Sonne. Aus dem Isländischen von Gert Kreutzer. Kleinheinrich, Münster. 130 S., 40 Euro.

/ Dorothea von Törne, Die Welt

89. Ganze Sätze und Adjektive

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Die hier vorliegende Auswahl zeigt ihn als einen popmodernen politischen Dichter, der den gegenwärtigen Alltag Amerikas an den Demokratie-Entwürfen der Väter misst. In seinen auf ganze Sätze bauenden Versen erfindet er Bilder und Geschichten, die den “American Dream” zu bewahren suchen. …

Prufers Ars Poetica spielt auf der Flöte eines an seinen Rändern messerscharfen Knochens Wahrheit, der dennoch “die Süße fortsingt”. Er schreibt Liebesbriefe ins Nichts. Trotz schwergewichtiger Themen leben die Verse von der Karikatur und vom Witz.

Kevin Prufer: Wir wollten Amerika finden. A. d. Engl. v. Susanna Mewe u. Norbert Lange. Luxbooks, Wiesbaden. 220 S., 24 Euro.

Sinnlich vollkommenen Gesang vernimmt man nicht. Das verhindern nicht zuletzt die verzwickten Adjektive.

Im sprachlichen Bewegungsraum zwischen Finnland und Deutschland hört man es knirschen: “auf harschstege treffen grate aus granit” (“Die Wildpartitur”). Mit lebhaften Bewegungen reist die Dichterin in vielerlei Wort-Varianten durch äußere und innere Landschaften und hält sich dabei an einen die “Leibsprache” prägenden Rhythmus. Nichts Abschließendes soll die Beweglichkeit einschränken. So spielt Grünzweig unverdrossen auf der Sonnenorgel und bezieht dabei finnische Wort- und Klangfolgen ein.

Dorothea Grünzweig: Sonnenorgeln. Wallstein, Göttingen. 240 S., 22,90 Euro.

/ Dorothea von Törne, Die Welt

9. Juli 2011

30. Fingerschnippen

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Der vierte Gedichtband der Autorin widmet sich in drei Kapiteln – “Luftbrücken”, “Luftwege” und “Luftspiegelungen” – der Liebe, den Reisen in fremde Länder und dem Selbstverständnis als Frau und Dichterin. Widersprüche zwischen Tragik und Komik des Liebesalltags bringen sie drastisch oder zart, vor allem aber ironisch zur Sprache; “inniglich tippt sich königlich mit /Worterkennung”. Kürzeste Definitionen etwa zu “Seitensprung” oder “Kapitulation” wirken wie ein Fingerschnippen. / Dorothea von Törne, Die Welt

Nora Gomringer: Nachrichten aus der Luft. Voland & Quist, Dresden und Leipzig. 80 S. mit Audio-CD, 15,90 Euro.

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